22:14 11 August 2020
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    Die sogenannte Berliner Libyen-Konferenz gilt schon vor ihrer eigentlichen Durchführung als ein gewisser diplomatischer Erfolg. Und das nur, weil es gelang, alle wesentlichen Akteure in diesem Konflikt überhaupt an einen Tisch zu bekommen. Aber wer hat dort eigentlich welche Interessen, wer hat die Teilnehmer ausgewählt und warum?

    Am Donnerstag, dem 16. Januar veröffentlichten die Internetseiten von Bundesregierung und Bundeskanzlerin eine gleichlautende Mitteilung mit der Überschrift „Eine Friedensperspektive für Libyen“. Darin wurden neben Gastgeber Deutschland weitere 17 Teilnehmer für die Libyenkonferenz benannt, elf Staaten, vier internationale Organisationen und die zwei derzeit wichtigsten Vertreter Libyens. Es mutet daher etwas merkwürdig an, dass Regierungssprecher Steffen Seibert einen Tag später in der Regierungspressekonferenz so klang, als gebe es keine offizielle Teilnehmerliste:

    „Sie haben sicherlich gelesen, dass einige der Teilnehmer ihre Teilnahme mittlerweile selbst bekannt gegeben haben. Zum derzeitigen Zeitpunkt will ich hierzu nicht ergänzen. Ich kann sagen - ich denke, das wurde auch schon gesagt, dass wir eine sehr gute Resonanz haben.“

    Dass sowohl Seibert als auch der stellvertretende Sprecher des Auswärtigen Amtes, Rainer Breul, im Verlauf der Pressekonferenz geradezu zwanghaft bemüht waren, sich zu den Teilnehmern der Konferenz so bedeckt wie möglich zu halten, könnte daran liegen, dass bereits die Fetzen fliegen, bevor der erste Staatsgast überhaupt in Berlin eingetroffen ist.

    Griechenland droht mit Blockade noch vor Konferenzbeginn

    Die griechische Regierung ist empört, dass angeblich oder tatsächlich auf Druck der türkischen Regierung Griechenland von der Teilnahme ausgeschlossen worden sei. In Athen wird geargwöhnt, die Türkei wolle sich den Zugriff auf Erdgasvorkommen mit Hilfe einer „Seegrenzen-Vereinbarung“ sichern, die sie mit der international anerkannten Regierung in Tripolis abgeschlossen hat. Griechenland droht mit einem Veto für jedwede Friedensvereinbarung, die in Berlin zustande kommen könnte, sollte diese bilaterale Vereinbarung nicht umgehend annulliert werden.

    Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, stellte in Berlin klar, „dass die Teilnahme Griechenlands an dieser Berliner Libyen-Konferenz nie zur Debatte stand.“ Und Seibert erklärte auch, namens der Bundesregierung, wieso: „Bei jeder Konferenz muss eine Entscheidung über das Teilnehmerformat getroffen werden. Die Bundesregierung - Außenministerium, Kanzleramt - hat sich dabei am Gegenstand der Konferenz orientiert, und das ist genau das, was ich auch zu beschreiben versucht habe: Die unmittelbaren internationalen Akteure mit Einfluss in den libyschen Konflikt hinein nehmen an dieser Konferenz teil, und das ist der Fokus der Veranstaltung.“

    Die etwas ketzerische Frage eines Journalisten: „In Ihrer Begründung, warum Griechenland nicht eingeladen wurde, haben Sie gesagt, dass nur die Länder eingeladen wurden, die Einfluss in Libyen haben. Haben also die Griechen das Nachsehen, weil sie keine Waffen nach Libyen liefern?“ beantwortete Seibert vielsagend, indem er sie nicht beantwortete.

    Womit wir zu den unterschiedlichen Interessen und Engagements der teilnehmenden Staaten und Organisationen in Libyen, aber auch zu den Schwierigkeiten ganz generell kommen. Denn sich einfach an einen Verhandlungstisch zu setzen und miteinander zu reden, ist im Fall Libyen mehr als naiv. Auch der sicher richtige und wichtige Verweis darauf, dass die Dramen, die sich täglich in Libyen und vor seinen Küsten abspielen und die de facto Staatenlosigkeit Libyens möglicherweise zu verhindern gewesen wären. Nämlich, wenn eine westlich dominierte Allianz zusammen mit der Nato 2011 den von der Uno abgesegneten Plan einer Flugverbotszone nicht zur Entmachtung des damaligen Staatschefs, Muammar al-Gaddafi, genutzt hätte sowie dazu, Rebellen mit Waffen zu versorgen, libysche Infrastruktur zu bombardieren und für ein Bürgerkriegschaos zu sorgen. Für eine Konferenz, die für eine Friedenslösung sorgen soll, wird das nicht zielführend sein.

