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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (536)
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    Zunehmend werden Zweifel daran laut, ob die politisch beschlossenen Anti-Corona-Maßnahmen wirken. Das stützt sich zum Teil auf Zahlen aus dem Robert-Koch-Insitut. Durch diese sehen einige ihre Kritik bestätigt, andere relativieren die Aussagen. Die Politik macht unterdessen weiter – und wird durch Umfragen und Wirtschaftsforscher bestätigt.

    Wirken die politischen Maßnahmen in der Corona-Krise, die das gesellschaftliche Leben massiv einschränken? Sie sollen helfen, dass das Virus Sars-Cov 2 und die von ihm laut Weltgesundheitsorganisation WHO ausgelöste Krankheit Covid-19, sich langsamer ausbreiten. „Wir dürfen keine Sekunde aus den Augen verlieren, dass wir am Anfang dieser Pandemie stehen und noch lange nicht über den Berg sind“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag. Zuvor hatte sie sich mit den Länder-Regierungschefs auf Lockerungen der Maßnahmen geeinigt.

    „Doch ihre Umsetzung seither bereitet mir Sorgen: Sie wirkt auf mich in Teilen sehr forsch, um nicht zu sagen zu forsch." Das sagte Merkel nun am Donnerstag bei ihrer Regierungserklärung vor dem Bundestag. Niemand wisse genau, was die Folge dieser Lockerungen sein werden. Deshalb müsse schrittweise, langsam und vorsichtig vorgegangen werden. Der Virologe Christian Drosten warnte gar am Montag, dass in Folge der gelockerten Maßnahmen der Virus-Ausbruch „in überproportionaler Art und Weise oder in nicht erwarteter Wucht wieder losgeht“.

    Dabei ist umstritten, ob und wie die Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens, die Drosten gern weiter verschärfen würde, überhaupt wirken. Ausgerechnet ein Papier aus dem tonangebenden Robert-Koch-Institut (RKI) sorgt für Zweifel am Sinn der Maßnahmen. Das Institut untersteht dem Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) und wird vom Tiermediziner Lothar Wieler geleitet.

    Einschränkungen ohne Einfluss?

    In einer am 15. April vorab online veröffentlichten neuen Ausgabe des „Epidemiologischen Bulletins“ (17/2020) des Instituts, wurden die Entwicklung der Covid-19-Fallzahlen geschätzt. Sputniknews berichtete darüber. Der Blick auf den Text und auf die beigefügten Grafiken im Bulletin lässt den Schluss zu, das das Virus keine politisch beschlossenen Beschränkungen kennt und sich nicht an entsprechende Vorgaben hält.

    Es zeigt sich anscheinend, dass die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wenig Einfluss darauf haben, wie sich das Virus tatsächlich ausbreitet. Das gilt für die Absage großer Veranstaltungen am 9. März, die Anti-Corona-Vereinbarungen von Bund und Länder vom 16. März sowie das am 22. März verkündete und nun verlängerte Kontaktverbot.

    Ein Diagramm in dem RKI-Papier zeigt die geschätzten Daten, wann die jeweilige Erkrankung der gemeldeten Fälle tatsächlich begann. Es zeigt den Höhepunkt für den 18. März mit etwa 5.500 neuen Erkrankungen, also weit nach der Absage vom 9. März für Großveranstaltungen über 1.000 Menschen, auch wenn die gemäß RKI fünftägige Inkubationszeit beachtet wird. „Danach fällt die Anzahl neuer Fälle pro Tag auf etwa 4.000“, ist zu lesen.

    Reproduktionszahl nicht aussagekräftig?

    Auch nach dem 16. März (Bund-Länder-Vereinbarung) gibt es kein deutliches Absinken der verzeichneten neuen Fälle, die selbst fünf Tage nach dem Kontaktverbot ab dem 23. März weiter über der Grenze von 4.000 blieben. Die wird erst ab dem 4. April erkennbar unterschritten. Bei den gemeldeten Erkrankungen wurde nicht nach deren Schwere unterschieden.

    Die Autoren des Papiers gingen auch auf die Frage der Reproduktionszahl „R“ ein. Diese soll angeben, wie viele Personen durchschnittlich von einem Infizierten angesteckt werden. Die Bundeskanzlerin erklärte mehrmals diese Zahl zum Maßstab für die Beantwortung der Frage, wann die Beschränkungen aufgehoben werden können.

