04:53 18 November 2019
SNA Radio
    Kartoffelsalat (Symbolbild)

    Kochen ist Politik – Wie Essen Frieden schafft

    CC0
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    3103
    Abonnieren

    Der Koch und Journalist David Höner hat mit seinem Schweizer Hilfswerk „Cuisine sans frontières“ – Küche ohne Grenzen – über 800 Projekte mittlerweile ins Leben gerufen: Von Tschernobyl über den Libanon bis in seine Wahlheimat Ecuador. Nun hat er ein Buch darüber geschrieben.

    Herr Höner, Ihr Buch heißt „Kochen ist Politik – Warum ich in den Dschungel gehen musste, um Rezepte für den Frieden zu finden“. Darin beschrieben Sie, wie Sie 2005 die „Cuisine sans Frontières“ – „Küche ohne Grenzen“ – gegründet haben. Was ist das Ziel Ihrer Stiftung?

    „Es geht eigentlich darum, dass es bei der Gastronomie – immerhin größter Arbeitgeber der Welt letztendlich – nicht nur um ein bisschen gutes Essen und Trinken geht, sondern, dass das gemeinsame Essen und Trinken auch ein sozialer Kitt ist, der in jeder Gesellschaft eine Rolle spielt. An Orten wo die Zivilgesellschaft durch äußere Umstände, zum Beispiel Konflikte oder Naturkatastrophen, ganz wichtige und dringende Probleme zu lösen hat, braucht es Kommunikation unter den Leuten. Um diese Kommunikation zu fördern, wollten wir diese gastronomischen Treffpunkte schaffen, und dann subventionieren, damit sich die Leute dort, nicht mit einem bestimmten Ziel, sondern einfach austauschen können und so zu neuen Lösungen kommen.“

    Ihr erstes Projekt war in Tschernobyl, 20 Jahre nach dem Reaktorunglück 1986, wie war das damals?

    „Für mich eine außerordentliche Erfahrung, auch weil ich so zum ersten Mal in einen engeren Kontakt mit der Nachsowjetzeit kam. In der Ukraine gibt es ein ganzes Ministerium für die Nachfolgezeit der Reaktorkatastrophe. Ich hatte über einen Kontakt hier in der Schweiz eine Adresse in einem kleinen Dorf, Lipniki, 60 Kilometer vom Reaktor entfernt. Ich bin dahingefahren. Ursprünglich war es eine sehr große Kolchose.

    Da waren nur noch so 300 von den ursprünglich 2000 Leuten da, aber die Infrastruktur war noch zum Teil erhalten: das Hotel, das Theater, die Verwaltung, der Laden, einige Lagerräume und mehr. Lipniki ist in seinem kleinen Bereich auch ein Knotenpunkt zwischen verschiedenen Dörfern. Deswegen wollten wir das Hotel wieder eröffnen. Wir haben dann angefangen, aber das Spannende ist, dass die Leute nach meinem dritten Besuch gesagt haben: ‚Hör zu David, du brauchst nicht mehr zu kommen, wir machen das alleine‘. Das hat mich verwundert, aber sie sagten: ‚Wenn wir das offiziell machen, dann wird es richtig kompliziert. Dann müssen wir über das Ministerium gehen, wir müssen über die Behörden gehen und wenn wir es alleine machen, haben wir größere Freiheiten‘. Es hat mich sehr berührt, dass ich gelobt wurde, den Anstoß dafür gegeben zu haben.“

    In Kenia sind Sie auf zwei verfeindete Stämme gestoßen: die Pokot und Turkana. „Afrika ist anders“, so heißt es auch in Ihrem Buch, dennoch haben Sie die beiden spinnefeinden Völker an einen Tisch bekommen. Wie ist Ihnen das gelungen?

    „Das war eine Anfrage. Ich habe die Stämme nicht entdeckt, sondern die haben sich über eine Organisation, die in der Schweiz ihre Zentrale hat bei uns gemeldet. Ob wir bereit wären, beim Aufbau eines Zentrums zu helfen. Wir sind dann hingefahren, haben uns das angeschaut. Es war eine Reise in eine völlig andere Welt für mich. Das war auch gut so, denn so kam ich nicht vorbelastet dort an und dachte: Ich weiß, was zu tun ist. Wir haben dann zusammen mit den Leuten von dort ein Restaurant aufgebaut, mitten im Niemandsland. Dort machen wir auch Sporttage und einmal im Monat gibt es eine kleine Disco. Nach und nach, das ist nicht von heute auf morgen gegangen, kamen dann auch die Krieger der einzelnen Stämme zu uns als Gäste. Wir haben ihnen verboten, Waffen mitzutragen und das haben sie auch eingehalten. Das Projekt gibt es nach wie vor. Gerade jetzt fahren wieder zwei Leute von uns hin. Es wird von uns noch ganz minimal unterstützt, mit ungefähr 10.000 Franken im Jahr, falls sie neue Anschaffungen, wie Umbauten, machen müssen. Natürlich ist das kein Ort, wo man ein Geschäft machen kann. Diese Empathie, die uns entgegen gebracht wurde und auch wir den Leuten entgegen gebracht haben, haben zu einem echten gemeinsamen Projekt geführt.“

    Eine Frage die Ihnen wahrscheinlich häufig gestellt wird: Welches Rezept bringt den meisten Frieden?

