18:16 05 August 2020
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    Die Welt steht vor neuen Herausforderungen, die nur durch eine tiefgreifende Neuordnung der Weltpolitik bewältigt werden können. Davon ist Buchautor und Politologe Klaus Moegling überzeugt. Überraschenderweise meint der Sozialwissenschaftler nicht die Covid-19-Pandemie. Im Sputnik-Interview nennt er die Gründe und stellt sein neues Buch vor.

    Ein neues Buch auf dem Markt trägt folgenden programmatischen Titel: „Neuordnung: Eine friedliche und nachhaltig entwickelte Welt ist (noch) möglich“. Um diese friedensstiftende und menschenwürdige Neuordnung in der internationalen Politik auch tatsächlich umsetzen zu können, müsse jetzt gehandelt werden, fordert der Verfasser Klaus Moegling. Der Professor für Politikwissenschaften lehrt unter anderem an der Universität Kassel die Schwerpunkte Politikdidaktik, Schulpädagogik und internationale Beziehungen.

    Seine Botschaft lautet: „Eine friedliche und am Prinzip der Nachhaltigkeit orientierte Welt ist (noch) möglich. Und: Die Neuordnung muss bereits jetzt mit den ersten notwendigen Schritten beginnen.“

    So steht es im Klappentext seines Werks, das jetzt in zweiter und aktualisierter Auflage auf dem deutschsprachigen Büchermarkt erschienen ist und eine menschliche Welt einfordert.

    „Probleme der Welt verschwinden in der Pandemie nicht einfach“

    „Das Corona-Virus dominiert zur Zeit die Öffentlichkeit“, sagte Buchautor Moegling im Sputnik-Interview. „Doch die anderen Probleme sind immer noch vorhanden. Die drängendste Herausforderung liegt in einer anderen Gestaltung der Globalisierung, die bisher unter dem Aspekt vorgenommen wurde, wie man den größten Profit aus der internationalen Arbeitsteilung und Rollenzuschreibung ziehen konnte.“ Es gehe dabei im Kern um eine politische und wirtschaftspolitische Neuausrichtung der globalisierten Weltwirtschaft. „Also um eine gerechte, ökologische, friedliche und demokratische Gestaltung der Globalisierung. Damit hängt die Lösung aller weiteren Probleme zusammen: Die Bekämpfung der Klimakrise, die Verminderung der Kriegsgefahr und der Kampf gegen den Welthunger – und auch die wirkungsvolle Bekämpfung von Pandemien.“

    Bei diesen dringenden und komplexen Weltproblemen müsse ihm zufolge „die organisierte Weltgemeinschaft in Form der Vereinten Nationen (UNO) eine entscheidende Rolle einnehmen. Sehr gut fand ich den Aufruf des UN-Generalsekretärs António Guterres, angesichts der Pandemie weltweit die Waffen ruhen zu lassen. Ich würde neben dem globalen Waffenstillstand mir auch noch die Bereitschaft aller maßgeblichen Staaten wünschen, die wirtschaftliche Sanktionspolitik aufzuheben, die gerade während der Pandemie die ärmsten und schwächsten Menschen trifft.“ Damit meinte er beispielsweise die westlichen Wirtschaftssanktionen gegen Russland oder den Iran.

    Corona-Hilfe aus Russland: Was in der Weltpolitik derzeit Hoffnung gibt

    „Positiv sehe ich die vielfältig gezeigten Hilfeleistungen auf der örtlichen Ebene, wo sich Menschen gegenseitig beim Einkaufen und Versorgen helfen“, kommentierte er mit Blick auf die derzeitige globale Krise um das neuartige Coronavirus.

