06:15 03 Dezember 2020
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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (536)
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    Reichen die Maßnahmen aus, um das Virus Sars-Cov 2 einzudämmen, oder haben sie gar gegenteilige Wirkungen? Sind die dafür zugrunde gelegten Daten ausreichend oder fehlen wichtige Angaben? Diese Fragen stellen sechs renommierte Gesundheitsexperten. Ihre Antworten und Vorschläge haben sie in einem Thesenpapier veröffentlicht.

    Die Datenbasis die Maßnahmen in der Corona-Krise zu verbessern, die Vorbeugung gezielt weiterentwickeln und die Bürgerrechte wahren – das fordern sechs renommierte bundesdeutsche Gesundheitsexperten in einem Thesenpapier. Damit wollen sie die Situation wissenschaftlich erklären und konstruktive Vorschläge machen, um „die Entscheidungen der kommenden Wochen zu unterstützen“. Das Fachblatt „Ärztezeitung“ kommentierte das so: „Experten provozieren mit konstruktiver Corona-Kritik“.

    In dem am Sonntag veröffentlichten Papier wird deutlich kritisiert, dass das gesellschaftliche Leben weitgehend eingeschränkt wurde, ohne dass eine ausreichende Datenlage zur Ausbreitung des neuen Coronavirus vorhanden sei. Die Autoren betonen dabei, das sei „keine Kritik an den handelnden Personen, die in den zurückliegenden Wochen unter den Bedingungen einer – die Steigerung sei erlaubt – ‚noch unvollständigeren Information‘ entscheiden mussten als dies heute der Fall ist.“

    Zu den Autoren gehören Matthias Schrappe von der Universität Köln, ehemaliger Vize-Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit, Hedwig François-Kettner, Pflegemanagerin und Beraterin, Matthias Gruhl, Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen Hamburg/Bremen, Franz Knieps aus Berlin, Jurist und Vorstand eines Krankenkassenverbands, Holger Pfaff von der Universität Köln, Zentrum für Versorgungsforschung, sowie Gerd Glaeske von der Universität Bremen, Ex-Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit.

    „Bisherige Daten reichen nicht aus“

    Die Wissenschaftler und Experten betonen, „eine sinnvolle Beratung der politischen Entscheidungsträger muss mehrere wissenschaftliche Fachdisziplinen umfassen“. Dabei sei „unverzichtbar“, dass Vertreter der Sozialwissenschaften, öffentlichen Gesundheit, Ethik, Ökonomie, Rechtswissenschaft und Politikwissenschaft mitwirken. Das scheint bisher nicht umfassend der Fall. Verschiede Fachrichtungen einzubeziehen, hatte unlängst auch der Ökonom Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung gefordert.

    In dem Thesenpapier wird festgestellt, dass die bisherigen Daten zum neuen Virus Sars-Cov 2 und der von ihm laut Weltgesundheitsorganisation WHO ausgelösten Krankheit Covid-19 nicht ausreichen, um beschreiben zu könne, wie diese sich ausbreiten. Sie könnten „nur eingeschränkt zur Absicherung weitreichender Entscheidungen dienen“, so die Autoren.

    So habe die Zahl der vom Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldeten Infektionen „nur eine geringe Aussagekraft“. Es fehle eine systematische Testung einer definierten Bevölkerungsgruppe statt der bisherigen anlass- bzw. symptombezogenen Testung. Deshalb sei es „nicht sinnvoll, von einer sog. Verdopplungszeit zu sprechen und von dieser Maßzahl politische Entscheidungen abhängig zu machen“.

    „Eindruck einer Katastrophe wird erweckt“

    Die Darstellung in exponentiell ansteigenden Kurven der aufgerechneten (kumulativen) Häufigkeit führe zu „einer überzeichneten Wahrnehmung“, wird kritisiert. Damit werde der „Eindruck eines katastrophalen Anstiegs“ erweckt. Das sollte aus Sicht der Experten um die Gesamtzahl der asymptomatischen Träger und Genesenen korrigiert werden. Sie fordern außerdem repräsentative Stichproben in der Bevölkerung, eine „Nationale Covid-19-Kohorte“. Etwas Ähnliches gibt es schon bei anderen bevölkerungsweiten Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Herzinfarkt, so die „Nako Gesundheitsstudie“.

