20:06 14 Dezember 2019
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    Exhumierung der Franco-Leiche

    Ist mit Exhumierung der Franco-Leiche das dunkelste Kapitel der Geschichte Spaniens nun geschlossen?

    © REUTERS / Emilio Naranjo / Pool
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    Sputnik hat mit einem der Opfer des Franco-Regimes gesprochen, das auch Jahrzehnte nach dem Tod des Diktators Gerechtigkeit verlangt.

    Am 20. November wird der 44. Jahrestag des Todes von Francisco Franco begangen. Aber die Opfer seiner Diktatur bestehen nach wie vor auf Gerechtigkeit.

    „Bis zum heutigen Tag wurden weder die Todesurteile, die unter dieser Diktatur gefällt wurden, noch die damaligen Hinrichtungen ohne Gerichtsurteile noch die Folterungen, denen Menschen 40 Jahre lang ausgesetzt wurden, anerkannt“, sagte Jose Maria Galante alias „Chato“ gegenüber Sputnik. Der Mann war in den Franco-Zeiten im bekannten „Haus des Terrors“ der Diktatur auf dem Platz Puerta del Sol grausam gefoltert worden. Jetzt befindet sich dort die Residenz der Regierung der autonomen Gemeinschaft Madrid.

    Der Filmstreifen „Das Schweigen anderer“ von Almudena Carracedo und Robert Bajar, dessen Produzent niemand geringerer als Pedro Almodóvar war, berichtet über den üblicherweise stillen Kampf von „Chato“ und anderen Opfern Francos. Der Film wurde mit mehr als 20 nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

    Jetzt ist „Chato“ eines der Mitglieder von „La Comuna“. Der Verband hat Dutzende Klagen wegen der Verbrechen des Franco-Regimes bekommen, mit denen sich die argentinische Richterin María Servini befasst. Allerdings wurden ihre Beschlüsse von der spanischen Regierung wiederholt ignoriert. In einem Interview erklärte die Richterin, die Ermittlung der damaligen Verbrechen habe sie „in Schock versetzt“.

    „Direkte Auseinandersetzung“ mit dem Regime

    Am 24. Oktober wurden die sterblichen Überreste Francisco Francos im „Tal der Gefallenen“ exhumiert und auf dem Friedhof Mingorrubio im Madrider Stadtteil El Pardo neu bestattet, und damit wurde das größte Symbol des Franco-Ruhmes vernichtet. Dennoch geht der Kampf um die Gerechtigkeit weiter.

    „Unser Problem ist, dass man glaubt, die Exhumierung hätte alles gelöst, und das dunkelste Kapitel unserer Geschichte wäre damit geschlossen. Aber das ist gar nicht so“, sagte „Chato“ gegenüber Sputnik Mundo.

    Seine persönliche Geschichte des Kampfes gegen den Franquismus begann in den späten 1960er bzw. frühen 1970er Jahren, als er Mitglied eines illegalen Studentenzirkels wurde.  Zu einer „direkten Auseinandersetzung“ mit dem Regime kam es nach seinen Worten, als einer von seinen Kameraden namens Enrique Ruano von Mitgliedern der so genannten „Politisch-sozialen Brigade“ des Franco-Regimes getötet wurde.

    „Für mich war der Mord an Ruano ein schrecklicher Schlag. Weil sie Ruano getötet haben, wurde es zum Ziel meines Lebens, all dem ein Ende zu setzen. Es war ja unmöglich, in einem Land zu leben, wo solche Dinge passierten. Wir lebten in so einer Gesellschaft, und im ‚restlichen‘ Europa herrschte die richtige Freiheit. Und wegen dieser Konfrontation landeten wir im Knast.“

    Zum ersten Mal wurde „Chato“ Galante Anfang der 1970er Jahre von Mitgliedern der „Politisch-sozialen Brigade“ gefasst, als er noch 20 Jahre jung war. Und das war lange nicht das letzte Mal – „Chato“ wurde mehrmals festgenommen, und das war üblicherweise noch nicht alles. Einmal geriet er in die Hände des Polizeikommissars Antonio Gonzalez Pacheco alias „Billy el Niňo“ – „Der kleine Billy“.

    „Mich hat ‚der kleine Billy‘ gefoltert, der später sowohl unter der Diktatur als auch unter der Demokratie Auszeichnungen bekam“, erinnerte sich „Chato“. „Wenn ich verhaftet wurde, bedeutete das im Grunde ‚vermisst zu werden‘. Denn darüber wurde weder meine Familie noch sonst jemand benachrichtigt. Ich durfte keinen Rechtsanwalt beanspruchen, das jedenfalls in den ersten 72 Stunden. Einmal wurde ich (…) 14 Tage lang im Untersuchungsgefängnis festgehalten und gefoltert“, so Jose Galante.