    „Auch die Tatsache, dass China nun Masken und Medizintechnik nach Europa und in die USA sendet sowie Russland – endlich in einer sinnvollen Absprache zwischen Trump und Putin – ebenfalls medizinische Produkte zur Bekämpfung der Corona-Krise in die USA schickt. Das zeigt, dass zumindest ein wachsender Problemdruck zu internationaler Zusammenarbeit führen kann. Vielleicht lassen sich hier auch Feindbilder abbauen, die in der Zeit nach Corona vermieden werden können.“

    Die Sorge vor „einer unmittelbaren Bedrohung und damit natürlich auch der Wunsch, nach Lösungen zu suchen, haben mich zum Verfassen des Buches motiviert“, erklärte Moegling. Zum anderen habe er wahrgenommen, „dass politikwissenschaftliche Arbeiten nur selten ganzheitlich angelegt sind, sich also oftmals nur auf übergeordnete Strukturen beziehen, aber die Entwicklung des Menschen und das Zusammenleben außen vorlassen.“ Dies wolle sein neues Werk ändern. Das Buch entstand laut ihm vor dem Hintergrund „sich verschärfender Krisen“ im militärischen sowie wirtschaftlichen Bereich der Weltpolitik.

    Gier „als Prinzip“ der Weltwirtschaft

    Die globalisierte Weltwirtschaft sei seit Jahrzehnten durch eine negative menschliche Eigenschaft geprägt, analysierte der Politologe: „Gier als Wirtschaftsprinzip steht im Gegensatz zu einem gemeinwohlorientierten Wirtschaften, das durch Verantwortlichkeit, Solidarität, ökologisches Verhalten und Partizipation gekennzeichnet ist.“

    BlackRock-Niederlassung in New York (Archivbild)
    © AFP 2020 / Getty Images / Andrew Burton

    Im ur-kapitalistischen Sinne gehe es „bei ökonomischer Gier primär darum, eigene materielle Vorteile anzuhäufen – also um Profitdenken. Marx und Engels sprechen hier von der Abschöpfung des Mehrwerts. Also eines Werts, der bei der Produktion erzielt wird und den sich die Unternehmer aneignen. Dieser Enteignungsprozess in Bezug auf die Arbeitstätigkeit und damit verbundener Wertschöpfung von Arbeitnehmern ist prioritäres Ziel des Wirtschaftens im Kapitalismus, insbesondere in seiner ungebremsten neoliberalen Variante.“

    Diese Entwicklung führe letztendlich dazu, „dass derzeit ein Prozent der Weltbevölkerung mehr Vermögen besitzen als die restlichen 99 Prozent. So verfügten im Jahr 2017 laut der Organisation Oxfam 42 Personen über die gleichen Vermögenswerte wie die ärmsten 3,7 Milliarden Menschen zusammengenommen.“

    Drohen globale Umwelt-Katastrophen und große Kriege?

    Politologe Moegling spricht in seiner Analyse in diesem Zusammenhang vom Militärisch-ökonomischen Komplex:

    „Hierbei finden wir einen gefährlichen Militärisch-Industriellen Komplex in allen kriegführenden Staaten vor, vor dessen politischem Einfluss in den USA schon 1961 der scheidende US-Präsident Dwight Eisenhower gewarnt hatte. Ich bezeichne diesen Komplex als die ‚Ökonomie des Todes‘, denn um nichts Anderes geht es. Auch übrigens um die massive Zerstörung der Umwelt im Zuge militärischer Konflikte. Dies wird häufig übersehen.“

    Fast vergessen scheint dieser Tage die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg und die globale Umweltbewegung. Dies bedauere der Autor sehr. Zur Klima-Krise forderte er: „Den übermäßigen Verbrauch der planetaren Ressourcen senken.“

    Zur Kriegsgefahr sagte er: „Fast alle Großmächte steigern laut dem Stockholm International Peace Research Institut (SIPRI) ihr Rüstungspotenzial. Führend dabei die USA und China, abnehmend in den letzten zwei Jahren Russland. Abrüstungsverträge werden aufgekündigt, Atomwaffen modernisiert. Es findet eine Zunahme asymmetrischer Konflikte und auch von Stellvertreterkriegen statt. Beispielsweise in Syrien, in der Ostukraine oder im Jemen.“ Alte Feindbilder würden in der Weltpolitik wieder bemüht.

