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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (536)
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    In der Corona-Krise zeigt sich, welche Tätigkeiten eine Gesellschaft tatsächlich braucht, um ihre Existenz zu sichern. Doch diese werden meist schlecht bezahlt. Darauf weist der britische Aktivist David Graeber hin. Gewerkschaften und Wirtschaftsforscher machen ebenso auf die Probleme aufmerksam und fordern auch höhere Löhne für diese Berufe.

    In der von der britischen Regierung aufgestellten Liste systemrelevanter Berufe gibt es eine „erstaunliche Abwesenheit von Unternehmensberatern und Hedgefondsmanagern“. Darauf macht der Ethnologe und Aktivist David Graeber in einem Interview aufmerksam, das die Wochenzeitung „Die Zeit“ am Dienstag online veröffentlicht hat. „Die, die am meisten verdienen, tauchen da nicht auf“, stellt Graeber fest.

    Er betont in dem Interview, dass gerade die in der Krise wichtigen Berufsgruppen aber die sind, die seit langem am schlechtesten verdienen. „Grundsätzlich gilt die Regel: Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt“, stellt er fest. „Eine Ausnahme sind natürlich Ärzte. Aber selbst da könnte man argumentieren: Was die Gesundheit angeht, trägt das Reinigungspersonal in Krankenhäusern genauso viel bei wie die Mediziner, ein Großteil der Fortschritte in den letzten 150 Jahren kommt durch eine bessere Hygiene.“

    In Deutschland gibt es keine bundeseinheitliche Liste der systemrelevanten Berufe. Das Bundesarbeitsministerium gibt nur „systemrelevante Bereiche“ an: Dazu gehören Energie, Wasser & Entsorgung, Ernährung & Hygiene, Informationstechnik & Telekommunikation, Gesundheit, Finanz- & Wirtschaftswesen, Transport & Verkehr, Medien, Staatliche Verwaltung (Bund, Land, Kommune) sowie Schulen, Kinder- & Jugendhilfe, Behindertenhilfe. Beim Bund sind die Banken immerhin mit aufgeführt. Die Bundesländer haben im Zusammenhang mit der Notbetreuung von Kindern von Beschäftigten eigene Listen erlassen, die sich an den obengenannten Bereichen orientieren, wobei zum Beispiel in Berlin die Beschäftigten im Finanzsektor fehlen.

    Politische Machtfrage

    Graeber, Wissenschaftler an der London School of Economis, wo er Anthropologie lehrt, hat ein Buch über die „Bullshit Jobs“ geschrieben, das 2019 auf Deutsch erschien. Immer mehr Menschen würden Tätigkeiten ausüben, die unproduktiv und daher eigentlich überflüssig seien – als Immobilienmakler, Investmentbanker oder Unternehmensberater, so Graeber im Buch. Es seien Jobs, die keinen sinnvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten. „Es sind Bullshit-Jobs.“

    Im „Zeit“-Interview sagt er, „wer wie viel verdient, das ist eine politische Machtfrage. Durch die aktuelle Krise wird jetzt noch deutlicher: Mein Lohn hängt überhaupt nicht davon ab, wie sehr mein Beruf tatsächlich gebraucht wird.“ Er fordert, dass gerade die systemrelevanten Beschäftigten unterstützt werden müssten.

    Graeber verweist auch auf jene im Gesundheitswesen, „denen nicht die Ausrüstung zur Verfügung gestellt wird, die sie brauchen, um ihren Job zu machen. Es ist doch in unser aller Interesse, dass medizinisches Personal und Lieferfahrer Schutzausrüstung haben.“ Am Mittwoch hat ein Bericht von Sputniknews am Beispiel der Hamburger Asklepios Kliniken gezeigt, dass es diese Probleme auch hierzulande gibt.

    Unterdurchschnittliche Bezahlung

    „Die große Mehrheit der als systemrelevant definierten Berufe weist jedoch außerhalb von Krisenzeiten ein geringes gesellschaftliches Ansehen sowie eine unterdurchschnittliche Bezahlung auf.“ Darauf machte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin in einer Analyse am 24. März aufmerksam. „Die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Unverzichtbarkeit und tatsächlicher Entlohnung – gemessen am Stundenlohn und beruflichem Prestige – ist in Krisenzeiten besonders offensichtlich. Deshalb sollten auf kollektive Dankbarkeit konkrete Maßnahmen folgen, beispielsweise eine höhere Entlohnung sowie breitere tarifvertragliche Absicherung.“

    Laut DIW haben Umfragen gezeigt, dass die systemrelevanten Berufsgruppen „ein um rund fünf Punkte geringeres Prestige auf als der Gesamtdurchschnitt aller Berufe, der bei 63 von 200 maximal möglichen Punkten liegt“, haben. Berufsgruppen mit überdurchschnittlichem beruflichem Stellenwert, unter anderem Mediziner würden aber „nur einen sehr kleinen Teil (weniger als fünf Prozent) aller Personen ausmachen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten“.

