06:55 21 Oktober 2020
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    Der Mord an einem Georgier im Tiergarten wirft erneut Schatten auf den Kreml, nachdem die Bundesanwaltschaft am Donnerstag Anklage gegen einen Russen erhoben hat. Außenminister Heiko Maas müsste Europa zu einem „sicheren Hafen für Putins Feinde“ machen, so die Appelle. Der ehemalige FSB-Chef für Antiterror weist auf den Haken hin.

    So schrieb unter anderem der „Welt“-Autor Pavel Lokshin in einem entsprechenden Kommentar unter der Headline „Politische Asylanten“, der Auftragsmord an dem ethnischen Tschetschenen mit georgischer Staatsbürgerschaft sei „der letzte Beweis dafür“, dass die nach Europa geflüchteten Opponenten des „Systems Putin“ vor dem langen Arm des Kremls nicht sicher seien. Es sei höchste Zeit, dass der deutsche Außenminister sich nun klar positioniere. Selimhan  Khangoshvili, der unglücklich Ermordete, sei nur einer von vielen Exilanten, die aus ihrem Widerstand gegen den Kreml und Putins Statthalter in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, keinen Hehl gemacht hätten und im Ausland gestorben seien. „Wir sollten Moskau gemeinsam klarmachen, dass Europa eine Zuflucht ist, gerade für die Menschen, die der Kreml ohne Gerichtsverfahren liquidieren will“, fordert der „Welt“-Autor zum Schluss. 

    Mit der erhobenen Anklage gegen den Verdächtigen Vadim K. geht die Bundesanwaltschaft davon aus, dass es sich bei der Tat um einen staatlichen Tötungsauftrag der russischen Regierung handelte. „Hintergrund des Tötungsauftrags war die Gegnerschaft des späteren Opfers zum russischen Zentralstaat, zu den Regierungen seiner Autonomen Teilrepubliken Tschetschenien und Inguschetien sowie zu der pro-russischen Regierung Georgiens“, heißt es. Am Donnerstag wurde auch der russische Botschafter ins Auswärtige Amt „eingeladen“. Maas drohte Russland mittlerweile mit weiteren Strafmaßnahmen, nachdem im Dezember 2019 zwei Mitarbeiter der russischen Botschaft schon ausgewiesen wurden.

    „Man hat Antipanzerminen unter die Kinderbetten platziert“

    Für den ehemaligen KGB- sowie den späteren FSB-Chef für Antiterror, Wladimir Luzenko (72), stimmt etwas nicht in der Darstellung der Dinge, vor allem, wenn einer wie Khangoshvili mit den anderen „einfachen“ Exilanten gleichgesetzt und zum „harmlosen Schäflein“ gemacht wird. 

    „Dieser Herr Khangoshvili kämpfte im zweiten Tschetschenienkrieg bekannterweise an der Seite der tschetschenischen Terroristen unter Führung der Islamisten Schamil Bassajew, Abu l-Walid und des ethnisch-tschetschenischen Nationalisten Aslan Maschadow“, erinnert er in einem Sputnik-Gespräch. 

    Allein beim Terroranschlag 1995 in Budjonnowsk in der Region Stawropol, dessen Augenzeuge Luzenko war, hatte die Bassajew-Bande etwa 1600 Menschen in einem Krankenhaus als Geiseln genommen und 130 davon ermordet. 

    „Die berüchtigte Bassajew-Bande stand für extreme Grausamkeit gegenüber den Zivilisten und einfachen Leuten. Man hat Antipanzerminen unter die Kinderbetten platziert, stellen Sie sich vor“, sagt Luzenko weiter. 