    „So wurde ich oft der Tortur namens ‚OP-Raum‘ ausgesetzt. Man wurde dabei auf einen Tisch gelegt, aber die Hälfte des Körpers blieb quasi hängen. Dann wurde man auf die Füße, auf den Bauch geschlagen. Die Folter endete, wenn man nicht mehr hängen konnte“, so „Chato“. „Am Ende konnte man nicht mehr gehen – man konnte sich nicht einmal bewegen. Was man mir dabei antat, hätte ich keinem Tier antun können. Nach solchen Folterungen konnte ich praktisch nicht mehr laufen und habe jetzt mein ganzes Leben lang sehr viele Schwierigkeiten.“

    Das funktionierte so: Dem Gefolterten wurde wehgetan, aber falls er die Fragen nicht mehr beantworten konnte, spürte er sofort noch größere Schmerzen.

    „In der politischen Polizei des Franco-Regimes gab es Beamte, die noch in der Polizei im nazistischen Deutschland ‚ausgebildet‘ wurden. Die Leute, die uns schikanierten, hatten dieselben Kurse absolviert wie auch Folterer in Lateinamerika und anderen Erdteilen“, behauptete Jose Galante.

    Das wurde dank Büchern wie „Die letzten Spanier von Mauthausen“ von Carlos Hernandez, „Die Geheimdienste in Spanien“ von Juan Alcalde und „Die schwarze Liste“ von Jose Maria Irujo allgemein bekannt, in denen sie erzählten, dass Francisco Franco heimlich Kontakte mit Nazi-Deutschland und der Gestapo gepflegt habe.

    Diese Kooperation war dermaßen umfassend, dass der Gestapo-Vertreter bei der deutschen Botschaft in Madrid, Paul Winzer, das Ausbildungsprogramm für Beamte der politischen Polizei Francos leitete. Agenten des Franco-Regimes trafen sich mit SS-Beamten und Vertretern der deutschen Geheimpolizei, die sie über verschiedene „Arbeitsmethoden“ in Gefängnissen „aufklärten“ – von Verhören und Foltern bis hin zur Einrichtung von Lagern für internierte Personen.

    „Aber wichtig ist nicht allein die Tatsache, dass es die Folter gab, sondern die absolute Ablehnung der Menschenrechte, wenn man schlimmer als ein Tier behandelt wird“, zeigte sich Jose überzeugt.

    „Dieses Ausbildungssystem für die ganze politische Polizei des Franco-Regimes wurde nie revidiert und blieb auch in den Zeiten der Demokratie unverändert.“

    Probleme des heutigen Spaniens – Erbe des einstigen Regimes?

    „Es wird manchmal behauptet, dass die Repressalien unter Franco in den ersten Jahren grausam waren, später aber nicht mehr. Das ist nicht wahr. Die letzten Opfer des Franco-Regimes wurden im September 1975 erschossen, also nur zwei Monate vor dem Tod des Diktators. Während dieser ganzen Zeit gab es im Land keine Meinungsfreiheit, man durfte sich nicht versammeln, man durfte keine Verbände bilden, keine Kundgebungen organisieren – auch die wichtigsten Bürgerrechte wurden nicht eingehalten“, so „Chato“.

    „Im Rahmen der heutigen Programme wird in unserem Land der Übergang von der grausamen faschistischen Diktatur zu einem nominal demokratischen Staatsapparat ohne jegliche Zwischenstationen vollzogen. Dieselben Personen, dieselben Leiter“, erläutert er.

    Es gibt immer noch Verbrechen, für die niemand zur Verantwortung gezogen wurde – das waren Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verbrechen, für die man nicht amnestiert werden durfte, und Verbrechen, die keine Verjährungsfrist haben. Ohne entsprechende Gerichtsprozesse ist die Aussöhnung nach seiner Auffassung unmöglich. Denn ohne ein System der Rechtspflege würde er ein Verbrecher in seinem eigenen Land bleiben.

    „Ich wurde amnestiert, aber die Urteile, die von speziellen Gerichten des faschistischen Regimes im Sinne von faschistischen Gesetzen gefällt worden waren, wurden nie außer Kraft gesetzt. In unserem Land bleiben sie immer noch legitim. So ist nun einmal unser Rechtssystem. Gerade wegen dieser offenen Fragen, für deren Lösung höchstwahrscheinlich eine Novellierung der Verfassung nötig wäre, ist unser Land in eine schwierige Lage geraten.“

    Am Ende des Interviews appellierte Jose Galante, an den jetzigen Zustand der modernen spanischen Demokratie zu denken, die nach seiner Auffassung eine Art Geisel des widerlichen alten Regimes bleibt.

    „Auf diese Straflosigkeit, auf diesen Staatsapparat, der von der Diktatur geerbt wurde, stützt sich die Korruption in unserem Land. Das Franco-Regime war grundsätzlich korrupt, denn es wurde von einem Teil der Gesellschaft gegründet, der ihrem anderen Teil gegenüberstand. Das ist, was wir immer wieder vergessen zu besprechen. Die Exhumierung (der Franco-Leiche) war nur der erste Schritt, erst der Anfang“, schlussfolgerte Jose Maria Galante.

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    Tags:
    Faschismus, Diktatur, Exhumierung, Bürgerkrieg, Spanien, Francisco Franco