    Ein Großteil der Beschäftigten in systemrelevanten Berufen wird laut DIW unterdurchschnittlich bezahlt. „Während der durchschnittliche Bruttostundenlohn aller Berufe bei 19 Euro liegt, weisen systemrelevante Berufe zusammengenommen einen mittleren Stundenlohn von unter 18 Euro auf und liegen damit rund sieben Prozent unterhalb des Durchschnitts.“

    Akuter Personalmangel

    Die Löhne seien insbesondere in jenen Berufen unterdurchschnittlich, in denen ein hoher Anteil der systemrelevanten Beschäftigten tätig ist, „beispielsweise Reinigungsberufe, Lagerwirtschafts-, Post- und Zustellungs-, Güterumschlagberufe sowie Erziehungs-, Sozialarbeits- und Heilerziehungsberufe“. Eine Ausnahme würden Verwaltungsberufe darstellen. Die Wirtschaftsforscher heben hervor, dass „über 90 Prozent der Beschäftigten in Berufen, die aktuell der kritischen Infrastruktur zugeordnet werden, nur einen unterdurchschnittlichen Lohn bekommen“.

    Die systemrelevanten Berufsgruppen seien zudem von akutem Personalmangel betroffen, „was die gesundheitlichen Risiken und körperlichen Belastungen für die Beschäftigten in diesen Bereichen noch erhöht“. Das DIW fordert neben „einem verantwortungsvollen Umgang mit diesem Fachkräftemangel … unter anderem eine bessere Entlohnung und tarifvertragliche Absicherung“ für die Betroffenen.

    „Klatschen auf Balkonen und warme Worte von politischen Akteuren, die sich für den laufenden Einsatz von Pflegekräften, KassiererInnen und ErzieherInnen in der Kindernotbetreuung bedanken, sind eine wichtige Form der Würdigung von Systemrelevanz“, heißt es beim DIW. „Allerdings ist sie weder ausreichend noch nachhaltig.“

    Missachtete Daseinsfürsorge

    Die Wirtschaftsforscher meinen: „Die aktuelle Situation zeigt deutlich, dass eine Debatte über die Rolle der Daseinsfürsorge in Deutschland überfällig ist.“ Darauf machen neben den Gewerkschaften auch Sozialverbände seit langem aufmerksam, vor allem auf die Situation im Gesundheits- und Pflegebereich.

    „Solange die Pflegestunde deutlich unter dem Wert einer Handwerkerstunde in der Autowerkstatt bezahlt wird, ist der Wert von Pflege gesellschaftlich und politisch nicht wirklich anerkannt.“

    Das hatte der ehemalige Geschäftsführer des Sozialverbandes Volkssolidarität, Bernd Niederland, bereits 2010 in einem Fachaufsatz festgestellt.

    „Am Fenster klatschen ist ein Zeichen von Wertschätzung, aber das reicht in Zeiten der Pandemie nicht aus“, erklärte Annelie Buntenbach vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes „DGB) am Mittwoch. „Die unglaubliche Einsatzbereitschaft der Pflegekräfte verdient es einmal mehr und gerade jetzt, dass flächendeckend bessere Löhne in Form von allgemein verbindlichen Tarifverträgen zustande kommen. Das wäre jetzt ein wichtiges Zeichen.“

    Die „ohnehin belastenden Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte werden durch die Pandemie noch einmal erheblich erschwert“, so Buntenbach. „Es darf nicht sein, dass Arbeitgeber den Arbeitsschutz und die Ruhezeiten hintenanstellen, um die personellen Kapazitäten zu erhöhen.“

    Schlechte Erfahrungen

    Die Gewerkschaftsvertreterin warnt, „dass die Beschäftigten irgendwann wegen psychischer und körperlicher Überlastung in die Knie gehen oder sich wegen mangelnder Schutzausrüstung infizieren und ausfallen“. Das müsse unbedingt verhindert werden, „auch um die medizinische Versorgung weiter sicherzustellen“. Das Bundesgesundheitsministerium müsse dafür sorgen, dass ausreichend Schutzausrüstung vorhanden sei.

    Bankkritiker Graeber, der sich an der Occupy-Bewegung 2011 aktiv beteiligte, befürchtet, dass sich nach der aktuellen Krise wenig ändert.  Das habe sich schon nach der Finanzkrise 2008 gezeigt, nach der die neoliberale Politik und die Finanzindustrie „einfach weitergemacht“ haben. „Darum ist es so wichtig, dass wir, was wir uns in Krisenzeiten endlich eingestehen, danach nicht wieder verdrängen – zum Beispiel, welche Jobs wirklich systemrelevant sind und welche nicht.“

    Und er warnt: „Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten. Man muss wieder vergessen, wer wirklich die Arbeit macht und dafür viel zu wenig verdient.“

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    Tags:
    Krise, Löhne, Gesundheitswesen, Pflege, Pandemie, Coronavirus