18:34 18 Januar 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    4710119
    Abonnieren

    Ein alarmierender Kommentar im „Neuen Deutschland“ („ND“) zu einem möglichen Heimatministerium in Thüringen hat eine Empörungswelle gleich mehrerer Linke-Abgeordneter ausgelöst. Ministerpräsident Bodo Ramelow warf dabei der Autorin „böse Unterstellungen“ vor. Die Einstellung zum Wort „Heimat“ bleibt weiter sehr kompliziert.

    „Ein reines Hirngespinst eines Journalisten, das niemand in der Thüringer Linke je auch nur gedacht hat, dermaßen widerlich und faktenfrei ins Blatt zu nehmen, sei unverschämt und das Gegenteil von Journalismus“, schrieb die Vorsitzende der Linksfraktion Thüringen, Susanne Hennig-Wellsow empört auf Twitter unter Verweis auf einen „ND“-Artikel.

    ​In diesem argumentierte die Autorin Lotte Laloires, warum das Gerede von „Heimat“ der Linkspartei strategisch schaden würde, ohne dabei auf konkrete Politikernamen verwiesen zu haben. Es war lediglich angenommen, dass einzelne Linke-Politiker den Angaben „von verschiedenen Personen aus dem Kreis der Verhandlungspartner von Linkspartei, SPD und Grünen“ zufolge in kleineren Gesprächsrunden vorgeschlagen hätten, aus dem Infrastrukturministerium ein „Heimatministerium“ zu machen - nach dem bayerischen Vorbild.

    „Rechte und Faschisten haben die Heimatgefühle der Deutschen bereits aufgekocht“

    Der Thüringer Heimatschutz habe den Boden für das Blut bereitet, das der rechtsterroristische NSU vergossen habe, argumentierte die Autorin in einem emotionalisierten Kommentar. Es dürfte bekannt sein: „Heimat“ hat weder als Ministerium noch als Konzept je etwas Gutes gebracht, beharrt sie. Dazu habe man in der Partei angesichts von 2,8 Prozent Zuwachs bei der Landtagswahl es nicht nötig, mit diesem Köder wie eine Rattenfängerin durchs Land zu ziehen. Unter „berechtigten Hinweisen auf die verbrannte Erde“ kommt Laloire dann zum Schluss, mit „Heimattümelei“ würde die Linke keinen Blumentopf gewinnen. Wolle die Partei die Alternative zur „falschen Antwort auf die falschen Verhältnisse“ sein, sollte sie den Rechtsradikalen nicht nachplappern, sondern sich von ihnen abheben, appelliert die Autorin weiter.

    „In Zeiten des täglichen neoliberalen Bullshit-Bingos sehnt sich niemand nach einem weiteren Begriff, in den alle hineininterpretieren, was sie wollen: Bauhaus, Buchenwald, blonde Zöpfe, Autobahn, Kindheitsgerüche, beste Freunde, schöne Bäume - was davon nicht rechts ist, ist konfus und irrelevant <...>“, meint sie und befürchtet Exklusion, „eine Grenze zu einem Anderen, einem Außen, einem Fremden aus“.

    Außerdem sind die Linken ihrer Meinung nach zu spät dran, denn mit der Flüchtlingskrise hätten Rechte und Faschisten die Heimatgefühle der Deutschen bereits aufgekocht.  Zum Schluss fordert sie noch: Statt mit Nazis nach dem Vorschlag Ramelows aus dem Jahre 2018 um den „Heimat“-Begriff zu kämpfen, sollten Linke gegen Nazis kämpfen, wie etwa die Verstrickungen von Verfassungsschutz und NSU aufarbeiten, Rechtsrockkonzerte verbieten, die Polizei in ihre Schranken weisen und Abschiebungen reduzieren.

