05:40 18 November 2019
SNA Radio
    Botschafter von Fritsch im Gespräch mit Teilnehmern des Events

    Moskauer Zeitzeugengespräch über Revolution 1989 (1): Geschichte konnte man nicht aufhalten

    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    61012
    Abonnieren

    Es ging damals laut Rüdiger von Fritsch, ehemaliger deutscher Botschafter in Russland, der 1989 politischer Referent und später Botschafter in Polen war, in der DDR rasant zu. Der berühmte Moment, in dem man die Geschichte nicht mehr aufhalten kann und sie sich allein entwickelt.

    Gleichzeitig hatte er den Eindruck: „Wird das möglich sein? Wird das gelingen können? Wird das nicht jemand versuchen wollen, aufzuhalten? Wie wird die Weltgemeinschaft reagieren? Denn es waren ja nicht nur die vier Staaten, die an den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen beteiligt waren. Ganz Europa wollte am Anfang mitsprechen. Und es gab vielerlei Zweifel und das Gefühl, wie können wir etwas, was wir für fast unvorstellbar gehalten haben, plötzlich doch auf den Weg bringen?“

    Von Fritsch, Platoschkin und Uhl in der Diskussion
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Von Fritsch, Platoschkin und Uhl in der Diskussion

    Die Wende kam aber nicht aus heiterem Himmel, wurde beim Zeitzeugengespräch über die friedliche Revolution in der DDR im Deutschen Historischen Institut Moskau festgestellt. Sie war ein Ergebnis der turbulenten Entwicklungen in der Zeit davor - Friedensbewegung, Montagsdemonstrationen und die letzten Wochen, die durch immer verzweifeltere Versuche der Staatsmacht gekennzeichnet waren, die Lage unter Kontrolle zu halten. Die Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion und die ungarische Regierung, die den Grenzzaun zu Österreich abbaute, gaben den Demonstranten in Ost-Berlin, Leipzig und Dresden die Hoffnung auf ein Gelingen der friedlichen Revolution. Von Fritsch erinnerte sich an das Gefühl, dass 1989 ein historischer Prozess mit einer ungeheuren Dynamik begann.

    Rüdiger von Fritsch
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Rüdiger von Fritsch

    Seine Familie war wie viele in Deutschland durch die deutsche Teilung getrennt. „Wir hatten Verwandte in der DDR und unsere Eltern sorgten dafür, dass wir, mit 16-17 uns kennenlernten und den Kontakt hatten. Die Eltern hielten sowieso den Kontakt. Einmal hat mein Vater mir gesagt: ,Du fährst dieses Jahr nicht an die Adria, sondern nach Thüringen und besuchst die Verwandten‘. Ich verstand mich mit meinem etwa gleichaltrigen Vetter sehr gut. Er ließ mich einmal in einem rausgeschmuggelten Brief 1973 wissen, er wolle die DDR zusammen mit Freunden verlassen. Dass er sehr kritisch über die Verhältnisse dachte, wusste ich, über seine eingeschränkten Freiheiten und Möglichkeiten der Berufswahl u. a. m. Mit dem Moment stand meine Entscheidung fest, ihm zu helfen, mit gefälschten Pässen über Bulgarien in den Westen zu fliehen.“

    Botschafter von Fritsch signiert sein Buch
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Botschafter von Fritsch signiert sein Buch

    Darüber schrieb Rüdiger von Fritsch in seinem Buch  „Die Sache mit Tom: Eine Flucht in Deutschland“. Er meint aber, dass die andauernde enge Bindung zwischen Familien eine große Rolle gespielt habe. „Sie hat bewirkt, dass manches in der Einheit, was sonst in der Vereinigung der deutschen Staaten noch schwieriger gewesen wäre, dann doch leichter gelingen konnte.“

    Vertane Chance

    Nikolaj Platoschkin, Diplomat, Politologe und Zeithistoriker war  1989 in der sowjetischen Botschaft in Bonn tätig. Im Verlauf des Podiumsgesprächs sprach er über die Vorgeschichte der Teilung Deutschlands. In Archiven sah er gerade die Note, die Stalin 1952 persönlich redigiert hatte:

    „Deutschland wurde der gleiche Vorschlag unterbreitet, den Österreich 1955 akzeptiert hat: vollständiger Abzug der Besatzungstruppen, freie Wahlen unter einer einzigen Bedingung, nämlich der Neutralität. Damals wurde die Wiedervereinigung Deutschlands von den USA und von Adenauer verhindert, die einen Wahlsieg der Kommunisten und der Sozialdemokraten fürchteten.“
    Nikolaj Platoschkin, Diplomat
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Nikolaj Platoschkin, Diplomat

    Österreich sei aber auf den Vorschlag eingegangen, so Platoschkin weiter. „Dort wurden die Wahlen von den Sozialisten gewonnen. Österreich will auch heute nicht der Nato beitreten. Wozu auch? Dass Deutschland diese Note Stalins ignoriert hat, kann man als eine vertane Chance bezeichnen. Was aber Deutschlands Wiedervereinigung im Jahre 1989 angeht, waren wir nur an dem künftigen außenpolitischen Status des geeinten Deutschlands interessiert, dass es nämlich nicht Nato-Mitglied oder zumindest nicht Mitglied der militärischen Organisation des Bündnisses wurde, etwa wie Frankreich.“

    1995 war Platoschkin als Chef der politischen Abteilung der russischen Botschaft in Berlin tätig. Das, was den DDR-Bürgern nach der Wiedervereinigung passierte, hält er für Unfug.

