05:06 02 Dezember 2020
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    Wie der russische Außenminister Sergej Lawrow beim OVKS-Außenministertreffen sagte, sind weltweit militärbiologische Aktivitäten der USA zu beobachten, und auch an den russischen Grenzen. Seit langem sei Moskau besorgt über die biologische Sicherheit der Nachbarländer.

    In Kasachstan, Armenien und Tadschikistan schufen die Amerikaner ein Netz von Biolaboren. Besonders viele Fragen haben die russischen Behörden zum Lugar-Zentrum in Georgien. Warum Washington das alles braucht - lesen Sie in diesem Artikel.

    Der erste Corona-Fall wurde in Kasachstan Anfang März registriert. Die Behörden sperrten die Grenzen und riefen den Ausnahmezustand aus. Im Internet verbreiteten sich Gerüchteund Fake-News, dass das Virus mit einem Biolabor im Zusammenhang stehen könnte, das von den Amerikanern 2016 im Südosten der Republik errichtet worden war.

    Das sogenannte Central Reference-Labor Almaty spezialisiert sich auf die Erforschung von für Kasachstan typischen Virus-Stämmen. Es wird betrieben als Teil des Wissenschaftszentrums für Quarantäne- und Zoonosen-Infektionen und ist dem Gesundheitsministerium der zentralasiatischen Republik unterstellt. Dabei handelt es sich um ein staatliches Objekt Kasachstans, obwohl das Pentagon dessen Bau mitfinanzierte. Insgesamt flossen aus den USA knapp 108 Mio. Dollar in dieses Objekt

    Nach Angaben Washingtons befinden sich US-Militärs in der Region, und die Forschungen sollen dabei helfen, sie vor unbekannten Infektionen zu schützen.

    Auf den Gipfeln der OVKS, GUS und SOZ erklärten Vertreter Moskaus mehrmals, dass die Amerikaner diese Labore auf eine Weise nutzen könnten, die den russischen Interessen zuwiderlaufen. Doch die kasachischen Behörden sicherten zu, dass äußere Einmischungen in die Arbeit der Biologen nicht zugelassen werden.

    „Die Mitarbeit ausländischer Wissenschaftler ist nur dann zulässig, wenn gemeinsame Forschungen durchgeführt und Projekte im Rahmen von Zuschüssen umgesetzt werden“, verlautet aus dem Forschungszentrum in Almaty.

    2018 verzeichnete Kasachstan einen rasanten Anstieg von Meningitis-Erkrankungen, in Almaty war die Rede vom Leak eines Meningokokken-Infektion-Stamms aus dem Labor. Journalisten und Blogger schrieben im Ernst, dass die Amerikaner die Ausbreitung des Virus absichtlich zugelassen hätten. Damit wollten sie angeblich die Effizienz der im Labor in der Entwicklung befindlichen Biowaffen prüfen.

    Kasachstans Gesundheitsministerium beteuerte damals, dass es keine Epidemie gebe. „In Kasachstan gibt es 58 Meningitis-Fälle, darunter 32 in Almaty. Wenn man relative Kennzahlen berechnet, sind sie nach WHO-Maßstäben niedrig“, hieß es im Ministerium.

    Beim Coronavirus verhält es sich ähnlich. Die Behörden dementieren Verschwörungstheorien und riefen dazu auf, keine Panik zu verbreiten.

    Verschwiegenes Arbeiten

    In Sowjetzeiten galt das Institut für Mikrobiologie der Armenischen Sowjetrepublik als großes Zentrum für Mikrobiologie. In den 1990er Jahren zeigten die USA und Großbritannien Interesse an den wissenschaftlichen Entwicklungen des Instituts. Armenische Experten wurden zu Praktika in westliche Länder eingeladen.

    In den Nulljahren halfen die Amerikaner bei der Eröffnung einiger Biolabore in dem Land. Die entsprechenden finanziellen Mittel wurden wie in Kasachstan vom Pentagon bereitgestellt. Alleine für die Modernisierung des armenischen Nationalen Zentrums für Kontrolle und Vorbeugung von Erkrankungen wurden zehn Mio. Dollar ausgegeben. Die in Jerewan, Gjumri, Wanadsor, Martuni und Idschewan entstandenen Wissenschaftszentren erforschen für die Kaukasus-Region typische Viren und Stämme.

    Die Labore gehören zum Gesundheitssystem Armeniens, doch die US-amerikanische Defense Threat Reduction Agency hat Zugang zu den Laboren. Neben lokalen Spezialisten sind dort auch Amerikaner tätig.

    Wegen der strikten Abriegelung der Biolabore in Armenien kommt immer wieder Kritik aus Moskau. Um Zweifel zu zerstreuen, erklärte sich der Premier Nikol Paschinjan im vergangenen Herbst bereit, eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit mit russischen Spezialisten zu unterzeichnen. Als die letzten Details zum Vertragswerk bereits abgestimmt waren, weigerte sich die armenische Seite plötzlich, dieses Dokument zum Abschluss zu bringen.

    Gefährliche Epidemiologie

    In den 2010er Jahren gelang ein weiteres OVKS-Mitgliedsland ins Blickfeld der US-Biologen – Tadschikistan. Diese waren besorgt über die ungünstige epidemiologische Lage, die zum Ausbruch von Infektionserkrankungen führen könnte. Einige westliche Stiftungen stellten Gelder zur Errichtung von Forschungszentren bereit. 2013 wurde in Duschanbe als Teil des Gastroenterologischen Zentrums ein Labor für Biosicherheit eröffnet. Das Projekt wurde von der französischen Wohltätigkeitsstiftung Fondation Mérieux finanziert, die ähnliche Objekte in China, Myanmar, Bangladesch und in den Ländern Afrikas errichtete.

