12:23 28 Oktober 2020
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    Die jugendlichen Randalierer in Stuttgart sind ein Aufregerthema – zu Recht. Doch welche Rolle spielt es, welche Staatsangehörigkeit sie haben und ob ein Migratiionshintergrund vorliegt? Für die Boulevardpresse offenbar eine große. Linguistin Clara Herdeanu setzt sich mit der Bedeutung der Begriffe auseinander.

    In der Berichterstattung über Stuttgart, wo es am Sonntag zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei gekommen ist, titelte die „Bild“ am 22. Juni in ihrer typischen, vereinfachenden und zugleich provokanten Manier: „12 Ausländer, 9 Deutsche, 3 Deutsche mit Migrationshintergrund. Das sind die Festgenommenen der Stuttgarter Randale-Nacht“. Reißerisch, wie es sich für die Yellow Press gehört, aber sonst in Ordnung? Nein, findet Linguistin Clara Herdeanu. In einem Artikel für die Online-Zeitschrift „Migazin“, die für ihre Berichterstattung über Migration, Integration und Rassismus mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, erklärt Herdeanu, warum.

    Die Autorin stört sich vor allen Dingen an der bewussten Unterscheidung zwischen „Deutschen“ und „Deutschen mit Migrationshintergrund“ und fragt sich, warum diese Formulierungen verwendet werden und wie es um die dahinterliegenden Diskursmechanismen bestellt ist.

    Oft würde man fragen, was die Aufregung überhaupt solle, schließlich sei „Migrationshintergrund“ eine offizielle, amtliche Bezeichnung. Das stimme einerseits, räumt Herdeanu ein, denn 2005 habe das Statistische Bundesamt „Migrationshintergrund“ als amtlichen Terminus eingeführt, für Personen, „wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt“ besitzen. Dr. Anne-Kathrin Will habe jedoch für die Bundeszentrale für politische Bildung bereits festgestellt, die „Zuschreibung eines Migrationshintergrunds allein aufgrund der Geburtsstaatsangehörigkeit der Befragten oder eines Elternteils“ sei problematisch, weil sie „die gesellschaftliche Realität unzureichend abbildet“. 

    "Semantischer Kampf" 

    „Abgesehen davon ist diese Formulierung allerdings auch ein Paradebeispiel eines sprachlichen Phänomens, das Linguisten als semantischen Kampf bezeichnen. Und das führt uns auch dazu, weshalb diese Formulierung eben nicht nur eine amtliche, vermeintlich neutrale Bezeichnung ist, sondern in ihr auch stets unterschwellig bestimmte Deutungen und Wertungen mitschwingen“, so Herdeanu.

    Die semantischen Kämpfe erklärt die Linguistin anhand dreier Annahmen. Die erste Annahme besagt, dass Sprache unser Denken und Handeln beeinflusst, ja, bisweilen sogar direkte körperliche Reaktionen hervorruft. „Lesen wir Wörter wie Erbrochenes, verziehen wir aus Ekel bereits unwillkürlich das Gesicht“, so Herdeanu. Darüber hinaus würden Wörter Bedeutungen und Wertungen transportieren, die aber nicht statisch seine, sondern Teil von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen.

    „Die Bedeutungen von Wörtern ergeben sich somit aus ihrem Gebrauch in der Sprache, wie dies bereits der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein prägnant betonte. Und das schließt eben nicht nur die konkrete inhaltliche Bedeutung, die Denotation, mit ein, sondern auch die implizit mitschwingenden Wertungen, die Konnotationen.“

    Kampf um Deutungshoheit

    Um die konkreten Bedeutungen und Bezeichnungen werde dabei gerungen, so Herdeanu. Es gehe um Macht, denn wer seine Deutung und/oder Bezeichnung in einem Diskurs dominant setzen könne, erlange damit Deutungshoheit und oft auch Handlungshoheit.

    Dieses Ringen um Bezeichnungen, Bedeutungen und Wertungen seien eben die semantischen Kämpfe. Und genau dies passiere im Fall der Bezeichnung „Migrationshintergrund“.

    „Denn die weitere Deutung, die bei der Formulierung Migrationshintergrund stets mitschwingt, ist die eines Machtgefälles und einer verweigerten umfassenden Zugehörigkeit. Die Bezeichnung Migrationshintergrund löst das Anderssein von einer konkreten Migrationserfahrung ab – und ist damit zeitlos gültig und sogar vererbbar.“ Nach diesem Verständnis werde man eben niemals ein „richtiger Deutscher“ sein, sondern immer der „Deutsche mit Migrationshintergrund“.

    „Bild“ versuche, mit dieser Sprachwahl ein weiteres Mal, Gegensätze aufzubauen und Zugehörigkeiten abzusprechen, indem die Zeitung den Hintergrund in den Vordergrund rücke, schließt die Linguistin.

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    Tags:
    Berichterstattung, Bild-Zeitung, Migrationshintergrund, Polizei, Jugendliche, Migranten, Randalierer, Stuttgart, Deutschland