    Die unterschiedlichen Interessen der Konferenzteilnehmer

    Allerdings ist ein Blick zurück auch hilfreich für einen Blick voraus, also darauf, was wer von dieser Konferenz erwartet und was von dieser Konferenz zu erwarten ist. Wobei wiederum festzuhalten ist, dass verwirrende und auf den ersten Blick widersprüchliche Konstellationen zu beobachten sind. Aber der Reihe nach und entsprechend der von der Bundesregierung gewählten Reihenfolge:

    1. USA – Die Vereinigten Staaten waren der maßgebliche Motor für den Sturz Gaddafis und den Versuch eines Regimechange unter ihren Bedingungen. Da aber General Chalifa Haftar diese Pläne durchkreuzte und den Machtanspruch des international anerkannten Staats- und Regierungschefs Fayiz as-Sarradsch praktisch auf den kleinen nordwestlichen Teil Libyens, Tripolitanien, beschränkt, dürfte das Ziel der USA in Berlin die Verhinderung der Machtübernahme Haftars in Libyen sein, weil Washington einen Einflussverlust in der Region befürchtet. Und die USA werden mit Sicherheit in Berlin ihren Weg der Zerschlagung aller multilateralen Strukturen und Mechanismen weiterverfolgen, die ihnen für das Motto „America first!“ als nicht dienlich erscheinen. Denn die dahinterliegende Strategie beruht auf der Überlegung, dass für die USA eine bilaterale Auseinandersetzung mit jedem Staat wesentlich erfolgversprechender ist, wenn die ökonomische, finanzielle und nicht zu vergessen militärische Dominanz dieses Landes ganz anders wirkt als in einer oder gegen eine Staatengemeinschaft.
    2. Russland – Moskau hatte sich 2011 im Weltsicherheitsrat, trotz erheblicher Bedenken, seiner Stimme als eines der fünf ständigen Mitglieder enthalten, zusammen mit China, Brasilien, Deutschland und Indien, die interessanterweise beinahe alle BRICS-Staaten sind. Damit blockierte Russland die Beschlussfassung der Uno-Resolution 1973 nicht, die die Einrichtung einer Flugverbotszone und ein Waffenembargo für Libyen vorsah. Aus Sicht Russlands wurde dieser gute Wille aber von westlichen Staaten für einen Regimechange gemäß ihren Interessen missbraucht. Russland zeigte sich vor allem von den französischen Waffenlieferungen an Rebellen empört. Deshalb ist es der feste Wille der russischen Regierung, die Uno und ihr wichtigstes Organ, den Weltsicherheitsrat, als einzigen Ort für internationale Konfliktlösungen zu stärken und sich gegen die Ambitionen der Nato, als Weltpolizei aufzutreten, zu positionieren. Russland bemühte sich, zusammen mit der Türkei, vor wenigen Tagen in Moskau einen Waffenstillstand für Libyen auszuhandeln. Der schon erwähnte General Haftar reiste allerdings aus Moskau ab, ohne das Abkommen zu unterzeichnen. Darauf hatte aber auch die kurz zuvor in Moskau anwesende deutsche Bundeskanzlerin gehofft. Wie kolportiert wird, soll der in Moskau angestoßene Prozess mit der Berliner Konferenz vorangetrieben werden, also Waffenstillstand und Bildung eines stabilen Staatswesens, was die russische Regierung ausdrücklich unterstützt.
      Russisch-türkische Verhandlungen über Libyen-Lage in Moskau am 13. Januar 2020
      © Sputnik / Ramil Sitdikow
      Russisch-türkische Verhandlungen über Libyen-Lage in Moskau am 13. Januar 2020
    3. Großbritannien – Großbritannien gehörte mit der „Operation Ellamy“ zu den aktivsten Staaten, die durch ihr militärisches Eingreifen im Rahmen der Uno-Resolution 1973 das ohnehin zerbröckelnde libysche Staatswesen vollends ins Chaos stürzten. Großbritannien hat als alte Kolonialmacht in Ägypten, Malta oder Zypern in Nordafrika und im Mittelmeer nach wie vor eigene strategische Interessen, dürfte aber, wie die USA, vor allem an einer Stärkung des international anerkannten Präsidenten as-Sarradsch interessiert sein, um eine Stärkung General Haftas zu vermeiden, weil London davon ausgeht, dass dies die Position Russlands stärken könnte.
