19:08 03 Juli 2020
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    Ist das Virus Sars-Cov 2 weniger gefährlich als allgemein behauptet? Was bringt die Maskenpflicht als Schutzmaßnahme? Sind die angekündigten Massentests auf das Virus und die von ihm ausgelöste Krankheit Covid-19 notwendig? Kam der Lockdown zu früh? Der Virologe Hendrik Streeck hat sich dazu in einem Zeitungsinterview geäußert.

    Der Bonner Virologe Hendrik Streeck sieht die sogenannte Corona-App ebenso skeptisch wie die Gesichtsmasken und Massentestungen. In einem am Mittwoch von der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) veröffentlichten Interview sagte er auch, die bundesdeutsche Politik sei „zu schnell in den Lockdown gegangen“. Wie schon in vorherigen Interviews erklärte Streeck, die Maßnahmen hätten „vom tatsächlichen Verlauf abhängig gemacht“ werden müssen, „auch um zu sehen, wie die einzelnen Beschränkungen wirken und ob zusätzliche Schritte wirklich nötig sind“.

    Streeck leitet das Institut für Virologie der Universität Bonn, als Nachfolger von Christian Drosten, der an die Berliner Charité ging. Er hat in den USA gearbeitet und ist Kuratoriumsvorsitzender der Deutschen Aids-Stiftung. „Meine Position war immer, dass das Virus nicht bagatellisiert werden sollte, aber auch nicht dramatisiert werden darf“, sagte er in dem Interview mit der NOZ zur Frage nach dem Virus Sars-Cov 2.

    Anfangs seien sich „auch fast alle Virologen mehr oder weniger einig“ gewesen, so Streeck. Selbst sein Vorgänger Drosten hatte noch am 2. März auf einer Pressekonferenz die Dramatisierung, wie sie von Beginn an zum Teil in den Sozialen Medien zu erleben war, für „nicht gut“ gehalten. Drosten damals über die vom Virus laut Weltgesundheitsorganisation ausgelöste Krankheit Covid-19: „Diese Erkrankung ist eine milde Erkrankung. Die ist im Prinzip für den Einzelnen gar kein Problem.“ Der Charité-Virologe wandte sich dabei auch gegen Horrorszenarien aufgrund von Modellrechnungen.

    Gefährlichkeit überschätzt

    Die Einschätzungen änderten sich dann mit den Bildern aus Bergamo und aus den USA, die schwere Verläufe und auch viele Todesfälle zeigten, sagte nun Virologe Streeck dazu. „Derzeit allerdings nähern wir uns wieder der Einschätzung aus der Anfangszeit an“, fügte er hinzu. Es gebe „sehr, sehr viele asymptomatische Fälle, also Infektionen ohne Folgen“, begründete er das.

    „Das lässt uns die Gefährlichkeit des Virus zunehmend besser einschätzen. Ich glaube auch weiterhin nicht, dass wir am Ende des Jahres in Deutschland mehr Todesfälle als in anderen Jahren gehabt haben werden.“

    Streeck hatte bereits im März in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) erklärt, dass die Todeszahlen im Zusammenhang mit dem Virus in Deutschland steigen werden – „aber nicht um solch apokalyptisch hohen Zahlen, wie sie zum Teil in Umlauf sind“. Und: „Natürlich werden noch Menschen sterben, aber ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage: Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.“

    Anti-Corona-Maßnahmen nicht überprüft

    Zur Kritik an seinen Aussagen durch Medien und andere Wissenschaftler sagte der Bonner Virologe nun: „Was übersehen wurde, war, dass ich immer beide Seiten genannt habe: Das Virus nicht dramatisieren, ja, aber auch nicht bagatellisieren. Nur warnen und mahnen kann man ja sehr leicht: Im Zweifel ist man als Mahner gesellschaftlich besser aufgehoben. Wenn man jedoch die realistische Einschätzung mit einbezieht, wird es kompliziert.“

    Er sei nicht gegen die ersten Anti-Corona-Maßnahmen wie das Absagen von Großveranstaltungen Anfang März gewesen. Doch bereits danach seien die Sars-Cov-2-Infektionszahlen zurückgegangen, betonte Streeck. Die weiteren Maßnahmen wie die Kontaktsperren hätten aus seiner Sicht vom tatsächlichen Verlauf sowie davon abhängig gemacht werden müssen, wie die einzelnen Beschränkungen wirken.

