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    Vor fünfzig Jahren wurde der erste große Vertrag über Erdgaslieferungen aus der Sowjetunion nach Deutschland unterschrieben. In der Hochzeit des Kalten Krieges war dies ein Skandal, gegen den sich die USA vehement wehrten. Das ist bis heute so.

    Am 1. Februar 1970 wurde erstmalig ein Vertrag zwischen der BRD und der Sowjetunion über die Lieferung von Erdgas unterzeichnet. Die Idee dahinter war simpel: der Westen liefert Röhren für die Pipeline, die er auch noch selbst mit westdeutschen Krediten finanziert. Und die Sowjetunion stottert die Kredite mit Rohstoffen, mit Erdgas ab.

    1. Februar 1970, Essen/BRD. Im Konferenzraum des Hotels Kaiserhof während der Unterzeichnung des ersten Vertrags über Erdgaslieferungen aus der UdSSR nach Westdeutschland
    © Foto : Gazprom
    1. Februar 1970, Essen/BRD. Im Konferenzraum des Hotels Kaiserhof während der Unterzeichnung des ersten Vertrags über Erdgaslieferungen aus der UdSSR nach Westdeutschland

    Konkret lieferten bundesdeutsche Firmen 1,2 Millionen Tonnen Großröhren, mit denen eine 2000 Kilometer lange Pipeline aus der Ukraine über Österreich nach Bayern gebaut wurde. „Transgas“ wurde im Herbst 1973 eingeweiht und liefert bis heute immer noch mehr als die Hälfte der russischen Gaslieferung nach Westeuropa.

    Röhren-Embargo

    Zur Hochzeit des kalten Krieges war so ein Deal durchaus brisant. Bisher hatten vor allem die US-Amerikaner erfolgreich solche Geschäfte Westeuropas mit dem Erzfeind Sowjetunion zu verhindern gewusst. Bereits Ende der 1950er Jahre wollte Italien einen Deal mit den Sowjets einfädeln, um preiswertes Erdöl zu bekommen. Dem schoben die USA einen Riegel vor mit dem sogenannten Röhren-Embargo. Das Embargo verbot den Export von Großröhren für den Bau von Gas- und Öl-Pipelines in den gesamten Ostblock und speziell in die Sowjetunion ab 1963 nahezu komplett.

    Druschba-Freundschaft 

    Insbesondere sollte der Bau der Erdölleitung „Freundschaft“ verhindert werden, die die DDR mit Rohöl aus der Sowjetunion beliefern sollte. Die Fertigstellung dieser und weiterer Pipeline-Projekte wurde allerdings nur verzögert. Ab 1974 wurde die „Druschba“-Trasse gebaut (das russische Wort Druschba steht für das deutsche Wort Freundschaft). Die Ostblock-Staaten einigten sich auf einen solidarischen Barter-Deal:Gas und Erdöl gegen Bauleistung an der Erdgasleitung. So arbeiteten in den 1970er und später auch in den 1980er Jahren Tausende junge DDR-Menschen an Erdgastrassen in der Sowjetunion. Ab 1978 floss Gas aus Sibirien und Zentralasien in die DDR.

    Arbeiten bei Minusgraden an der „Druschba-Trasse“
    © Foto : Verbundnetz Gas
    Arbeiten bei Minusgraden an der „Druschba-Trasse“

    Das US- und Nato-Röhren-Embargo hielt bis 1966. Dann setzte langsam ein Tauwetter zwischen Westeuropa und der Sowjetunion ein, für das vor allem die neue Ostpolitik von Willy Brandt verantwortlich war. Schon damals war Erdgas nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein politischer Faktor.  „Wandel durch Annäherung“ war das von Egon Bahr ausgegebene Motto der Stunde. Was bot sich hierfür besser an als der Handel? („Wer mit einander Handel treibt, schießt nicht aufeinander“, so der frühere US-Präsident Jimmy Carter)

    Vorbild für die bundesdeutschen Gasgeschäfte war damals Österreich, das bereits 1968 als erstes westliches Land eine Gasleitung aus der Sowjetunion eröffnete. Willy Brandt war seinerzeit deutscher Außenminister und beobachtete die Reaktionen auf den Deal der Österreicher genau. Als die große Keule aus den USA ausblieb, sah man auch in Deutschland die Stunde für ein eigenes Gasgeschäft mit den Russen gekommen.