    4. Frankreich – Frankreich ist daran interessiert, dass die ohnehin fragile Situation in seinen ehemaligen Kolonien im Westen und Süden Libyens – Algerien, Mali, Niger und Tschad – nicht noch mehr destabilisiert wird durch eine anarchische Staatlichkeit in Libyen, die vor allem islamistischen Fundamentalisten nützt. Weshalb Frankreich auf einen starken, durchsetzungsfähigen Mann in Libyen setzt, und das ist in diesem Fall General Haftar. Paris möchte allerdings auch, ähnlich wie London, schon aus Prestigegründen, als eine der fünf Vetomächte im UN-Sicherheitsrat, nicht von einer deutsch-russisch-türkischen Libyeninitiative in den Schatten gestellt werden. Sondern als weltpolitisch bedeutsamer Player nach wie vor sichtbar bleiben, zumal sowohl Paris als auch London natürlich die Risiken erkannt haben, die aus dem anti-multilateralen Kurs der USA für die kleinsten der ständigen Fünf des Weltsicherheitsrates erwachsen.
    5. China – Die Volksrepublik kritisierte 2011 ebenso scharf wie Russland, dass die Uno-Resolution 1973 mehr oder weniger nur als Alibi für westliche Regimechange-Pläne in Libyen diente. Peking fühlte sich genauso wie Moskau mehr oder weniger ausgenutzt und hintergangen. Das Interesse Chinas an der Libyen-Konferenz dürfte deshalb, analog zur Moskauer Position, vor allem auf die Stärkung multilateraler Organisationen und Abkommen gerichtet sein, also vor allem auf die Verteidigung des Sonderkonstruktes des Weltsicherheitsrates, in dem China als ständiges Mitglied vertreten ist. Nicht zu vergessen sind natürlich auch grundsätzliche ökonomische Interessen, die die aufstrebende Weltmacht auch offen vertritt, hat sie doch erhebliche Geldmittel in Investitionsprojekte in Libyen gesteckt, die durch die Militäraktionen 2011 schlagartig gefährdet wurden.
    6. Vereinigte Arabische Emirate (VAE) – Dem Emirat wird vorgeworfen, in Libyen einen Stellvertreterkrieg gegen seinen Intimfeind Katar zu führen. Beide Staaten unterstützten nach dem Zusammenbruch des Staates 2011 unterschiedliche Rebellengruppen. Die VAE sollen sogar mit ihrer Luftwaffe in den Bürgerkrieg in Libyen eingegriffen haben, um als islamistische Fundamentalisten geltende Rebellen auszuschalten. Die VAE werden in Berlin deshalb vermutlich alles daransetzen, dass General Haftar, der wie sie die islamistischen Fundamentalisten bekämpft, so stark wie möglich die Bühne verlässt.
    7. Türkei – Die Türkische Republik bemüht sich seit einer Weile einen Status als Regionalmacht im Nahen und Mittleren Osten zu etablieren. Vorwürfe gegen Ankara, auch mit der früheren Rolle der osmanischen Sultane zu liebäugeln, die als islamische Kalifen auftraten, sind praktisch verstummt. Dafür stehen nun im Zusammenhang mit den schon erwähnten Anschuldigungen aus Griechenland Vorwürfe im Raum, die Türkei habe sich aus strategischen und taktischen Gründen erst vor Kurzem militärisch in Libyen positioniert, um bei einer internationalen „Nachkriegs“-Konferenz, wie der nun in Berlin, mit am Tisch sitzen und mitbestimmen zu können. Die Türkei unterstützt offen den international anerkannten Präsidenten Fayiz as-Sarradsch und bezeichnet General Haftar auch schon mal als „Putschisten“, bemühte sich aber dennoch zusammen mit Russland um einen Waffenstillstand zwischen ihm in ihrem Protegé. Die Linie, die Ankara in Berlin verfolgen dürfte, sollte damit hinreichend erklärt sein.
    8. Kongo – Das Erstaunen des ersten Momentes geht vorbei, wenn man weiß, dass der kongolesische Präsident, Denis Sassou-Nguesso, der derzeitige Vorsitzende des „Hochrangigen Ausschusses der Afrikanischen Union für Libyen“ ist. Dass Sassou-Nguesso neben dem offiziellen Vertreter der Afrikanischen Union in Berlin dabei ist, wird von Beobachtern als bemerkenswerter diplomatischer Erfolg sowohl der Union als auch des Präsidenten der Republik Kongo gewertet, der wegen Korruptionsvorwürfen schwer angeschlagen ist.
    9. Italien – Die Italienische Republik hat besondere Interessen, die sich mit Libyen verbinden, ist Italien doch ehemalige Kolonialmacht dort gewesen. Italienische Diplomaten sollen es durch geschicktes Verhandeln mit lokalen Autoritäten geschafft haben, dass die sogenannte „Green Stream“ Pipeline, die Libyen mit Italien verbindet, selbst in Zeiten heftigster Kämpfe zwischen den verfeindeten Gruppierungen nicht blockiert wurde. Vielleicht war es ein aus diesem Erfolg geborener gewisser Übermut, der die italienische Regierung dazu bewog, Anfang Januar ihr Glück als Vermittler zwischen dem Lager as-Sarradsch und Haftar zu versuchen. Das aber ging gründlich schief. Weshalb Italien in Berlin sicherlich vor allem ein Thema im Blick haben wird: Libyen gilt als Einfallstor für Menschenhandel und Ausgangspunkt von Migrationsströmen übers Mittelmeer, von denen sich vor allem Italien bedroht sieht. Weshalb Rom ein hochgradiges Interesse daran hat, dass in Libyen wieder jene Strukturen vorhanden und funktionsfähig sind, die effektiver als bislang die Migrationsrouten aus Afrika nach Europa schließen.
