23:05 09 Juli 2020
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    In der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin ist ein Forscher auf Berichte eines Überläufers gestoßen: Die Dokumente sollen glaubhaft nachweisen, Theodor Heuss, einer der Gründerväter der BRD, habe dem US-amerikanischen Geheimdienst zugearbeitet. Zwar Amerika-freundlich, seien es eher materielle Gründe gewesen, die den Politiker dazu bewogen hätten.

    Historiker Thomas Boghardt vom offiziellen „U. S. Army Center of Military History“ in Washington veröffentlicht in den kommenden Tagen  „The American Candidate. US Intelligence, Theodor Heuss, and the Making of West Germany's First President“ – „Der Kandidat Amerikas. US-Geheimdienst, Theodor Heuss und die Schaffung des ersten Bundespräsidenten“ im Fachblatt „Studies in Intelligence“, meldet „Spiegel Online“ (SPON) in seiner Wochenendausgabe. Danach würde das Wirken eines der Gründungsväter der Bundesrepublik in einem neuen Licht erscheinen. Der Politiker habe nicht nur mit den US-Amerikanern kooperiert, sondern dabei auch eine Grenze überschritten.

    Ins Amt gehievt

    Begonnen hätte es eigentlich schon damit, dass die Amerikaner dem 61-jährigen Heuss in den letzten Kriegstagen 1945 zunächst die Mitherausgeberschaft der „Rhein-Neckar-Zeitung“ in Heidelberg übergaben. Die Amerikaner hätten dann einige Monate später dafür gesorgt, dass Heuss zum „Kultminister“ von „Württemberg-Baden“ aufsteigt: Ministerpräsident in spe Reinhold Maier hätte den verantwortlichen US-Behörden seine Kabinettsliste vorgelegt. Diese sollten fast alle Namen akzeptiert haben, nur beim „Kultministerium“ bestanden sie auf ihrem Favoriten Heuss, heißt es.

    Informationen eines Militärgeheimdienstlers

    Bei den aufsehenerregenden Dokumenten aus dem Berliner Archiv der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen soll es sich um Informationen eines Überläufers handeln, einem ehemaligen Stuttgarter Mitarbeiter des US-Militärgeheimdiensts „Counter Intelligence Corps“ (CIC).

    Zunächst hätten diese dessen Namen geheim gehalten, sollen aber 1961 alle seine Informationen der Stasi weitergegeben haben: Interna zur Arbeitsweise des CIC, dessen Mitarbeitern und somit auch zu FDP-Politiker Heuss.

    Der habe sich von CIC-Mann John Seitz 1946 anwerben lassen und daraufhin etliche Berichte zur politischen Lage der Bezirke Stuttgart und Heidelberg geliefert. Die Dokumente seien von ihm unterschrieben. Zudem sei Heuss auch dafür bezahlt worden. Sein Verbindungsmann habe sich gegenüber Kollegen bei einem nächtlichen Gelage über das Arrangement verplappert, heißt es.

    Wein, Zigarren und ein Dienstmädchen

    Bei Kriegsende soll Heuss abgemagert mit seiner kranken Ehefrau in zwei Dachstuben im Haus seiner Schwester gewohnt haben und hätte über „endlose Wege und Anstehereien" geklagt, über das Fehlen einer Dienstmagd sowie eines Telefons.

    Die materiellen Vorteile einer Zusammenarbeit mit den US-Amerikanern seien ihm so gesehen zupassgekommen. Als im September 1945 ein US-Offizier bei ihm vorfuhr und fragte, ob er „Kultminister“ werden wolle, soll Heuss, der angeblich gerade den Teppich klopfte, geantwortet haben: „Ja, wenn Sie mir für ein Dienstmädle sorgen."

    Wein- und Zigarrenliebhaber Heuss soll daraufhin mit seiner Frau eine größere Wohnung in Stuttgart bezogen haben und gut versorgt worden sein. Allein seine Zigarren sollen ein Vermögen wert gewesen sein.

    Ein Drittel der Abgeordneten des ersten Bundestags habe auf der „Gehaltsliste" der USA gestanden. So hätten die Amerikaner den späteren Bundeskanzler Willy Brandt in den 1950er Jahren mit verdeckten Parteispenden unterstützt.

    Glaubwürdigkeit des Berichts

    Historiker Boghardt halte die Angaben des Überläufers für glaubwürdig, so der Bericht, denn die Quelle habe „über Kenntnisse zu Interna des CIC, die Außenstehenden nicht zugänglich waren", verfügt. Die Informationen ließen sich überprüfen und träfen zu.

    Die Theorie, der Osten habe 1961 „Fake News“ für eine Kampagne gegen den Bundespräsidenten gesammelt, wonach die gefundenen Informationen zweifelhaften Ursprungs sein könnten, sei nach der Darstellung gegenstands- wie sinnlos. Denn die zweite Amtszeit als Bundespräsident war längst vorbei.

    Heuss mag „lediglich Informationen genereller Natur" weitergegeben haben, so die Vermutung des Historikers. Der CIC habe Ende 1947 die Bezahlung eingestellt, da Berichte von Heuss „nur geringen Wert" gehabt hätten. Allerdings seien die Berichte archiviert worden, um sie zu benutzen, falls man „einmal Druck auf Heuss ausüben" müsse, so der Bericht.

    Der Amerika-freundliche Liberale Heuss zählte 1948 zu den Mitbegründern der FDP und wurde auch deren Vorsitzender. Im Kalten Krieg legte er das Fundament zur Gründung einer westdeutschen Republik und setzte sich als Bundespräsident für Wiederbewaffnung wie Westintegration ein.

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    Tags:
    FDP, Stasi, BRD, US-Geheimdienste, Spionage, Bundespräsident