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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (514)
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    Bundeskanzlerin Angela Merkel hält am Kurs der massiven Beschränkungen des öffentlichen Lebens in der Corona-Krise fest. Die gemeinsam mit den Länderregierungschefs beschlossenen Lockerungen werden ihr nun „zu forsch“ umgesetzt. Dabei gibt es Grund für Entwarnung: Zahlen des Robert-Koch-Institutes zu den Corona-Erkrankungen. Eine Analyse.

    Bundeskanzlerin Angela Merkel wertete auf der Pressekonferenz am 20. April den Rückgang der Covid-19-Infektionen als Ergebnis der rigiden Kontaktbeschränkungen. Berechnungen des Robert-Koch-Instituts (RKI), der obersten, für die Gesundheit zuständigen Bundesbehörde, sprechen jedoch eindeutig dagegen. Ein verbessertes Verfahren zur „Schätzung der aktuellen Entwicklung der SARS-CoV-2-Epidemie“, das das RKI am 15. April in seinem Epidemiologischen Bulletin 17/2020 in einer ersten Fassung veröffentlichte, bestätigt, was viele Experten vorhergesagt haben: die strengen Kontaktsperren tragen wenig zur Eindämmung bei.

    Auch wenn in Politik und Medien der Verlauf der täglich veröffentlichten Fall-Zahlen eine große Rolle spielt, sagt dieser wenig über das tatsächliche Infektionsgeschehen aus. Zum einen wird nur ein Teil der Infizierten erfasst, da, wie auch das RKI ausführt, nicht alle infizierten Personen Symptome entwickeln. Nicht alle, die Symptome entwickeln, suchen eine Arztpraxis auf. Nicht alle, die zum Arzt gehen, werden getestet. Und nicht alle, die positiv getestet werden, werden auch in einem Erhebungssystem erfasst.

    Tatsächlich deutet eine Reihe von Studien darauf hin, dass die Gesamtzahl der bisher Infizierten zwischen 3 und 20 Mal so groß ist wie die der erfassten Fälle. Zum anderen verzerrt auch die mehr oder weniger große Zeit zwischen einer Infektion bzw. dem sichtbaren Beginn einer Erkrankung und dem Tag der Erfassung des Falls massiv die Ausbreitungskurve.

    Wichtige Daten

    In der Regel dauert es laut RKI fünf bis zehn Tage, bis ein Fall in ihrem System Eingang findet. Das zeigen nicht nur die vom RKI veröffentlichten Zahlen, sondern ebenso die anderer Institutionen wie der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität (JHU). Mehr noch als der Meldeverzug, der das RKI etwas hinterherhinken lässt, trägt die für Diagnose und Testdurchführung in den Laboren benötigte Zeit zum Verzug bei, da auch an Wochenenden oder wegen Mangel an Test-Kits Blutproben mehrere Tage liegen bleiben können.

    Um den tatsächlichen zeitlichen Verlauf des Infektionsgeschehens abzubilden, müsste man in den Kurven die Anzahl der an einem bestimmten Tag erfolgten Infektionen wiedergeben statt der an einem Tag gemeldeten bzw. erfassten Fälle. Da der genaue Infektionszeitpunkt aber selten bekannt oder ermittelbar ist, sieht das RKI das Erkrankungsdatum, also das Datum der ersten Symptome, als geeignetsten zeitlichen Parameter.

    Das Erkrankungsdatum ist allerdings nur in knapp Zweidrittel (62,5 Prozent) der Fälle in den Meldungen der Gesundheitsämter angegeben. Um ein möglichst vollständiges Bild des Infektionsgeschehens zu erhalten, schätzen die RKI-Wissenschaftler daher die fehlenden Angaben. Sie nutzen dazu gängige statistische Verfahren zur Ergänzung fehlender Werte, sogenannte „Missing-Data“-Methoden. Zudem versuchen sie mit statistischen Mitteln auch die durch die Verzugszeiten besonders verzerrten aktuellen Fallzahlen genauer zu schätzen, in Anlehnung an die Forecasting genannten Vorhersagen für die Zukunft, „Nowcasting“ genannt.

    Rückgang vor der Kontaktsperre

    Die so ermittelten Verlaufskurven beginnen nach einem exponentiellen Anstieg schon nach dem 9. März abzuflachen. Ab dem 19. März geht die Zahl der Neuinfektionen bereits stark zurück, d.h. schon vier Tage vor den am 23. März verordneten Kontaktsperren wie Ausgangsbeschränkungen, Schließung von Freizeit- und Sporteinrichtungen, Restaurants etc. Der Rückgang beschleunigte sich nach dem 23. März kaum.

    Geschätzte Entwicklung der Anzahl von neuen SARS-CoV-2-Fällen in Deutschland (Nowcast) aufgrund teilweise imputiertem Datum des Erkrankungsbeginns und adjustiert für Diagnose- und Meldeverzug mit 95 %-Prädiktionsintervallen. Die gestrichelten vertikalen Linien kennzeichnen den Start bestimmter Maßnahmen am 9. März, 16. März und 23. März (aktualisierte Kurve, RKI Lagebericht zu COVID-19, 20.4.2020, Abb. 6)
    © Foto : RKI
    Geschätzte Entwicklung der Anzahl von neuen SARS-CoV-2-Fällen in Deutschland (Nowcast) aufgrund teilweise imputiertem Datum des Erkrankungsbeginns und adjustiert für Diagnose- und Meldeverzug mit 95-Prozent-Prädiktionsintervallen. Die gestrichelten vertikalen Linien kennzeichnen den Start bestimmter Maßnahmen am 9. März, 16. März und 23. März (aktualisierte Kurve, RKI Lagebericht zu COVID-19, 20.4.2020, Abb. 6)

    Deutlicher noch zeigt der Verlauf der mit nachgebesserten Daten berechneten Reproduktionszahl „R“ die geringe Wirkung des „Shutdowns“. Diese verzeichnet schon ab dem 12. März einen starken Rückgang, ging am 19. März auf unter eins zurück und pendelt seither unbeeindruckt von den Kontaktsperren zwischen 0,8 und 1,0.