    10. Ägypten – Als direkter Nachbar Libyens hat Kairo ein nachzuvollziehendes Interesse an einem stabilen Staatswesen dort. Allerdings hat die ägyptische Regierung mehrfach zu erkennen gegeben, dass ihre Sympathie General Haftar gilt, der aus Sicht Kairos derzeit der einzige Garant zur Eindämmung islamistischer Fundamentalisten ist. Die Position Ägyptens ist deshalb bemerkenswert, weil das Land in der Region als einer der wichtigsten Verbündeten der USA gilt, die, wie bereits erwähnt, Haftar auf gar keinen Fall ohne Not stark machen wollen.
    11. Algerien – Im Hinblick auf die unmittelbare Lage neben Libyen und den Kampf gegen islamistische Fundamentalisten, gilt die gleiche Einschätzung wie für Ägypten. Allerdings haben sich Algier und Kairo inzwischen ziemlich gut vernetzt, militärisch und mit ihren Sicherheitsdiensten. Algerien lehnt ausländische Einmischung in Libyen ab und plädiert für eine Lösung, bei der regionale Kräfte den Ton angeben. Und da denkt Algerien vor allem an ein gemeinsames Vorgehen mit Ägypten. Ein Blick auf die Potenziale beider Armeen lässt den Schluss zu, dass so eine Strategie, jedenfalls aus militärischer Sicht, nicht gänzlich aussichtslos wäre, aber die Risiken sind dennoch erheblich. Im Hinblick auf die Resonanz in der libyschen, aber auch bei der eigenen Bevölkerung.
    12. Uno – Die Uno vertritt die Position, dass nur sie dazu berufen ist, militärische Konflikte durch Diplomatie oder Sanktionierung zu befrieden. Deshalb haben sich die Vereinten Nationen nach Aussage der Bundesregierung auch umfangreich mit Berlin abgestimmt für die Vorbereitung der Konferenz durch intensive Diplomatie. Auf der Grundlage eines als „Friedensplan“ deklarierten Papiers des UN-Sondergesandten für Libyen, Ghassan Salamé, soll die Konzeption der Berliner Konferenz beruhen.
    13. EU – Die Position der Europäischen Union ist eindeutig und wenig überraschend, sind doch die wichtigsten und dominantesten Staaten der EU in Libyen und bei der Vorbereitung der Konferenz aktiv. Die EU betrachtet Libyen als Problem der Union, hat sie doch mit dem Land eine Außengrenze, weshalb Sicherheitsfragen und Fragen der Migration für die EU im Zusammenhang mit Libyen Priorität haben. Allerdings ist auch die EU daran interessiert, dass sie als eigenständiger Akteur auf dem diplomatischen Parkett wahrgenommen und respektiert wird.
    14. Afrikanische Union (AU) – Das Desaster von 2011 sitzt der Afrikanischen Staatengemeinschaft noch in den Knochen, war sie seinerzeit doch grandios mit ihrem Versuch gescheitert, die militärischen Aktivitäten westlicher Staaten in Libyen zugunsten einer afrikanischen Mission zu verhindern. Deshalb dürfte es das Bestreben der AU in Berlin sein, darauf zu pochen, dass Libyen zuallererst eine Frage ist, die der afrikanische Kontinent souverän alleine lösen will und muss.
    15. Arabische Liga – Der Staatenverbund aus 22 Nationen Afrikas und der arabischen Halbinsel hat es schwer, einheitlich zu handeln, denn zu seinen Mitgliedern gehören Staaten, die jeweils nur die eine Seite der Bürgerkriegsparteien unterstützen. Einer der letzten Versuche einheitlichen Auftretens der Liga ging Anfang des Jahres von einer Initiative Ägyptens aus, das eine Dringlichkeitssitzung beantragte, nachdem die Türkei im Schnellzugtempo ihr militärisches Engagement in Libyen beschloss und umsetzte. Dennoch erscheint es angesichts der Zusammensetzung der Liga wenig wahrscheinlich, dass die Organisation in Berlin druckvoll auftreten kann.