    „Wann haben wir bei den Koalitionsverhandlungen über ein ‚Heimatministerium‘ verhandelt? Wann und wer? Fakten bitte und nicht böse Unterstellungen! Und bitte nun nicht ablenken und vom ‚Heimat-Begriff‘ fabulieren“, reagierte seinerseits der linke Ministerpräsident Bodo Ramelow auf den Artikel.

    ​Christian Schaft, Mitglied des Landtages, schlug der Zeitung seinerseits vor, künftig „erstmal bei den Verantwortlichen vor Ort nachzufragen“. Auf die Sputnik-Frage, was die Parteichefin von solchen Ideen generell halte, ließ eine Sprecherin der Politikerin lediglich wissen, Hennig-Wellsow habe klargestellt, dass an keiner Stelle in den Verhandlungen ein „Heimatministerium“ gefordert worden sei.

    Jedes Ministerium in Thüringen sei quasi ein Heimatministerium, sagte ein Mitglied der Verhandlungsgruppe der Linken nach MDR-Informationen am Rande der Verhandlungsrunde in Erfurt. Am Mittwoch hat sich Rot-Rot-Grün bereits auf einen rund 60 Seiten starken Regierungsvertrag geeinigt.

    Heimat – ein rechter Begriff?

    Die politische Konnotation des Wortes „Heimat“ bleibt weiter sehr unterschiedlich. Eine „Vermächtnis-Studie“ der Zeitung „Zeit“ zeigte im Mai 2019, dass der Begriff für Deutsche zwar sehr wichtig sei, jedoch viele darunter nicht unbedingt Deutschland verstehen würden, sondern Familie, Freunde und Bekannte. Der Sozialforscher Jacob Steinwede vom Infas-Institut kommentierte, es sei keine Leitidee nationaler Identität damit verbunden.

    Auch die linke Sammlungsbewegung „Aufstehen“ von Sahra Wagenknecht wollte zu Zeiten deren Vorsitzes  Begriffe besetzen wie Heimat und Identität. In einem Cicero-Interview erklärte ihrerseits die geschiedene Fraktionschefin im Bundestag im September 2018, Heimat sei kein rechter Begriff, sondern „etwas Existenzielles“. Die Verteidigung des Rechts auf Heimat hat damit laut Wagenknecht nicht primär etwas mit Zuwanderung zu tun, sondern damit, dass „wir wieder mehr Stabilität im Leben brauchen“.

    Jedoch ist es gerade die AfD, die auf den Begriff vor allem in den Regionen stark setzt. In einem Sputnik-Interview machte der Staatswissenschaftler bei der Uni Potsdam Prof. Dr. Jochen Franzke darauf aufmerksam, dass die Thüringer AfD im Wahlkampf die Begriffe Heimat, Identität, die Forderung nach einer Gesellschaft mit mehr Disziplin, Ordnung und Übersicht wiederholte. Im Großen und Ganzen entspricht solche AfD-Ansprache laut Franzke dem Wunsch vieler Menschen nach mehr Sicherheit in den Zeiten der Globalisierung, die das Leben ungeheuer beschleunigt hat. Man versuche daher, die Vergangenheit in die Gegenwart zu verlängern, denn „dieses nostalgische Bild ist durchaus attraktiv“.  „Ich bin der Meinung, dass man Heimat und die Verbundenheit fördern soll, aber man muss sie kritisch betrachten. Wenn man rassistisch vorgeht und einen Teil der Menschheit verantwortlich macht für alle Probleme dieser Welt, das halte ich für problematisch. Es gibt Gott sei Dank in einem pluralistischen demokratischen System andere Angebote“, sagte der Politologe gegenüber Sputnik.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    „Das geht zu weit“: Putin beklagt „unrechtmäßige Urteile“ des Europäischen Gerichtshofs
    EU-Parlament wirft Putin Geschichtsverzerrung vor
    Alice Weidel irritiert russische Botschaft auf Twitter
    Tags:
    SPD, Die LINKE-Partei, PdL, Thüringen, Bodo Ramelow