14:11 16 Dezember 2019
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    Ausschreitungen in der Boliviens Hauptstadt La Paz am 11. November 2019

    Bolivien-Putsch wegen Lithium?

    © REUTERS / CARLOS GARCIA RAWLINS
    Politik
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    Stecken hinter dem Putsch in Bolivien nur politische oder auch wirtschaftliche Gründe? In dem lateinamerikanischen Land gibt es die größten Lithiumvorkommen der Welt. Lithium braucht man für Smartphone-Akkus und E-Autos. Die Aktie von Tesla ist nach dem Putsch nach oben geschossen. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

    Bei den Wahlen in Bolivien im Oktober hat der seit 14 Jahren amtierende linke Staatschef Evo Morales nach Angaben des Obersten Wahlgerichts gleich im ersten Wahlgang gesiegt. Sein Hauptrivale Carlos Mesa erkannte die Auszählungsergebnisse nicht an, beschuldigte den Präsidenten des „Wahlbetrugs“ und rief die Öffentlichkeit zu Protesten auf. Eine Untersuchung ergab, dass Morales tatsächlich gesiegt hatte, es aber auch Unregelmäßigkeiten bei der Wahl gab. Dies führte vergangenen Sonntag zu einer Protestwelle von Morales-Anhängern und –Gegnern. Das Militär forderte den bolivianischen Präsidenten auf, zurückzutreten, was dieser in der Nacht zum Montag auch tat. Allerdings sprach Morales von einem Staatsstreich. Am Dienstag erklärte sich die Vizepräsidentin des Senats, Jeanine Áñez, zur Interimspräsidentin. Präsident Morales flüchtete ins Asyl nach Mexiko.

    Soweit die politische Seite.

    Lithium-Deal mit deutschem Unternehmen

    Bolivien verfügt mit geschätzt neun Millionen Tonnen über die größten Lithiumvorkommen der Welt. Allerdings hat das arme Land nicht die Technologie und die Finanzen, um das Lithium selbst zu fördern und zu verarbeiten. Seit längerem buhlen internationale Firmen um den Zuschlag zur Förderung des bolivianischen Lithiums. Das Rennen machte im Oktober 2019 das deutsche Unternehmen „ACI Systems Alemania“ (ACISA), das ein Joint Venture mit dem bolivianischen Staatskonzern „Yacimientos de Litio Bolivianos“ (YLB) abschloss, an dem die ACISA mit 49 Prozent beteiligt war. Dieser Deal war bahnbrechend, da erstmals ein deutsches Unternehmen langjährigen direkten Zugriff auf eine Lithium-Quelle bekommen sollte. Damit wäre die Versorgung der deutschen Wirtschaft mit dem Rohstoff vorerst gesichert gewesen  Ohne Lithium geht beim heutigen Stand der Technik nichts bei der Herstellung von Akkus für Smartphones oder Elektrofahrzeuge.

    Der Zorn der eigenen Leute

    Allerdings waren nicht alle mit dem Geschäft der Deutschen mit der bolivianischen Regierung zufrieden. Abgesehen von der internationalen Konkurrenz aus China oder den USA, die das Nachsehen hatte, zürnte auch die indigene Bevölkerung in dem Abbaugebiet. Für Morales war dies heikel, da sie seine treuesten Wähler sind, die ihn vor 14 Jahren ins Amt hoben. Evo Morales wurde 2006 als erster Aymara-Indianer als Präsident Boliviens vereidigt. Zum Amtsantritt verkündete der linke Politiker:

    „Unser Land ist reich, aber gleichzeitig gibt es viel Armut. Die Rohstoffe sind uns im Laufe der Geschichte immer wieder geraubt worden. Sie wurden geplündert oder meistbietend von neoliberalen Regierungen versteigert oder multinationalen Unternehmen überlassen.“

    Seit Morales‘ Amtsantritt hat sich tatsächlich eine Menge getan in Bolivien. Das Pro-Kopf-Einkommen der elf Millionen Einwohner hat sich verdreifacht. Die Einnahmen aus Gas und Erdöl wurden größtenteils verstaatlicht, wodurch vor allem US-amerikanische Firmen das Nachsehen hatten. Der Präsident sorgte dafür, dass die Gewinne aus der Rohstoff-Förderung größtenteils im Land blieben und auch der indigenen Bevölkerungsmehrheit zugutekamen.

    Deal geplatzt – Eine Woche vor dem Umsturz

    Deshalb war der Lithium-Deal mit den Deutschen für Morales eine Gratwanderung. Einerseits versprach er Investitionen und Steuereinnahmen, andererseits gab das Land wieder seine Rohstoffe in fremde Hände. Die lokale Bevölkerung in der Uyuni-Salzebene im Südwesten Boliviens fühlte sich nicht ausreichend beteiligt am Lithium-Gewinn, da der Deal nur den Abbau, aber nicht die Weiterverarbeitung des Rohstoffs vor Ort vorsah. Somit hätte die Region nur die Tagebaue mit der damit verbundenen Umweltbelastung bekommen, aber nichts von dem Endgewinn in der Wertschöpfungskette. So kam es zu Streiks und Protesten, denen sich auch die Opposition anschloss. Daraufhin erließ der Präsident schließlich am 3. November, nur eine Woche vor dem Umsturz, ein Dekret, mit dem das Joint Venture annulliert wurde.

    Wer bekommt den Zuschlag?

    Allerdings will sich die deutsche Firma noch nicht geschlagen geben. Trotz des Präsidenten-Dekrets beharrt ACISA-Chef Wolfgang Schmutz gegenüber Spiegel-Online: „Wir haben Verträge und rechtsverbindliche Vereinbarungen". Der Vertrag zwischen ACISA und YLB war auf eine Laufzeit von 70 Jahren festgeschrieben. Für die Deutschen und damit für Europa wäre der Deal ein Durchbruch gewesen. Bislang beherrschen vier große Unternehmen aus den USA, China und Chile geschätzt 90 Prozent der weltweiten Lithium-Gewinnung. Der Preis für Lithium steigt rasant und hat sich in den letzten zehn Jahren verzehnfacht auf aktuell etwa 16.000 Dollar pro Tonne.

    ACISA wollte ab 2022 ungefähr 30.000 bis 40.000 Tonnen Lithiumhydroxid im Jahr in Bolivien fördern und dafür 300 bis 400 Millionen Euro investieren. Damit hätten sich Lithium-Batterien für Hunderttausende E-Autos herstellen lassen.

    Angesichts des politischen Chaos im Land, scheint jetzt die Vergabe wieder offen zu sein. Es wird sich zeigen, wer unter der neuen Regierung den Zuschlag bekommen wird. Jedenfalls schoss die Aktie von Tesla, einem Weltmarktführer bei der Herstellung von Batterien und E-Fahrzeugen, direkt nach Sturz von Morales am Montag in die Höhe. Es ist gut möglich, dass nun ein US-amerikanisches Unternehmen den Zugriff auf das bolivianische Lithium bekommt.

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    Tags:
    Carlos Mesa, Jeanine Anez, Akku, Tesla, Lithium, Evo Morales, Bolivien