08:09 25 Februar 2020
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    Noch im Sommer möchte Kramp-Karrenbauer einen Prozess in Gang bringen, an dessen Ende ein Kanzlerkandidat der Union steht – und damit auch eine neue Parteiführung. Doch wer kommt als Nachfolger von AKK und Merkel in Frage? Wer hat genug Rückhalt und wer kann thematisch punkten? Sputnik hat für Sie das Machtgefüge der CDU unter die Lupe genommen.

    Nach dem mehr oder weniger überraschenden Schritt von Annegret Kramp-Karrenbauer, auf Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz zu verzichten, brodelt es in der CDU. Wenngleich sich zahlreiche Unionspolitiker öffentlich mit Bedauern äußerten, dürften einige Polit-Größen bereits Morgenluft wittern. Gleich mehrere Personen kommen – zumindest theoretisch – als potentielle Kanzlerkandidaten in Frage. Doch wer hat tatsächlich Chancen? Schauen wir auf das Personal-Tableau:

    Friedrich Merz: Der Werte-Messias

    Die Eckdaten: Der gebürtige Sauerländer ist mit seinen 64 Jahren gerade noch im Alter einer möglichen Kanzlerkandidatur. Friedrich Merz trat 1972 in die CDU ein, von 1994 bis 2009 war er Bundestagsabgeordneter und dort Mitglied im Finanzausschuss. Von 2000 bis 2002 war Merz Vorsitzender der Unionsfraktion und damit Oppositionsführer während der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aktuell ist Merz Aufsichtsratsmitglied im Investmentkonzern Blackrock, diesen Posten will er zugunsten mehr politischen Engagements ab März aufgeben.

    Der Rückhalt: Unterstützung der amtierenden Bundeskanzlerin kann Merz nicht erwarten. Merkel hatte 2009 nach jahrelangen Differenzen dafür gesorgt, dass Merz den Bundestag verließ. Dafür hat der gelernte Jurist vor allem im konservativen Lager der Union viele Anhänger. Beispielsweise die Werteunion und deren Mitglieder, wie Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, stehen hinter ihm und wittern in ihm eine Art Messias. Der Vater von drei erwachsenen Kindern gilt als konservativ ohne rechts zu sein. Das verschafft Merz vor allem im Osten der Republik Beliebtheit und Vorteile im Kampf gegen die AfD. Und auch auf die Springer-Presse kann Merz zählen: Ginge es nach „Bild“ und „Welt“, wäre Merz schon lange Kanzler.

    Gegen Merz spricht: Der Millionär und Lobbyist steht in der Kritik, vor allem die Finanzeliten Deutschlands zu unterstützen. Auch hat Merz nach dem verlorenen Kampf um den Parteivorsitz Sympathien in der CDU durch öffentliche Kommentare verloren. Seine Sticheleien gegen Kramp-Karrenbauer und vor allem gegen die Kanzlerin sehen viele Parteimitglieder als Spaltung der CDU an. Um tatsächlich genug Rückhalt für eine Kanzlerkandidatur zu bekommen, bräuchte Merz die Unterstützung seines CDU-Landesverbands in NRW und damit in erster Linie von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Doch der könnte eventuell selbst kandidieren wollen…

    Armin Laschet: Der Provinz-König

    Die Eckdaten: Der gebürtige Aachener liegt mit 58 Jahren alterstechnisch im Mittelfeld der möglichen Bewerber. Armin Laschet trat 1979 in die CDU ein, 2008 wurde er in den CDU-Bundesvorstand berufen. Zuvor leitete Laschet in NRW das erste Landesministerium für Integration in Deutschland überhaupt. Beim CDU-Sonderparteitag am 30. Juni 2012 wurde der gelernte Jurist zum neuen Vorsitzenden der CDU Nordrhein-Westfalen gewählt. Im Juni 2017 wurde Laschet schließlich mit den Stimmen einer schwarz-gelben Koalition zum Ministerpräsidenten in NRW gewählt.

