19:39 01 Juni 2020
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    Die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok wurde auf einer Konferenz in Moskau von Vertretern Deutschlands, Italiens und Russlands erörtert. Was blockiert den Dialog?

    Die russische Industrie- und Handelskammer (IHK) hat ein Beitrittsmemorandum zur Initiative „Einheitlicher Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok“ unterzeichnet, das vor allem die Handelsfreiheit zwischen Russland und der Europäischen Union gewährleisten soll. Das Projekt beinhaltet die Entwicklung gemeinsamer Standards, die Harmonisierung der europäischen und eurasischen Integrationsprozesse.

    „Der freie Handel im Raum zwischen Lissabon und Wladiwostok kann Realität werden, wenn konkrete Schritte für die Zusammenarbeit unternommen werden“, sagte Ulf Schneider, Co-Vorsitzender der Lissabon-Wladiwostok-Initiative und Präsident der SCHNEIDER GROUP.

    Europäische Unternehmen werden von der Harmonisierung der Regeln und Standards der Europäischen Union (EU) und der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) profitieren, betonte seinerseits Ernesto Ferlenghi, Präsident des italienischen Industrieverbandes Confindustria Russia. „Die EAWU repräsentiert einen vielversprechenden 183-Millionen-Markt, und dies ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung Europas. Aufgrund des stetigen Wirtschaftswachstums der EAWU-Mitgliedsländer hat sich das gesamte BIP zwei Billionen US-Dollar angenähert. Wir sollten die Chancen, die sich in verschiedenen Wirtschaftssektoren dieser Union bieten, nicht ignorieren.“

    Integration auf beiden Seiten

    Rund 100 Unternehmen, Gesellschaften und Think Tanks aus acht Ländern unterstützen die seit 2015 bestehende Initiative. Die Bemühungen zur Integration müssen doch von allen Seiten ausgehen, stellte der Beauftragte der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) für Hochgeschwindigkeitszüge und die Eurasische Wirtschaftsunion, der ehemalige Siemens-CEO in Russland, Dietrich Möller, im Sputnik- Interview fest.

    Konferenz zur Initiative Lissabon-Wladiwostok, die von der russischen Industrie- und Handelskammer organisiert wurde
    © Foto : Industrie- und Handelskammer Russlands
    Konferenz zur Initiative Lissabon-Wladiwostok, die von der russischen Industrie- und Handelskammer organisiert wurde

    „Die russische Industrie- und Handelskammer ist eine große Vereinigung der russischen Unternehmen. Wir würden uns wünschen, dass sich deren Mitglieder noch aktiver an der Initiative ‚Lissabon-Wladiwostok‘ beteiligen, die heutige Unterzeichnung ist hoffentlich ein Auftakt. Der gleiche Appell geht aber natürlich an die deutschen Firmen. Das ist manchmal eine mühevolle Arbeit, Standards zu synchronisieren oder auch Politiker zu überzeugen. Aber ich denke, dass die Perspektive und die strategische Sicht diese Mühe lohnen, und ich würde mich freuen, wenn die Politiker wieder zu einem Dialog zurückkehren, vielleicht mit dem ersten Schritt der Visafreiheit für Studenten und Jugendaustausch.“

    Bereits Anfang der 2000er Jahre hatte der russische Präsident Wladimir Putin die Idee zum Ausdruck gebracht, ein „größeres Europa“ von Lissabon bis Wladiwostok aufzubauen. Möller erinnerte an die Worte von Präsident Putin aus seiner Rede im Bundestag 2001: Europa werde seinen Ruf als mächtiges und unabhängiges Zentrum der Weltpolitik fest und dauerhaft stärken, wenn es seine eigenen Fähigkeiten mit den Fähigkeiten Russlands - seinem wirtschaftlichen, kulturellen und Verteidigungspotential - vereinigen könne. Möller ist der Ansicht, dass trotz des Rückgangs des Handels zwischen Deutschland und Russland im Jahr 2019 um 11 Prozent, trotz EU- und US-Sanktionen sowie russischer Antisanktionen die Lissabon-Wladiwostok-Initiative erforderlich sei, um die europäische Unabhängigkeit langfristig gewährleisten zu können.

    Wie wird die Initiative in Brüssel aufgenommen?

    Auf der EU-Seite und auch in Deutschland sei leider laut Möller die Resonanz, besonders nach dem Jahr 2014, sehr gering, es fänden keine politischen Gespräche darüber statt.  

    „Was wir aber merken, dass es durchaus auf Arbeitsebene – auf  der Ebene der Firmen, Institutionen, Standardisierungsbehörden ein Interesse gibt. Aber die Politik, das muss man ganz deutlich sagen, verbindet das mit dem Minsk-2-Prozess und mit den Problemen in der Ostukraine und der Krim-Frage. Das ist eine Verbindung, die den Dialog gerade auf politischer Ebene seit 2014 blockiert.“

    Als globales Unternehmen stehe Siemens für Freihandel, sagte Möller. 2009 hat der deutsche Technologiekonzern den ersten Sapsan-Zug von Moskau nach St. Petersburg und dann von Moskau nach Nischni Nowgorod geliefert. Diese Züge haben eine große Resonanz gefunden. Um diese Entwicklung fortzusetzen, gibt es den Plan, eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zu bauen. Die Projektierungsarbeiten sollen begonnen haben, Möller hoffe sehr, dass sie in zwei Jahren abgeschlossen werden und der Bau beginnen kann. „Hinter dieser Idee steckt ein Traum. Man kann in zwei Stunden von Moskau nach St. Petersburg fahren – am Ufer  der Newa  spazieren gehen, abends das Mariinski Theater besuchen und am gleichen Tag wieder in Moskau sein. Das würde beide Metropolen näher zusammenbringen“, so der Ex-CEO Siemens in Russland, Dietrich Möller.

    Als Siemens im 19. Jahrhundert nach Russland kam, war Elektrizität die größte Innovation. Dann wurden eine einheitliche Spannung von 220-230 Volt und Steckdosen eines einheitlichen Standards eingeführt. Dieser Standard ist weiterhin gültig und erleichtert das Leben der von Lissabon bis Wladiwostok Reisenden erheblich.

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    Tags:
    Russland, Europa, Wladiwostok, Lissabon