    „Es gibt eigentlich kein wirkliches Rezept, das auf der ganzen Welt gültig ist. Jede Region, jede Kultur hat ihre eigenen kulinarischen und gastronomischen Präferenzen und ihre eigene rituelle Gastronomie. Okay, mit einer Pizza liegt man nie falsch. Das haben sie alle gerne. Aber oft sind es dann Produkte, die dort wachsen und vorhanden sind und Tiere die bei ihnen leben, die dann in ihre National- oder Stammesspeisen umgearbeitet werden. Das ist mehr zum Lernen für uns, als ihnen etwas beizubringen.“

    Das klingt ja auch spannend. Um Geld für „Cusine sans Frontières“ zu akquirieren, führen sie das „Kitchen Battle“ durch. Was kann man sich darunter vorstellen?

    „Nach mehr als 15 Jahren mit dieser Organisation erhalten wir nach wie vor keine öffentlichen Gelder. Offensichtlich ist dieser gastronomische Ansatz in den großen Entwicklungsdiensten nicht vorhanden. Also mussten wir eben eine eigene Fundraisingstrategie aufbauen. Da wir mit Leuten aus dem Gastgewerbe arbeiten, sind das Veranstaltungen an denen verschiedene Kochteams gegeneinander antreten. Die machen das gratis, die Lieferanten liefern ihre Produkte, ohne dafür bezahlt zu werden, die Kellner arbeiten ohne Bezahlung und so weiter und so fort. Wir organisieren das Ganze und die Leute die zu uns kommen, die bezahlen dann natürlich einen anständigen Beitrag. Dieses Geld fließt dann eigentlich vollumfänglich in die Kassen der ‚Cuisine‘ für die Projekte. Es ist auch ganz im Sinne von dem, was wir tun: Eine gemeinschaftliche Aktion von Gästen, Arbeitern und Köchen, die dann letztendlich helfen unsere Projekte zu fördern.“

    Anderweitige Spenden sind sicher trotzdem gerne gesehen?

    „Ja! Wir haben neben den ‚Kitchen Battles‘ auch eine ständig wachsende Gemeinde von Mitgliedern – das ist das eine – die bezahlen hundert Franken im Jahr. Da ist jeder gerne eingeladen, Mitglied zu werden. Dazu kommen noch Spenden. Oft passieren da kleine Dinge: Jemand hat Geburtstag und sammelt für die ‚Küche ohne Grenzen‘ anstelle von anderen Geschenken. So setzt sich dann das Ganze langsam zusammen.“

    Man kann „Kochen ist Politik“ auch noch auf eine andere Dimension interpretieren. Wenn man zuhause für seine Familie zum Beispiel kocht, dann kann man auch mit der Wahl der Nahrungsmittel und Rohstoffe, die man verwendet, „Politik“ machen.

    „Wir sind alle abhängig von unseren Zulieferern. Wenn man da richtig aussucht, oder ein bisschen nachdenkt, bei den Dingen, die man kauft und vielleicht auch ein bisschen mehr bezahlt, um dem Lieferanten oder dem Produzenten den Anteil zukommen zu lassen, den sie verdienen, dann ist das natürlich bereits Politik. Der Konsument ist eine ganz starke Macht und wenn wir aufhören, Coca-Cola zu trinken, und aufhören, tiefgekühlte Pizzas zu essen, sondern selber eine Limonade machen und selber einen Teig machen, um den dann zu belegen, dann ist das sowohl eine soziale als auch eine politische Geste.“

    Was sind Ihre nächsten Projekte?

    „Wir haben jetzt gerade die Planung für nächstes Jahr. Es gibt verschiedene Projekte die im Gespräch sind. Wir haben zwei relativ neue Projekte – eins im Libanon, in einem ehemaligen palästinensischen Flüchtlingslager, welches heute ein Stadtteil von Beirut ist, ein bisschen außerhalb, wo die Einwohnerzahl von 30.000 auf 70.000 Leute gestiegen ist, wegen der Flüchtlinge aus Syrien.

    Wir haben ein Projekt in Ostjerusalem, das wir ganz neu andenken. Das ist auch so eine Konfliktzone, wo wir, wenn alles klappt, mit einer Gruppe von ehemaligen Kombattanten, sowohl von der Hamas als auch von der israelischen Armee zusammenarbeiten. Dann gibt es ein Projekt im Ostkongo, wo wir jetzt im Moment in Verhandlungen sind, wie wir das machen. Der Kongo ist auch immer noch relativ gefährlich, und wir müssen genau schauen, was für lokale Partner, ohne die es nie geht, wir finden.“

    Das Buch „Kochen ist Politik. Warum ich in den Dschungel gehen musste, um Rezepte für den Frieden zu finden“ ist im Westend Verlag erschienen.

    Das komplette Interview mit David Höner zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Tschernobyl, Buch, trinken, Essen, Rezepte, Küche, Ukraine