14:05 14 Dezember 2019
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    Syriens Präsident Baschar al-Assad (Archiv)

    Assad spricht im seltenen Interview über IS, Erdogan, USA, Migranten in Europa und vieles mehr

    © Sputnik / Michail Klimentjew
    Politik
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    Im ersten Interview für ein ausländisches Medium seit mehr als einem Jahr hat der syrische Präsident Baschar al-Assad gegenüber dem Fernsehsender RT viele Themen angesprochen, darunter angebliche Chemieattacken in Syrien, US-Handlungen, Migranten in Europa, Kurden und die Operation des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan im Norden Syriens.

    In seinem auf Englisch geführten Gespräch mit dem RT-Journalisten Afshin Rattansi, das am Sonntag auf YouTube veröffentlicht wurde, klärte al-Assad die Ursachen seines „Interview-Embargos“. Dem 54-jährigen Politiker zufolge hatte er aufgehört, mit westlichen Medien zu sprechen, weil sie nicht echte Informationen, sondern Sensationen bekommen wollten.

    Nach der türkischen Operation „Friedensquelle“ sei Syrien aber wieder in den Vordergrund gerückt. Darüber hinaus habe sich die öffentliche Meinung in der Welt – vor allem im Westen – in den letzten Jahren geändert.

    „Die Menschen verstehen, dass ihre Behörden ihnen so viele Lügen erzählt haben, darüber, was in der Region, im Nahen Osten, in Syrien, im Jemen geschieht. Sie wissen, dass es dort eine Lüge gibt, aber sie kennen die Wahrheit nicht. Ich denke also, dass es Zeit ist, über die Wahrheit zu sprechen“, so al-Assad.

    Über den Beginn des Krieges

    Der Konflikt in Syrien brach Anfang 2011 mit Anti-Regierungs-Demonstrationen aus, die mit vom Westen unterstützten gewaltigen Protesten in anderen arabischen Ländern zusammenfielen. Die Geschehnisse werden oft als der Arabische Frühling bezeichnet.

    Aus der Sicht politischer Entscheidungsträger im Westen lagen die Ursachen der syrischen Proteste in unterschiedlichen Faktoren sowie in ihren Kombinationen, von Korruption und Missmanagement bis hin zu einer anhaltenden Dürre, die die soziale und wirtschaftliche Lage im Land verschärfte.

    Dabei handelt es sich meistens um innere Faktoren. Laut al-Assad soll der entscheidende Anstoß jedoch vom Außen gegeben worden sein.

    „Das Problem hat begonnen, als Geld aus Katar nach Syrien kam. Wir haben viele Arbeiter kontaktiert und sie gefragt, ‚Warum geht ihr nicht in eure Werkstätten?‘. Und sie sagten, ‚Wir bekommen so viel in einer Stunden wie wir früher in einer Wochen bekommen haben‘“.

    Teilnahme an Demos gegen Bezahlung

    Dem Präsidenten zufolge wurden Demonstranten am Anfang 50 Dollar und dann 100 Dollar pro Woche bezahlt. Das sei genug für sie gewesen, um ohne Arbeit zu leben. Es sei für sie viel einfacher geworden, an den Protesten teilzunehmen. Außerdem habe die katarische Regierung begonnen, die Demonstranten zu bewaffnen.

    Westliche Medien beschrieben die Aktionen zuerst als friedliche. Al-Assad zufolge stimmt das nicht: Bereits in der ersten Phase der Unruhen seien Polizisten angeschossen worden. Im Frühling 2011 ging die Regierung hart gegen die Protestbewegung vor, die schnell in einen Aufstand und bis zum Sommer 2012 in einen Bürgerkrieg ausartete.

    Nach Aufrufen an al-Assad, von seinem Amt zurückzutreten, verhängten westliche Regierungen strikte Sanktionen gegen Damaskus: Erdölsperren, Handels- und Finanzeinschränkungen, Reiseverbote und Waffenembargos.

    Angebliche Chemieattacken

    Als die bewaffneten Auseinandersetzungen sich intensivierten, soll es 2013 zu einer Reihe angeblicher chemischer Angriffe auf den von der Opposition kontrollierten Territorien gekommen sein. Eine UN-Delegation kam nach Syrien, um Ermittlungen durchzuführen. Am denselben Tag, dem 21. August 2013, soll die angebliche Chemiewaffenattacke von Ghuta verübt worden sein, Washington erhob Beschuldigungen gegen Damaskus.

