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    Die Totenzahlen im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit Covid-19 in Deutschland und Frankreich zeugen laut Édouard Husson, französischer Historiker, davon, dass Berlin die Situation besser in den Griff bekommen hat als Paris. Er führt das unter anderem auf den Zustand der Dezentralisierung und Industrialisierung der Bundesrepublik zurück.

    Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland wird die Corona-Quarantäne voraussichtlich Mitte Mai aufgehoben. Aber der Unterschied zwischen Paris und Berlin ist riesig: Mit Stand vom 17. April sind in Frankreich 17.920 Menschen wegen des Coronavirus gestorben, in Deutschland aber nur 3868 Menschen. In deutschen Intensivstationen gibt es etwa 40.000 Betten, in französischen jedoch lediglich 14.000. In der Bundesrepublik werden jede Woche 350.000 Menschen auf Covid-19 getestet, in Frankreich nur 150.000. Dabei sind die Gesundheitsausgaben in beiden Ländern laut der OECD ungefähr ähnlich und liegen bei etwa elf Prozent vom BIP.

    „Der wahre Grund besteht darin, dass Deutschland dank der zunehmenden Subsidiarität auf die Krise besser reagieren bzw. sich der Krise besser anpassen konnte, denn die getroffenen Maßnahmen wurden in den jeweiligen Regionen getroffen“, so Husson gegebüber Sputnik France.

    Im Unterschied zu Frankreich kämpfen in Deutschland „regionale Gesundheitsämter an der vorderen Front“ gegen die Seuche. Auf der nächsten Ebene liegen die regionalen Gesundheitsministerien, die ihr Vorgehen miteinander koordinieren. Das Bundesgesundheitsministerium müsse sich „nur sehr wenig einmischen“ – nur wenn es um die Versorgung mit Ausrüstung und um die Statistik gehe, stellte der Autor fest.

    „Bei uns bekommen vor allem Krankenhäuser in Großstädten und die technische Struktur das Geld, welche die Krankenhäuser verwaltet, sowie regionale Gesundheitsämter, (…) und in Deutschland bekommen vor allem regionale Behörden und unmittelbar Krankenhäuser das Geld.“

    Der zweite Grund sei, dass die deutsche Industrie, egal ob die Pharmabranche, der Automobil- oder Maschinenbau, ihre Kräfte mobilisiert und sich auf die Produktion von Beatmungsgeräten, Corona-Tests und Schutzmasken umstellen konnte.

    „Keine strategische Vision“

    Deutschland sei ein Land, „das einen Teil seiner Industrieketten, nämlich den Zusammenbau und Fertigerzeugnisse aufrechterhalten hat“. Das sei entscheidend im Kampf gegen das Coronavirus gewesen, weil Deutschland „in der Lage blieb, zu investieren, zu organisieren, vorherzusagen und die Risiken richtig zu bewerten“.

    „Meines Erachtens zahlen wir einen enorm hohen Preis für die Deindustrialisierung unseres Landes, dafür, dass unsere Führung nicht weiß, was die Organisation eines modernen Landes bedeutet.“

    Édouard Husson kritisiert die französische Staatsführung, die „keine richtige strategische Vorstellung“ von der Situation im Land habe. „Es stellte sich heraus, dass sie keine strategische Vision hat und nicht imstande ist, die Handlungen auf der nationalen Ebene zu koordinieren“, erläuterte er. Als die Behörden in Paris mit dem generellen Misstrauen seitens der Bevölkerung konfrontiert worden seien, haben sie ihre Bürger nicht richtig informieren und Schutzmasken und Corona-Tests beschaffen können. 

    „Deutschland hat besser reagiert, sich besser angepasst. Es hat schneller reagiert und wusste im jeweiligen Moment, was zu tun war. In Frankreich sucht man immer noch nach einem Weg, sich angesichts der Krise zu organisieren“, so Husson.

    Aus dieser Sicht sei das Vorgehen der Spitzenpolitiker beider Länder kennzeichnend: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel habe keine Begriffe wie „Krieg“ verwendet und nur von einer Unterstützung der Menschen gesprochen, indem sie unterstrichen habe, es  handele sich um eine „sanitäre Krise“. Gerade deshalb seien Merkels Popularitätswerte, die gerade eine Talfahrt erlebt haben, wieder aufgeschwungen und lägen aktuell bei 79 Prozent. „Und Emmanuel Macron will um jeden Preis beweisen, dass er der Chef ist und in jeder Hinsicht das Sagen hat.“ Darauf ließen sich seine zahllosen Auftritte und Hinweise zurückführen.

    Beim wirtschaftlichen Aspekt habe Deutschland immerhin die Besorgnis, unter anderem was seinen Autobau und seine Versorgungsmöglichkeiten betreffe, wobei es „sehr stark von Piemont abhängt“ – der am schlimmsten betroffenen Region in ganz Europa, so Husson weiter. Angesichts dessen ruft er die Europäer auf, diese Superregion „von London bis zur Lombardei – durch das Rheintal, Ostfrankreich und die Schweiz“ – zu beschützen, „die die historische Achse des europäischen Kapitalismus bildet“.

    „Ich schätze die Überlebenschancen des Euro zu eins gegen zwei ein“

    „Mario Draghi mit seinen Ansichten gibt es nicht mehr, und die Europäische Zentralbank kann die Fehler der Spitzenpolitiker der Mitgliedsländer nicht mehr korrigieren, wie das nach dem Weggang von Nicolas Sarkozy 2012 und 2013 war. Mario Draghi hatte Deutschland den Plan zur Rettung europäischer Banken aufgedrängt, unter anderem südeuropäischer Banken. (…) Ich schätze die Überlebenschancen des Euro in den kommenden zwei, drei Jahren auf eins gegen zwei“, räumte Husson ein.

    Die Seuche in Deutschland bleibe unter Kontrolle – und werde mittlerweile noch besser unter Kontrolle gehalten, sagte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn am 17. April. Dabei stellte er fest, dass die Situation in Deutschland vom dynamischen zum linearen Wachstum übergehe, und dass die Ansteckungsrate wesentlich gesunken sei. Nach seinen Worten wurden bundesweit etwa 1,7 Millionen Menschen auf Corona getestet. Dadurch habe Deutschland ganz Europa erneut gezeigt, wie man unter solchen Bedingungen einer Krise handeln sollte. Laut einer DKG-Studie ist Deutschland das zweite Land weltweit nach Israel, das am besten mit der Regelung dieser sanitären Krise umgeht.

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    Tags:
    Frankreich, Deutschland, Coronavirus