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    Fall Khangoshvili: Der Georgier-Mord in Berlin und seine diplomatischen Auswirkungen (11)
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    Der Chef der einstigen KGB-Antiterroreinheit, Wladimir Luzenko, schließt nicht aus, dass der in Berlin ermordete Georgier ein Informant „gewisser, wohl deutscher“ Geheimdienste hätte sein können. So kommentiert er die Information, dass Zelimkhan Khangoshvili trotz eines russischen Auslieferungsgesuches doch nicht ausgeliefert wurde.

    „Hätte Khangoshvili ein Informant sein können? Na klar. Solche Lumpen wenden sich normalerweise an die Geheimdienste, bieten ihnen ihre Leistungen an, um sich ein wohlgenährtes Leben zu sichern. So wie Osama bin Laden einst mit dem CIA verbunden war“, sagt Luzenko (72), eben ein FSB-Veteran, gegenüber Sputnik. Bei einer Pressekonferenz in Paris hatte Russlands Präsident Wladimir Putin am Dienstag gesagt, Moskau habe an Berlin Gesuche um die Auslieferung Khangoshvilis als des Organisators der Terrorakte in der U-Bahn gerichtet, die deutsche Seite aber sei der Bitte Russlands jedoch nicht nachgekommen. Der europapolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Andrej Hunko, kommentierte daraufhin gegenüber RIA Novosti, das seien halt offene Fragen, die geklärt werden müssten. Der CDU-Politiker und Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen, warf seinerseits Putin Lügen vor. Von einem Auslieferungsbegehren sei deutschen Behörden nichts bekannt, so Röttgen gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Dasselbe gelte für Putins Terrorismus-Anschuldigungen gegen diese Person.

    „Der Mann steht ja auf der internationalen Fahndungsliste von Interpol und hatte Deutschland um Asyl gebeten. Vielleicht mag ein einfacher Abgeordneter das nicht wissen, aber entschuldigen Sie, die Geheimdienste wissen alles“, sagt Luzenko weiter. Viel mehr, weil auch die Geheimdienste Kontakte zueinander pflegen würden. „Die Deutschen hätten bei der Lubjanka (am Lubjanka-Platz in Moskau steht das FSB-Gebäude) anrufen können, niemand hätte ihnen ja eine Auskunft verweigert. Denn der Kampf gegen den Terrorismus ist keine Politik, sondern ein Kampf für alle. Mutmaßlich waren die Mitarbeiter der Geheimdienste nicht sehr kompetent und kapierten nicht, mit wem sie es zu tun hatten. Sollte es tatsächlich der Fall sein, so war der Mann in seinen Ansichten und Überzeugungen den deutschen Geheimdiensten gegenüber kaum aufrichtig“, so Luzenko.

    „Stellen Sie sich vor, Anis Amri hätte überlebt …“ 

    Im zweiten Tschetschenien-Krieg kämpfte Khangoshvili, der ethnische Tschetschene mit georgischer Staatsbürgerschaft, an der Seite der tschetschenischen Terroristen unter Führung der Islamisten Schamil Bassajew, Abu l-Walid und des ethnisch-tschetschenischen Nationalisten Aslan Maschadow - auf die Bassajew-Bande verwies selbst „Der Spiegel“ in seiner Recherche vom August. Etwa seit 2008 stand er eben unter Verdacht auf Beteiligung an terroristischen Anschlägen auf dem Territorium der kaukasischen Republik Inguschetien und soll vom Zentrum zur Bekämpfung des Extremismus (CPE) des republikanischen Innenministeriums aktiv gesucht gewesen sein. Nach dem misslungenen Attentat auf ihn war er nach Angaben der russischen Zeitung „Kommersant“ aus Tiflis über die Ukraine geflohen und soll bei seinem alten Bekannten, dem ehemaligen georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili, der gleich nach dem Tode Khangoshvilis diesen „einen wahren Patrioten Georgiens“ nannte,  kurzfristig eine Zuflucht bekommen haben. In Deutschland lebte Khangoshvili laut dem „Focus“ seit 2016, nachdem er da einen Asylantrag gestellt hatte. In Georgien wurde Khangoshvili nach Angaben aus Sicherheitskreisen erst 2016 auf die internationale Fahndungsliste gesetzt. 