    Der Rückhalt: Laschet wird dem liberalen Flügel der CDU zugerechnet. Damit gilt er als Mann der Mitte, der den bisherigen Kurs von Kanzlerin Merkel stets unterstützte und um den Zusammenhalt in seiner Partei bemüht war. Laschet kann vor allem auf sein Amt als Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslandes bauen. An dem größten Landesverband der CDU führt kein Weg bei einer Kanzlerkandidatur vorbei. Neben der NRW-CDU hat der langjährige Politiker auch zahlreiche Mitglieder des Parteivorstands an seiner Seite.

    Gegen Laschet spricht: Was im Westen gut funktioniert, ist im Osten ein Nachteil – die inhaltliche Nähe zur Bundeskanzlerin. Der Rheinländer gilt darüber hinaus zwar als bürgernaher Kümmerer, an ihm haftet aber der Ruf eines Provinz-Königs ohne nationale oder gar internationale Kompetenz. Es ist schwer, eine eigene politische Agenda bei Laschet auszumachen. Darüber hinaus hat seine Karriere als Ministerpräsident den Makel, dass er die NRW-Wahl nicht aus eigener Popularität gewonnen hatte: Verantwortlich für das gute Ergebnis der CDU war 2017 vor allem das miserable abschneiden von Amtsinhaberin Hannelore Kraft und ihrer SPD. Für eine Kanzlerkandidatur braucht es da deutlich mehr…

    Jens Spahn: Der Klassen-Primus

    Die Eckdaten: Der gebürtige Münsterländer ist mit seinen 39 Jahren klar der jüngste Bewerber, er wäre auch der jüngste Kanzlerkandidat in der Geschichte der Bundesrepublik. Spahn trat 1995 in die Junge Union und 1997 in die CDU ein. Seit dem Jahr 2002 zog der gelernte Bankkaufmann bei jeder Bundestagswahl als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Steinfurt in den Bundestag ein. Hier war er seit November 2005 stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, im März 2018 wurde Jens Spahn zum Bundesminister für Gesundheit ernannt.

    Der Rückhalt: In der Bevölkerung wird Spahn als fleißiger Minister wahrgenommen. Nach einer holperigen Anfangszeit, in der er vor allem mit verbalen Attacken auf sich aufmerksam machte, konzentrierte sich der CDU-Politiker schließlich auf seine Arbeit. Im Sommer 2019 brachte er gemeinsam mit Arbeitsminister Hubertus Heil und Familienministerin Franziska Giffey eine Pflegeoffensive auf den Weg. Außerdem machte er sich seit vergangenem Jahr für die elektronische Patientenakte stark, die als eine der größten Digitalisierungsprojekte der Regierung gilt. Das Tempo entging auch der Kanzlerin nicht, sie sprach ihm ihr Lob aus. Spahn wird dem konservativen Flügel der CDU zugerechnet, sein Rückhalt dort ist aber noch überschaubar.

    Gegen Spahn spricht: Der ehemalige Pharma-Lobbyist Spahn hatte bei der Wahl um den CDU-Vorsitz 2018 im ersten Wahlgang mit 16 Prozent zwar einen Achtungserfolg erzielt, mit dem damals kaum jemand gerechnet hatte. Die Rolle des Außenseiters konnte der Bundesgesundheitsminister aber noch nicht ablegen. Zumal der politische Newcomer mit Friedrich Merz einen starken Konkurrenten im konservativen Lager hat. Selbst die Junge Union unterstützt in weiten Teilen nicht den jungen Münsteraner, sondern eher Merz. Auch für Spahn gilt übrigens: Er kommt aus NRW, bräuchte für seine Kandidatur also den Segen des NRW-Landesverbands und von Ministerpräsident Laschet. Es scheint, als sei Spahns Zeit einfach noch nicht gekommen.