    Sie heben außerdem hervor, dass die Zahlen zur Sterblichkeit (Mortalität) der durch das Virus Infizierten das Problem derzeit überschätze und nicht sicher interpretiert werden könnten. So sei nicht bekannt, auf wie viel infizierte Personen die Zahl der gestorbenen Patienten zu beziehen ist. Zudem sei nicht klar, ob der gemeldete Tod „tatsächlich auf die Infektion mit SARS-CoV-2 zurückzuführen und nicht durch die Komorbidität oder den natürlichen Verlauf zu erklären ist“.

    Die Experten kritisieren in ihrem Papier als „schwerwiegend“, dass die Covid-bedingte Sterblichkeit nur mit den Faktoren Virus-Nachweis und dem Tod des Patienten begründet werde: „wir wissen nicht, ob der Patient an Covid-19 verstorben ist oder mit Covid-19. Auch auf der Webseite des RKI ist keine Definition der Covid-19 bedingten Sterblichkeit vorzufinden“. Zudem gebe es keine Vergleiche mit der generellen Sterblichkeit in entsprechenden Zeiträumen der Vorjahre, um herauszufinden, ob die Todeszahlen in Folge der Pandemie über dem Durchschnitt liegen.

    „Ansteckungen vor allem in medizinischen Einrichtungen“

    In einer weiteren These machen die Experten darauf aufmerksam, dass das neue Corona-Virus in den Krankenhäusern und Pflege- bzw. Betreuungseinrichtungen auf andere Patienten und Beschäftigte übertragen werden kann.

    „Dieser Ausbreitungstyp stellt mittlerweile den dominierenden Verbreitungsmodus dar. Der Aufenthalt in Risikogebieten und der individuelle Kontakt wird an Bedeutung abnehmen.“

    Die Autoren berufen sich dabei auch auf Studien zur Lage in Italien.

    Diese „nosokomialen Infektionen“ sind ein schon bisher ein großes Problem für medizinische Einrichtungen. Das RKI hatte im November 2019 eine „aktuelle Schätzung zur Krankheitslast durch im Krankenhaus erworbene (nosokomiale) Infektionen“ vorgelegt. Danach liegt Zahl dieser Infektionen in Deutschland bei 400.000 bis 600.000 pro Jahr. Die Zahl der Todesfälle wurde mit „10.000 bis 20.000“ angegeben. Weiter hieß es: „Generell sind Todesfälle durch nosokomiale Infektionen schwer zu bestimmen, insbesondere weil viele Betroffene an schweren Grundkrankheiten leiden, die bereits ohne Krankenhausinfektion häufig zum Tod führen.“

    In dem Thesenpapier der Gruppe um den Mediziner Schrappe wird außerdem darauf hingewiesen, dass Covid-19 „durch ein lokales Herdgeschehen (Cluster) mit nicht vorhersehbarem Muster des Auftretens gekennzeichnet“ sei.

    „Sars-CoV-2/Covid-19 stellt keine homogene, eine ganze Bevölkerung einheitlich betreffende Epidemie dar“, wird festgestellt.

    „Soziale Distanz nur begrenzt wirksam“

    Die Experten schreiben, dass die allgemeinen Vorbeugungsmaßnahmen unter dem Stichwort „Soziale Distanz“ (social distancing) „theoretisch schlecht abgesichert“ und nur „begrenzt wirksam“ seien. Die Bundeskanzlerin hatte unter anderem in ihrer TV-Ansprache am 18. März dazu unter anderem gesagt: „Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge. Der gutgemeinte Besuch, die Reise, die nicht hätte sein müssen, das alles kann Ansteckung bedeuten und sollte jetzt wirklich nicht mehr stattfinden. Es hat seinen Grund, warum die Experten sagen: Großeltern und Enkel sollten jetzt nicht zusammenkommen.“

    Dem folgte am 22. März das von Bundes- und Landesregierungen vereinbarte Kontaktverbote und die Aufforderung an die Bürger, möglichst zu Hause zu bleiben. Seitdem sind Gruppen und Ansammlungen von mehr als zwei Personen in der Öffentlichkeit verboten, bis auf wenige Ausnahmen. Die Experten warnen dazu in ihrem Papier, dass die Maßnahmen nur beschränkt wirken würden und sie zu viele Kollateralschäden verursachen würden.

