03:15 29 November 2020
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    Nach mehr als 34 Jahren scheint der Mord an dem damaligen schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme aufgeklärt zu sein. Ermittler hatten unter anderem die kurdische PKK oder den südafrikanischen Geheimdienst hinter der Tat vermutet. Nun stellt sich heraus: Es soll sich um einen Einzeltäter gehandelt haben, der mittlerweile verstorben ist.

    Es gilt bis heute als Trauma in der schwedischen Volksseele: Über mehrere Jahrzehnte konnte der 1986 verübte Mord an dem damaligen Ministerpräsidenten Olof Palme nicht aufgeklärt werden. Der Sozialdemokrat wurde am 28. Februar 1986 nach einem Kinobesuch auf offener Straße im Zentrum Stockholms mit einer Schusswaffe ermordet. Wegen Ermittlungsfehlern und Mangels an Beweisen konnte über lange Zeit kein Tatverdächtiger benannt werden – bis jetzt.

    Ein Einzeltäter?

    Mehr als 34 Jahre nach dem Mord haben die Ermittler nun nach eigenen Angaben den mutmaßlichen Täter ausgemacht. Weil der Mann mit dem Namen Stig Engström bereits vor Jahren gestorben sei, könne aber keine Anklage mehr gegen ihn erhoben werden. Das gab der mit dem Fall betraute Staatsanwalt bekannt. Die Palme-Ermittlungen werden deshalb jetzt eingestellt. Engström habe bereits länger im Fokus der Behörden gestanden: Er soll sich am besagten Abend in der Nähe des Tatorts befunden, Zugang zu Schusswaffen gehabt und Palmes Regierungspolitik gehasst haben. Im Jahr 2000 war der in den Medien als „Skandia Man“ bekannte Schwede schließlich gestorben, er beging im Alter von 66 Jahren Selbstmord.

    Außenpolitik als Ärgernis…

    Olof Palme war während seiner Amtszeit immer wieder Kritik und Anfeindungen ausgesetzt. Der Sozialdemokrat vertrat eine engagierte Außenpolitik, übte harte Kritik am Vietnamkrieg, verankerte Schweden als Uno-Vermittler im Irak-Iran-Krieg und inspirierte internationale Abrüstungsinitiativen, wie zum Beispiel im Rahmen der Palme-Kommission. Er hatte enge persönliche Beziehungen zu europäischen Politikern wie Willy Brandt und Erich Honecker.

    Ein Kriminalfall mit Geschichte

    Der Palme-Mord gilt als einer der größten Kriminalfälle Europas, die Mordermittlungen zählen zu den umfassendsten und teuersten der Welt.Rund 150 Bücher wurden über den Fall Palme veröffentlicht. Bis heute gibt das Attentat Rätsel auf. Noch bevor die eigentlichen Ermittlungen in Gang kamen, wurden bereits am Mordabend handwerkliche Fehler von der Polizei begangen. Der Tatort wurde nur sehr provisorisch abgesperrt und Passanten konnten sich ungehindert am Mordplatz bewegen. Die Verletzungen von Palmes Frau Lisbet, die einen Streifschuss erlitten hatte, wurden nie untersucht. Die Projektile wurden nicht von der Polizei, sondern von Passanten gefunden.

    Die PKK im Visier…

    Jahre später nahmen die Ermittler die kurdische Arbeiterpartei PKK ins Visier, da diese für mehrere Morde in ganz Europa verantwortlich gemacht wurde. Die Verdächtigungen konnten jedoch nicht mit Beweisen untermauert werden. Der damalige Chefermittler Hans Holmèr zeigte laut internen Kreisen damals jedoch kein Interesse an Zeugenaussagen, die auf andere Täter als die PKK hinwiesen. Nachdem Holmér 1987 seinen Posten räumte, konzentrierten sich die Ermittlungen auf einen Drogenabhängigen, der 1989 dann zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes an Olof Palme verurteilt wurde. Nur kurze Zeit später wurde der Verurteilte in einem Berufungsprozess aus Mangel an Beweisen freigesprochen. 

    Hat die Nato mitgemischt?

    In den Jahren seit dem Palmemord sind immer wieder verschiedene Theorien zu dem Mord aufgetaucht. Neben der PKK wurde unter anderem die Polizei selber verdächtigt, in den Mord involviert zu sein. Zeugen hatten ausgesagt, Männer mit Walkie-Talkies rund um den späteren Tatort gesehen zu haben. Auch habe es Hinweise gegeben, die auf die geheime und paramilitärische Nato-Organisation „Stay-behind“ hingewiesen hätten. Eine Ersthelferin am Tatort hatte erst Jahre später berichtet, sie sei kurz nach dem Mord von einem Mann in Militäruniform aufgesucht worden. Dieser habe der damals 17-Jährigen gesagt, sie solle ihre Aussagen bei der Polizei überdenken und nicht all ihre Beobachtungen zu Protokoll geben.

    Oder doch ein Auftragsmord?

    Eine Spur der Ermittler führte auch nach Südafrika. Das dortige Apartheid-Regime, gegen das sich Palme wiederholt ausgesprochen hatte, wurde verdächtigt, die Ermordung Palmes in Auftrag gegeben zu haben. Geständnisse ehemaliger südafrikanischer Geheimagenten in den 1990er Jahren sollen diese Theorie untermauern. Die schwedische Polizei räumte ein, dass sich zum Zeitpunkt des Attentats tatsächlich ein südafrikanischer Geheimagent in Stockholm aufgehalten hatte. Doch auch diese Spur lief anscheinend ins Leere. Ebenso wie eine eventuelle Verstrickung der linksextremistischen RAF in den Mordfall.

    Wenig befriedigend…

    Ob das nun an diesem Mittwoch verkündete Ermittlungsergebnis ein tatsächlicher Erfolg oder ein erzwungener Schlusspunkt ist, darüber gehen die Meinungen in Schweden auseinander. Anna Sundström, die Generalsekretärin des Olof Palme International Center in Stockholm, sagte vor wenigen Tagen, es sei dennoch wichtig, den Fall abzuschließen. Man brauche eine Art von Abschluss, auch wenn man keine Antwort habe. Einen bereits verstorbenen Einzeltäter als Mörder zu präsentieren, scheint eben nicht die Art Antwort zu sein, die sich viele Schweden nach mehr als 34 Jahren erhofft hatten.

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    Tags:
    Ministerpräsident, Mord, Olof Palme, Ermittler, Schweden