    16. Fayiz as-Sarradsch – Der international anerkannte Präsident und Ministerpräsident Libyens regiert de facto nur das sogenannte Tripolitanien, einen der Urkerne der recht jungen libyschen Staatlichkeit, ein relativ kleines Gebiet im Nordwesten des Landes. Dort befindet sich auch die Hauptstadt Tripolis und praktisch alle wichtigen Einrichtungen und Institutionen des Landes, denn Muammar al-Gaddafi hatte Libyen zu einem streng zentralisierten Staat gemacht. Das kommt as-Sarradsch nun zu Gute, denn mehr als die Hälfte der Bevölkerung Libyens lebt in Tripolitanien. Aber es ist auch seine Achillesferse. Denn nur die Tatsache, dass er in Tripolis ist, gilt als Rechtfertigung für seinen Status als international einzig respektierten staatlichen Vertreter Libyens. Die Tatsache, dass as-Sarradsch in Moskau das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet hat, nachdem er die Bemühungen der italienischen Regierung wenige Tage vorher wütend ablehnte, weil er die Anwesenheit General Haftars in Rom, vor ihm, dem legitimen Vertreter Libyens, als Affront empfand. Die Tatsache, dass sich as-Sarradsch einem Waffenstillstand nicht verschließt, deutet darauf hin, dass er begriffen hat, dass er den Konflikt militärisch nicht gewinnen wird und deshalb darauf hoffen muss, dass er mit internationaler Hilfe so viel für sich herausschlagen kann wie möglich.
    17. Chalifa Haftar – Der General hat Erfahrung mit Machtübernahmen. Er war am Putsch gegen König Idris, 1969, beteiligt, an der Seite Muammar al-Gaddafis, den er 42 Jahre später ebenfalls beseitigen half. Interessanterweise war er einige Jahre auf der Gehaltsliste des US-Geheimdienstes CIA und sollte einen Putsch gegen Gaddafi organisieren. Mit Seitenwechseln und Taktik kennt sich dieser Mann also aus, abgesehen von seinen militärischen Erfahrungen. Dass Haftar allerdings sich sowohl den Verhandlungen in Rom und Moskau Anfang des Jahres nicht verweigert hat, dass er auch grundsätzlich die Berliner Konferenz nicht in Bausch und Bogen verdammte, gilt für Analysten als Hinweis darauf, dass auch Haftar damit rechnet, dass er militärisch die Konfrontation nicht für ihn befriedigender Weise schnell für sich entscheiden kann. Deshalb wird er in Berlin sehr wahrscheinlich versuchen, aus einer Position der Stärke zu verhandeln. Denn das kann er sich leisten - erst Recht, nachdem Bundesaußenminister Heiko Maas mit einem Blitzbesuch im Hauptquartier Haftars in Bengasi, unmittelbar vor Konferenzbeginn, gegen alle Gepflogenheiten der deutschen Außenpolitik und Diplomatie verstieß sowie ihn damit aufwertete und als gleichwertigen Gesprächspartner akzeptierte. Was wiederum auf die Interessen des letzten derzeit bekannten Konferenzteilnehmers hinweist, des Gastgebers:
      Bundesaußenminister Heiko Maas bei Verhandlungen mit dem Anführer der Libysch-nationalen Armee Chalifa Haftar (R) am 16. Januar 2020 in Bengasi
      © REUTERS / Aswärtiges Amt / Xander Heinl / photothek.de / Handout
      Bundesaußenminister Heiko Maas bei Verhandlungen mit dem Anführer der Libysch-nationalen Armee Chalifa Haftar (R) am 16. Januar 2020 in Bengasi
    18. Deutschland – Die Bundesregierung hat in der am Beginn dieses Artikels erwähnten Mitteilung ihre Strategie erklärt: „Die Bundesregierung unterstützt mit dem Berliner Prozess die Friedensbemühungen des UN-Sondergesandten für ein Ende des Konflikts in Libyen. Im Dialog mit internationalen Akteuren, die Einfluss auf die Konfliktparteien haben, sollen Rahmenbedingungen für einen innerlibyschen politischen Prozess geschaffen werden.“ Sprich: Das Ziel der Bundesregierung ist eindeutig die Verteidigung des Prinzips multilateraler Zusammenarbeit und Diplomatie. In der ebenfalls schon erwähnten Regierungspressekonferenz kam aber noch ein anderer Beweggrund für die deutsche Politik zur Sprache, warum für Berlin die Konferenz ein Erfolg werden muss. Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte: „Ich möchte aber auch gern daran erinnern, dass das Engagement der Bundesregierung für Libyen nicht mit dieser Konferenz begonnen hat. Deutschland ist sowohl politisch als auch finanziell einer der stärksten Unterstützer der Arbeit des UN-Flüchtlingskommissars und der Internationalen Organisation für Migration zugunsten der Menschen, der Migranten und Flüchtlinge, die - das ist uns wohl bewusst - in extrem schwierigen Verhältnissen in Libyen leben.“ Sprich: der Bundesregierung ist wie Italien, aber auch anderen Staaten sehr bewusst, dass ein stabiler lybischer Staat der beste Garant dafür ist, dass von libyschen Küsten keine hochseeuntauglichen Nussschalen oder vollkommen überfüllte Boote mehr in Richtung Europa aufbrechen und Menschen ins Verderben durch Ertrinken reißen.