    Markus Söder: Der Macht-Bayer

    Die Eckdaten: Der gebürtige Nürnberger ist mit seinen 53 Jahren im besten Polit-Alter. Als Jugendlicher war Söder ein Bewunderer von Franz Josef Strauß. Im Jahr 1983 wurde der damals 16-Jährige Mitglied der CSU und der Jungen Union. Von 2003 bis 2007 war Söder Generalsekretär der CSU. Danach übernahm er das Amt des bayerischen Staatsministers für Bundes- und Europaangelegenheiten, nur ein Jahr später der Wechsel in das Amt als Staatsminister für Umwelt und Gesundheit im Kabinett Seehofer. 2011 dann die Übernahme des Amts als bayrischer Staatsminister der Finanzen. Seit März 2018 ist Markus Söder Ministerpräsident des Freistaats Bayern, im Januar 2019 wurde Söder auf dem CSU-Parteitag in München dann zusätzlich zum Nachfolger von Horst Seehofer als Vorsitzender der CSU gewählt.

    Der Rückhalt: Der studierte Jurist arbeitete in den 90er Jahren als Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, die öffentlich-rechtlichen Medien sind bis heute häufig auf seiner Seite. Söder setzt sich für die Bewahrung traditioneller Werte ein, was ebenfalls die konservativen Wähler anspricht. Außerdem legte er in jüngster Vergangenheit Wert auf Umweltthemen, was ihm in der Bevölkerung zu Ansehen verhalf. Auf dem vergangenen CDU-Parteitag bekam der Bayer nach seiner Rede stehende Ovationen – sogar mehr Applaus als Parteichefin Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Armin Laschet. Selten war ein CSU‘ler in der Schwesterpartei so beliebt. Er wird in der Union allseits respektiert, sogar von der CDU-Spitze.

    Was gegen Söder spricht: Er selbst. Zu laut und zu deutlich verkündet er seit Wochen und auch nach dem AKK-Rücktritt noch einmal, dass sein Platz auf jeden Fall in Bayern bleibe. Söder könnte höchstens eine Rolle als Kanzlerkandidat spielen, wenn CDU-Parteivorsitz und Kanzlerschaft in unterschiedlichen Händen liegen, wie aktuell mit AKK und Merkel. Doch eine Doppelspitze ist innerhalb der CDU nicht mehr gewünscht. Der Vater von vier Kindern wird also wohl weiterhin in München bleiben, bei der endgültigen Entscheidung über einen gemeinsamen Kanzlerkandidaten der Union wird Söder aber eine gewichtige und vielleicht sogar ausschlaggebende Stimme haben.

    Das Fazit:

    Man kann es wohl klar auf einen Nenner bringen: Armin Laschet wäre der Wunschkandidat von Bundeskanzlerin Merkel, Friedrich Merz der Wunschkandidat vieler Basismitglieder. Spahn kann man wohl von der Liste streichen, wahrscheinlich auch Söder. Mit Merz an der Spitze könnte die Union dann viele Wähler von der AfD zurückgewinnen, doch wäre die Suche nach einem Koalitionspartner im Bund fast aussichtslos: Die Grünen und Merz, das scheint nicht zu passen. Und da die SPD einer neuen GroKo bereits eine Absage erteilt hat, blieben nur die viel zu kleine FDP, oder die ungeliebte AfD.

    ​Mit einem Kanzlerkandidaten Laschet wäre die Union weiter die Partei der Mitte und sogar schwarz-grün-fähig, doch damit könnten die politischen Ränder rechts und links weiteren Zulauf bekommen. Wie man es dreht und wendet, die Ausgangssituation für die Union ist denkbar schlecht. Am Ende werden wohl vor allem drei Unionspolitiker über den Kandidaten entscheiden: Kanzlerin Angela Merkel, CSU-Chef Söder und NRW-Landeschef Armin Laschet. Wie auch immer sich dann die Union in den kommenden Jahren entwickelt, ob sie gewinnt oder verliert, und in welche politische Richtung sie rückt – diese drei werden es zu verantworten haben.

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    Tags:
    Bundeskanzler, Neuwahlen, Groko, CSU, CDU, Markus Söder, Jens Spahn, Friedrich Merz, Armin Laschet, Annegret Kramp-Karrenbauer, Angela Merkel