    Al-Assad betonte im RT-Interview, die syrische Armee habe nie C-Waffen eingesetzt. Selbst die Wahl des Datums für die vermeintliche Ghuta-Attacke sei unlogisch. Zudem sei über 200 Todesopfer berichtet worden. Ein C-Waffen-Angriff in einer so dicht besiedelten Region hätte aber zu Dutzenden Zehntausenden Opfern führen können.

    „Dieser Zwischenfall hat nur in der Einbildung westlicher Offizieller stattgefunden und ist als Vorwand für eine Attacke auf Syrien verwendet worden.“

    Es seien keine wesentlichen Beweise geliefert worden. Es habe viele Berichte gegeben, die diese Meldungen widerlegt haben. Damaskus sei trotzdem mehrmals des Chemiewaffen-Einsatzes beschuldigt worden.

    „Ist es aber möglich, unter einer strengen Aufsicht der ganzen westlichen Welt stehend, sie (C-Waffen – Anm. d. Red.) wieder und wieder einzusetzen?“

    Die USA und ihre Handlungen gegen Terroristen im Nahen Osten

    Der syrische Präsident wiederholte die Vorstellung, dass die Verbreitung extremistischer islamistischer Gruppen in der Region die Folge der US-Politik sei. Washington habe in den 1980er Jahren die Mudschahedin in Afghanistan bewaffnet, um ein Gegengewicht zur UdSSR zu schaffen.

    „Das derzeitige Problem der Vereinigten Staaten ist, dass sie aus ihrer Sicht um das Überleben kämpfen, weil sie ihre Hegemonie verloren haben.“

    Wie sei es möglich gewesen, dass die Terrormiliz IS* plötzlich 2014 „aus dem nirgendwo“ gleichzeitig im Irak und in Syrien entstanden sei und dabei über US-Ausrüstung verfügt habe? Wie hätten sie unter der Überwachung der US-Luftwaffe Millionen Barrel Erdöl in die Türkei schmuggeln können? Dies fragte al-Assad rhetorisch und gab die Antwort.

    „Weil die Amerikaner sie gegen die syrische Armee verwenden wollten.“

    „Krieg in Syrien ist ein Mikrokosmos des Dritten Weltkriegs“

    Jetzt gebe es einen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der restlichen Welt. Washington wolle keine Partner, selbst wenn es sich um solche Länder wie Großbritannien, Frankreich oder andere große Länder handle.

    „Der Krieg in Syrien ist ein Mikrokosmos des Dritten Weltkriegs, sagen wir, aber ohne Waffen. Der Krieg wird über Vertreter geführt.“

    „Raub“ des syrischen Erdöls

    Im Laufe des Kriegs ergriffen Terroristen die Kontrolle über große erdölreiche Territorien im nordöstlichen Syrien. Von den USA unterstützte kurdische Milizen verdrängten sie von dort und setzten allem Anschein nach die Gewinnung und den Schmuggel des syrischen Öls ins Ausland fort.

    Bei dem „Raub des syrischen Erdöls“ halfen der IS al-Assad zufolge Erdogan „und seine Clique“ einerseits und die Amerikaner andererseits. „Selbst als einige von den Kurden begonnen haben, das syrische Öl zu rauben, waren die Amerikaner ihre Partner.“

    Ankaras Offensive

    Al-Assad bezeichnete die türkische Operation „Friedensquelle“ als Verletzung der Souveränität Syriens. Er hob jedoch hervor, dass nicht die Türken, sondern „Erdogan und seine Politik und seine Clique“ die Feinde von Damaskus seien.

    Das Ziel der mit den „Demokratischen Kräften Syriens“ (SDF) getroffenen Vereinbarung sei, die „völlige Hoheit“ der syrischen Regierung über die früher von Kurden kontrollierten Territorien wiederherzustellen. Darüber hinaus sollten die Kurden von der türkischen Grenze abgezogen werden, damit Ankara keinen Vorwand mehr habe, „Syrien zu überfallen“.

    Israels Attacken

    Israel, das wegen der Golanhöhen mit Damaskus in Konflikt steht, hat mehrmals Ziele in Syrien angegriffen, die nach der israelischen Darstellung auf die iranische Militärpräsenz in Syrien hingewiesen hätten.

    Laut al-Assad habe es einen Zusammenhang zwischen den Operationen von Israels Armee und Terroristen in Syrien gegeben.

    „Jedes Mal, wenn die syrische Armee im Kampf gegen diese An-Nusra-Terroristen im Süden vordrang, bombardierte Israel unsere Truppen. Immer, wenn wir anderswo in Syrien vorrückten, begannen ihre Jets Luftschläge gegen unsere Armee.“

    Al-Baghdadi: Tot, weil Washington ihn nicht mehr brauchte?

