03:30 25 Oktober 2020
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    DDR 1990 – Erste freie Wahl zur Volkskammer und mit Eiltempo zur deutschen Einheit (26)
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    Der neue „Ost-Beauftragte“ der Bundesregierung, Marco Wanderwitz hat kürzlich festgestellt, dass viele ostdeutsche Spitzenjobs von Westdeutschen besetzt sind. Über die Ursachen der Situation und die Folgen hat Sputnik mit Petra Erler, Staatssekretärin in der letzten DDR-Regierung und Mitarbeiterin der EU-Kommission, gesprochen.

    Frau Dr. Erler, der neue „Ost-Beauftragte“ der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, hat in einem am Dienstag veröffentlichen Interview festgestellt, dass Ostdeutsche in den ostdeutschen Führungsjobs unterrepräsentiert sind. Das bezieht er vor allem auf den öffentlichen Dienst. Wie bewerten Sie das?

    Herr Wanderwitz ist ja nicht der Erste, der diese Wahrheit ausspricht. Der Zug wurde mit der Art und Weise der deutschen Einigung auf die falsche Schiene gesetzt. 1990 war doch bereits klar, dass mehr als ein Eliten-Austausch politisch gewünscht war. So wie im Prozess der deutschen Einigung die Bundesregierung unter Helmut Kohl 1990 ganz selbstverständlich dachte, sie könne in internationalen Zusammenhängen auch für einzige je demokratisch gewählte Regierung der DDR sprechen, so wurde auch der Aufbau der ostdeutschen Länder zu einem westdeutschen Projekt. Nicht mal eine Regierung in Brandenburg unter Manfred Stolpe, die im Unterschied zu Sachsen und Thüringen mit einem ostdeutschen Ministerpräsidenten startete, hat sich dem entzogen. Und so, wie es in den ostdeutschen Verwaltungen heute aussieht, sieht es auch international aus: junge unbelastete Ostdeutsche haben nach 1990 in den wenigsten Fällen das europäische und internationale Gesicht der neuen Bundesrepublik Deutschland mitprägen können. Die US-Amerikaner waren nach 1990 die Einzigen, die ein paar Jahre darauf bestanden, dass in den transatlantischen Gremien auch Ostdeutsche sind. Das verlief sich dann auch.

    Herr Wanderwitz sagte: „Wenn es um Gerichtspräsidenten, Chefs von Finanzämtern oder Rektoren von Universitäten geht, dann gibt es nach 30 Jahren keine tragfähige Begründung mehr, warum sich die mangelnde Repräsentanz von Ostdeutschen immer weiter fortsetzt.“ Welche Gründe und Ursachen gibt es aber dafür, dass es so ist? Liegt das nur an der Selbstrekrutierung der Eliten, wie Wanderwitz meint?

    Die wenigsten, die nach 1990 aus Westdeutschland nach Ostdeutschland kamen, waren Teil der Elite. Diejenigen, die die Verwaltungshierarchien besetzten, waren in ihrem früheren westdeutschen Leben oft nur Referenten. Der Aufbau Ost, vergoldet mit der „Buschzulage“ war für sie eine Karrierechance. Nun geht Beförderung nicht automatisch mit Intelligenzsteigerung einher und solche Leute haben sorgsam darauf geachtet, dass ihre Positionen nicht in Gefahr gerieten. Dann zieht man sich eben nach, was aus dem eigenen Stall kommt. Denn die friedliche Revolution im Herbst 1989 hatte ja nicht nur die DDR hinweggefegt. Sie hat auch demonstriert, dass Menschen bereit waren, ihr Schicksal mutig in die eigenen Hände zu nehmen. Soviel Mut wollte die neue Bundesrepublik nun aber auch nicht haben.

    Sie waren Staatssekretärin in der letzten DDR-Regierung. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Eliten-Austausch in Ostdeutschland nach dem 3. Oktober 1990 gemacht?

    Ich habe sehr viel Glück gehabt, weil der ehemalige Ständige Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in der DDR und UN-Botschafter, Hans-Otto-Bräutigam, mich buchstäblich unter seine Fittiche nahm. Er hat an mich geglaubt und mir vertraut. Das war sehr viel mehr, als viele meiner Landleute je hatten.

    Der „Ost-Beauftragte“ meint nun, bei Disproportionalitäten „müssen wir bei gleicher Qualifikation mal den aus Mecklenburg nehmen und nicht den aus Bayern" und spricht sich zugleich gegen eine „Ost-Quote“ aus. Reicht das, um das Problem zu lösen?

    Quote? Nein. Aber eine jährliche politische Bilanz für die Öffentlichkeit über die Besetzung von Führungspositionen in der öffentlichen Verwaltung, bei den Richtern, den Rektoren, den Dax-Vorständen undsoweite fände ich gut. Damit es ins helle Licht der Öffentlichkeit kommt. Ostdeutsche müssen ihre Wahl treffen. Ich kenne niemanden, der in Westdeutschland einen ostdeutschen Kandidaten für ein Ministerpräsidentenamt  auch nur in Erwägung ziehen würde. Solange sich das „Ossis“ gefallen lassen, ändert sich nichts.

    Dr. Petra Erler ist in Ostdeutschland, in Thüringen, aufgewachsen. Sie hat Außenhandel studiert und in dem Bereich gearbeitet. 1984 wurde sie als Politikwisenschaftlerin tätig. Nach den ersten freien und demokratischen Wahlen in der DDR im März 1990 arbeitete sie zunächst im DDR-Außenministerium als Beraterin des Ministers und Mitglied des Planungsstabs und wurde im Juni Staatssekretärin im Amt des Ministerpräsidenten, zuständig für Europafragen. Nach dem 3. Oktober 1990 arbeitete sie kurz als Assistentin eines Abgeordneten im Deutschen Bundestag und dann als Leiterin des Referats Europapolitik an der Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund. 1999 wechselte sie als Mitglied ins Kabinett von Kommissar Günter Verheugen zur Europäischen Kommission nach Brüssel. Im April 2006 wurde sie Kabinettchefin und blieb in dieser Funktion bis zum Ende der Amtszeit der EU-Kommission im Februar 2010. Im April 2010 gründete sie die Beratungsfirma „European Experience Company“ in Potsdam.

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    Tags:
    Elite, Helmut Kohl, Einheit, Ostdeutschland, Deutschland, BRD, DDR