18:47 04 August 2020
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    Sein 2018 erschienenes Buch „2054 – Putin decodiert“ ist nun ins Russische übersetzt worden: Historiker und Russland-Experte Alexander Rahr hat in Moskau seinen Politthriller präsentiert. Einem aufmerksamen Leser wird aber nicht entgehen: Rahr versucht nicht so sehr Putin, sondern vielmehr Russland zu entschlüsseln – durch dessen Vergangenheit.

    Fast täglich zanken sich Russland und Polen schon seit mehreren Wochen wegen des Themas Zweiter Weltkrieg, Journalisten und Politikern unterlaufen inzwischen peinliche Fehler – so scheinen einige von ihnen nicht zu wissen bzw. kurzzeitig vergessen zu haben, wer das KZ Auschwitz befreit hat. Jüngstes Beispiel: Ein Patzer des Magazins Spiegel und der kurz danach erschienene Tweet der US-Botschaft in den Dänemark.

    Die Geschichte scheint momentan ein ziemlich heikles Thema geworden zu sein. Man fragt sich, ob dieser Streit jemals endet und ob schließlich die Wahrheit siegt.

     „Was ist die Wahrheit?“, wiederholt Alexander Rahr die berühmte Frage von Pontius Pilatus an Jesus Christus im Gespräch mit Sputnik. Es gebe nämlich verschiedene Wahrheiten, so der Historiker, vor allem, wenn es um die Vergangenheit gehe.

    „Der Sieger schreibt bekanntlich immer die Geschichte. Jede Nation hat versucht, die eigene Geschichte – bei vielen war das eine Heldengeschichte – aufzuschreiben, an die nächste Generation weiterzugeben, um sich über diese Geschichte immer wieder neu zu erfinden und zu identifizieren.“

    Genau darum gehe es auch jetzt: Nach dem Zerfall der Sowjetunion habe der Westen, der sich als Sieger im Kalten Krieg fühlte, erwartet, dass Russland die gleiche Vergangenheitsbewältigung machen würde, wie einst Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

    Keine Geschichtsaufarbeitung durch Russland?

    Doch einen wichtigen Aspekt ließ der Westen laut Rahr außer Acht – und zwar, dass Deutschland 1945 kapituliert hatte. Seine Führer wurden dann auf dem Nürnberger Prozess als Verbrecher verurteilt.

    Russland hingegen habe keine kommunistischen Führer über einen Nürnberger Prozess hinrichten lassen: „Wer sollten denn die Richter sein? Russland hat sich ja selbst vom Imperium und vom Kommunismus  in den Gorbatschow-Jahren und in den Jelzin-Jahren befreit.“ Der Westen habe darauf keinen Einfluss gehabt.

    In den USA und Europa habe man immer erwartet, dass Russland die westliche Sicht auf die Vergangenheit übernehmen würde, die sich im Kalten Krieg durchgesetzt hatte. Und laut dieser Sicht des Kalten Krieges stand die Sowjetunion mit Hitler-Deutschland praktisch auf einer Stufe.

    „In Russland kann eine solche Konstatierung des geschichtlichen Faktums nicht stattfinden, weil Russland selbst als kommunistisches Land, als Sowjetunion – dazu zähle ich auch die Ukraine – im Zweiten Weltkrieg die größten Opfer zu beklagen hatte.“

    Der Kalte Krieg wurde laut dem Historiker propagandistisch geführt, und die Geschichte diente dabei als Waffe. Dazu gehört auch, dass diese einfach umgeschrieben wurde – je nachdem, wie es einigen Ländern passte. Die Russen seien mit ihrer Identität und mit ihrer Geschichtsschreibung im Kalten Krieg nicht vertreten gewesen. Sie hätten aber ihre eigene Geschichtsauffassung und eigenen Heldenmythos gehabt – und das meine er im positiven Sinne, weil Russland laut Rahr zu Recht sagen konnte, dass es den Zweiten Weltkrieg zusammen mit den Amerikanern gewonnen hatte.

    Der Hitler-Stalin-Pakt vom Jahr 1939 sei im Kalten Krieg so interpretiert worden, dass Stalin und Hitler den Krieg zusammen begonnen hätten. „Das ist und bleibt die westliche Ansicht, die Polen spitzen das zudem enorm zu, und nutzen diese Ansicht als Waffe, um auf Russland draufzuschlagen.“

    „Und die Deutschen haben eher den polnischen Ansatz, was die Geschichte des Zweiten Weltkriegs betrifft, als den russischen.“, so der Experte weiter.

    Zwischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs und danach unterscheiden

    Das, was nach dem Zweiten Weltkrieg geschah, kann die Verdienste der Sowjetunion aus Sicht des Experten nicht rückwirkend ungültig machen.

    „Ich würde unterscheiden zwischen der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und danach. Ja, Russland hat selbst zugegeben, dass nach dem Jahr 1945 die Sowjetunion damals ihr totalitäres kommunistisches System in der Tat gewaltsam auf die Länder Osteuropas ausgebreitet hat.“

    Aber: Davor habe die Sowjetunion diese Länder vom Faschismus befreit und dabei große Opfer gebracht. Man müsse diesen Unterschied klar sehen und dürfe nicht behaupten, dass die Sowjetunion unter Stalin damals Europa habe von Anfang an überfallen wollen. „Das stimmt nicht. Man hat die Konzentrationslager befreit, man hat die Bevölkerung befreit. Deshalb sollte der 9. Mai nicht nur für die ehemaligen Sowjet-Republiken bedeutend sein, sondern für die ganze Welt.“

    Westliche Sicht auf Vergangenheit akzeptieren?