    Unterzeichnung eines Vertrags über Erdgaslieferungen aus der UdSSR nach Österreich, 1968
    © Foto : OMV AG
    Unterzeichnung eines Vertrags über Erdgaslieferungen aus der UdSSR nach Österreich, 1968

    Win-Win

    Von Anfang an war der Energiehandel für beide Seiten ein Win-Win. Sowjetisches Gas war billiger als die Konkurrenz und floss zuverlässig durch die Pipeline. Das Verhältnis zum kommunistischen Osten war frostig, aber, zumindest im Wirtschaftsbereich stabil. Moskau wiederum bekam, nachdem die Erstkredite mit Rohstoffen abgegolten waren, eine konstante Devisenquelle.

    Nach den guten Erfahrungen in den ersten Jahren der Energiegeschäfte zwischen der BRD und der Sowjetunion handelte der damalige Kanzler Helmut Schmidt (SPD) 1980 eine Verdopplung der sowjetischen Gasimporte auf 30 Prozent des bundesdeutschen Gesamtverbrauchs aus. Ziel war es, sich von Importen aus krisengeschüttelten arabischen Staaten unabhängig zu machen. Daran hatte ganz Europa Interesse. Deutschland funktionierte inzwischen als Hub, als Verteiler für sowjetisches Gas in andere europäische Länder. Anschluss-Pipelines wurden gebaut.

    Zweites US-Embargo

    Die US-Regierung unter Ronald Reagan hatte immer wieder versucht zu intervenieren und Druck auszuüben auf Deutschland und seine Hauptunterstützer Frankreich, Italien und Belgien, die auch etwas vom sowjetischen Gaskuchen abhaben wollten. Bereits 1980 hatte Reagan ein Embargo auf die Lieferung von Ausrüstungen zum Bau der Gaspipeline verhängt. Schmidt hatte das Embargo abgelehnt und erklärt, das Projekt werde fortgesetzt. Andere westeuropäische Länder, die Ausrüstungen an die Sowjets lieferten oder auf Gaslieferungen hofften, schlossen sich der deutschen Haltung an. Zum ersten Mal wurde ein US-amerikanisches Embargo von Westeuropa ignoriert.

    Immerhin handelte es sich ja hier nicht nur um Sanktionen gegen die Sowjetunion, sondern um extraterritoriale Sanktionen, die auch westeuropäische Firmen betrafen. Damals war die Welt jedoch noch nicht in dem Maße globalisiert, dass die betroffenen Firmen mit starken Einbußen in ihrem US-Geschäft rechnen mussten. Für damalige Verhältnisse war dies ein Präzedenzfall europäischen Widerstandes gegen Verfügungen der USA, der sich in solcher Deutlichkeit erst wieder mit dem Nein europäischer Nato-Staaten, einschließlich der BRD, zum Irak-Krieg wiederholen sollte.

    Die USA erzielten zwar einen Teilerfolg - das Projekt verzögerte sich um viele Monate und es sollte nur noch eine Rohrleitung verlegt werden und nicht zwei, wie ursprünglich geplant. Unterschrieben wurde der neue Gasvertrag zwischen der BRD und der Sowjetunion über den Bau der Jamal-Pipeline direkt aus Sibirien nach Westeuropa erst 1983 unter Helmut Kohl. Das US-Embargo war letzten Endes gescheitert und die USA hoben die Sanktionen stillschweigend nach ein paar Monaten wieder auf. Der Bau der Pipeline dauerte trotzdem sehr lange. Neben der technischen Herausforderung des Baus einer Trasse von über 4000 Kilometer aus einer Permafrost-Region, kamen fundamentale politische Umwälzungen hinzu.

    Alternativen gesucht

    Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Bildung der Nachfolgestaaten kam es zur Übertragung der Trassenabschnitte der Transgas-Pipeline an die einzelnen Länder – an die Ukraine, die Slowakei und Tschechien. In Russland übernahm der staatliche Gazprom die Gasgeschäfte. An die Länder, durch die Russland Gas an den Westen lieferte, wurden von nun an Transitgebühren gezahlt. Da das Durchleitungsnetz vor allem in der Ukraine ab den 1990er Jahren langsam marode wurde, da es dem Land an Mitteln zur Wartung und Modernisierung fehlte, begann Gazprom nach Alternativrouten gen Westen zu suchen und neue Leitungen zu bauen.

