01:33 28 Februar 2020
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    Für Aufsehen sorgen Medienberichte, dass CIA und BND mit Hilfe einer Schweizer Firma über Jahre mehr als 100 Länder ausspioniert haben. Für den Ex-USA-Spezialisten der DDR-Staatssicherheit, Klaus Eichner, ist das nicht überraschend und sind nur technische Details neu. Er erinnert an die Erkenntnisse über die NSA-Spionage gegen Freund und Feind.

    Die jüngsten Enthüllungen zu den Spionageaktivitäten des US-Geheimdienstes CIA und des Bundesnachrichtendienstes (BND) mit Hilfe von Schweizer Chiffrier-Maschinen, der Operation „Rubikon“, überraschen Klaus Eichner kaum. Er war Chefanalytiker zum Thema US-Geheimdienste in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Die technischen Details seien neu, sagte er gegenüber Sputniknews, aber nicht die Tatsache, dass damit selbst die eigenen Verbündeten ausspioniert wurden.

    Eichner hat eine Reihe der eigenen, bis 1990 gewonnenen Erkenntnisse zum US-Geheimdienst NSA in dem 2014 veröffentlichten Buch „Imperium ohne Rätsel“ beschrieben. Darin finden sich bereits Beispiele, die im Zusammenhang mit den nun bekanntgemachten „Cryptoleaks“ genannt werden: So die entsprechenden Operationen in Ägypten unter Präsident Anwar al-Sadat, ähnliche Aktivitäten in und gegen Saudi-Arabien sowie während des Falkland-Krieges zwischen Großbritannien und Argentinien 1982. Selbst in Israel seien die US-Geheimdienste aktiv gewesen.

    Zum Falkland-Krieg ist bei Eichner zu lesen: „In Verbindung mit den sogenannten Gelbstrich-Informationen des BND – aus der Dechiffrierung fremder Codes gewonnene Informationen – wurde damit die britische Seite in ihrer Kriegführung gegen Argentinien nachhaltig unterstützt.“ Dieses Beispiel wird derzeit in den Medienberichten ebenfalls genannt, wenn es um die Operation „Rubikon“ von CIA und BND geht.

    Bekannte historische Anfänge

    Die Aufklärer vom MfS haben von dieser konkreten Operation der westlichen Geheimdienste nichts gewusst, sagte Eichner. Er habe davon aber bereits vor wenigen Tagen erstmals im Jahresbericht des „Forschungsinstituts für Friedenspolitik“ des Geheimdienstexperten Erich Schmidt-Eenboom gelesen.

    „Die historischen Anfänge dieses Komplexes kann man aus meinem Buch ‚Imperium ohne Rätsel‘ nachvollziehen, soweit das unser Wissensstand war“, sagte der MfS-Analytiker. Zur Zusammenarbeit von CIA und BND sagte Eichner, der deutsche Geheimdienst sei der „Juniorpartner“ gewesen: „Die CIA und die NSA hatten natürlich ganz andere technische und personelle Voraussetzungen zur Erfüllung ihrer Aufgaben. Es gab auch Widersprüche und Konkurrenz untereinander.“

    Der Experte verwies auf den NSA-Skandal 2013, als bekannt wurde, dass die USA selbst das Smartphone von Bundeskanzlerin Angela Merkel abhörten. „Diese Konkurrenzgeschichten waren für uns nicht neu“, sagte er zu diesen Fällen von „Spionage unter Freunden“. „Das hängt natürlich mit der Gesellschaftsordnung zusammen, die diese Leute vertreten. Die ist ja durch Konkurrenz geprägt.“

    Konkurrenz unter Verbündeten normal

    Bei den „Cryptoleaks“-Enthüllungen heißt es, dass CIA und BND in den 70er Jahren begannen, die Schweizer Chiffriergeräte zu benutzen – nachdem Kauf der Firma „Crypto“. In seinem Buch schrieb Eichner vor sechs Jahren: „Unter den SPD-geführten Regierungen von Willy Brandt und Helmut Schmidt in den 70er Jahren nahm die nationale und internationale Kooperation des BND auf dem Gebiet der elektronischen Aufklärung, insbesondere unter BND-Präsident Gerhard Wessel (1968 bis 1979), einen großen Aufschwung.“

