19:59 14 Dezember 2019
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    LNG-Tanker aus Katar (Archivbild)

    Bloß nicht Gazprom? Niedersachsen auf Flüssiggas-Mission in Katar und Berlins Milliarden für Kanada

    © AFP 2019 /
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    Die Pläne der Bundesregierung, die russischen Gaslieferungen mit Flüssiggas aus anderen Ländern sowie aus Übersee zu diversifizieren, nehmen Gestalt an. Ein kanadisches Unternehmen wartet auf Geld aus Berlin und der niedersächsische Regierungschef Stephan Weil macht Ende November Geschäfte in Katar. Was kostet die Unabhängigkeit?

    Es sei nicht klug, wegen der Konfliktlage mit Russland die Entscheidung bezüglich Nord Stream 2 zurückzunehmen, denn man sei ja trotzdem der Überzeugung, dass man mehr für die Unabhängigkeit von Russland im Gassektor machen wolle, sagte der Ex-Vizekanzler Sigmar Gabriel kürzlich vor Moskauer Publikum. Da müsse man das Gasnetz in Europa weiter ausbauen und auch Flüssiggas-Terminals haben.

    Das glaubt wohl auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Ende November spricht er mit den Kataris über verflüssigtes Erdgas und will ihre Investitionszusage für ein LNG-Terminal mit nach Hause nehmen. 44 Unternehmen sowie Peter Altmaiers Staatssekretär vom Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Bareiß, sollen sich nach Weils Angaben beteiligen, um neue Geschäfte zu tätigen. Die Reise sollte Weil vor einem Monat schon gegen die Kritik der AfD verteidigen - politisch würden Delegationsreisen stets aber auch für Denkanstöße, etwa zum Thema Menschenrechte genutzt. Wirtschaftlich aber beteiligen sich die Katarer in Niedersachsen ja schon an Volkswagen. In einer Regierungserklärung Weils folgte in dieser Hinsicht am Dienstag ein Abgesang an die Windindustrie - wegen des drastischen Abbaus von Arbeitsplätzen. Stattdessen setzt er sich seit einiger Zeit für die LNG-Terminals in den niedersächsischen Häfen ein - selbst wenn er immer wieder auf die gravierenden Klima-und Umweltfolgen sowie die hohen finanziellen Risiken hingewiesen wird. Neben dem beklagten Standort Stade sind Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Rostock weitere Kandidaten für das erste LNG Terminal in Deutschland.

    Katar – der größte LNG-Produzent der Welt

    Der deutsche Botschafter in Katar, Hans-Udo Muzel, lobte in der Dohauer Zeitung „Qatar Tribune“ die bevorstehenden Gespräche bezüglich des geplanten LNG-Terminals. „Für Deutschland wäre es ein Schritt nach vorn, endlich das erste Terminal für den Import von Flüssigerdgas zu haben, da das Land eine Diversifizierung seiner Energiequellen anstrebt. Wir sind in Gesprächen mit Katar, um bei diesem Projekt zusammenzuarbeiten, da das Land der größte LNG-Produzent der Welt ist“, so Muzel. Es wird weiter über langfristige LNG-Verträge Deutschlands mit Katar spekuliert, um „die übermäßige“ Abhängigkeit von Gazprom abzubauen.

    Der weltgrößte Flüssiggas-Exporteur Qatar Petroleum legte schon gut vor einem Jahr den deutschen Energieriesen Uniper und RWE nahe, an einem schwimmenden Terminal in Wilhelmshaven teilnehmen zu wollen. Der katarische Botschafter in Deutschland, Abdulrahman Al Thani, besichtigte Ende 2018 sogar den wahrscheinlichen Liegeplatz dafür im Tiefwasserhafen am Jadebusen. RWE erklärte darauf, es gehe bei den Gesprächen generell um Gaslieferungen, nicht um eine Beteiligung an einem Terminal in Deutschland, denn für einen solchen Bau bräuchte man erst eine klare Investitionszusage. Jetzt könnte diese erfolgen. 2018 war das kleine arabische Land mit beinahe 105 Milliarden Kubikmetern LNG-Exporteur Nummer eins und ist offenbar am deutschen Gasmarkt interessiert. Die Vorwürfe der Terrorhilfe gegenüber Katar scheinen sich ohnehin längst gelegt zu haben, so dass die Bundesregierung im Januar Waffenexporte nach Katar genehmigte - trotz der Proteste seitens der Linken sowie der Grünen.

    Kanadisches LNG-Terminal Goldboro offenbar weitere LNG-Quelle für Deutschland

    Am 14. November entschied sich der Verwaltungsrat der Europäischen Investitionsbank (EIB) dafür, ab Ende 2021 keine fossilen Energieprojekte ohne CO2-Minderung mehr zu finanzieren, auch die für Gas nicht. Das erschwert zwar die Zukunft des riesigen kanadischen Verflüssigungs- und Exportprojektes Goldboro LNG in der Provinz Nova Scotia, setzt das Interesse Berlins an dessen Umsetzung aber nicht aus - denn es bleiben noch die staatliche Förderbank Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit der Tochter KfW Ipex zur Verfügung. In den letzten Jahren versprach die Bundesregierung dem kanadischen Konzern Pieridae Energy Garantien für ungebundene Finanzkredite von bis zu 4,5 Milliarden US-Dollar, darunter drei Milliarden für das Terminal und 1,5 Milliarden zur Erschließung von Gasvorkommen. Seit August berät KfW Ipex schon die Kanadier zu den nächsten Schritten.

    Uniper als potenzieller Abnehmer von kanadischem Flüssiggas in Deutschland hat Pieridae übrigens schon zugesichert, über 20 Jahre etwa fünf Millionen Tonnen und damit die Hälfte der Exportmenge des Terminals abzunehmen. Für die Kreditgarantien durch die Bundesregierung war eben vorausgesetzt worden, dass Uniper jährlich 1,5 Millionen Tonnen des LNG nach Nordwest-Europa liefert, damit der deutsche Gasmarkt auch diversifiziert wird. Mit dem Bau des Terminals ist zwar noch nicht angefangen worden, jedoch erwarb Pieridae  im Oktober vom Energieriesen Shell schon ein passendes Gasfeld dazu. Das Feld deckt laut dem kanadischen Unternehmen den größten Teil des Bedarfs für 20 Jahre. „Eine gute Position“ für die Kreditgarantien ist dadurch offenbar geschaffen worden. 

    Die Gasförderung mittels Fracking gilt in Bezug auf den CO2-Ausstoß umstrittener, als mit normalen Methoden, denn es werden dabei Chemikalien in die Erde gepumpt, um Gas aus dem Gestein zu lösen. Die Grünen sowie die Abgeordneten der Linksfraktion leisteten Widerstand gegen öffentliche Gelder für den Import von Fracking-Gas und LNG - bisher eher vergeblich. Die finanziellen Risiken der LNG-Projekte zeigen sich eben im Falle mit dem litauischen „Independence“-Projekt von Klaipėda als hoch: Die tatsächliche Auslastung des Terminals mit dem Flüssiggas aus den USA sowie aus Norwegen betrug 2018 nur 28 Prozent bei einem obligatorischen technischen Minimum von 20 Prozent. Die niedrigeren Preise auf russisches LNG auf der Börse führten ihrerseits dazu, dass der estnische Energiekonzern „Eesti Energia“ im September erstmals russisches LNG geliefert bekam.

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    Tags:
    Gazprom, Kanada, Litauen, Niedersachsen, Deutschland, Russland, Katar, LNG