    „Der Widerstand wächst weltweit“

    „Man darf nicht mehr abwarten“, so der dringende Appell des Autors. „Die Menschen müssen sich verstärkt organisieren und vernetzen. Auf allen Ebenen: Lokal, regional und international. Überall, wo ein Engagement sinnvoll und möglich ist: In Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, internationalen NGOs und geeigneten politischen Parteien, die sich für Frieden und nachhaltige Entwicklung einsetzen.“ Die Stärkung internationaler Organisationen wie der UNO sei die eine Sache – doch jeder und jede müsse mithelfen, um eine bessere Welt zu erschaffen.

    „Der Widerstand wächst weltweit. Er richtet sich gegen die gewaltige Naturzerstörung, gegen die von ungebremster Gier getriebene ökonomische Ausbeutung der Menschen sowie gegen den irrationalen Rüstungswahnsinn. Er richtet sich gegen die Unfähigkeit bzw. Unwilligkeit der herrschenden ‚Eliten‘ zu gemeinsamen Friedensgesprächen, zum Teilen des gesellschaftlichen Wohlstands und zu einer nachhaltigen Klimapolitik.“ Die mehr als spannende Frage sei, wann die „kritische gesellschaftliche Masse“ erreicht sei, „die dafür notwendig ist, dass es zu einem systemischen Umbruch und zu einer entsprechenden Transformation des Weltkapitalismus hin zu einer sozialökologischen Neuordnung kommt.“

    In seinem Buch wirbt er für die Einführung einer „Weltbürgerinitiative, bei der die Menschen auch in ausgewählten Fällen direkt global abstimmen können. Hierdurch könnten sich repräsentativ-parlamentarische Institutionen und maßvolle Formen direkter Demokratie ergänzen.“

    Zudem sei es „ausgesprochen bedauerlich, dass gut angelaufene politische Initiativen und Bewegungen, wie zum Beispiel Fridays for Future oder die Ostermarschbewegung, durch die Pandemie nun gewissermaßen behördlich stillgelegt sind. Man muss sehr wachsam sein, welche Grundrechte zur Zeit ausgesetzt werden und ob sie danach wieder voll zur Geltung kommen.“ Aktuelle Entwicklungen in Ungarn und weitere autoritäre Tendenzen in den USA unter Trump und in der Weltpolitik beobachte er mit Sorge.

    Was Mut macht

    „Dennoch gibt es genügend Entwicklungen und Initiativen, die auch Mut machen können“, brachte es Moegling auf den Punkt. „Mut macht die weltweite Klimaprotestbewegung ‚Fridays for Future‘, die insbesondere Millionen junger Menschen erreicht, sie zunehmend politisiert und mit anderen Generationen vernetzt.“ Darüber hinaus „bilden sich seit geraumer Zeit weltweit zum Teil sehr erfolgreiche Widerstandsbewegungen, wie zum Beispiel der indigene Widerstand in Nordamerika gegen die Ölgewinnung aus Teersand oder die zunehmend erfolgreichere Kampagne zum Verbot der Atomwaffen.“ Damit bezog sich der Politikwissenschaftler auf die Initiative ICAN, „die mit dem Friedensnobelpreis für ihr friedenspolitisches Engagement ausgezeichnet wurde.“

    Mut mache ebenso, „dass die EU und die deutsche Bundesregierung sich nicht in jeder Hinsicht dem Diktat der USA unterwerfen und trotz massiver Drohungen sowie Sanktionsmaßnahmen die Gas-Pipeline Nordstream 2 zu Ende bauen lassen und sich an die Verträge halten wollen. Hierdurch ist nicht nur die Gasversorgung Europas im Sinne einer Zwischenlösung gewährleistet, sondern es verstärkt sich eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Europa und Russland, was sicherlich ein wirksamer Beitrag zur Friedenssicherung ist.“

    Neue Bildungskonzepte scheinen bitter nötig

    Der Buchautor lobte zahlreiche weltweit und in Deutschland agierende „hochinteressante Schulprojekte mit engagierten Lehrenden und Lernenden. Es gibt genügend Modelle und Schulen im internationalen Bildungskontext, die zeigen, wie Demokratie, Ökologie und Friedfertigkeit im gelebten Schulleben Inhalt von Projekten sein können.“

    Denn: „Mit unreifen, verbildeten, egozentrischen und aggressiven Menschen kann man keine neue Welt erschaffen“, mahnte der Politologe und Bildungs-Experte.