    Der MfS-Analytiker sagte zu dem Umstand, dass das unter einer SPD-Führung geschah: „Für uns war die SPD-Regierung nicht unbedingt der Friedensfaktor in Europa. Deshalb ist das immer wieder einzuordnen in das kapitalistische Konkurrenzdenken. Anfang der 70er Jahre stimmt, da sich damals auch die Technik weiterentwickelte.“

    In seinem Buch von 2014 beschreibt der ehemalige USA-Spezialist der MfS-Aufklärung, wie weit US- und bundesdeutsche Geheimdienste zusammenarbeiteten. Er verweist darin auch auf das weltweite Spionagenetz „Echelon“ westlicher Geheimdienste, das vor Jahren für Aufregung sorgte.

    Mal miteinander, mal gegeneinander

    Als Beispiel für die Konkurrenz der „Schlapphüte“ nannte er Folgendes: „Der BND wollte von der CIA zum Beispiel die Rohinformationen, die auf dem Berliner Teufelsberg erfasst worden waren, nicht die bearbeiteten Informationen, denn da lassen sich noch mehr Details erkennen. Aber die US-Amerikaner haben das immer abgelehnt. Der BND hat dann einen anderen Weg gesucht und mit den Franzosen in Westberlin kooperiert. Das wurde vor den US-Amerikanern geheim gehalten.“

    Die grundlegenden Informationen zur „Operation Rubikon“ findet Eichner, abgesehen von den technischen Details, nicht überraschend. Gegenüber Sputniknews erinnerte er an ein anderes Beispiel aus seinem Buch: In Spanien betrieb der BND eine gemeinsame Station mit dem spanischen Geheimdienst CESID, Deckname „Eismeer“.

    „Die ganze Operation hieß delikaterweise ‚Delikatesse‘. Da hat man in Conil de la Frontera an der Mittelmeerküste am Knotenpunkt transatlantischer Unterseekabel die Fernmeldeverbindungen von Europa in Richtung Afrika und Amerika liegen. Da konnte man auch die ‚lieben Freunde‘ gut abhören.“

    Schweizer Firma auch in Verbindung mit NSA

    Eichner betonte: „Das ist nicht ganz so neu, dass die sich gegenseitig ausspionieren. So ein Beispiel wie ‚Rubikon‘ macht das natürlich noch plastischer.“ Der MfS-Spezialist weiß nicht, ob die jetzt bekannt gewordenen Aktivitäten von CIA und BND sich auch gegen die damaligen sozialistischen Länder richteten. Er habe nur die gewonnenen Informationen ausgewertet und sei nicht in die technischen Details einbezogen worden. So könne er nicht sagen, ob auf der eigenen Seite Chiffrier-Geräte der Schweizer Firma Crypto gekauft und eingesetzt worden sind.

    Zu den grundlegenden Aussagen und Informationen des MfS-Spezialisten Eichner passen Berichte Schweizer Medien aus dem Jahr 2015. Die berichteten damals bereits über langjährige Verbindungen der Firma Crypto AG mit dem Geheimdienst NSA. So schrieb die Zeitung „Tages-Anzeiger“ im Juli 2015: „Schweizer Firma half NSA beim Spionieren.“

    Die Zeitung berief sich – wie unter anderem auch das Online-Magazin „Infosperber“ – auf 2014 freigegebene NSA-Dokumente. Danach gab es 1955 eine Vereinbarung zwischen Firmengründer Boris Hagelin und dem US-Geheimdienst. „Das behauptet nicht irgendein schräger Whistelblower“, hieß es beim Schweizer Onlinemagazin, „das belegen offizielle NSA-Dokumente, publiziert von der NSA selbst.“ In dem Beitrag von 2015 wurde auch auf die Verbindung zum BND hingewiesen.

    Ein Online-Beitrag des „Crypto Museums“ in den Niederlanden hat ebenfalls bereits vor Jahren die engen Verbindungen der Schweizer Firma Crypto AG mit dem US-Geheimdienst NSA beschrieben.

    Literaturtipp:

    Klaus Eichner: „Imperium ohne Rätsel – Was bereits die DDR-Aufklärung über die NSA wusste“

    Verlag edition ost, 2014. Als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-360-51031-0. 7,99 Euro

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    Tags:
    Schweiz, Abhörskandal, CIA, Bundesnachrichtendienst (BND), USA, Deutschland