    Ende Oktober verkündete der US-Präsident Donald Trump den Tod des Anführers des „Islamischen Staates“, Abu Bakr al-Baghdadi, bei einer US-Operation. Damaskus glaube aber diese US-Geschichte nicht, so der syrische Staatschef.

    „Die ganze Geschichte ist Weißwaschen Amerikas, das zusammen mit den Terroristen gewesen ist – nicht nur im Laufe einiger Jahre, sondern während der letzten Jahrzehnte.“

    Al-Baghdadi sei möglicherweise getötet worden, aber nicht aus den Gründen, die Washington genannt habe. Sondern die Zeit des IS-Anführers sei „abgelaufen“, und Washington wolle den Namen vom IS ändern und ihn wieder „auf dem Markt gegen die syrische Regierung“ benutzen.

    Schicksal Idlibs und Wiederaufbau Syriens

    Aus der Sicht al-Assads wird es nicht viel Zeit brauchen, um Idlib – die letzte wichtige Hochburg von Anti-Regierungs-Kräften in Syrien – zu befreien. Der Plan sei aber, den Zivilisten die Chance zu geben, die Region zu verlassen.

    Der Übergang zum Frieden in Syrien sei durch internationale Sanktionen erschwert. Damaskus werde es aber mit der Hilfe „befreundeter Länder“ wie China, Russland und der Iran überwinden. Die Staaten, die gegen Syrien agiert hätten, würden keine Chance haben, am Wiederaufbau Syriens teilzunehmen.

    Migration und Terrorgefahr in Europa

    Auch vor den Geschehnissen in Syrien seien die europäischen Länder mit einem Massenstrom von Migranten konfrontiert gewesen und hätten Schwierigkeiten gehabt, die Einwanderer zu integrieren, so al-Assad. Das Terrorproblem in Frankreich, Großbritannien und anderen Ländern sei „völlig real“, weil es unter den Immigranten „Extremisten, Terroristen und solche Menschen“ gebe, die sich offenbar nicht integrieren wollen.

    Damaskus sei jedoch zu keiner Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich mit jedem beliebigen Land bereit, solange es gegen Syrien handle.

    Putin-Erdogan-Deal zu Syrien

    Russlands Präsident Wladimir Putin traf sich am 22. Oktober mit Recep Tayyip Erdogan in Sotschi. Bei den stundenlangen Verhandlungen einigten sich Moskau und Ankara auf ein Memorandum zur Lage in Syrien.

    Die Vereinbarung sieht unter anderem russisch-türkische Patrouillen im Grenzgebiet zur Türkei mit Ausnahme der Stadt Kamisli vor. Der erste gemeinsame Einsatz im Norden Syriens startete am 1. November. Über die zweite Patrouille berichtete das russische Verteidigungsministerium am 5. November.

    Hintergrund

    Die türkischen Truppen waren am 9. Oktober in Nordsyrien einmarschiert und hatten die Offensive „Friedensquelle” begonnen. Diese richtet sich gegen den „Islamischer Staat“ sowie die in der Türkei verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, die seit 1984 für eine kurdische Autonomie im Südosten der Türkei kämpft.

    US-Streitkräfte bleiben teilweise in Syrien

    Der Pentagon-Chef bestätigte am 25. Oktober, dass Washington Truppen nach Nordost-Syrien schicken würde, um den Schutz der dortigen Ölfelder vor IS-Terroristen zu sichern. Diese Entscheidung macht den vorherigen Beschluss der USA von Anfang Oktober teilweise rückgängig, ihre Streitkräfte aus der Region abzuziehen.

    Russlands Verteidigungsamt will US-Ölschmuggel in Syrien bewiesen haben

    Der offizielle Vertreter des russischen Verteidigungsministers, Igor Konaschenkow, verurteilte das Vorgehen der USA in Bezug auf die syrischen Ölfelder als „internationales staatliches Banditentum“.

    Das Amt hatte am 26. Oktober Satellitenbilder veröffentlicht, die eine Fortsetzung der rechtswidrigen Ölgewinnung durch die USA in Syrien zeigen sollen. Der Behörde zufolge weisen die von der Weltraumaufklärung vorgelegten Satellitenbilder darauf hin, dass das „unter dem zuverlässigen Schutz der US-Truppen“ befindliche Öl in Syrien von ihnen gewonnen und zur Verarbeitung aus Syrien abtransportiert worden sei. Dies sei sowohl vor als auch nach der Niederlage der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in dieser Region geschehen.

    mo/mt

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