19:37 28 Oktober 2020
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    Zuwanderung verlangsamt einer Studie zufolge die Alterung der Bevölkerung in Deutschland. Die Autoren empfehlen deshalb, auf einen Zuzug von Erwerbspersonen im Teenageralter aus Drittstaaten zu setzen, um dem „Demografieproblem“ Herr zu werden. „Zynisch“ nennt den Vorschlag Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vor dem Hintergrund der aktuellen Krise.

    Der demografische Wandel stelle Deutschland in vielen Bereichen vor große Herausforderungen. Problematisch sei vor allem, dass einer zunehmenden Anzahl aus dem Arbeitsmarkt ausscheidender Personen immer weniger Nachwuchskräfte gegenüberstünden, stellt eine Studie des „Instituts der deutschen Wirtschaft“ (IW) in Köln mit dem Titel „Der Beitrag der Zuwanderung zur Stabilisierung der demografischen Entwicklung“ fest. Als „positiven Effekt auf die demografische Struktur“ bewerten die Autoren jedoch die Zuwanderung der letzten Jahre in den deutschen Arbeitsmarkt, „da sie das Gewicht der bevölkerungsstarken älteren Kohorten reduziert und die Bevölkerungsverteilung insgesamt ausgeglichener gemacht hat“.

    Die Zuwanderung der 2010er-Jahre habe sich nicht nur auf die demografische Struktur der Bevölkerung insgesamt, sondern auch auf die Altersstruktur der Erwerbstätigen in Deutschland günstig ausgewirkt, so die IW-Studie.

     

     

    Die Autoren empfehlen der Politik, einen Blick über den „EU-Tellerrand“ hinaus zu werfen. „Daher muss die Zuwanderungspolitik ihren Fokus in den nächsten Jahren vermehrt auf demografiestarke Drittstaaten richten“, heißt es in der Auswertung.

    Besonders in Indien bestünden aus demografischer Sicht große Potenziale für die Anwerbung von Nachwuchskräften für den deutschen Arbeitsmarkt – „entweder als fertig ausgebildete Fachkräfte oder als Personen, die zunächst noch einen Teil ihrer Ausbildung in Deutschland absolvieren“, schreiben die Autoren. Ähnlich stelle sich die Lage in Lateinamerika, der Karibik und Südostasien dar - abgesehen vom ebenfalls rasch alternden China.

    Corona-Krise: Einwanderungsgesetz obsolet?

    „Mit dem neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz wurden auch die Zuwanderungswege für Personen aus Drittstaaten mit einer beruflichen Qualifikation verbessert“, schreiben die Autoren. Und die Bundesregierung hofft nun, dass jährlich bis zu 25.000 Personen mit einer solchen Qualifikation aus Drittstaaten für eine Zuwanderung nach Deutschland gewonnen werden können.

    Das besagte Fachkräfteeinwanderungsgesetzt sowie Forderungen der Arbeitgeber nach verstärkter Erwerbsmigration dürften Mitten in der Covid-Krise in den Hintergrund treten. Dieser Punkt wurde in der Analyse nicht erwähnt und spielte bei der Auswertung der Studienergebnisse offenbar keine Rolle. Der Arbeitsmarktanalyst Karl Brenke warnte bereits vor einem Jahr vor einer Abschwächung der Konjunktur und der Nachfrage nach Fach- und Arbeitskräften.

    Vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise seien die Empfehlungen der Studie nach größerer Zuwanderung „bei der hohen Unterbeschäftigung, die wir haben, doch etwas aus der Welt gefallen und vielleicht ein bisschen zynisch“, sagt der ehemalige Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Sputnik-Interview. Im Mai hat der langjährige DIW-Mitarbeiter auf eigenen Wunsch das Institut verlassen und seine Anstellung dort gekündigt, wie er gegenüber Sputnik mitteilte.

    „Wir haben gegenwärtig eine der schlimmsten Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Zahl der Arbeitslosen ist mit fast 600.000 größer als vor einem Jahr. Und das sind die Zahlen für März. Wahrscheinlich sieht es aktuell noch schlimmer aus. Mit einem Schlag zwei Millionen Kurzarbeiter. Das heißt, wir haben ein Ausmaß der Unterbeschäftigung, wie wir es allenfalls zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung hatten. Und es ist nicht abzusehen, in wie weit die Krise alsbald beendet sein könnte. Die Aussichten sind nicht besonders rosig, wenn ich auf den Herbst und auf den Winter sehe“, erklärt Brenke. 