    „Es war ein Verstoß gegen das Völkerrecht und den Einigungsvertrag, der genau bestimmt, dass kein DDR-Bürger für die Einhaltung der DDR-Gesetze bestraft werden darf. Meine Diplomaten-Kollegen wurden aber aus dem Außenministerium des geeinten Deutschlands verbannt, nur weil sie Diplome der Moskauer Hochschule für internationale Beziehungen MGIMO besaßen.“
    Dr. Sandra Dahlke. Direktorin des DHI Moskau im Gespräch mit N.Petrow(l.) und Rüdiger von Fritsch (r.)
    Dr. Sandra Dahlke. Direktorin des DHI Moskau im Gespräch mit N.Petrow(l.) und Rüdiger von Fritsch (r.)

    Einem Charité-Arzt von Weltruf, der seine Frau behandelt hatte, wurde das Diplom auch entzogen, weil es in Leningrad ausgestellt worden war, sodass er Patienten in einem Keller empfangen musste. „In der Sowjetunion hatte man mit einer Wiedervereinigung Deutschlands, nicht aber mit einem Anschluss der DDR gerechnet. Durch Berufsverbot wurden ganze Kategorien von DDR-Bürgern arbeitslos. Gegen sie ist keine Anklage erhoben worden. Pionierleitern wurde auf Lebenszeit das Recht entzogen, öffentliche Ämter zu bekleiden, selbst eines Briefträgeramtes.“

    Der Diplomat wundert sich: „Warum wurden aus der Nationalen Volksarmee alle ab Majorsrang und höher entlassen? Sind sie etwa Verbrecher? Und warum durften diejenigen, die man behalten hatte, nur unter Herabsetzung im Dienstgrad in die Bundeswehr integriert werden?“

    Er kannte Leutnants, die am Anfang ihres Lebens standen. „Sie verkauften Gemüse auf dem Markt, weil sie mit dem Armeedienst Pech gehabt hatten. Was haben sie denn verschuldet? Und schließlich die Strafrente, wenn ganzen Kategorien von DDR-Bürgern die Rente nur deswegen halbiert wurde, weil sie beispielsweise im Ministerium des Innern gearbeitet hatten.“

    Botschafter von Fritsch im Gespräch mit Teilnehmern des Events
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Botschafter von Fritsch im Gespräch mit Teilnehmern des Events

    Dem Diplomaten Platoschkin widersprach Nikita Petrow, Vizevorsitzender von „Memorial“, des Zentrums für historische Aufklärung, und Autor zahlreicher Publikationen über die sowjetischen Sicherheitsorgane. „Im Unterschied zu Österreich wurden In Deutschland sofort Trennlinien gezogen. Anschließend kamen die sozialistische Wirtschaftsweise und Stalins Richtlinien über die Kollektivierung. In Österreich gab es inzwischen eine einheitliche Regierung. Das Land war nicht gespalten, obschon es ebenfalls in Besatzungszonen aufgeteilt war, allerdings unter Beibehaltung des bürgerlich-demokratischen Regimes.“

    Petrow stellte fest: „Deutschland war 1952 infolge der unterschiedlichen Wirtschaftsweisen und der Bildung von BRD und DDR praktisch nicht mehr zu vereinigen. DDR-Bürger stimmten beginnend mit den späten 40er Jahren mit den Füßen ab. Sie flüchteten in die westlichen Besatzungszonen noch vor der Gründung der BRD.“

    Diejenigen, die nicht abhauen wollten

    Dr. Matthias Uhl, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Historischen Instituts Moskau, wies aber darauf hin, dass der  wichtigste Stein für ihn gerade die Leute waren, die doch dageblieben sind und „die gesagt haben, wir hauen nicht ab, wir bleiben hier. Das war auch der Ruf, der in Leipzig zu hören war, dass die SED-Führung sich nicht Hoffnung darauf machen brauchte, dass jetzt alle, die sie nicht wollen, abhauen. Dann habe sie Ruhe im Land. Die Leute sagten aber, wir bleiben hier, wir wollen hier Veränderungen.“

    Nikita Petrow, Vizevorsitzender von „Memorial“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Nikita Petrow, Vizevorsitzender von „Memorial“

    Der Historiker stellte fest: „Der wirklich entscheidende Punkt war der 9. Oktober in Leipzig, als sich die 70.000 zusammengefunden haben und die Staatsmacht einsehen musste, das ist jetzt nicht mehr zu stoppen. Man konnte es nur noch stoppen, wenn sie die chinesische Lösung anwenden will. In der SED fand sich aber niemand dafür bereit, sich die Hände schmutzig zu machen. Das ist wirklich das Frappierende, wie so ein System, von dem man immer geglaubt hat, mit dieser Staatssicherheit, mit der Polizei, die die sichersten der Welt sind, und das nach außen den Schein hatte, dass es durch nichts zu erschüttern ist, wie ein Kartenhaus zusammenbrach.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Russland, Rüdiger von Fritsch, DDR