07:00 21 Oktober 2020
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    Welche Ziele verfolgte der nun Ex-Botschafter Richard Grenell in Deutschland und was hat das alles mit Nazis und Juden zu tun? Vor dem Hintergrund des US-Wahlkampfes sorgt eine neue Beschreibung von Grenell für Kuriositäten in der US-amerikanischen Politainment-Welt – und bringt die spezifischen Aufgaben des Mannes in Deutschland erneut ans Licht.

    „Imperfect follower of Christ“ – ein unvollkommener Anhänger von Jesus Christus. So präsentiert sich Ex-US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, auf Twitter. Der 53-Jährige legte in der vergangenen Woche seinen Posten als geschäftsführender Geheimdienstkoordinator der US-Regierung nieder und ist Anfang Juni auch als Gesandter des US-Präsidenten im Nato-Kleinbruderland Deutschland zurückgetreten. Wer nach ihm kommt, ist noch unklar. Es wird allerdings spekuliert, dass Trumps „Erfüllungsgehilfe“ nun in den Wahlkampf für seinen Herrn einsteigt. 

    Ein offen schwuler Botschafter, der Deutschland unter Druck gesetzt hat...

    „Richard Grenell is Goebbels with a Twitter account“, schrieb der Demokrat im US-Repräsentantenhaus, Eric Swalwell, zu Grenells Umgang mit den Protesten nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd. Grenell nimmt auf Twitter Trumps Antwort auf die Unruhen, darunter mit Polizeigewalt, aktiv in Schutz und unterstellt den Medien, die Proteste lediglich als friedlich darzustellen.

    Den provokativen Vergleich – mit Blick auf den Wahlkampf beinahe ein harmloser – hätte man außer Acht lassen können. Jedoch nahmen konkrete Personen „den langjährigen Freund der jüdischen Gemeinde und erstes offen schwules Mitglied eines Präsidialkabinetts“ sofort in Schutz. „Ric war einer der schärfsten und effektivsten Verteidiger des jüdischen Volkes und des Staates Israel“, schrieben Vertreter der Republikanischen Jüdischen Koalition (Republican Jewish Coalition, RJC).

    „Hässliche Vergleiche“ mit einem der schlimmsten Monster in der Geschichte der Menschheit würden die wichtige Arbeit mindern, die „Ric“ geleistet habe, so die RJC weiter, nämlich Deutschland dazu zu bringen, die Hisbollah zu einer terroristischen Organisation zu erklären und das Terrorregime im Iran von den Finanzquellen abzuschneiden, die zur Finanzierung des Terrors gegen Israel und das jüdische Volk verwendet werden könnten. Auch habe sich Grenell für die Verteidigung deutscher Juden eingesetzt, die Ziele antisemitischer Angriffe waren, meint die RJC.

    Der exekutive Direktor der Organisation, Matt Brooks, legte persönlich nach und griff Swalwell verbal an – allerdings mit falscher Namensangabe des berüchtigten Reichspropagandaleiters Hitlers. „Können Sie Ihren Standpunkt nicht klarmachen, ohne einen offen schwulen Botschafter anzuschwärzen, der Deutschland unter Druck gesetzt hat, über seine nationalsozialistische Vergangenheit Rechenschaft abzulegen? Ihr Angriff auf Ric ist beleidigend für die jüdische Gemeinde“, schrieb Brooks ebenfalls auf Twitter. 

    Eric Swalwell habe seine Unwissenheit und Idiotie entlarvt, als er Richard Grenell mit „Nazi-Gobbels“ verglichen habe, meinte anschließend auch der jüdische US-Demokrat Dov Hikind – ebenso mit inkorrekter Namensangabe von Goebbels, worüber sich der Chef der satirischen „Die PARTEI“, Martin Sonneborn, lustig machte.

    Hikind kenne Richard persönlich, und nicht nur die Juden hätten keinen besseren Freund in der Regierung, sondern auch die Amerikaner hätten keinen besseren Staatsdiener, so Hikind. 