    „Deutschland braucht Innovation“

    Zwar sei Zuwanderung eine Möglichkeit auf die demografische Lage in Deutschland zu reagieren.  Doch das Potential einer Erwerbsmigration in Europa sei „nicht besonders riesig“, da auch andere Länder mit demografischen Problemen zu kämpfen haben, so auch in der EU, in Russland, China und anderen Ländern, betont der Konjunkturforscher Brenke. Ganz anderes sei es in Afrika und in manchen arabischen Staaten. „Aber hier haben wir in den letzten Jahren die Erfahrung aus den Zuwanderungen gemacht, die im Zusammenhang mit den Asylansprüchen hergekommen sind, dass es keine qualifizierte Zuwanderung war, sondern zum größten Teil unqualifizierte. Und da haben wir ohnehin große Probleme auf dem Arbeitsmarkt, die Leute unterzubringen“, weiß der Arbeitsmarktexperte. Außerdem sieht er es kritisch, Fachkräfte aus Drittstaaten abzuwerben. „Man reißt Lücken in die demografische Entwicklung anderen Länder“, warnt der Arbeitsmarktanalyst. Es sei „unsinnig“, qualifizierte Zuwanderer aus der „Dritten Welt“ auf der einen Seite aufzunehmen und auf der anderen Seite mit Entwicklungshilfen, die Länder voranzubringen.

    Er empfiehlt stattdessen nicht allein auf Zuwanderung zu setzen und einen Blick ins Inland zu richten. „Deutschland braucht eigentlich Innovation“, ist Brenke überzeugt. Verbesserte Qualifizierung von Arbeitslosen und gute Bildungspolitik seien gefragt. Die Gesellschaft müsse, seiner Ansicht nach, leistungsfähiger werden und die Produktivität gesteigert werden. „In Deutschland haben wir aber das Problem, dass die Produktivitätssteigerung in den letzten Jahren immer schwächer geworden ist.“

    Das hänge wiederum damit zusammen, dass man den Druck aus dem Wettbewerb herausgenommen habe, meint der Volkswirt. „Beispielsweise durch die Zinspolitik der EZB, Subventionen sind in Deutschland völlig selbstverständlich geworden und es hängt damit zusammen, dass wir eine zunehmende Bürokratisierung haben - nicht nur im Staatssektor. Was wir haben, ist eine Bevölkerung, die ziemlich selbstgefällig, saturiert und träge geworden ist“, moniert der Ex-DIW-Forscher. 

    IW: „Zuwanderung der 2010er-Jahre kam zu früh“

    Der IW-Untersuchung zufolge machten im Jahr 2017 die 20- bis 29-Jährigen rund zwölf Prozent der Bevölkerung aus. Ohne Zuwanderer läge ihr Anteil hingegen um 1,26 Millionen niedriger. „Auch bei den 0- bis 9-Jährigen und den 30- bis 39-Jährigen zeigen sich durch die Neuzuwanderer und ihre in Deutschland geborenen Kinder deutliche Gewinne“, heißt es in der Analyse. Die Daten basieren auf dem Mikrozensus.

    Am Anteil der 10- bis 19-Jährigen konnten die Forscher jedoch keine maßgeblichen Veränderungen feststellen. Dabei bestehe nach Ansicht der Forscher aus demografischer Sicht gerade bei den im Jahr 2017 im Teenageralter befindlichen Personen ein besonders großer Bedarf an Zuwanderern, „da diese die geburtenstarken Jahrgänge am Arbeitsmarkt ersetzen müssen“.

    „Die starke Zuwanderung der 2010er-Jahre kam letztlich etwa zehn Jahre zu früh, um die demografische Entwicklung in Deutschland in optimaler Weise zu beeinflussen. So vergrößerte sie mit den Geburtsjahrgängen 1981 bis 1995 eine Kohorte, die auch ohne die Neuzuwanderer bereits zu den bevölkerungsstärkeren zählt und die für den Ersatz der besonders geburtenstarken Jahrgänge 1959 bis 1968 am Arbeitsmarkt kaum eine Rolle spielt“, so ein weiteres Ergebnis der Analyse.

    Wie die Autoren zu der Aussage kommen ist aus demografischer Sicht jedoch fraglich. Gerade die Geburtenraten in den 1980er und 1990er Jahren waren in Deutschland sehr niedrig - zwischen 1,2 und 1,4 Kindern pro Frau. Im Jahr 2016 und 2017 lag die Geburtenrate bei rund 1,6 Geburten. Wie groß die „Probleme“ im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel tatsächlich sind, ist nach wie vor unter den Experten sehr umstritten.

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    Tags:
    Einwanderungspolitik, Fachleute, Arbeitskräfte, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Karl Brenke, Migration, Zuwanderung, Deutschland, Demografie