    1999 wurde nördlich der Transgas-Trasse, durch Weißrussland und Polen, endlich die seit langem gebaute Jamal-Pipeline fertiggestellt. Trotzdem floss weiterhin etwa drei Viertel des russischen Gases über die Transgas-Trasse nach Westeuropa. Unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder und des russischen Präsidenten Wladimir Putin wurde bald mit dem Bau einer dritten Pipeline durch die Ostsee begonnen. Nordstream mit einer Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern im Jahr wurde 2011 eingeweiht.

    Eröffnung der Nord Stream Pipeline im November 2011 mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew (beide Bildmitte)
    © Sputnik / Grigorij Syssojew
    Eröffnung der Nord Stream Pipeline im November 2011 mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew (beide Bildmitte)

    Stabiler Partner

    Heute beträgt der Anteil russischen Erdgases am bundesdeutschen Verbrauch etwa 40 Prozent. An der ablehnenden Haltung der USA gegenüber deutsch-russischen Geschäften hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings hat dies inzwischen nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Gründe, da die USA ihr Fracking-Gas nach Europa verschiffen wollen. Für Westeuropa stellt dies allerdings höchstens eine Ergänzung und keine Alternative dar. Hauptargument für die europäische Versorgung mit russischem Erdgas war, neben dem Preis, in den letzten fünf Jahrzehnten die Sicherheit und Zuverlässigkeit. So wurde der Gasfluss von sowjetischer, wie von russischer Seite nie unterbrochen, weder im Kalten Krieg, noch während der Ukraine-Krise.

    „Ein russisches Gasmolekül bleibt ein russisches Gasmolekül“

    Neuester Dorn im Auge ist den USA die russische Pipeline Nord Stream 2, die parallel zu ersten Nord Stream durch die Ostsee verlaufen soll. Bereits 2018 kündigten die USA Sanktionen gegen das Projekt an. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich nicht einschüchtern und verteidigte das russisch-europäische Gasgeschäft. In Ihrer Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz, im Februar 2019, verwies sie auch auf die stabile Geschichte der deutsch-russischen Energiebeziehungen:

    „Ein russisches Gasmolekül bleibt ein russisches Gasmolekül – egal, ob es über die Ukraine kommt oder ob es über die Ostsee kommt. Das heißt, die Frage, wie abhängig wir von russischem Gas sind, kann durch die Frage, durch welche Pipeline es fließt, nicht geklärt werden…Niemand will einseitig und völlig einseitig von Russland abhängig werden. Aber wenn wir schon im Kalten Krieg russisches Gas bekommen haben – als ich noch auf der DDR-Seite saß und wir dort sowieso russisches Gas bekommen haben, aber als auch die alte Bundesrepublik in hohem Umfang russisches Gas eingeführt hat –, dann weiß ich nicht, warum die Zeiten heute so viel schlechter sein sollen, dass wir nicht sagen: Russland bleibt ein Partner.“

    Das russische Gas wird fließen 

    An dieser Aussage hielt die Kanzlerin auch fest, als der US-amerikanische Kongress Ende 2019 tatsächlich extraterritoriale Sanktionen verhing, also Sanktionen auch gegen westeuropäische Firmen, die am Bau von „Nord Stream 2“ beteiligt waren. Das Projekt wird dadurch in seiner Fertigstellung verzögert und verteuert, aber nicht gestoppt werden. Voraussichtlich ab Anfang 2021 werden weitere 55 Milliarden Kubikmeter russisches Gas nach Westeuropa fließen.

    Ein weiteres Mal ist es den USA nicht gelungen, einen Keil zwischen Russland und Europa zu treiben. Bis zu einer gemeinsamen eurasischen Wirtschaftsunion – dem Albtraum der USA – ist es allerdings noch ein weiter Weg. Das jahrzehntelange Beharren Deutschlands an den Gasgeschäften mit dem großen Partner im Osten bei gleichzeitiger Zuverlässigkeit Russlands könnte dafür als Blaupause für ein europäisch-russisches Verhältnis dienen.

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    Tags:
    Erdgas, Gasleitung Druschba, Gasröhre, Gazprom, Österreich, DDR, BRD, UdSSR, Sowjetunion