    Meditation und Weltpolitik

    In seinem Buch werden recht ungewöhnliche Tipps gegeben, die so eher selten in Büchern mit sozialen, politischen und ökonomischen Analysen zu finden sind. „Politisches Engagement ist oft sehr anstrengend und kräftezehrend. Techniken zur Meditation – wie Yoga, Zazen oder Tai Chi – sind geeignet, um achtsam nach innen und nach außen zu sein.“ Letztlich gehe es dabei um „die Gewinnung von Achtsamkeit und Wachheit gegenüber allem.“ Egal, was passiert.

    „Auch hilft Meditation, weniger egoistisch zu sein, die zu engen Grenzen egozentrischen Denkens und Fühlens zu überwinden und den anderen Menschen empathischer gegenüber zu treten. Dies alles dürfte für Politiker auf allen Ebenen, natürlich auch auf der internationalen Ebene, hilfreich sein.“

    Was die UNO schwächt – und wieder stärken könnte

    „All dies macht Mut“, fasste Moegling zusammen. „Die Auseinandersetzung darum, wer zukünftig das Sagen auf der Erde haben wird, ist noch lange nicht entschieden. Jedes Engagement in eine verantwortliche Richtung macht Sinn. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich in diesem Sinne mit ‚langem Atem‘ und druckvoll zu engagieren.“

    Momentan habe es in der UNO den Anschein, „als ob die strukturelle Anlage der Vereinten Nationen vor allem dazu dient, den ständigen Vertretern im UN-Sicherheitsrat die Durchsetzung eigener Interessen zu ermöglichen. Die UN-Vollversammlung und die nicht-ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat sollen hier möglichst dabei nicht stören. Hierzu ist eine Demokratisierung der UN dringend erforderlich.“ Zunächst sollte ein UN-Parlament tatsächlich im Zuge weltweiter Wahlen demokratisch gewählt werden.

    „Weltprobleme nach Virus-Krise neu verhandeln“

    Außerdem sollte der seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg unveränderte UN-Sicherheitsrat ihm zufolge zukünftig ebenfalls von einem demokratisch ermittelten UN-Parlament gewählt werden. „Das Veto-Recht für die fünf ständigen Mitgliedsstaaten ist abzuschaffen, Entscheidungen sind mit unterschiedlich qualifizierten Mehrheiten zu fällen“, forderte er.

    Vielleicht werde es nach der Beendigung der Corona-Pandemie möglich, die weltweiten Probleme noch einmal neu zu verhandeln, sagte er hoffnungsvoll. „Hier fände ich es wichtig, dass diesbezüglich die UN sowie die EU noch aktiver werden und die Verhandlungsinitiative ergreifen.“ Der Druck auf die Staaten in Hinblick auf eine Neuordnung der internationalen Beziehungen werde wieder zunehmen und „weiter anwachsen“, so der Politikwissenschaftler. „All dies wird natürlich in meinem Buch viel umfassender ausgeführt.“

    Klaus Moegling: „Neuordnung: Eine friedliche und nachhaltig entwickelte Welt ist (noch) möglich – Analyse, Vision und Entwicklungsschritte aus einer holistischen Sicht“, Verlag Barbara Budrich, 277 Seiten, 24,80 Euro, 2. aktualisierte und erweiterte Auflage 2019, ISBN: 978-3-8474-2344-7. Das Buch ist im Handel erhältlich und auch als e-book erhältlich.

    Das Radio-Interview mit Prof. Dr. Klaus Moegling (Teil 1) zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit Prof. Dr. Klaus Moegling (Teil 2) zum Nachhören:

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    Tags:
    Klima, Militär, UN, Coronavirus