    Schätzung der effektiven Reproduktionszahl R für eine angenommene Generationszeit von 4 Tagen. (Robert Koch-Institut, Epid. Bulletin 17|2020, 15.4.2020, Abb. 4)
    © Foto : RKI
    Schätzung der effektiven Reproduktionszahl R für eine angenommene Generationszeit von vier Tagen. (Robert Koch-Institut, Epid. Bulletin 17|2020, 15.4.2020, Abb. 4)

    Drei Tage vor Beginn des Rückgangs der Reproduktionszahl, am 9. März, waren die ersten Maßnahmen ergriffen worden. Es waren Maßnahmen, deren Notwendigkeit völlig unstrittig ist, wie das Verbot von Großveranstaltungen und Appelle, Besuche von Verwandten, Kneipen etc. einzuschränken, keine große Party zu feiern usw.

    Kaum Auswirkungen der Maßnahmen

    Firmen hatten zudem damals begonnen, größere Teile ihrer Belegschaft ins Home Office zu schicken, sowie wegen Lieferengpässen und Absatzrückgang ihre Produktion herunterzufahren und erste Werke zu schließen. Zuvor schon war die Bevölkerung aufgerufen worden, sich an die Hygiene-Empfehlungen zu halten. Offensichtlich geschah all dies mit durchschlagendem Erfolg.

    Die weiteren am 16. März verhängten Maßnahmen haben schon weniger sichtbare Auswirkungen auf die Verbreitung des Virus. Zwar begann drei Tage danach die Zahl der neu Infizierten zu sinken. Doch ob dies auch ohne weitere Maßnahmen geschehen wäre, nur etwas verzögert, ist schwer zu sagen. Auf alle Fälle lässt sich daraus kein bedeutender Gewinn durch die Schließung von Schulen und Kindergärten oder der von Kultur- und Bildungseinrichtungen, Kinos, Sportstätten, Bäder und anderen Freizeiteinrichtungen ableiten.

    Einen weit größeren Effekt dürfte die Schließung vieler Produktionsstätten ab Mitte März gehabt haben, da hier Erwachsene aller Altersgruppen zum Teil zuvor sehr lange recht eng zusammenkamen. Da die tatsächliche Zahl von Infizierten wesentlich höher ist als vom RKI erfasst, können die Berechnungen des Instituts allerdings auch die reale Stärke des Rückgangs nur annähernd wiedergeben. Doch da die Zahl der identifizierten Fälle trotz stetiger Ausweitung der Tests deutlich sank, dürften die RKI-Zahlen den Verlauf tendenziell richtig wiedergeben. Die tatsächliche Gesamtzahl der Neuinfizierten ging vermutlich sogar eher stärker zurück.

    „Unverhältnismäßig und verantwortungslos“

    Letztlich bestätigen die neuen Statistiken des RKI nur, was sich am Beispiel Schweden auch empirisch nachweisen lässt. Dort wurde auf staatlich verordnete drastische Beschränkungen verzichtet. Stattdessen wurde auf freiwillige Einhaltung von Schutzmaßnahmen gesetzt. Grundschulen, Läden, Restaurants, Freizeiteinrichtungen und ähnliches blieben geöffnet. Dennoch nahm und nimmt die Epidemie in dem skandinavischen Land keinen schlechteren Verlauf als in Deutschland.

    Viele Experten hatten davor gewarnt, dass die sozialen Kosten eines Shutdowns den Nutzen überwiegen werden. Doch nach wie vor lassen sich weder Kanzlerin Merkel noch andere führende deutsche Politiker von den neuen Berechnungen des RKI oder vom Beispiel Schweden beeindrucken. Zu Beginn der Epidemie ließ sich aufgrund der damals noch herrschenden großen Unsicherheiten noch Verständnis für überzogene Maßnahmen zeigen. Doch nun liegen Erkenntnisse vor, die für eine gewisse Entwarnung sorgen könnten.

    Angesichts dessen und der massiven sozialen und wirtschaftlichen Folgen erscheint die Beibehaltung der Beschränkungen nicht nur unverhältnismäßig, sondern verantwortungslos.

    Die Bundesregierung plant erst jetzt, die Gesundheitsbehörden mit ausreichend Personal auszustatten, um, wie in Südkorea, gezielt Kontaktpersonen von Erkrankten ermitteln und unter Quarantäne stellen zu können. Und sie geht gemeinsam mit den Landesregierungen den für sie einfacheren, populistischen Weg und legt auch in den kommenden Wochen der gesamten Bevölkerung strenge Kontaktbeschränkungen auf. Den größten Mangel in Deutschland scheinen wir nicht an Schutzmasken und Klopapier zu haben, sondern an politischem Willen, Tatkraft und Organisationstalent.

    Joachim Guilliard
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Joachim Guilliard

    Joachim Guilliard hat Physik studiert, arbeitet hauptberuflich als IT-Berater und ist in der Friedensbewegung aktiv. Sein Blick auf die Corona-Krise stützt sich auf berufliches Fachwissen, zu dem auch statistische Verfahren zählen, beginnend mit ersten Tätigkeiten in der „Klinischen Sozialmedizin“ und der „Geomedizin“ der Uni Heidelberg. Seit 2009 betreibt er den Blog „Nachgetragen“. Er ist Verfasser zahlreicher Fachartikel sowie Mitherausgeber bzw. -autor mehrerer Bücher.

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