00:55 03 April 2020
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    Es sollte die größte Truppenübung der vergangenen 25 Jahre werden: Die NATO-Übung „Defender Europe 20“. Doch angesichts der Ausbreitung des Coronavirus schrumpft das Manöver mehr und mehr zusammen, eine generelle Absage scheint nur noch eine Frage von Tagen zu sein. Derweil mussten sich auch hochrangige Militärangehörige in Quarantäne begeben.

    Das Coronavirus hat nun auch Auswirkungen auf das derzeit laufende Groß-Manöver Defender2020. Über die rund 5500 US-Soldaten hinaus, die bereits in Europa sind, sollen keine weiteren Truppen nach Europa verlegt werden. Auch weiteres Material werde nicht angelandet, das teilte die zuständige Streitkräftebasis der Bundeswehr mit. Auch das Europakommando der US-Streitkräfte in Stuttgart sprach am Mittwochabend von einem „modifizierten“ Manöver.

    Der Plan geht nicht auf…

    Eigentlich sollten 37.000 Soldaten aus verschiedenen NATO-Staaten an dem größten US-Manöver in Europa seit 25 Jahren teilnehmen. Schiffe mit Panzern und anderen Militärfahrzeugen waren in den vergangenen Tagen in Bremerhaven und anderen Häfen angekommen. Seitdem rollen Züge mit Panzern und Konvois mit Militärfahrzeugen durch die Lausitz Richtung Polen und Baltikum. Weitere US-Soldaten sollten per Flugzeug unter anderem in Berlin landen. Nun kommt es allerdings anders.

    ​Das Pentagon hatte ebenfalls am Mittwochabend verfügt, dass Militärangehörige ab sofort auf nicht unbedingt notwendige Reisen in Coronavirus-Risikogebiete verzichten sollen. Als ein solches Risikogebiet wird nach der jüngsten Liste des „US-Center for Disease Control“ auch Deutschland genannt. Unklar ist noch, welche Auswirkungen das US-Vorgehen auf die Truppen der beteiligten europäischen NATO-Länder hat. Neben den 20.000 US-Soldaten hätten rund 17.000 Soldaten der Verbündeten an „Defender Europe 20“ teilnehmen sollen.

    Corona in der Bundeswehr

    Die Entwicklung zeichnete sich in den vergangenen Tagen bereits ab. Allein die Bundeswehr ist massiv von der Corona-Welle betroffen: Die Kölner Lüttich-Kaserne war am Montag wegen einem infizierten Soldaten komplett geschlossen worden, rund 1300 Mitarbeiter mussten zuhause bleiben. Auch in Hamburg hat die Bundeswehr vorsorglich zwei Kasernen geschlossen, nachdem an der Führungsakademie der Bundeswehr der Fall einer Coronavirus-Erkrankung bestätigt worden ist.

    Kommandeure in Quarantäne

    Und nicht zuletzt fehlt „Defender 2020“ auch wichtiges Führungspersonal. Der Oberkommandierende des US-Heeres in Europa, Generalleutnant Christopher G. Cavoli, wurde ins Homeoffice verbannt. Eine Vorsichtsmaßnahme, weil er möglicherweise mit dem Coronavirus in Kontakt gekommen sein könnte. Auch Deutschlands oberster Heeresführer, der Drei-Sterne-General Alfons Mais, hat sich selbst in Isolation begeben. Er hatte an einer Konferenz der US-Armee in Europa teilgenommen und dort Kontakt mit einem Corona-Verdachtsfall. General Salvatore Farina, seit 2018 Kommandeur des italienischen Heeres, wurde bereits am Sonntag positiv auf den Corona-Virus getestet und befindet sich seitdem in Quarantäne. Ebenso der Chef des polnischen Streitkräftekommandos, General Jaroslaw Mika, er habe sich laut eigenen Aussagen in Wiesbaden mit Corona angesteckt habe.

    Ein Teilnehmerland hatte Mitte dieser Woche dann komplett die Reißleine gezogen: Norwegen kündigte an, das Nato-Manöver „Cold Response 2020“, das an „Defender Europe 20“ angeschlossen ist, komplett abzubrechen. Auch diese Entscheidung fiel aufgrund des Coronavirus.

    ​Auf Sputnik-Nachfrage teilte ein Sprecher der Streitkräftebasis im Bundesverteidigungsministerium mit, dass derzeit zweimal täglich ein Informationsabgleich zwischen dem Lagezentrum des Kommando Streitkräftebasis der Bundeswehr in Bonn und dem Lagezentrum USAREUR in Wiesbaden zur aktuellen Lage und Entwicklungen bei „Defender 2020“ und zum Sachstand Coronavirus stattfinden. Sollten Verdachtsfälle bei den US-Streitkräften im Zusammenhang mit dem Manöver in Deutschland auftreten, würden weitere Maßnahmen in enger Abstimmung mit dem Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr, den regionalen deutschen Bundeswehr Sanitätseinrichtungen und regionalen, zivilen Entscheidungsträgern stattfinden.

    Die Uhr tickt…

    Doch die Corona-Lage in Europa ändert sich fast täglich. Bislang haben sich die Zahlen der Infizierten jede Woche verzehnfacht. Geht diese Entwicklung weiter, wird auch in Deutschland – wie bereits in Italien – das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen kommen. Es gilt als äußerst unwahrscheinlich, dass während die Bevölkerung in heimischer Isolation sitzen soll, gleichzeitig tausende Soldaten an der deutsch-polnischen Grenze den Kriegsfall simulieren. Eine offizielle Absage von „Defender 2020“ gibt es noch nicht, die Entscheidung gilt als politisch äußerst unpopulär. Nach jetzigem Stand kann dies jedoch nur noch eine Frage der Zeit sein.

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    Tags:
    Übungsmanöver, US-Armee, Bundeswehr, NATO, Defender 2020, Coronavirus