    „Dafür sind wir aber zu schnell in den Lockdown gegangen, weil die Sorge überwog, dass die Intensivbetten womöglich nicht reichen und auch ein gewisser Druck in der Öffentlichkeit bestand.“

    Zweifel an „Corona-App“

    Der Virologe aus Bonn hat mit Fachkollegen den Covid-19-„Hotspot“ im Landkreis Heinsberg untersucht und eine entsprechende Studie dazu veröffentlicht. Darauf reagierten andere Experten, darunter auch Drosten, mit Kritik. Streeck wunderte sich, dass das „aber nicht wegen der Daten, sondern wegen des Drumherums, und für einen angeblichen Fehler, den wir nachweislich gar nicht gemacht haben“, geschah. „Zu meiner Überraschung sind auch und gerade Wissenschaftsjournalisten darauf angesprungen, von der Tagesschau über die ‚Zeit‘ bis zur ‚Süddeutschen Zeitung‘“, sagte er dazu im NOZ-Interview.

    Seiner Erklärung: „Es war eine unglückliche Gemengelage zwischen Politik, journalistischen Fehden und Angst.“ Dabei sei vielen entgangen, „dass aus der Heinsberg-Studie schon vor Wochen ablesbar war, welche entscheidende Rolle Superspreading spielt“, über die jetzt viel geredet werde.

    Streeck rechnet nicht mit einem neuen deutlichen Anstieg der Sars-Cov-2-Infektionen, der vielbeschworenen zweiten Covid-19-Welle, wie er sagte. Es werde immer wieder Ausbrüche geben: „Bisher verlaufen sie eher harmlos. Das braucht natürlich ein koordinierte und kontinuierliche Überwachung.“ Für den Virologen kommt die sogenannte Corona-App zu spät. Zudem sei fraglich, ob sie wirklich helfe, die Pandemie zu kontrollieren.

    Zweifel an Maskenpflicht

    Für fragwürdig hält er auch die inzwischen bundesweit geltende Maskenpflicht in öffentlichen Einrichtungen, Restaurants, Geschäften und im öffentlichen Personenen-Verkehr.

    „Am Anfang der Pandemie wurde ja dezidiert gewarnt vor Masken. Die Gründe dafür gelten immer noch, auch wenn sie merkwürdigerweise keine Rolle mehr zu spielen scheinen.“

    Die Masken seien dagegen in Folge ihres Gebrauches „ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze“, so Streeck. Er rät dazu, zu Hause zu bleiben, wenn jemand sich krank fühlt, und spricht sich für physische Distanz in Innenräumen aus. Zudem sollten Großveranstaltungen aus seiner Sicht weiter untersagt bleiben.

    Der Schweizer Immunologe Beda Stadler meinte dagegen Anfang Juni: „Nach allem, was man jetzt weiß, hätte man Großveranstaltungen im Freien wie Open Airs oder große Sportveranstaltungen unter gewissen Bedingungen zumindest testweise erlauben können.“ Im Freien sei die Ansteckungsgefahr relativ gering, begründete Stadler das.

    Widerspruch zu Drosten

    Streeck betonte in dem NOZ-Interview: „Kinder sind nicht die großen Virenschleudern.“ Auch hier liegt er im Widerspruch zu seinem Vorgänger Drosten. Der behauptet mit anderen Wissenschaftlern in einer Studie: „Insbesondere gibt es aus der vorliegenden Studie keine Belege dafür, dass Kinder möglicherweise nicht so ansteckend sind wie Erwachsene.“ Aus Sicht von Streeck könnten dagegen Schulen und Kitas wieder geöffnet werden, weil Lehrer und Erzieher keinem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt seien.

    Zu den Folgen der Pandemie für das bundesdeutsche Gesundheitswesen meinte der Virologe: „Was gelaufen ist, war zumindest extrem teuer. Die Krankenhäuser wurden nicht belegt, aber das Personal war trotzdem da. Wirtschaftlich ist das wahrscheinlich sehr schwierig.“ Aufgrund der Kosten für die Tests und der geringen Zahl positiver Testergebnisse spricht er sich gegen Massentests aus: „Vielleicht wäre es sinnvoller, nur Fälle mit Symptomen zu testen. Die Fallzahlen gehen ja kontinuierlich zurück.“

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    Tags:
    Maskenpflicht, Infektion, Covid-19, Pandemie, Deutschland, Coronavirus