13:16 27 November 2020
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    Schweden geht in der Corona-Krise einen Sonderweg: Ein Kontaktverbot gibt es nur auf freiwilliger Basis, die meisten Geschäfte und Betriebe bleiben geöffnet. Die Kritik daran lautet, die schwedische Regierung würde die Wirtschaft der Gesundheit vorziehen. Doch wie sehen die Fakten aus? Und wäre das Modell auch in Deutschland anwendbar?

    Schwedens Corona-Strategie ist umstritten – sogar unter manchen Experten im eigenen Land. Doch vor allem Kritiker der deutschen Kontaktbeschränkungen und Shutdown-Maßnahmen in Deutschland halten das skandinavische Land immer wieder als positives Beispiel hoch. Wer liegt richtig: Berlin oder Stockholm? Ein Blick auf die Fakten schafft Abhilfe…

    In Schweden gefeiert

    Andres Tegnell ist in Schweden so etwas, wie in Deutschland Lothar Wieler oder Christian Drosten: Der 64-Jährige ist Epidemiologe, er berät die Regierung in Stockholm in Corona-Fragen und er tritt fast täglich vor die schwedische Presse. Meist mit Strickpullover, Brille und zerzausten Haaren hat er in Schweden Kult-Status erreicht, Jugendliche tragen T-Shirts mit seinem Namen, es gibt Facebook-Fangruppen. Geschätzt werden seine trockene und völlig humorfreie Art, sowie seine ruhige und kompetent wirkende Art. Die schwedische Regierung handelt nach seinen Ratschlägen.

    Experten geben Ton an

    Wie ein Mantra wiederholt Tegnell mit sonorer Stimme dieser Tage immer wieder den Satz:

    „Wir sind vorsichtig optimistisch.“

    Schweden gehe es gut, das Land produziere Qualitätsresultate, wie es das schon immer getan habe, so Tegnell. Ministerpräsident Stefan Löfven und seine rot-grüne Regierung aus Sozialdemokraten und eher liberalen Grünen trotten den Empfehlungen brav hinterher. Und selbst die Opposition trägt die beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus weitgehend ohne Diskussion mit.

    Freiheit macht den Unterschied

    Diese Maßnahmen unterscheiden sich deutlich von anderen europäischen Ländern. Ein generelles Kontaktverbot gibt es nur auf freiwilliger Basis, Bußgelder werden nicht verhängt Veranstaltungen mit bis zu 50 Besuchern bleiben weiterhin erlaubt. Bis heute sind die Restaurants nicht geschlossen, ebenso Kirchen, die Fitnessstudios, Friseurläden und auch nicht Schulen bis zur 9. Klasse. Auch die Grenzen sind geöffnet, zumindest für EU-Bürger. Die Schweden feiern ihr Land als Insel der Freiheit und des gesunden Menschenverstands auf einem Kontinent der geschlossenen Gesellschaften. Schwedens Strategie basiert dabei auf der Annahme: Solange es keinen Impfstoff gibt, kann man das Virus nicht bekämpfen, sondern man wird damit leben müssen. Mit drastischen Maßnahmen könne aber keine Gesellschaft länger als ein paar Wochen leben, die psychischen und wirtschaftlichen Auswirkungen wären zu hoch.

    Nicht untätig…

    Falsch ist hingegen die Behauptung, Schweden mache alles so weiter, wie vor der Corona-Krise. Erklärtes Ziel von Andres Tegnell und der Regierung ist ebenfalls ein Abflachen der Infektionskurve, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Wie in anderen Ländern setzt man auf Social Distancing, aber eben ohne Bestrafung, so Ministerpräsident Löfven:

    „Wir können nicht alles mit Gesetzen und Verboten regeln. Es ist auch eine Frage des Gemeinsinns.“

    Die Behörden haben zwar Hochschulen und Oberstufen geschlossen, ansonsten appellieren sie an die Vernunft und das Verantwortungsgefühl der Bürger. Die Menschen sollen also freiwillig zu Hause bleiben. Schaut man sich das Straßenbild zumindest in Schwedens größeren Städten an, funktioniert das bei gutem Wetter aber nur bedingt.