    Laut dem „Ärzteblatt“ hatte das RKI am 15. April gemeldet, dass die Reproduk­tionszahl bereits am 9. April bei 0,9 gelegen habe. In den Grafiken im neuen Bulletin aus dem RKI erreicht die „effektive Reproduktionszahl“ schon am 21. März die Grenze „R 1“, um sich mit leichten Schwankungen meist darunter zu bewegen. Selbst die erhöhten Testzahlen ändern daran anscheinend ebenso wenig wie die jeweiligen Maßnahmen. Die Autoren des Bulletins gaben keine Wertung der Ergebnisse ab.

    Witterung entscheidend für Trendwende?

    Das RKI hat die Daten und Grafiken aus dem Bulletin in seinen täglichen Situationsbericht vom Samstag übernommen. Daraufhin analysierte der Journalist Paul Schreyer die Angaben und kam in einem Beitrag im unabhängigen und von ihm mit herausgegebenen Online-Magazin „Multipolar“ am Dienstag zu dem Schluss: „Die politischen Maßnahmen können daher nicht die Ursache der Trendwende hin zu einem Rückgang sein.“

    Die RKI-Daten würden zeigen, dass die gemeldeten Erkrankungen seit dem 18. März kontinuierlich zurückgehen.

    „Es scheint, als spielte der Wechsel der Witterung im Laufe des Frühlingsbeginns die entscheidende Rolle“, schreibt Schreyer.

    Das würde sich ebenso beim vom RKI gemeldeten Rückgang der Atemwegserkrankungen zeigen. Der Autor verweist dabei auf den „Influenza-Wochenbericht“ 15/2020 des Institutes.

    In dem Bericht heißt es:

    „Die Aktivität der akuten Atemwegserkrankungen (ARE- und ILI-Raten) in der Bevölkerung (GrippeWeb) ist in der 15. Kalenderwoche (KW) 2020 [4. bis 10. April] bundesweit stark gesunken. Im ambulanten Bereich wurden bei Erwachsenen und Kindern weniger Arztbesuche wegen ARE im Vergleich zur 14. KW 2020 registriert. Die Werte sind in allen Altersgruppen zurückgegangen.“

    Auch die schweren Atemwegserkrankungen mit Krankenhausaufenthalt seien gesunken, wird festgestellt. Diese Entwicklungen wurden bereits in der vorherigen „Influenza-Wochenberichten“ beschrieben und sind ebenso im aktuellen Bericht 16/2020 zu finden. Die Krankheit Covid-19 kann laut RKI solche Atemwegserkrankungen verschiedener Schwere auslösen.

    Kontaktsperre mit schlimmen Folgen?

    Das Fazit von „Multipolar“-Herausgeber Schreyer: „Die Aussage, die Kontaktsperre sei ursächlich für die Trendumkehr hin zu einer Eindämmung des Virus, ist falsch. Es fällt auf, dass diese Behauptung so klar und direkt auch von kaum einem der verantwortlichen Politiker gemacht wird. Fast alle legen einen solchen Zusammenhang mit ihren Aussagen jedoch nahe.“

    Schreyer meint, dass das weitgehend stillgelegte gesellschaftliche Leben dafür sorgt, dass sich Krankheitserreger weniger verbreiten. Zugleich warnt er vor „einem gesellschaftlichen Selbstmord aus Angst vor dem Sterben“. Der extreme Stress für Millionen Menschen und Tausende Unternehmenspleiten in Folge der Maßnahmen führe auch „absehbar zu vielen Todesfällen“. Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Gerald Gaß hatte am 17. April Alarm geschlagen, weil die Kliniken bei den von Bund und Ländern angekündigten Lockerungen vergessen worden seien.

    Gaß verwies gegenüber der Zeitung "B.Z." auf folgende Fakten: Mehr als 50 Prozent aller deutschlandweit geplanten Operationen wurden abgesagt, sind aber nötig. Der OP-Stau geht in die Tausende. Nach den Informationen des DKG-Präsidenten melden sich beim Rettungsdienst 30 bis 40 Prozent weniger Patienten mit Herzinfarkt und Schlaganfall.

