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    Neue Normalität in der Corona-Pandemie: Lockerungen weltweit (101)
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    Der Naturwissenschaftler Gunanr Jeschke sieht das politische Vorgehen in der Corona-Krise und die offiziellen Begründungen dafür deutlich kritisch. Im Interview erklärt er, warum er an den Erklärungen dafür zweifelt und wo Fehler nachweisbar sind. Aus seiner Sicht werden Politik, Wissenschaft und Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht.

    - Herr Professor Jeschke, Sie haben sich in mehreren Blog-Beiträgen auf der Plattform freitag.de kritisch zur Corona-Krise und dem Vorgehen von Politik und Behörden in der Schweiz, aber auch in Deutschland geäußert. Warum?

    Kritisiert habe ich die Politik und die Behörden in dem Land, in dem ich seit 2008 lebe und arbeite. Noch stärker habe ich sie in dem Land bemängelt, dessen Staatsbürger ich bin. Es ist mir zu billig, die Innenpolitik in fremden Ländern zu kritisieren. Die Panikreaktion auf Covid-19 war allerdings nicht auf die Schweiz und Deutschland beschränkt. Die Schweizer Regierung hat sogar etwas weniger stark reagiert als diejenigen der Nachbarländer. Dennoch fehlte in all diesen Ländern und auch in der Schweiz eine nüchterne Abwägung zwischen den Risiken verschiedener Strategien. Niemand hat kritisch nachgefragt, auf welcher Evidenz eigentlich die Vorschläge basierten, die einige sehr laute Aktivisten den Regierungen gaben.

    Die Regierungen sind dann in eine Panik verfallen, die mir unverständlich erschien. Am 13. März hat die Schweizer Regierung ein Paket von einigermaßen moderaten Maßnahmen beschlossen, das auf dem damaligen Kenntnisstand vertretbar war. Sie hat es auf einer Medienkonferenz begründet und dabei offene Diskussionen zugelassen. Diese verliefen ruhig. In den nächsten drei Tagen hat sich an der Epidemiesituation nichts Wesentliches verändert. Trotzdem entgleiste am 16. März das Regierungshandeln. Wichtig wäre nun, die Gründe zu analysieren, um eine Wiederholung zu vermeiden und das verlorengegangene Vertrauen wiederherzustellen.

    - Was sind Ihre Hauptkritik-Punkte?

    In meinem ersten Blog-Beitrag habe ich am 5. April darauf hingewiesen, dass in der Anfangsphase der Epidemie die Tests stark ausgeweitet wurden, dies aber bei der Interpretation der Zahl der positiven Tests nicht berücksichtigt wurde. Dadurch wurde die Ausbreitungsgeschwindigkeit anfangs stark überschätzt.

    Wichtiger ist, dass sich in den Test- und Sterbefalldaten bis zum Epidemiehöhepunkt keine Abhängigkeit der Ausbreitungsgeschwindigkeit von der Strenge der „social-distancing“-Maßnahmen finden lässt. Nach dem Höhepunkt sieht man bei den Testdaten sogar in den Ländern ein langsameres Abklingen der Epidemie, in denen die Maßnahmen am Schärfsten waren.

    Und nun in der Endphase entwickeln sich in vielen Ländern die Zahlen der positiven Tests und der Sterbefälle völlig verschieden. Das ist nicht plausibel und die Zahl der positiven Tests sagt daher gar nichts Gültiges mehr aus.

    Warnungen ignoriert

    - Warum ist aus Ihrer Sicht das Vorgehen von Politik und Behörden nicht wissenschaftlich begründet? Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern beraten die Regierungen. Welche Rolle spielt die Wissenschaft in der Corona-Krise?

    Einerseits haben die Regierungen wissenschaftliche Beratergremien berufen. Andererseits waren sie aber stocktaub für warnende Stimmen anderer Wissenschaftler.

