04:24 18 November 2019
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    30 Jahre nach der Maueröffnung: Braucht es eine Ost-Quote für Führungskräfte?

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    Politik
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    Der Soziologie-Professor Michael Hartmann von der TU Darmstadt spricht sich für eine Ost-Quote bei Führungskräften aus. Anders können es Menschen mit DDR-Vergangenheit nicht in Spitzenpositionen schaffen. Schuld daran sind für ihn auch die westdeutschen Elitemitglieder. Im Sputnik-Interview sieht Hartmann Parallelen zur Frauenquote.

    Herr Hartmann, Sie sprechen sich für eine Quote für Ost-Führungskräfte aus. Warum?

    Weil ich glaube, dass wir sonst nicht mehr erleben werden, dass Personen, die eine DDR-Biografie haben, also zumindest die ersten knapp zwei Jahrzehnte ihres Lebens in der DDR verbracht haben, in nennenswertem Umfang in Führungspositionen kommen werden.

    Können Sie Ihre Forderung mit ein paar Zahlen begründen?

    Ja, natürlich. Wenn Sie sich die wichtigen Eliten – außer vielleicht der Politik, da ist es ein wenig anders – angucken, sind darunter grob gesagt jeweils nur etwa ein halbes Dutzend Ostdeutsche. Also unter den 500 Vorstandsmitgliedern der hundert größten deutschen Unternehmen finden Sie nur ein halbes Dutzend mit DDR-Biografie. Genauso ist es bei den 340 Bundesrichtern und 160 Staatssekretären und Abteilungsleitern in den Bundesministerien, auch dort sind es nur jeweils ein halbes Dutzend Ostdeutsche. Das bewegt sich also zwischen einem und vier Prozent. Das ist minimal und es ändert sich vor allem nicht.

    Wenn man schaut, 2018 und 2019 sind 45 neue Bundesrichter gewählt worden und davon haben gerade einmal drei eine Ost-Biografie. Das Argument, dass man im Osten nach 1989 nicht die entsprechenden Kenntnisse oder eine andere Ausbildung hatte, spielt ja jetzt bei den Jüngeren keine Rolle mehr. Diese neuen Bundesrichter sind alle ab 1970 geboren, haben also ihr gesamtes Studium schon in der Bundesrepublik absolviert. Und trotzdem sind darunter nur drei aus dem Osten. Also kann man das in Zukunft wohl nur mit einer Quote lösen.

    Und was ist mit der Politik?

    Zumindest ist es auch hier so, dass es in den alten Bundesländern kein einziges Kabinettsmitglied mit DDR-Biografie gibt. Es gab nur einmal eine Ausnahme – Frau Wanka in Niedersachsen. Umgekehrt gab und gibt es in den Ost-Bundesländern viele Politiker aus dem Westen. Die Verteilung ist trotzdem in der Politik nicht ganz so eklatant, da hier die Personen ja gewählt werden. So gibt es hier, mehr als in anderen Bereichen, wie Wirtschaft oder Justiz, eine stärkere Beeinflussung seitens der Bevölkerung. Aber selbst hier hat es 15-20 Jahre gedauert, bis die Ministerpräsidenten nicht mehr überwiegend aus dem Westen kamen.

    Was ist mit der Wirtschaft? Hier hängt ja sicher auch viel mit Vererben und mit Standorten mittelständiger und großer Familienbetriebe im Westen zusammen.

    Ja, aber das ist noch nicht mal das Entscheidende. In allen Elitebereichen – und das gilt nicht nur für die Wirtschaft – herrscht das „Prinzip der Ähnlichkeit". Diejenigen, die in Elitepositionen sitzen, suchen Nachfolger, die ihnen im Kern ähneln. Da sitzen Personen, die im Westen aufgewachsen sind und im Grunde auch nur den Westen kennen. Entsprechend schauen sie mit ihrer „Westbrille“ auf Personen. Außerdem stammen sie meist auch noch aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung. Das ist die sogenannte „soziale Herkunft". Da erkennt man sich an bestimmten Verhaltensformen, wie man redet, welche Hobbys und Interessen man hat.

    Dies trifft übrigens auch auf den Journalismus zu. In den überregionalen, sogenannten Leitmedien arbeiten vorwiegend Westdeutsche. Kann es nicht auch damit zusammenhängen, dass im Osten schneller „Lügenpresse“ gerufen wird?

    Der Kern ist hier, dass nach 1989 alle großen Zeitungen im Osten von westdeutschen Verlagen übernommen wurden. Auch hier gilt, die Zentralen sitzen im Westen und da werden die Entscheidungen getroffen. Das hat sich beim Spitzenpersonal erst in letzter Zeit ein bisschen geöffnet, dass bei Regionalzeitungen im Osten auch mal ostdeutsche Chefredakteure sind.

    Nun schlagen Sie eine Quote vor. Meinen Sie nicht, so eine Quote könnte auch gerade bei den Ostdeutschen falsch ankommen, im Sinne von: Ihr packt es ja sonst nicht selbst, aus eigener Kraft?

    Das ist das Argument, dass auch immer bei der Frauenquote kommt. In der Politik sind wir da schon weiter. Da ist es heute normal, dass Frauen und auch einige Ostdeutsche in Spitzenpositionen sind. In der Wirtschaft ist das jedoch nicht so. All die freiwilligen Erklärungen der Wirtschaft zu einer Frauenquote haben überhaupt nichts gebracht. Die Menschen in den Spitzenpositionen dort haben dies nicht nur ihrer Leistung zu verdanken, sondern eben ihrer sozialen und regionalen Herkunft und auch noch ihrem Geschlecht. Das sagt nur niemand. Bei einer Quote wäre es sicher so, dass die erste Generation derer, die über eine Quote in Spitzenpositionen kommen, damit leben müsste, dass gesagt wird, ohne Quote hätten sie es nicht geschafft. Bei der nächsten oder übernächsten Generation fragt da aber keiner mehr nach, wie jetzt in der Politik.

    Meinen Sie, es könnte ein Problem sein, dass so ein Quotenvorschlag für „Ossis“ ausgerechnet von einem Westdeutschen kommt?

    Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Wenn Vorschläge gut sind, werden die Menschen darauf reagieren. Es wäre vielleicht besser, es käme von einem Ostdeutschen. Umgekehrt könnte man aber auch sagen, wenn es von einem Westdeutschen kommt, zeigt es, dass das Problem zumindest bei einigen im Westen auch erkannt wird.

    Vielleicht wollen viele Ostdeutsche ja auch gar keine Führungskräfte sein? Zu viel Stress, zu viel Kapitalismus…

    Das Argument kommt auch manchmal bei der Frauenquote. Das ist auch nicht völlig falsch. Es ist sicher so, dass, wenn man eine bestimmte Sozialisierung hat, wie eben in den oberen Prozent im Westen, die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass man auch solche Positionen anstrebt. Aber quantitativ gesehen sind unter denen, die das generell ernsthaft wollen, immer noch so viele aus dem Osten, dass diese Zahl problemlos ausreichen würde, einen Großteil solcher Positionen mit Ostdeutschen zu besetzen. Aber da stoßen sie bisher an eine „gläserne Decke".

    Das Interview mit Michael Hartmann zum Nachhören: 

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    Tags:
    Ostdeutsche, Mauerfall