    Was zusammengefasst bedeutet, aus der Sicht Deutschlands ist die Berliner Konferenz weniger eine Konferenz für Libyen, sondern vor allem eine Konferenz, die von einigen Diplomaten bereits als letzte Chance angesehen wird, den Multilateralismus als Grundprinzip des Zusammenlebens der Völker unter dem Dach der Uno zu retten.

    Deutschland will in Berlin weniger Libyen, sondern vor allem den Multilateralismus retten

    Deutschland hat dafür im Moment die besten Voraussetzungen, weil die Enthaltung des seinerzeitigen Bundesaußenministers Guido Westerwelle, 2011 im Weltsicherheitsrat, ihm und Deutschland zwar Häme und Spott einbrachten, Berlin heute aber als relativ neutraler Mittler angesehen wird. Berlin stand schon einmal als Ort einer solchen internationalen Konferenz für multilaterale Vermittlung im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit.

    1878 schaffte Reichskanzler Bismarck mit dem einmonatigen Berliner Kongress das diplomatische Meisterstück, ein bereits unterzeichnetes Abkommen – in diesem Fall den Vertrag von San Stefano – so zu verändern, dass der dann folgende Vertrag von Berlin einen Kompromiss darstellte, der alle europäischen Großmächte einigermaßen zufriedenstellte.

    Ob 142 Jahre später in Berlin noch einmal ein ähnliches diplomatisches Geschick bewiesen werden kann, wissen wir erst am Sonntagabend. Aber eines scheint leider schon jetzt gewiss: Scheitert Berlin 2020, scheitert weit mehr als „nur“ der Staat Libyen.

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    Tags:
    Berlin, Deutschland, Libyen, Fayez al-Sarraj, Chalifa Haftar, Libyen-Konferenz