    Die Gegenmeinungen kamen zumeist von Fachleuten, die in den einschlägigen Gebieten viel Erfahrung haben und eine hohe Reputation genießen. Auch die Beratergremien haben sich mit diesen Warnungen nicht befasst. Dort scheint sich vielmehr ein Gruppendenken entwickelt zu haben, in dem es sich verbot, die anfangs gemachten Annahmen in Frage zu stellen. Gute Wissenschaft besteht aber genau darin, Annahmen immer wieder zu überprüfen.

    Während der Covid-19-Epidemie sind laufend neue Daten aufgetaucht, die anfängliche Annahmen widerlegten. Die meisten dieser Annahmen haben sich sogar als grob falsch erwiesen. Das kann passieren. Nur muss man sich dann auch korrigieren.

    - Sie arbeiten in der physikalischen Chemie. Was antworten Sie, wenn Ihnen jemand sagt, Sie wüssten nichts von Virologie und Epidemiologie?

    Ich untersuche, ob aus den verfügbaren Daten die Aussagen abgeleitet werden können, die in den Medien oder von Politkern gemacht werden. Dazu verwende ich die besten und umfangreichsten Daten, die bei zuverlässigen Institutionen öffentlich zugänglich sind. Ich prüfe auch, ob diese Daten in sich konsistent sind. Das erfordert kein Detailwissen über Virologie oder Epidemiologie, weil die zeitliche Entwicklung rein empirisch betrachtet werden kann, ohne Details der Übertragungs- oder Krankheitsmechanismen zu kennen. Wichtig sind ein Grundwissen in Statistik, in Fehlerrechnung und in der Analyse von Zeitreihen. Mit diesen Dingen und mit der Frage nach der Zuverlässigkeit von Daten beschäftige ich mich seit Jahrzehnten. Ein Bestehen auf vorgefassten, aber unbelegten Meinungen über die Mechanismen kann sogar den Blick auf einfache, große Zusammenhänge verstellen.

    - Schon im April haben Sie vorhergesagt, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird durch Covid-19-Kranke, was allgemein befürchtet wurde. Wie sind Sie auf diese Einschätzung gekommen?

    So kühn war ich nicht ganz. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit und das Ausmaß des Problems in der öffentlichen Diskussion stark überschätzt wurden. In den Daten war bereits am 5. April nicht mehr das starke Wachstum zu erkennen, über das viele Journalisten und Politiker in dramatischer Tonlage redeten. Die Zahl positiver Tests hat in Deutschland und der Schweiz am 1. April ihren Höhepunkt überschritten. Bereits um den 20. März war die Abflachung der Epidemie-Kurve erkennbar. Diejenigen, die damals täglich auf die Entwicklung der Daten geblickt haben müssen, haben das der Öffentlichkeit verschwiegen.

    Zweifel an offiziellen Zahlen

    - In einem Ihrer Texte zeigen Sie, dass die Infizierten-Zahl nicht exponentiell angestiegen ist, wie immer behauptet wird, was dann in dem berühmten Kurvenbild gezeigt wird. Wie begründen Sie das?

    Die Basis war eine Abbildung in einem Bulletin des Robert-Koch-Instituts vom 9. April, welche den Anteil positiver Tests an den Gesamttests für den Monat März zeigt, also die Größe, die tatsächlich den Zeitverlauf der Epidemie charakterisiert. Sie steigt offensichtlich nicht exponentiell an und das Abflachen Ende März, das inzwischen niemand mehr bestreitet, war bereits darin erkennbar. Etwas später habe ich Daten des Schweizer Kantons Genf gefunden, die weniger stark streuen. An diese Daten lässt sich vom 25. Februar bis zum 17. März ein exponentieller Anstieg anpassen – aber eben auch nicht länger.

    - Wie schätzen Sie die verwendeten PCR-Tests ein?

    Diese Tests sind das beste Instrument, das zur Diagnose während der Epidemie zur Verfügung steht. Sie haben aber auch Grenzen, die man bei der Interpretation der Zahlen unbedingt beachten muss. Wenn der Anteil der infizierten an den getesteten Personen hoch ist, überwiegen falsch negative Tests, bei denen die Infektion nicht erkannt wird, obwohl sie vorliegt. Der tatsächliche Anteil infizierter Personen wird dadurch leicht unterschätzt. Das war auf dem Höhepunkt der Epidemie der Fall. In der Endphase kehrt sich das jedoch um.