    Gaß gegenüber dem Blatt:

    „Und zwar nicht, weil es weniger Erkrankte gibt, sondern weil viele Angst vor Corona haben.“ Und: „Es drohen Menschen zu sterben, weil sie wegen Corona nicht rechtzeitig behandelt werden.“

    Der DKG-Chef kritisierte laut „B.Z.“, dass als Experten zu häufige nur RKI-Präsident Wieler und Charité-Virologe Drosten gehört werden: „Wir brauchen einen viel breiteren öffentlichen Diskurs“.

    Robert-Koch-Institut ahnungslos?

    Den vermisst auch „Multipolar“-Herausgeber Schreyer, der feststellte, dass die Toten in Folge der Maßnahmen nirgendwo erfasst würden. „Es fällt auf, dass niemand in der Regierung klare Kriterien für eine Lockerung und vollständige Beendigung der Freiheitsbeschränkungen mitteilt“, hob er in seinem Beitrag hervor. Zur immer wieder als Kriterium genannten Reproduktionszahl R verwies Schreyer darauf, dass unklar sei, wie diese berechnet werde.

    Dazu auf der Pressekonferenz am 7. April befragt habe RKI-Chef Wieler keine Antwort geben können und sich an seinen Mitarbeiter Dirk Brockmann gewandt. Aber dieser habe nur von „verschiedenen Ansätzen und Modellen“ gesprochen, die versuchen würden, „aus den Meldezahlen R0 abzulesen“. In einige Modelle würden „alle möglichen Faktoren einfließen“, aus denen „das dann geschätzt“ werde.

    Erst in dem „Epidemiologischen Bulletin“ 17/2020 des RKI, vorab erstmals am 15. April veröffentlicht und mit Datum 24. April inzwischen überarbeitet, fand Schreyer eine Angabe zu „R“:

    „Die Reproduktionszahl ergibt sich als Quotient der Anzahl von Neuerkrankungen in zwei aufeinander folgenden Zeitabschnitten (…) Hat sich die Anzahl der Neuerkrankungen im zweiten Zeitabschnitt erhöht, so liegt das R über 1. Ist die Anzahl der Neuerkrankungen in beiden Zeitabschnitten gleich groß, so liegt die Reproduktionszahl bei 1. Dies entspricht dann einem linearen Anstieg der Fallzahlen.“

    Kein bedrohliche Epidemie?

    Das Fazit des Journalisten:

    „Die Reproduktionszahl ist eine einfache Ableitung aus den absoluten Fallzahlen – und damit genauso unzuverlässig zur Einschätzung der Lage, da die Anzahl der durchgeführten Tests nicht in Rechnung gestellt wird.“

    Schreyer geht auf weitere Indizien ein, die aus seiner Sicht belegen, dass die politisch beschlossenen Beschränkungen keinen Einfluss auf das Covid-19-Geschehen haben. So sei der vom RKI gemeldete Anstieg des Anteils der positiv Getesteten von 6 auf 9 Prozent zwischen der 11. und 14. Kalenderwoche nur moderat.

    „Den RKI-Daten zufolge hat sich das Virus somit um durchschnittlich weniger als 20 Prozent pro Woche ausgebreitet – kein Wert, der zu einer existenziell bedrohlichen Epidemie passt.“

    Bundesregierung und RKI würden in ihren Stellungnahmen die Entwicklung der Anzahl der positiv Getesteten ins Verhältnis zur Anzahl der durchgeführten Tests setzen, kritisiert der Autor.

    Gesamtpaket der Maßnahmen entscheidend?

    Ein Bericht des Online-Magazins „Business Insider“ aus dem Springer-Konzern machte am Mittwoch ebenfalls auf die Ungereimtheiten zwischen den RKI-Zahlen und den politischen Erklärungen aufmerksam. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums habe dazu gesagt, dass für die politischen Entscheidungen mehrere Parameter entscheidend seien, nicht nur die Reproduktionszahl.

    Das Magazin zitierte Matthias an der Heiden, einer der zwei Autoren des RKI-Papiers. Dieser habe darauf hingewiesen, „dass das Kontaktverbot ab dem 23. März der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe von Maßnahmen war. Laut „Business Insider“ erklärte der RKI-Experte, es sei nicht entscheidend, „wann genau die Reproduktionszahl R das erste Mal unter 1 war“.

