05:23 28 September 2020
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    Die Meldung des Nachrichtenmagazins FOCUS über junge Deutsche, die angeblich eine paramilitärische Ausbildung in einem russischen Lager bei Petersburg absolviert haben, hat Alexander Kamkin vom Zentrum für Deutschland-Studien des Europa-Instituts in der Russischen Wissenschaftsakademie als übliches Beispiel des Mainstream-Journalismus bezeichnet.

    „Man nimmt gewöhnlich eine offensichtliche Tatsache, darauf werden Mutmaßungen, Erfindungen, Annahmen und offensichtliche Lügen aufgeschichtet“, so der Deutschland-Experte. Anhand dieser Schablone haben Zöglinge der linksliberalen intellektuellen Brutanstalten, wie er die engagierte deutsche Presse bezeichnet, eine weitere Gruselgeschichte für Spießer zusammengedichtet.

    „Sie haben zwei Feindbilder miteinander verbunden“, urteilt Kamkin, „mit denen man die deutschen Spießbürger bis ins Mark zu erschrecken pflegt. Es sind der Rechtsextremismus und das heutige Russland. Schlägt man ,Welt‘, ,Bild‘ oder ,Focus‘ auf, gewinnt man den Eindruck, die Beiträge dieser Art seien aus demselben Fass abgefüllt. Tippt man in die Suchleiste das Wort ,Rechtsextremismus‘ ein, bekommt man eine Menge Texte darüber, wie schlecht die Rechtsextremen seien, dass die AfD quasi beabsichtige, KZs für Andersdenkende einzurichten und die Nationaldemokratische Partei überhaupt aus ,Hitler-Verehrern‘ bestehe.

    Nach Neonazis werde überall gesucht, so der Forscher weiter. „Also stellt dieses Konzept, das vom deutschen Establishment ,Demokratie in der Defensive‘ genannt wird, eigentlich ein Gebilde dar, das die politische Vorherrschaft des Neoliberalismus vor dem Hintergrund eines erbitterten ideologischen Kampfes gewährleistet.“

    „Während in den 60er Jahren in der BRD die linke Ideologie unter Verbot stand“, erinnert sich Kamkin, „die Kommunistische Partei Deutschlands verboten wurde, bei linken Aktivisten das Berufsverbot  angewendet wurde, stellt man zurzeit die Rechtsradikalen als den Hauptfeind der liberaldemokratischen Ordnung in Deutschland dar. Diese Etikette wird allen angehängt, die mit Merkels Politik nicht einverstanden sind, denen, die den Erhalt des Nationalstaates und der nationalen Tradition anstreben und gegen die Verdrängung der Deutschen durch Zuwanderer auftreten. Eine durchaus normale Position, aber aus irgendeinem Grunde macht man diesen Menschen im heutigen Deutschland die Hölle heiß.“

    Die zweite Gruselgeschichte betreffe Russland, räumt der Deutschland-Experte ein, eine Gefahr, die aus dem Osten drohe und von heute auf morgen über Polen, das Baltikum, Westsamoa und Osttimor hereinstürmen werde. Seinerzeit haben russische Pranks der US-Kongressabgeordneten Maxine Waters einen Telefonstreich gespielt, wobei ihr gesagt wurde, russische Hacker hätten das Wahlsystem in Limpopo aufgeknackt und dort das Regime der russischen Marionette Aibolit installiert*. Die Kongressabgeordnete versprach, Obama anzurufen, damit er Gegenmaßnahmen treffe.

    Aber auch in den deutschen Medien werde die Hysterie gegen Russlandangeheizt, hebt Kamkin hervor. „Es würde in Amerika Unruhen stiften und Hackerangriffe organisieren, es schicke sich an, Merkel zu stürzen, usw. Dabei hätte Russland die Weltherrschaft längst erlangt, würde auch nur ein Zehntel dessen, was ihm zur Last gelegt wird, auf realen Begebenheiten statt auf Journalistenfantasie basieren. Deshalb wird man beim Lesen solcher Veröffentlichungen nicht einmal erstaunt, was man längst verlernt hat, sondern ratlos. Ist es möglich, dass man den Journalistenberuf derart in Verruf bringt?“

    Was verbirgt sich hinter dem Lehrgang „Partisan“?