    Bei einem geringen Anteil tatsächlich Infizierter, überwiegen die falsch positiven Tests, bei denen scheinbar eine Infektion erkannt wird, obwohl gar keine vorliegt. Dieser Effekt wird mit dem Abklingen immer stärker, bis es irgendwann nur noch solche falsch positiven Tests gibt. Die Bestätigung aller Tests durch einen zweiten, völlig unabhängigen Test ist dann unabdingbar, möglichst mit neuem Abstrich und dem Testkit eines anderen Herstellers und auf jeden Fall in einem anderen Labor. Das ist in Deutschland nicht die übliche Praxis.

    - Warum haben Sie Zweifel an den Sterbefallzahlen als Kenngröße für die Covid-19-Pandemie?

    Zunächst einmal sind Sterbefallzahlen ein zuverlässigerer Indikator als die Zahl positiver Tests. Allerdings ist mit aus dem Zusammenhang gerissenen Sterbefallzahlen Stimmung gemacht worden, von Journalisten sowie von einigen Politikern. Diese Stimmung wurde und wird ausgenutzt, um politische Ziele durchzusetzen, die mit der Pandemie nichts zu tun haben.

    Zwei propagandistische Tricks tauchen dabei immer wieder auf. Geht es um Außenpolitik, so werden die Zahlen nicht auf die Bevölkerungszahl bezogen. Dadurch kann ein Journalist große Länder in ein schlechtes Licht rücken, deren Regierungen ihm missfallen. Geht es um Innenpolitik, so operiert man ebenfalls mit absoluten Zahlen, die zu nichts in Bezug gesetzt werden, zum Beispiel auch nicht zur Zahl der Sterbefälle, die in anderen Jahren durch infektiöse Atemwegserkrankungen aufgetreten sind. Weltweit waren das 2016 nach einer Studie in Lancet 2,4 Millionen, in Deutschland etwa 22‘400.

    „Absichtliche Überhöhung schlechter Nachrichten“

    - Welche Rollen spielen aus Ihrer Sicht bei alldem die Medien?

    Die meisten Medien haben auf die Covid-19-Pandemie nach dem gleichen Muster reagiert, nach dem sie schon vorher agierten. Es ist Katastrophen-Journalismus der üblichen Art, also die absichtliche Überhöhung schlechter Nachrichten. Horror verkauft sich gut. Zudem sehen sich viele Journalisten nicht als Wahrheitssucher – die Wahrheit kennen sie schon ganz unabhängig von neuen Fakten – sondern als Welterklärer und Weltverbesserer. Viele haben den Beruf des Erziehers verfehlt und Covid-19 bot eine glänzende Gelegenheit, Erzieher zu spielen. Guter Journalismus hingegen folgt der gleichen Maxime wie gute Wissenschaft: An Allem ist zu zweifeln.

    - Warum kritisieren Sie die Maßnahmen wie das „social distancing“, mit denen die Ausbreitung des Virus Sars-Cov 2 gebremst werden soll, als gesellschaftliches Experiment“, das „viel schwächer begründet ist als viele denken“?

    Es war von vornherein nicht gut belegt, dass „social distancing“ die Ausbreitung von Infektionskrankheiten merklich verlangsamt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte zufällig genau zu dieser Frage 2019 eine Übersichtsstudie in Auftrag gegeben, die am 6. Februar 2020 online erschien. Sie hatte sich auf die echte Grippe (Influenza) bezogen, für die es seit Jahrzehnten Daten und Untersuchungen gibt. Die Autoren sprachen klar von „schwacher“ und „indirekter“ Evidenz und sie haben sich auch gegen weitgehendes „social distancing“ ausgesprochen. Es bestand kein Grund zu der Annahme, dass bei Covid-19 funktionieren würde, was bei der Grippe keinen klar sichtbaren Effekt gehabt hatte.