    Die EU-Kommission und das Europaparlament werfen Russland vor,  sich nicht ausreichend mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Seit Jahren wird gesagt, so Rahr, Russland werde im liberalen Westen ankommen und sich mit dem künftigen Europa nur dann identifizieren, wenn es dieselbe Geschichtsauffassung wie der Westen haben werde.

    Das wird nicht passieren, ist der Experte überzeugt. „Russland ist erstarkt in der Weltpolitik, es hat sich inzwischen 30 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion eine Identität zugelegt. Und ob es dem Westen gefällt oder nicht: Russland wird die Vergangenheitsbewältigung nicht in der Art betreiben, dass man alles negiert, alles infrage stellt und alles kritisiert, was die Sowjetunion ausgemacht hat.“

    In Nazi-Deutschland sei alles schlimm gewesen, und 1945 habe das Land den Schlussstrich gezogen. Doch in Russland von heute, aber auch in der Ukraine, in Weißrussland, den ehemaligen Sowjetrepubliken gebe es viele Menschen, die der Sowjetzeit auch viel Positives abgewinnen könnten. Zum Positiven zähle der Sieg gegen Nazi-Deutschland am 9 Mai. Und dieses Datum – viele im Westen seien sich dessen gar nicht bewusst – sei ein Datum, das alle Bevölkerungsschichten und Vertreter verschiedener Religionen und Nationalitäten vereine.

    Schon seit Iwan dem Schrecklichen: Sanktionen für Russland gewohnte Sache

    In seinem Buch zeigt Alexander Rahr, dass Russland schon seit Iwan dem Vierten (oder Schrecklichen, wie er besser bekannt ist) wiederholt unter Sanktionen gestanden hat. So gab es zu Zeiten des ersten russischen Zaren schon erste Handelssanktionen gegen Russland.

    Dass die russische Führung die westlichen Sanktionen nie als gerechte Strafe für irgendein Fehlverhalten wahrgenommen und diese stets als Eindämmungsversuche betrachtet hat, ist bekannt. Werden die antirussischen Sanktionen aber jemals enden? Muss Russland dafür seinerseits auch gewisse Zugeständnisse machen, um auf den Westen zuzugehen?

    Er habe sich immer für eine deutsche bzw. europäische Ostpolitik eingesetzt, um die Beziehungen zu Russland zu verbessern, betont Rahr. Dasselbe treffe aber auch auf Russland zu: „Die Russen brauchen eine Westpolitik, um in Europa vollwertig anzukommen, als vollwertige Großmacht in Europa integriert zu werden wie Deutschland oder Frankreich.“

    Das sei historisch durchaus möglich: „Und mein Buch dient auch dazu: Die großen Unterschiede zwischen West- und Osteuropa bestehen seit Jahrhunderten. Und als Iwan der Schreckliche – oder Iwan der Vierte – damals als junger Zar sein Imperium gründete, war das für die Europäer sehr fremd.“ Denn plötzlich sei ein Russland entstanden, das orthodox gewesen sei, das von sich behauptet habe, der Nachfolger des untergegangenen byzantinischen Reiches zu sein. Es war ein Land mit einer anderen Geisteshaltung, das gegenüber Europa nicht unbedingt freundlich eingestellt war, sondern sich auch behaupten wollte.

    „Und der Westen hat dieses Russland, weil es anders war, weil es ein anderes Europa darstellte, über mehrere Jahrhunderte hinweg nicht akzeptieren wollen. Es gab Kriege: Erinnern wir uns mal an den Einfall der Schweden in Russland, den Einfall Napoleons und auch Hitlers in Russland.“

    Das Problem des heutigen Russlands ist…

    Mangelnde Öffentlichkeitsarbeit – oder PR. Hier habe Russland einen starken Nachholbedarf, betonte Rahr bei der Präsentation seines Buches. Denn eines müsse man den Amerikanern lassen: Bei der Öffentlichkeitsarbeit seien  sie einfach genial. Als Beispiel führt der Experte den NSA-Skandal an, als vor mehreren Jahren bekannt wurde, dass der US-Geheimdienst europäische Spitzendpolitiker, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, jahrelang abhörte.

    Doch der Skandal habe nicht lange gedauert, weil die Amerikaner mit einer sehr klugen PR-Kampagne schnell den Spieß umgedreht und für folgende Skandale russische Hacker verantwortlich gemacht hätten, wie beispielsweise im Fall des WikiLeaks-Gründers Julian Assange. Washington habe die Schuld anderen zugeschoben und somit die Aufmerksamkeit vom NSA-Skandal abgewendet.

    „Das ist eine brillante PR-Operation, die zeigt, wie wichtig es ist, solche PR-Instrumente wirklich benutzen zu können.“

    Russland habe hingegen keine sogenannte „soft power“ (dt. sanfte Gewalt). Im 21. Jahrhundert sei diese sanfte Gewalt aber entscheidend – für Diplomatie und Außenpolitik. Darunter verstehe man kulturelle Veranstaltungen, Investitionen in die Bürgergesellschaft – und all das mit einem breiten Lächeln.

    „Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Russland dies auch macht“, so Rahr. Das sei aber keine Aufgabe des Staates, das müsse die Bürgergesellschaft tun.

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    Tags:
    Kalter Krieg, Streit, Polen, Geschichte