    In Ländern wie Italien, die noch schärfere Maßnahmen eingeführt hätten, habe die Situation nicht „eingreifend verbessert“ werden können, „weder gemessen an den gemeldeten Infektionszahlen noch gemessen an der Mortalität“. Zugleich zeige sich, „dass sich weder im Verlauf der Infektionszahlen noch in der Letalität zwischen den Ländern ein großer Unterschied zeigt, der auf die unterschiedlichen Ausprägungen der Ausgangsbeschränkungen und der Einschränkungen der Berufsausübung zurückzuführen wäre“.

    „Nutzen und Folgen abwägen“

    „Auch bei Präventionsmaßnahmen, vor allem, wenn sie in das soziale und politische Leben einer Gesellschaft tief eingreifen, muss der zu erwartende Nutzen gegen die möglichen negativen Folgen abgewogen werden“, wird hervorgehoben. Die Autoren verweisen auf eine entsprechende Stellungnahme des deutschen Ethikrates vom 27. März. Dieses Gremium hatte am Dienstag auf einer Pressekonferenz unter anderem die Krisenkommunikation der Bundesregierung kritisiert.

    Die Wissenschaftler um Mediziner Schrappe betonen:

    „Es besteht außerdem Einigkeit darüber, dass auch von der Beschränkung sozialer Kontakte und von Arbeitslosigkeit ein relevantes Morbiditätsrisiko ausgeht. Zusätzlich zur biologischen Ansteckung darf nicht noch eine soziale und emotionale Ansteckung durch Ängste auftreten, die zu unerwünschten sozialen Folgen führen könnte (z.B. Anschwärzen der Nachbarn; Anpöbeln alter Menschen in Discount-Läden; Stigmatisierung).“

    Sie setzen dagegen auf zielgruppenorientierte Maßnahmen wie in der Aids-Prävention. Diese sollten sich auf „die vier Risikogruppen hohes Alter, Multimorbidität, institutioneller Kontakt und Zugehörigkeit zu einem lokalen Cluster beziehen“.

    „Soziale Konflikte können verstärkt werden“

    Die gegenwärtige politische Strategie, die das Virus eindämmen soll, „kann anfangs in einer unübersichtlichen Situation das richtige Mittel gewesen sein“, so die Gesundheitsexperten. Doch sie berge „die Gefahr, die soziale Ungleichheit und andere Konflikte zu verstärken“.

    „Es besteht weiterhin das Risiko eines Konfliktes mit den normativen und juristischen Grundlagen der Gesellschaft. Demokratische Grundsätze und Bürgerrechte dürfen nicht gegen Gesundheit ausgespielt werden. Die Einbeziehung von Experten aus Wissenschaft und Praxis muss in einer Breite erfolgen, die einer solchen Entwicklung entgegenwirkt.“

    Die Wissenschaftler warnen, dass es nicht zu der eingeforderten gesellschaftlichen Solidarität und Verbundenheit komme, sondern bestehende Konfliktlinien vertieft werden. Das betreffe vor allem die soziale Ungleichheit, „denn allein die Bevölkerungs-bezogenen Maßnahmen treffen Personen mit niedrigem Einkommen und Selbstständige deutlich stärker als Personen mit größerem finanziellen Spielraum“.

    „Demokratie nicht gegen Seuchenbekämpfung ausspielen“

    Zudem werde erneut in Frage gestellt, warum das demokratische System berechtigt (legitimiert) sei. Das sei die Folge dessen, dass die politischen Maßnahmen der Regierenden als alternativlos dargestellt und die parlamentarische Kontrolle reduziert werde. Das werde durch die wirtschaftlichen Folgen verstärkt.

    „Immer wieder wird versprochen, diese Maßnahmen seien nur vorübergehender Natur, aber dass die Exekutive die in Zeiten der Krise verliehenen Vollmachten freiwillig wieder ‚zurückgeben‘ wird, ist eher unwahrscheinlich“, wird befürchtet.

    Die Experten warnen zudem vor autoritären Maßnahmen wie die geforderte Mobiltelefon-Ortung via Anwendungen (Apps). Demokratie und Grundrechte dürften nicht gegen die notwendige Seuchenbekämpfung ausgespielt werden.

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