    Unterstützung erfuhren die Franzosen in der Regel von der UNO und der US-Agentur für internationale Entwicklung USAID. Die Investitionen beliefen sich auf mehr als drei Millionen Dollar.

    Im Jahr 2019 wurde ein Labor am tadschikischen Zentrum zur Bekämpfung der Tuberkulose eingerichtet. Als Geldgeber fungierten wieder einmal USAID und das Pentagon.Einheimische Biologen erforschten zusammen mit ausländischen Kollegen für Zentralasien typische Erkrankungen wie Tuberkulose, Malaria, Hepatitis und Cholera.

    Im vergangenen Jahr wurde in der nordtadschikischen Stadt Isfara ein weiteres Objekt eröffnet. Es sind nur wenige Informationen dazu vorhanden, aber es wurde erneut von den USA finanziert.

    „In Zentralasien war die epidemiologische Lage auch vor Coronavirus nicht einfach. Für die Region sind Ausbrüche von Hepatitis, Cholera, Tuberkulose typisch, weshalb neue Biolabore notwendig sind. Dafür sind Mittel erforderlich. Ohne ausländische Unterstützung kommen wir nicht aus“, sagte der Direktor des Zentrums für politologische Forschungen in Duschanbe, Abdugani Mamadasimow.

    Der tadschikische Experte sieht in den Aktivitäten der Amerikaner nichts, was Verdachtsmomente auslösen könnte. „Sie reagieren einfach immer als Erste. Wenn Russland, China und die EU nach dem Coronavirus der Region im Kampf gegen Viren aktiv helfen werden, werden die Behörden der Republiken das unterstützen“, so der Experte.

    Georgisches Pathogen

    Georgien ist kein OVKS-Mitglied, grenzt aber an Russland und ist ein wichtiger Akteur im Kaukasus. Die Besorgnisse Moskaus beziehen sich auf das Richard-Lugar-Forschungszentrum des öffentlichen Gesundheitswesens in Georgien. Nach Angaben der russischen Behörden dient das nahe Tiflis gelegene Biolabor den Interessen der Amerikaner. Für Verdächtigungen gibt es immer wieder Gründe. Im September 2018 sagte der ehemalige georgische Minister für Staatssicherheit, Igor Giorgadse, dass in dem Labor an Menschen getestet worden sein könnte. Dabei wurden Dokumente vorgelegt, laut denen Dutzende Menschen, die im Lugar-Zentrum behandelt wurden, gestorben sind. Vor Ort warenBiologen von drei privaten US-Firmen CH2M - Hill, Battelle und Metabiota - tätig, die im Auftrag des Pentagons arbeiteten.

    Giorgadse verwies in diesem Zusammenhang auf das hohe Niveau des biologischen Schutzes des Labors. Zudem verfügt das Zentrum über eine Ausstattung zur Verbreitung vonschädlichen Substanzen und Munition mit biologisch aktivem Material. „Wozu braucht diese Einrichtung, deren Ziel der Schutz der Bevölkerung ist, solche Dinge?“, fragte der ehemalige Minister.

    In Moskau wurde man hellhörig ob dieser Äußerungen. Der Chef der Abteilung für Nonproliferation und Rüstungskontrolle des Außenministeriums, Wladimir Jermakow, sagte, dass Russland biologische Experimente der USA in der Nähe seiner Grenzen nicht dulden werde.

    Das Pentagon bezeichnete die Vorwürfe Giorgadses als absurd. Tiflis zufolge befasst sich das Labor mit friedlichen Entwicklungen, mit Tests an Menschen hat es nichts zu tun. Georgische Behörden hatten zunächst keine Einwände gegen den Besuch von russischen Spezialisten in Lugar-Zentrum. Allerdings wurden diese Pläne wegen der vorjährigen Krise in den gegenseitigen Beziehungen torpediert.

    „Georgien zeigte nie Interesse an Forschungen im Bereich der physisch-chemischen Biologie. Informationen darüber, dass dieses Labor eine hohe Stufe des biologischen Schutzes für das Personal hat, lösten Fragen aus. Wozu sollte man sich mit solch schweren Pathogenen befassen?“, so Professor Nikolai Setkow.

    Der stellvertretende Generaldirektor für wissenschaftliche Arbeit des Virenforschungszentrums „Vektor“, Alexander Agafonow, sagte, dass direkte Informationen über die Entwicklung von Biowaffen und seiner Liefermittel im Lugar-Zentrum nicht vorhanden seien.

    „Allerdings sollten die Informationen über die Beteiligung der Privatunternehmen CH2M Hill, Battelle und Metabiota, ihre Vertragsverpflichtungen, ebenso wie die Erforschung vongefährlichen Bakterien von Milzbrand, Tularämie und Krim-Kongo-Fieber nicht außer Acht gelassen werden“, so der Experte.

    Experten sind sich darin einig, dass die postsowjetischen Staaten mit ihrer Bereitschaft, ausländische Unterstützung anzunehmen, die Kontrolle über die epidemiologische Lageverlieren können. Das könnte ernsthafte Folgen haben. In Zeiten von Pandemien wie heutzutage rücken Labore dieser Art zunehmend in den Fokus, weil sie besorgniserregende Verdachtsmomente liefern. Deshalb bietet die jetzige Situation den Anlass, diese Strukturen offener zu machen.

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    Tags:
    OVKS, GUS, Georgien, Richard-Lugar-Labor, Biolabor, USA