    Khangoshvili war damals zwar noch nicht Teil der Bande, stand aber seit 2008 unter Verdacht auf Beteiligung an derartigen terroristischen Anschlägen in Inguschetien. Sputnik hatte früher ausführlich darüber berichtet

    „Und diese ‘Helden’ sollen nun Putin bekämpfen?“

    In der Welt gebe es viel Ungerechtes, wogegen die Menschen zurecht aufstehen würden, meint der Veteran weiter. „Wenn man aber die Unschuldigen ermordet … Haben die Deutschen den Fall Anis Amri oder dergleichen vergessen, als die unschuldigen Menschen etwa mit einem LkW zerquetscht wurden?“ Auch da hätten sich solche Terroristen hinter dem ‘edlen’ Kampf für die politische Freiheit versteckt. Die Philosophie der Bassajew-Leute sei eine vergleichbare gewesen. Und diese ‘Helden’ sollen nun Putin bekämpfen? - fragt Luzenko emotional zurück und meint:

    „Dann los, kämpft gegen den Putin, geht zum Kreml, kämpft gegen die russische Polizei oder etwa gegen die Armee. Haben die islamistischen Terroristen so etwas in Europa getan? Nein, sie greifen lieber Stadien oder Konzerthäuser an - wie in Paris im November 2015. Waren die am 11. September 2001 in den USA etwa auch Freiheitskämpfer? Hätte man ihnen auch politisches Asyl geben oder sie etwa zu Helden erklären müssen?“ 

    Ein politisch motivierter Einsatz extremer Formen von Gewalt gegen Zivilisten sei nichts anderes als Terrorismus, beharrt der Sputnik-Gesprächspartner. 

    Khangoshvili lebte laut dem „Focus“ seit 2016 in Deutschland, nachdem er da einen Asylantrag gestellt hatte. Laut Präsident Wladimir Putin hatte Moskau an Berlin Auslieferungsersuchen geleitet, denen man nicht nachgekommen ist. Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert hatte im Dezember seinerseits offizielle Auslieferungsersuchen Russlands für Khangoshvili bestritten. Putin ergänzte anschließend, dass diese über die Geheimdienste gelaufen seien.  

    Luzenko verweist weiter darauf, dass die bekannten islamistischen Ideologen wie etwa Achmed Sakajew, Ministerpräsident der sogenannten tschetschenischen Exilregierung, oder Mowladi Udugow vermutlich in England und in Saudi-Arabien eine Zuflucht bekommen hätten. Auch im US-Kongress habe man einst die blutigsten Terroristen empfangen. „Das geht doch nicht! Doppelte Standards führen noch zu neuem Blut. Ich habe immer gesagt: Terrorismus bekämpft man nur gemeinsam und nach einem einheitlichen Standard, wobei die Straftäter neutralisiert und vor Gericht gestellt werden müssen. Warum haben wir Panzer und Atombomben und können unsere Frauen und Kinder nicht auf den Straßen unserer friedlichen Städte schützen? Weil es für die einen Terroristen und für die anderen Kämpfer gegen das ‘Regime Putin’, für die Freiheit oder Teufel weiß wofür sind.“ 

    Auch bemängelt Luzenko, dass manche Deutsche die ganze kaukasische Problematik mit dem Islamismus und Wahhabitentum offenbar nicht ganz klar verstehen würden. Er spricht sich zugleich dagegen aus, dass jemand „einfach so“ getötet wird - auch ein Khangoshvili. Er hätte lieber vor Gericht gebracht werden können. In diesem Zusammenhang könnte man aus seiner Sicht auch ein Gerichtsurteil gegen den Verdächtigen abwarten, bevor man Moskau so schwere und bisher eher auf Vermutungen basierte Vorwürfe mache. „Etwas sollte doch darauf hinweisen, dass Vadim K. mit dem russischen Staat tatsächlich verbunden ist, dass er einmal die Schulterklappen getragen hatte oder an geheimen GRU-Stützpunkten geschult wurde. Doch die Öffentlichkeit kriegt nichts davon dargelegt“, sagt Luzenko abschließend.

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    Tags:
    Tschetschenien, Georgien, Russland, Mordanschlag, Zelimkhan Khangoshvili, Deutschland