21:08 24 Januar 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    Massive Eskalation in Nahost nach Mord an Soleimani – Alle Entwicklungen (67)
    1913911
    Abonnieren

    Der türkische Politologe und Experte des Zentrums für Nahost- und Afrika-Studien beim Institut „Türkei 21. Jahrhundert“, Yasin Atlioglu, hat in einem Sputnik-Interview die Folgen der Ermordung des iranischen Generals Qassem Soleimani und die Entscheidung des irakischen Parlaments zum Abzug ausländischer Truppen aus diesem Land erläutert.

    Nach seiner Auffassung werden die Iraker diesen Beschluss der Parlamentarier in absehbarer Zeit kaum umsetzen können. „Die aktuelle politische Struktur des Iraks wurde großenteils von dem Prozess geprägt, der der US-Besatzung folgte. Es geht um diverse Strukturen sowohl im irakischen Parlament als auch in der Region, die von vielen Gruppierungen beeinflusst werden. Das irakische Parlament hat diese Entscheidung großenteils deshalb getroffen, weil der iranische Einfluss dort stark ist. Der Iran bemüht sich nach der Ermordung Soleimanis um die möglichste Festigung seiner Positionen im Irak. Aber ich denke nicht, dass der Beschluss des irakischen Parlaments in absehbarer Zeit erfüllt wird, denn im Land gibt es keinen politischen Willen, der fähig wäre, die US-Truppen zum Rückzug aus dem Irak zu zwingen. Nach 2005, als die neue irakische Verfassung in Kraft trat, wurde im Irak ein Verwaltungssystem etabliert, in dessen Rahmen viele religiöse und ethnische Gruppen Stimmrecht und Einfluss haben. Deshalb wird diese Entscheidung kurzfristig eine eher nominale Bedeutung haben“, erklärte Atlioglu.

    Zu den Folgen des Mordes an General Soleimani sagte der Experte, dass dieser Zwischenfall zur Vereinigung der antiamerikanischen Kräfte um den Irak und den Iran und zur Bildung einer Koalition geführt habe, was den Erwartungen Washingtons gar nicht entspreche.

    „Hätte der US-Präsident einen hochqualifizierten Berater bzw. einen Militärexperten gehabt, der sich im kulturellen und religiösen Leben des Nahen Ostens auskennt, dann hätte er Trump von diesem Schritt abgeraten – oder wenigstens von dem Mord an einer im Iran solch wichtigen Person auf irakischem Boden, die seit langem als schiitischer Märtyrer bekannt war“, so der Politologe.

    „Der Mord an Soleimani löste im Irak eine heftige und emotionale Reaktion aus. Wenn man sich Berichte in den Medien und sozialen Netzwerken ansieht, kann man feststellen, dass viele Vertreter der schiitischen Lehre Soleimani einen Märtyrer nennen, der im Kampf für den Glauben und die rechte Sache gefallen ist. Diese Situation führte zur Solidarisierung und Bündelung der regionalen Kräfte, was die USA überhaupt nicht wollten. Irgendwann wird unbedingt die Rache für Soleimanis Tod folgen, auch wenn ich nicht an eine direkte Konfrontation zwischen den USA und dem Irak glaube“, ergänzte Atlioglu.

    US-Luftangriff auf „Kataib Hisbollah“ in Irak und Syrien

    Die Situation in der Nahostregion war nach dem US-Luftangriff am 29. Dezember auf Objekte der schiitischen Gruppierung „Kataib Hisbollah“ im Irak und in Syrien eskaliert.

    Das Pentagon rechtfertigte diese Handlungen als Antwort auf die Attacken der Schiiten gegen eine irakische Militärbasis nahe Kirkuk, im Zuge derer ein Bürger der Vereinigten Staaten ums Leben kam und vier US-Soldaten verletzt wurden. Die Miliz bestritt jedoch ihre Verwicklung.

    Am 31. Dezember wurde die US-Botschaft in Bagdad von Protestlern gestürmt, die nach Ansicht Washingtons von pro-iranischen Milizen wie der „Kataib Hisbollah“ unterstützt wurden.

    Ermordung von Soleimani

    Die Spannungen in der Region hatten sich weiter verschärft, nachdem die USA in der Nacht zum 3. Januar bei einem Drohnenangriff in Bagdad den iranischen General Qassem Soleimani und den irakischen Milizenführer Abu Mahdi al-Muhandis getötet hatten. Die USA sahen in al-Muhandis einen der Initiatoren des Angriffs auf die US-Botschaft in Bagdad am 31. Dezember und warfen Soleimani vor, Attacken auf US-Bürger vorbereitet zu haben.

    Reaktion von Teheran

    Als Reaktion attackierte der Iran in der Nacht zu Mittwoch zwei irakische Militärstützpunkte, in denen auch US-Truppen stationiert sind, mit Raketen. Bei dem Angriff gab es jedoch entgegen anderslautenden Meldungen keine US-Opfer. Am Donnerstag hatte Irans Parlament einem Gesetzentwurf einstimmig zugestimmt, der die US-Armee und das US-Verteidigungsministerium als Terrororganisationen einstuft.

    Washingtons Antwort

    Mit Spannung wurde die Reaktion der Vereinigten Staaten auf die Raketenattacke Teherans erwartet. US-Präsident Donald Trump kündigte in seiner Rede an die Nation zusätzliche Wirtschaftssanktionen gegen den Iran an. Washington erwäge weitere Schritte gegen Teheran.

    Bundesregierung verurteilt iranischen Angriff

    Die Bundesregierung hat den iranischen Vergeltungsangriff auf US-Stützpunkte im Irak scharf verurteilt, teilte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer am Mittwoch mit. "Ich kann nur sagen, sicherlich im Namen der Bundesregierung, dass wir diese Aggression auf das Schärfste zurückweisen", so Kramp-Karrenbauer. "Wir fordern Iran auf, alle Schritte zu unterlassen, die zu einer weiteren Eskalation führen könnten", twitterte Bundesminister des Auswärtigen Heiko Maas am Mittwoch.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Massive Eskalation in Nahost nach Mord an Soleimani – Alle Entwicklungen (67)

    Zum Thema:

    Erste Fälle von Coronavirus in Europa registriert
    Hauptsache gegen den Russen – Yad Vashem, Putin und mal wieder ein bizarrer ARD-Kommentar
    Annäherung zwischen Berlin und Moskau verhindern: Til Schweiger äußert sich zu US-Maxime
    Tags:
    Nahost, USA, Iran, Irak, Qassem Soleimani