    Als Luzenko erfuhr, dass der Ermordete sich in Deutschland aufgehalten hatte, habe er es den deutschen Kollegen „übel genommen“, sagt er weiter gegenüber Sputnik. Damals in den 1990ern habe er leidenschaftlich dafür gearbeitet, dass der Terrorismus durch mehrere Länder zusammen bekämpft werden kann, damit „kein Gefährder sich irgendwo versteckt“. „Stellen Sie sich vor, Anis Amri hätte überlebt und würde nun täglich durch einen Moskauer Park ruhig spazieren gehen. Würden die Deutschen sich beleidigt fühlen, oder?“, fragt Luzenko nun zurück. Es sei „unehrlich“ sowohl den russischen als auch den deutschen Opfern des Terrorismus gegenüber, einen Khangoshvili durch Berlin spazieren gehen zu lassen. Besonders die Teilnahme Khangoshvilis an der Bassajew-Bande sieht Luzenko äußerst kritisch, denn Luzenko war eben Augenzeuge des Terroranschlages 1995 in Budjonnowsk in der Region Stawropol, als die Bassajew-Bande etwa 1600 Menschen in einem Krankenhaus als Geiseln genommen und 130 davon ermordet hatte. Khangoshvili war damals zwar noch nicht Teil der Bande, aber „die Ideologie und die Psychologie waren gleich“. Die Bande wurde 2006 mit dem Tode des Anführers aufgelöst.

    „Unnützliche und schädliche Aktionen“

    Als der Dubai-Attentäter 2010 mit einem eilig erworbenen deutschen Pass und dem Decknamen Michael Bodenheimer sowohl in Köln als auch im israelischen Herzliya Spuren hinterließ, wollte der israelische Geheimdienst seine Beteiligung an der Ermordung von Hamas-Waffenhändler Mabhuh „weder bestätigen noch dementieren“. Es wurden jedoch keine israelischen Diplomaten aus Deutschland ausgewiesen. Ob die russischen Geheimdienste in den Mord an Khangoshvili verwickelt sein könnten? 

    „Historisch gesehen arbeiten in unseren Diensten sehr disziplinierte Menschen, die den Willen der politischen Führung erfüllen. Die Führung ist, Gott sei Dank, vernünftig und ziemlich nüchtern. Strategisch gesehen brauchen sie da, wo die Beziehungen zum Westen durch ständige Anschuldigungen ohnehin schlimm sind, keine dergleichen Aktionen in Deutschland durchführen. Es ist unnützlich und schädlich“, meint Luzenko. Die Version mit der Rache durch die kaukasischen Banden sieht der Sputnik-Gesprächspartner als realistischer. „Er beteiligte sich am Mord vieler Menschen im Kaukasus. Sowas verzeiht man im Kaukasus nicht. Er selbst war darunter einer der Anführer und hatte sicherlich Zugang zum großen Geld am Trog. Ob man da etwas nicht geteilt hat?“

    Länder würden Gewehre, Panzer und Raketen sammeln, können ihre Leute auf den Straßen aber nicht schützen, bedauert Luzenko. Die UNO habe über 200 Resolutionen gegen den Terrorismus verabschiedet, aber es werde nichts unternommen. „Nach dem September 2001 bestand die Hoffnung, dass die Amerikaner jetzt zur Besinnung kommen und wir alle zusammenarbeiten. Aber leider ist es nicht dazu gekommen. Heute verstecken sich unsere blutigsten Terroristen - wie etwa der Ideologe Mowladi Udugow - entweder in London oder in Saudi-Arabien“, sagt Luzenko abschließend.  Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert hat Auslieferungsersuchen Russlands für Khangoshvili zu diesem Zeitpunkt bestritten. „Es liegen uns keine Erkenntnisse über ein solches Auslieferungsersuchen vor“, sagte Seibert am Mittwoch in Berlin.

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    Tschetschenien, Zelimkhan Khangoshvili, Michail Saakaschwili, Russland, Ukraine, Georgien, Georgier, Berlin-Moabit, Deutschland, FSB, Andrej Hunko