11:52 26 September 2020
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    Nationalstaatliche Alleingänge, Einschränkungen für den Waren- und Pendlerverkehr, Zusammenbruch der Lieferketten waren die prägenden Bilder zu Beginn der Corona-Krise. So begegnet man immer öfter der Ansicht, die Grenzen der Globalisierung seien erreicht. Ist die Globalisierung wirklich gescheitert?

    In der Corona-Krise zeigten viele EU-Staaten zunächst ihre hässliche Seite: Nationalstaatliche Alleingänge, Einschränkungen für den Waren- und Pendlerverkehr, Zusammenbruch der Lieferketten. Solidaritätsforderungen und Aufrufe zum Zusammenhalten aus den obersten Rängen der EU waren kaum zu vernehmen.

    Als Konsequenz der Krise sehen manche Augen gar das Ende der Globalisierung, wie wir sie kannten, manche Stimmen fordern gar ein Ende dieser und manche können nur über derartige Prophezeiungen lachen. 

    Der emeritierte Professor für Politikwissenschaften an der Technischen Universität Dresden, Werner J. Patzelt, gehört eher zu der Fraktion der Sehenden. Seiner Ansicht nach wird sich nach der Krise die „Einsicht in die Grenzen der Globalisierung“ ändern:

    „Wir werden begreifen, dass das Zeitalter der Globalisierung schon aus Eigeninteresse eines ist, das zu Ende geht und dass die Nationalstaaten und die Verbünde von Nationalstaaten, wie die EU, mehr Verantwortung für ihre Sicherheit und für ihre Wirtschaft übernehmen müssen, als wir das in der Vergangenheit zu denken gewohnt waren.“

    Denn die Corona-Pandemie habe ganz wesentlich mit der Internationalisierung des Reiseverkehrs und den ökonomischen Schwierigkeiten - bis hin zur Versorgung mit Atemschutzmasken - zu tun. „Das hat etwas zu tun mit Lieferketten, die sehr lange und sehr störanfällig sind und die lediglich unter Idealbedingungen funktionieren können“, so Patzelt.

    Weniger Europa?

    Auch die EU ist das Ergebnis der Globalisierung, einer sich zusammenwachsenden Welt nach dem Zweiten Weltkrieg. Resultiert daraus auch ein Ende der Europäischen Union, wie wir sie kannten? „Es muss nicht heißen, weniger Europa“, meint der Forscher. Die EU sei selbst ein Teil einer „kompetitiven globalen Welt“. Gleichzeitig bemerkt Patzelt: „Es sind die Nationalstaaten, welche die wirksameren Maßnahmen verhängen oder eben nicht verhängen.“

    Dazu führt er im Sputnik-Interview ein „Gedankenexperiment“ durch:

    „Man stelle sich nur eine Sekunde lang vor, in Europa hätte es eine einheitliche Politik im Umgang mit der Corona-Epidemie gegeben. Wäre überall die deutsche Politik gewesen, stünde es um ganz Europa besser. Hätte man überall die italienische oder spanische Politik betrieben, sehe es auch in Deutschland nicht so gut aus. Wenn man dieses Gedankenexperiment macht, merkt man, wie sinnvoll Vielfalt ist. Und man merkt, dass jene Schicksalsgemeinschaft, in der wirklich Solidarität praktiziert wird, wesentlich kleiner ist, als wir uns das in der Vergangenheit zu denken angewöhnt haben.“

    „Europas stark pochendes Herz der Solidarität“

    Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnte bei einer Sondersitzung des Europaparlaments, die Europäische Union in der Corona-Krise schlecht zu reden. Zwar sei anfangs niemand auf die Pandemie vorbereitet gewesen und gerade Italien hätte mehr geholfen werden müssen, sagte von der Leyen am Donnerstag in Brüssel. Dafür entschuldige sich Europa als Ganzes und habe erkannt, dass man sich gegenseitig schützen müsse. Doch nun hätten alle erkannt, dass man sich gegenseitig schützen müsse, betonte die Präsidentin.

    „Und die Wahrheit ist, dass Europa in der Welt nun zum stark pochenden Herz der Solidarität geworden ist“, sagte von der Leyen. „Das wahre Europa steht auf, das Europa, das füreinander da ist, wenn es am dringendsten gebraucht wird.“ Inzwischen würden sich die EU-Staaten gegenseitig mit medizinischem Personal und Gerät unterstützten. „Das macht mich stolz, Europäerin zu sein“, sagte von der Leyen.

    Der Präsident des „Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung“ (DIW), Marcel Fratzscher, hält fehlende Solidarität für ein „fatales Signal“. Es sei falsch, in der EU von nationalen Ökonomien zu sprechen.

    „Wir reden in Europa von einer europäischen Volkswirtschaft. Fast die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung sind Exporte. Über die Hälfte der deutschen Exporte gehen nach Europa. Das heißt, wenn Italien ein Problem hat, dann hat auch Deutschland ein Problem“, sagte Fratzscher im Gespräch mit der ausländischen Presse.

    Handel mit Asien erholt sich

    Mit einem lachenden Auge blickt der Wirtschaftsexperte des „Instituts für Wirtschaftsforschung“ (Ifo), Martin Braml, dem Ende der Krise entgegen: „Wer jetzt auf den Abgesang auf die Globalisierung einstimmt, sollte sich lieber das ansehen:“

    Die Grafik des Kieler „Instituts für Wirtschaftsforschung“ (Ifw-Kiel) zeigt eine rasche Erholung des globalen Handels anhand des täglichen Frachtvolumens im Roten Meer. „Globaler Handel wirkt wie eine Produktionsausfallversicherung “, erklärt Braml via Twitter.

    „An einem Strang ziehen“

    Der wichtigste Tagesordnungspunkt in der Sondersitzung des EU-Parlaments mit von der Leyen war eine Resolution mit der Forderung nach einer gemeinsamen Antwort der EU auf die Krise. Abgeordnete bemängelten in der Debatte Alleingänge einzelner Mitgliedsstaaten zu Beginn der Krise und pochten auf mehr Zusammenarbeit beim Ausweg aus der Situation. Das Europaparlament wolle dafür sorgen, dass man bei der Bewältigung des Notstands an einem Strang ziehe, sagte Parlamentspräsident David Sassoli.

    Man müsse dafür eintreten, dass alle Länder gleich gestärkt aus der Krise herausgehen, betonte die Fraktionschefin der Sozialdemokraten, Iratxe García Pérez, die per Videoschalte zum Plenum sprach.

    Im Resolutionsentwurf wird mehr Schutz der EU-Bürger in der Gesundheitskrise gefordert und das Vorgehen Ungarns und Polens in der Pandemie kritisiert.

    Interview mit Prof. Dr. Werner Patzelt zum Nachhören: 

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