19:14 28 Oktober 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    135410
    Abonnieren

    In Umfragen geben viele Menschen an, dass ihnen das Wohl der Tiere am Herzen liegt. Nun hat sich der Deutsche Ethikrat mit dem Thema befasst. In einer Stellungnahme gleicht er die gesellschaftlichen Wertvorstellungen mit der landwirtschaftlichen Praxis ab. Sein Fazit ist verheerend.

    In der Massentierhaltung werden Tieren oft routinemäßig Schmerzen und Leid zugefügt. Der Ethikrat sieht daher einen „erheblichen Bedarf an praktischen Reformen“. So schreibt er es in einer Stellungnahme „zum verantwortlichen Umgang mit Nutztieren“.

    „Ich kenne kein einziges Rechtsgebiet, in dem so heuchlerisch vorgegangen wird wie im Tierschutzrecht“, kritisiert Steffen Augsberg, Sprecher der Arbeitsgruppe „Tierwohl“ im Deutschen Ethikrat auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der Stellungnahme am 16. Juni 2020.

    Der Deutsche Ethikrat definiert vier Eckpunkte für einen verantwortlichen Umgang mit Tieren.

    Tiere haben einen eigenen moralischen Status

    Höher entwickelte Tiere haben für den Ethikrat einen „Eigenwert“. Ihnen kommt ein moralischer Status zwischen Mensch und Sache zu. Aus diesem ergibt sich eine besondere Schutzwürdigkeit und eine Verantwortung für den Menschen, die seinen Nutzungsinteressen Grenzen setzt.

    Vor diesem Hintergrund kritisiert der Ethikrat explizit lange Übergangsfristen, wie für die betäubungslose Ferkelkastration oder Kastenstände, als „nicht hinnehmbar“. Das Tierwohl darf dem Nutzen für Menschen nicht stets und absolut untergeordnet werden. Besonders ökonomische Gründe reichen nicht, um Tieren zu schaden. Das betont der Ethikrat in seiner Stellungnahme mehrfach.

    „Tierwohl“ bedeutet für den Ethikrat „sowohl den körperlichen Zustand von Tieren als auch ihr subjektives Wohlbefinden“. Der Begriff bezeichnet ein breites Spektrum von Zuständen des physischen und psychischen Wohlergehens. Um dieses Wohlergehen zu erkennen, kann man heute auf zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden zurückgreifen. Der Tierwohl-Begriff des Ethikrats ist somit konkreter als der der Tierindustrie. 

    Menschen müssen für das Wohlergehen von Nutztieren sorgen

    Allen Nutztieren muss der Mensch während ihres gesamten Lebens ein „möglichst gutes Gedeihen und Befinden“ ermöglichen, so der Ethikrat. Die Kosten dafür hat die gesamte Gesellschaft zu tragen, etwa durch eine „Tierwohlsteuer“ auf Tierprodukte.

    Menschen können die Schmerzen und Leiden von Tieren oft nicht klar erkennen. Deshalb dürfen sie jedoch nicht einfach davon ausgehen, es gäbe sie nicht. Der Ethikrat betont, dass Tierschutzvorgaben einzuhalten sind und nicht uminterpretiert oder umgangen werden dürfen. Um Unklarheiten zu beseitigen, schlägt er vor, das Tierschutzrecht stärker auf das Tierwohl hin auszurichten.

    Zudem fordert der Ethikrat, dass Tiere in unserer Gesellschaft besser repräsentiert werden müssten. Die Zuständigkeit des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) für Tierschutzfragen sieht er daher als problematisch an.

    Konkret empfiehlt der Deutsche Ethikrat, Qualzucht und Verstümmelungen zu verbieten. Überhaupt lehnt er alles ab, was ein artspezifisches Verhalten und Erleben behindert, wie enge trostlose Ställe oder die frühe Trennung von Mutter und Kind. Auch fordert er besser ausgebildetes und bezahltes Personal sowie geeignetere Technik in Schlachtbetrieben und Transportunternehmen sowie regionale Verarbeitungsketten.

    Tierisches Leben muss geachtet und geschützt werden

    Wer Tiere halten, züchten, nutzen oder töten möchte, obwohl aus ethischer Sicht vieles dagegenspricht, muss sein Handeln sehr gut begründen. Noch kein ausreichender Grund sei es, so der Ethikrat, dass Menschen sich von Tieren ernähren können oder wollen. Er lehnt Tierprodukte als Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung zwar nicht ab, notwendig sind sie seiner Meinung nach jedoch nicht.

    Auch die Argumente, dass Tiernutzung zu unserer Kultur und Tierprodukte für viele Menschen zu einem „guten Leben“ gehören, erkennt der Ethikrat teilweise an. Dies befreit jedoch nicht davon, das eigene Handeln immer wieder neu zu hinterfragen, mahnt er.