    Worüber schreiben eigentlich die FOCUS-Autoren? – fragt der Forscher und erläutert: „Zugegeben, diese wunderbare Partei ,Russische Reichsbewegung‘, die in den USA vor kurzem in die Liste der Terrororganisationen aufgenommen wurde, existiert wirklich. Das ist es, was die Publikation an offenkundigen Tatsachen zu bieten hat. Aber in Russland selbst ist die Bewegung nicht verboten, weil sie sich an das geltende russische Recht hält. Ferner werden die Ausbildungskurse ,Partisan‘ erwähnt. Zugegeben, dieses wunderbare Camp existiert bei Petersburg, seine Mitglieder lernen das Überleben im Wald, eignen sich medizinische Grundkenntnisse an, machen Fußreisen. Der Unterricht findet auf einem verlassenen Militärgelände statt.“

    Kamkin nimmt sich die Freiheit, nicht zu glauben, dass dies Putin bekannt ist, wie es in der FOCUS-Publikation behauptet wird. „Aber nach Meinung der deutschen Journalisten kann in Russland ohne Mitwissen des Präsidenten nicht mal ein Vogel vorbeifliegen. Der habe, wie man so sagt, alles im Griff. Bei dem ,Partisan‘ handelt es sich um eine Gruppe von Gleichgesinnten, Menschen mit ganz verschiedenen politischen Ansichten, sowohl Kommunisten als auch Stalinisten und Monarchisten. Zu den Letzteren zählt eben die ,Russische Reichsbewegung‘, die sich mit der Vorbereitung auf eine eventuelle Nato-Aggression beschäftigt. Deshalb ist es falsch, dies als einen Treff russischer Neonazis einzustufen. Zu diesem Verband gehören Befürworter eines aktiven Lebenswandels, die sich auf die Verteidigung ihrer Heimat im Falle eines negativen geopolitischen Szenarios vorbereiten.“

    Der Experte artikuliert weiter: „,Mehrere Lehrgangsteilnehmer‘ (FOCUS) haben einst das „Partizan“-Lager besucht (also zwei, drei - „mehrere“ auf gut Deutsch heißt das mehr als einer), und Journalisten haben es erfahren. Sie waren es, die dann die Informationsbombe sprengten, so wie beim Mord an jenem tschetschenischen Terroristen in Berlin, wobei die ganze Strategie der Vorwürfe gegen russische Geheimdienste auf der Aussage der Bellingcat-Experten basierte, von denen die Mörder dieses Khangoshvili nur anhand ihrer Augenbrauen identifiziert worden waren.“

    „Kontakte zwischen patriotisch gesinnten jungen Leuten aus Europa haben an sich nichts Besonderes“, sagt Kamkin. „Sie hat es auch in den 90er und Nullerjahren gegeben, etwa im kulturellen Bereich. Die in einem engen Kreis bekannte russische Rock- und Metal-Band ,Kolowrat‘ beteiligte sich an gemeinsamen Konzerten, nahm mit deutschen Musikgruppen Platten auf. Auch bei MMA Meisterschaften machten einige Russen mit, darunter beim ,Kampf der Nibelungen‘, der von den deutschen Medien als Neonazi-Treff verschrien wurde. Die Erwähnung Russlands im Zusammenhang mit Jugendverbänden und Jugendgruppen, die in Deutschland als anrüchig gelten, ist ebenfalls geeignet, das Ansehen des Landes zu schädigen.“

    * Ein Land und der Hauptheld, derfürsorgliche Arzt Dr. Aibolit in einem russischen Märchen

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    Tags:
    Focus Online, Rechtsextremisten, Ausbildung, Neonazis, Deutschland, Russland