    „Der bedeutendste US-Botschafter in Europa?“

    Gut zwei Jahre lang war Grenell im Amt des US-Botschafters in Deutschland. In dieser Zeit setzte er sich nicht nur aktiv für das deutsche Zwei-Prozent-Ziel für die Nato ein, sondern setzte auch die deutsche Wirtschaft gemäß den geopolitischen Interessen der USA unter Druck – zumindest verbal. Kaum hatte Grenell im Mai 2018 sein Amt als neuer US-Botschafter angetreten, forderte er via Twitter die deutschen Firmen auf, ihre Geschäfte im Iran einzustellen, und zwar „unverzüglich“.

    Dann pochte Grenell erneut darauf, es wäre an der Zeit für die EU, Sanktionen gegen den Iran zu verhängen. Darüber hinaus machte er Stimmung gegen das Atomabkommen mit dem Iran. Grenell benehme sich nicht wie ein Diplomat, sondern wie ein rechtsextremer Kolonialoffizier, kommentierte damals der Ex-SPD-Chef Martin Schulz das auffällig freche Verhalten des US-Botschafters. 

    Dies alles diente wohl wiederum Trumps Israel-Politik. Nicht umsonst bezeichnete die israelische Zeitung „The Jerusalem Post“ Grenell als „den bedeutendsten US-Botschafter in Europa“, was die Bekämpfung des zeitgenössischen Antisemitismus und „die Förderung von Sicherheitsinteressen in Richtung der israelischen und westlichen Interessen“ angeht.

    Wie der Israel-Experte Prof. Dr. Moshe Zuckermann seinerzeit gegenüber Sputnik erklärte, liegt das an Trumps persönlichen Sympathien für Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sowie dem gesamten Rechtsruck in der Welt, die die USA und Israel zusammenbringen. Dazu würden die USA in Israel eine Bastion sehen, die ihre Außenpolitik im Nahen Osten begrüße. Mit Blick auf die Israel-Politik der AfD wies Zuckermann darauf hin, dass die Regierung von Netanjahu teilweise selbst die rechtspopulistischen Bewegungen in Polen, Ungarn oder in der Slowakei unterstütze. 

    Trotz aller Anerkennung seitens der amerikanischen Juden: Die deutsche jüdische Gemeinschaft zeigte sich ihrerzeit wenig dankbar gegenüber „Ric“. Im Oktober 2018 warf Charlotte Knobloch, Ex-Präsidentin des Zentralrats der Juden, heute Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, dem Amerikaner vor, sich derselben Sprache wie die AfD zu bedienen bzw. mit seiner Agenda die Juden in Deutschland und die liberale Demokratie zu gefährden.

    Grenell selbst bestritt neulich auf Twitter, sich mit der AfD jemals getroffen zu haben. Auch mit Angehörigen anderer deutscher Parteien hat er sich in Berlin mit seiner brutalen Art kaum Freunde gemacht – abgesehen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der zumindest 2018 öffentlich die Nähe zu Grenell suchte. 

    Kürzlich hat die bisher stellvertretende US-Botschafterin Robin Quinville Grenells die Geschäfte übernommen – mit der 63-Jährigen werden die Mächtigen in Berlin auch eine „echte“ Diplomatin als Ansprechpartnerin haben. Ähnlich hatte es in den 15 Monaten vor Grenells Amtsantritt funktioniert, als es ebenfalls nur einen geschäftsführenden Botschafter gab. Andererseits fehlt nun der direkte Draht der Botschaft nach ganz oben ins Weiße Haus.

    Wird das zu einer gewissen Entspannung in den deutsch-amerikanischen Beziehungen führen? Das hängt wohl vom Ausgang der US-Präsidentschaftswahl im November ab. Sollte Trump erneut gewinnen, wie der Außenpolitik-Experte Dr. Lutz Kleinwächter es für sehr wahrscheinlich hält, dürfte sich auch die US-Politik gegenüber Deutschland nicht sonderlich ändern. „Ich wäre nicht überrascht, wenn es in den nächsten Jahren zu einer sehr pragmatischen Annäherung kommt, die nicht in Richtung Spannung geht, aber eine Kalkulierbarkeit zulässt“, sagte Kleinwächter kürzlich gegenüber Sputnik.

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    Tags:
    Hisbollah, US-Botschaft, Juden, Nazis, Richard Grenell