    Tierische Produkte haben einen besonderen Wert, der sich nach Ansicht des Deutschen Ethikrats auch im Preis widerspiegeln sollte. Zudem dürfen Tiere nicht getötet werden, nur weil sie ökonomisch „nutzlos“ sind, wie zum Beispiel männliche Küken und Kälber. Landwirtschaftlich genutzte Tiere sollen außerdem vor ihrem Tod eine gewisse Zeit ohne Qualen leben dürfen.

    Pflanzliche Alternativen zu Produkten wie Fleisch und Milch, aber auch Fleisch aus Zellkulturen, begrüßt der Ethikrat als indirekten Beitrag zum Tierwohl. Er wünscht sich, dass fleischfreie Optionen gefördert und öffentliche Einrichtungen dazu verpflichtet werden, sie anzubieten. Auch fordert er eine klare Kennzeichnung der Herkunft und Haltungsbedingungen bei Tierprodukten. 

    Tierwohl ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

    Die Eckpunkte umzusetzen, sieht der Deutsche Ethikrat als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Konsumenten alleine hätten oft nicht die Möglichkeiten, sich für Tierwohl zu entscheiden. Vielmehr sieht der Ethikrat die deutsche und europäische Politik in der Verantwortung, einen „angemessenen strukturierten Transformationsprozess zu gestalten“ – im Diskurs mit allen Akteuren.

    Besonders die Position der Amtstierärzte müsse gestärkt werden, so der Ethikrat, um die Umsetzung bestehender Vorgaben besser zu kontrollieren.

    Die Bundestagsfraktionen von Union und SPD wollen laut einem Medienbericht einen umfassenden Umbau der Tierhaltung in Deutschland voranbringen. Das würde auch Preisaufschläge auf Fleisch, Milch und Eier mit sich bringen, wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) unter Berufung auf einen Antragsentwurf der beiden Fraktionen berichtet.

    Bundesregierung denkt über eine Tierwohlabgabe nach

    Demnach wollen Union und SPD der Bundesregierung „eine kurz-, mittel- und langfristige Umsetzungsstrategie zur Transformation der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung innerhalb dieser Legislaturperiode“ vorlegen. Dabei verweisen beide Fraktionen auf das Gutachten eines Expertengremiums rund um Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert (CDU). Der hatte im Frühjahr Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) Empfehlungen zum Umbau der Tierhaltung überreicht.

    Die Fachleute um Borchert hatten vorgeschlagen, Tieren mehr Platz im Stall zu lassen und „möglichst Kontakt zu Außenklima“ zu ermöglichen. Die anfallenden Umbau- und Haltungskosten sollen durch eine Verbrauchssteuer finanziert werden. Das Expertengremium schlug Aufpreise von 40 Cent pro Kilo Fleisch, zwei Cent pro Kilo Milch und pro Ei sowie 15 Cent pro Kilo Käse oder Butter vor.

    Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat den Preiskampf bei Fleisch kritisiert und sich für eine Tierwohlabgabe ausgesprochen, um bessere Haltungsbedingungen mitzufinanzieren. „Fleisch ist zu billig“, sagte die CDU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur.

    Faire Preise und Förderungen ermöglichten Landwirten Stallumbauten. „Wenn aber Fleischindustrie und Handel immer stärker auf den Preis drücken, dann schaffen das die Tierhalter nicht.“ Deshalb gelte es, den Landwirten zu helfen, dass sie die Kosten für Stallumbauten stemmen könnten. 

    Bundesministerin Klöckner setzt weiterhin auf Freiwilligkeit

    Das Bundesministerium für Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) setzt derweil weiter auf ihr Prinzip der Freiwilligkeit. Eine Sprecherin des BMEL sagte gegenüber Sputnik:

    „Wir schaffen mit der Einführung eines staatlichen Tierwohlkennzeichens Anreize für mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung – von der Geburt über die Aufzucht und Mast bis zum Transport und zur Schlachtung der Tiere. Kriterien für die Haltung von Schweinen haben wir bereits erarbeitet, weitere Nutztierarten sollen folgen.“

    Das Tierwohlkennzeichen sei ein wichtiger Baustein der Nutztierstrategie des Bundesagrarministeriums, die einen Umbau der Tierhaltung gemeinsam mit den Landwirten hin zu mehr Tierwohl zum Ziel hat. Es ist allerdings fraglich, ob eine Tierwohlabgabe ohne bindende gesetzliche Vorgaben für ein Mehr an Tierwohl sorgen kann oder nur eine weitere Subvention der industriellen Tierzucht darstellt.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    MdB Hansjörg Müller (AfD) zum Fall Nawalny: Die deutsche Seite will nicht kooperieren
    Bund und Länder wollen Freizeiteinrichtungen weitgehend schließen
    Hohe Corona-Zahlen: Drosten fordert „Mini-Lockdown“ und Lauterbach Kontrollen in Privatwohnungen
    Tags:
    Verantwortung, Menschen, Unterhaltung, Milch, Fleisch, Tierarzt, Rat, Ethik, Tierschutz, Julia Klöckner, Nutzvieh, Deutschland