    Wichtiger sei die „Tatsache, dass es gelungen ist das R auch länger unter 1 zu halten und damit die Anzahl der Neuerkrankungen nachhaltig zu senken. Dies wäre ohne das bundesweite Kontaktverbot vom 23. März wahrscheinlich nicht möglich gewesen.“ Deshalb sei das Bulletin 17/2020 auch überarbeitet worden. Das Magazin schlussfolgert, dass niemand genau wisse, wie die einzelnen Maßnahmen wirken. Nur das „Bündel der Maßnahmen“ habe nachvollziehbare Wirkungen.

    Bürger auf Dauer uneinsichtig?

    Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar habe erklärt, dass vor der Kontaktsperre am 23. März vermutlich bereits die „Vorsicht der Leute“ gewirkt habe. Er verwies dabei auf den Abgleich mit Mobilitätsdaten der Samrtphone-Konzerne Google und Apple.

    Yogeshwar betonte laut „Business Insider“: Diese Vorsicht halte nicht ewig – weshalb er die Kontaktsperre für sehr wichtig halte. Das Magazin fragte auch bei Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg nach. Der kommt danach auf die erstaunliche Erkenntnis:

    „Ihm zufolge ist die in dem Papier angegebene Reproduktionrate nicht die, die zuvor kommuniziert wurde.“

    Mikolajczyk nach könne der Zeitpunkt, wo R unter 1 gleitet, „angesichts der vielen involvierten Unsicherheiten nicht so tagesgenau“ genommen werden. „Hinter der Berechnung stehen viele Annahmen, und eine leichte Verschiebung kann diesen Tag auch gleich um paar Tage verschieben.“ Damit bestätigt er indirekt, dass die bundesdeutschen Politiker, allen voran Kanzlerin Merkel, sich auf unsichere Daten stützen. Das ist auch der Fall, wenn sie die Zahl R als Kriterium dafür nehmen, wann die Maßnahmen gelockert werden könnten.

    Überwiegende Zustimmung in Gesellschaft?

    Die Bevölkerung nimmt unterdessen weiterhin die wirtschaftlichen und sozialen Einschränkungen durch die Anti-Corona-Maßnahmen „mit Disziplin“ hin. Darauf macht eine am Donnerstag veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aufmerksam. Doch die Lockerungen bergen dem Papier zufolge „die Gefahr, dass die Selbst­disziplin nachlässt“.

    „Eine seit mehr als einem Monat laufende tägliche Befragung von Infratest Dimap lässt erst geringe Ermüdungserscheinungen in der Bevölkerung erkennen und zeigt auch, dass rund 40 Prozent der Menschen im Land sich durch die bisherigen Maßnahmen stark eingeschränkt sehen“, heißt es in dem Papier. Ein „weit überwiegender Teil der Gesellschaft“ trage die Maßnahmen mit und sei bereit, „weiterhin Einschränkungen zu akzeptieren“.

    Die Autoren schreiben, „dass die Überzeugungsarbeit der Entscheidungsträger jetzt nicht nachlassen darf“. Sie meinen: „Im Ausstiegsprozess aus der Corona-Pandemie werden monatelang, wenn nicht jahrelang – falls kein Impfstoff entwickelt werden kann – verschiedene Schutzmaßnahmen eine Rolle spielen, an die die Bevölkerung sich gewöhnen muss.“

    Neue soziale Standards?

    Im dem DIW-Papier wird die bundesdeutsche Politik als „vernunftgeleitete Taktgeberin in einer historischen Ausnahmesituation“ bezeichnet, die das „Große und Ganze und gleichzeitig die Details im Auge behalten“ müsse. Die Autoren machen sich Sorgen, die Bürger könnten nachlässig werden: „Das Risiko, im Alltag eher latent vorhandene Risiken zu gering zu bewerten, ist groß, weil die schlimmen Dinge eher selten passieren und schädliche Konsequenzen in vielen Fällen erst verzögert eintreten.“

    Und: „Extrem wichtig wird es sein, das Einhalten von Schutzmaßnahmen wie das Tragen einer Maske, die Abstandsregel und weitere Hygienemaßnahmen zum ‚neuen sozialen Standard‘ zu machen. Dies wird nur durch Überzeugung der großen Mehrheit in der Gesellschaft gelingen.“

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