13:34 16 Dezember 2019
SNA Radio
    Nato-Gipfel in Brüssel (Archivbild)

    Experte: „Nato erfüllt Sicherheitsbedürfnisse der Türkei nicht mehr“

    © Sputnik / Alexej Witwizkij
    Politik
    Zum Kurzlink
    4415
    Abonnieren

    Die Nato ist den türkischen Anforderungen bezüglich der Sicherheit nicht mehr gewachsen. Mehmet Öğütçü, der Präsident des Energie-Clubs der renommierten Bosporus-Universität und Ex-Diplomat, hat das Kräfteverhältnis zwischen dem Bündnis und der Türkei vor dem Hintergrund des Nato-Gipfels in London gegenüber Sputnik kommentiert.

    Der Nato-Gipfel, der am Dienstag in London startete, werde für das Bündnis historisch sein, sagte Mehmet Öğütçü. Heute sei die Türkei, von Anfang an eines der loyalsten Mitglieder des Bündnisses, bestrebt, ihren Platz in der Sicherheitsarchitektur als eine unabhängige Kraft in der Region einzunehmen.

    Der Grund dafür sei, so der Experte, dass „die Nato die Sicherheitsbedürfnisse der Türkei nicht mehr befriedigt“ und der berühmte Artikel 5 des Nato-Vertrages im Wesentlichen seine Wirksamkeit verloren habe und nicht mehr verwendet werde. (Artikel 5 des Nato-Vertrages von Washington (1948) legt fest, dass ein militärischer Angriff auf einen Mitgliedsstaat als ein Angriff auf alle Mitgliedsstaaten angesehen wird und somit den kollektiven Verteidigungsfall auslöst – Anm. d. Red.).

    „Seit dem Beitritt zum Bündnis ist die Türkei einer der engagiertesten Verbündeten der Nato gewesen. Sie übernahm weitgehend die Verteidigungslast der Nato, indem sie an den Operationen des Bündnisses beginnend von Afghanistan und endend bei Somalia teilnahm und etwa drei Prozent des BIP für Verteidigungszwecke bereitstellte. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat die Türkei ihre Position in der Region nach und nach gestärkt und versucht heute, als eigenständige Kraft in der Region einen eigenen Platz in der Sicherheitsarchitektur einzunehmen“, so Öğütçü.

    Die Zahl der Nato-Mitgliedsstaaten sei von 16 auf 29 gestiegen, und heute gebe es eine ernsthafte Spaltung zwischen dem Bündnis und der EU, so der Experte weiter.

    „Es muss daran erinnert werden, dass die Türkei der zweitgrößte Nato-Staat hinsichtlich der Streitkräfte ist und mit diesem Indikator den achten Platz in der Welt belegt. Aus militärischer Sicht kann sie daher als ein Land nicht ignoriert werden. Meiner Meinung nach gibt es derzeit keinen einzigen Akteur in der Nato, der gegenüber der Türkei ein warmes Vertrauensgefühl empfindet. Wie aber der Nato-Generalsekretär feststellte, sei die Türkei ein Verbündeter, auf den man nicht verzichten könne, weil sie im Osten an den Iran, im Süden an Syrien, an den Irak und das östliche Mittelmeer grenze und im Norden einen Zugang zum Schwarzen Meer habe“, sagte Öğütçü.

    In einer solchen Situation können laut dem Experten andere internationale Akteure, auch wenn es eine regionale Macht wie die Türkei ist, die ihr Potenzial nicht voll einsetzt, keine Schritte unternehmen, ohne ihre Interessen zu berücksichtigen.

    Was den Nato-Gipfel in London anbetreffe, so sei das bevorstehende Vierertreffen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der Bundeskanzlerin Angela Merkel, des französischen Staatschefs Emmanuel Macron und des britischen Premiers Boris Johnson wichtig,  insbesondere vor dem Hintergrund des jüngsten verbalen Schlagabtauschs zwischen dem türkischen und dem französischen Staatschef.

    Das Treffen der Staats- und Regierungschefs der Nato-Mitgliedsländer findet am 3. und 4. Dezember in London statt.

    pd/mt/sna/

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Alles nach US-Plan? An Nord Stream 2 wird offenbar auch noch im Winter und Frühjahr weitergebaut
    Schließung von Basen für US-Militär? Pentagon-Sprecher nimmt zu Erdogans Drohung Stellung
    Deutsche Industrie überraschend tiefer in Rezession
    Tags:
    Verteidigung, Boris Johnson, London, Gipfel, Emmanuel Macron, Recep Tayyip Erdogan, Bündnis, Mitglied, Sicherheit, Türkei, NATO