    Abstand halten leichtgemacht

    Auf dem Land dagegen können Abstandsregeln natürlich deutlich besser eingehalten werden. Während in Deutschland rund 232 Einwohner pro Quadratkilometer Fläche leben, sind es in Schweden gerade einmal 23 Einwohner. Platz ist also genug, dort ist man sich vorher schon nicht in die Quere gekommen, wenn man es nicht wollte. Übrigens: Die Hälfte der Haushalte in Schweden sind Singlehaushalte. Aber auch gerade wegen dieser geringen Bevölkerungsdichte dürfte das schwedische Corona-Modell nur schwerlich auf Deutschland umzumünzen sein. In Spanien, wo die Bevölkerungsdichte bei 92 Einwohnern pro Quadratkilometer liegt, würde das schwedische Modell an einer anderen Gegebenheit scheitern: Dem Gesundheitssystem.

    Gesundheit! - Danke…

    In Schwede und generell in Skandinavien wird das Gesundheitswesen komplett vom Staat organisiert und nahezu ausschließlich aus Steuern finanziert. Der Staat gestaltet sowie verwaltet das System und steuert die Gesundheitsversorgung anhand medizinischer Kriterien. Das bedeutet: Nur wer schwer erkrankt ist, wird sofort versorgt. Bei leichten Erkrankungen muss man in Schweden schon einmal einige Tage auf seinen Arzttermin warten. Das hat einen besonderen Effekt: Während Deutschland mit rund 18 Arztbesuchen pro Jahr und Patient einen Spitzenplatz in Europa einnimmt, liegt Schweden bei drei bis vier Arztbesuchen am unteren Ende der Skala.

    Staat vor privat

    Und während in Spanien durch den EU-Sparzwang massenhaft Krankenhäuser privatisiert wurden und die wenig lukrativen Intensivbetten ebenso wie Personal eingespart wurden, sind Krankenhäuser und Kliniken in Schweden staatlich organisiert, ihr Ziel: Mensch vor Profit. Private Zusatzversicherungen gibt es in Schweden zwar, sie werden aber kaum in Anspruch genommen, da die gesetzliche Versicherung nahezu alle Leistungen abdeckt. Private Arztpraxen sind fast ausschließlich und nur vereinzelt in schwedischen Großstädten zu finden.

    Ein Zusammenspiel…

    Ein vorbildliches Gesundheitssystem in Kombination mit einer niedrigen Bevölkerungsdichte waren für Schweden also optimale Voraussetzung zur Bewältigung der Corona-Krise. Die Behörden sprechen außerdem von einer Vertrauenskultur: Die Bürger vertrauen der Regierung, die Regierung vertraut den Bürgern. Als die Region Stockholm vor einigen Wochen öffentlich um Freiwillige für die Krankenhäuser bat, meldeten sich in kurzer Zeit 6000 Leute. Darunter Prinzessin Sofia, die nach einem dreitägigen Pflege-Blitzkurs aktuell in einem Krankenhaus aushilft. Ob all das in anderen Ländern funktionieren würde, ist fraglich.

    Das große „ABER“

    Schwedens Todeszahlen durch COVID-19 jedenfalls sind recht stabil. Bei über 16.000 Infizierten gesamt sind rund 2000 Verstorbene zu beklagen. Das sind zwar 3000 Tote weniger als in Deutschland, Schwedens Bevölkerung umfasst aber auch nur gut zehn Millionen Einwohner. Norwegen und Finnland, die deutlich härte Maßnahmen fahren, vermelden dagegen Todeszahlen im unteren dreistelligen Bereich. Doch all das sind theoretische Zahlenspiele, jedes Land ist in seiner Beschaffenheit einzigartig.

    Das Versuchslabor…

    Schwedens oberster Gesundheitsexperte Anders Tegnell wurde jüngst von einem norwegischen Journalisten gefragt, ob er das Land mit dem schwedischen Sonderweg in der Corona-Krise nicht zu einem Versuchskaninchen in einem gefährlichen Laborversuch mache. Seine Antwort: Im Moment seien alle Länder Versuchskaninchen und die Staaten mit strengeren Maßnahmen als Schweden seien dies vielleicht sogar noch viel mehr, als sein Land. Doch wie überall gilt auch hier: Wer am Ende Recht behält, wird man wohl frühestens in einigen Monaten oder sogar erst in einigen Jahren erkennen können.

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    Tags:
    Grundrecht, Freiheit, Stefan Löfven, Privatisierung, Gesundheitswesen, Schweden, Coronavirus