    Maßnahmen ohne messbare Effekte

    - Laut offizieller Einschätzung haben aber diese Maßnahmen, auch die Maskenpflicht in Deutschland, dafür gesorgt, dass die Infektionszahlen sinken. Wie schätzen Sie das ein?

    Ich wäre sehr erstaunt gewesen, wenn eine offizielle Einschätzung zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre. Niemand gesteht gern Fehler ein, besonders dann nicht, wenn sie in jeder Hinsicht teuer waren. Der offiziellen Einschätzung fehlt es an Belegen, an Daten, die das zeigen würden. Zu Masken gibt es Studien, die einen gewissen Effekt nahelegen aber auch solche, die keinen finden. Sicher ist, dass Maskentragen heftige Grippewellen nicht verhindert, weil man das alljährlich in Ostasien beobachten kann.

    Das „social distancing“ verschiedener Länder wird in einem Index der Blavatnik School of Government an der Universität Oxford gemessen. Dieser Index gibt die Strenge der Maßnahmen für die meisten Länder der Welt tagesgenau an. Berücksichtigt werden zum Beispiel Schulschließungen, Einschränkungen des öffentlichen Verkehrs, Grenzschließungen und Ausgangssperren. Da die Länder verschieden stark und zu verschiedenen Zeitpunkten reagiert haben, kann man überprüfen, ob die Maßnahmen einen Einfluss hatten.

    Es lassen sich keine systematischen Effekte erkennen, insbesondere nicht bei den auf die Bevölkerungszahl bezogenen Sterbefällen. Eine Ausnahme gibt es: Die Zahl positiver Tests nimmt gerade dort langsamer ab, wo die Maßnahmen strenger waren.

    Nun glaube ich nicht, dass der Zeitverlauf der positiven Tests denjenigen der Epidemie gut beschreibt. Würde ich das glauben, dann müsste ich sogar schlussfolgern, dass die Maßnahmen kontraproduktiv waren.

    „Zukunftsangst hilft nicht“

    - Sie haben die Lage in verschiedenen Ländern verglichen, wie die Schweiz und Belarus. Wie lässt sich das überhaupt vergleichen?

    Dieser Vergleich war in erster Linie eine Satire auf die in Medien angestellten Ländervergleiche, die immer nur benutzt wurden, um eine vorgefasste Meinung zu bestätigen. Ich habe deshalb ein Beispiel gewählt, dass dieser vorgefassten Meinung möglichst stark zuwiderlief. Dieses Beispiel lehrt aber auch etwas. In Belarus gab es fast keine „social distancing“-Maßnahmen. Dennoch stiegen die Infektionszahlen dort viel langsamer an als in Westeuropa. Die Zahl der Sterbefälle ist sehr gering.

    Sinnvoller als ein Vergleich zwischen der Schweiz und Belarus ist allerdings einer zwischen der Ukraine und Belarus. Diesen habe ich später auch angestellt. Beide Ländern haben eine gemeinsame Geschichte und Gesundheitseinrichtungen gemeinsamen Ursprungs. Die Epidemie-Wellen haben einen sehr ähnlichen Zeitverlauf und der Anteil der Sterbefälle an der Bevölkerung ist ebenfalls sehr ähnlich. Allerdings hatte die Ukraine im Gegensatz zu Belarus sehr starke „social distancing“-Maßnahmen eingeführt. Auch bei diesem Vergleich sieht man also keinen positiven Effekt solcher Maßnahmen.

    - Derzeit wird immer wieder vor einer „zweiten Welle“ gewarnt, gerade nachdem die Beschränkungen gelockert wurden. Welche Anzeichen gibt es für eine solche Gefahr? Der Virologe Hendrik Streeck hat ja in dem Punkt auch seinem Kollegen Christian Drosten widersprochen, der eine solche Gefahr sieht.

    Wer glaubt, dass die erste Welle durch „social distancing“ abgeklungen ist, der erwartet mit dem Ende der Einschränkungen eine zweite Welle. Für diesen Glauben spricht aber wie gesagt kein einziger Beleg. Gleichwohl kann man eine zweite Welle nicht sicher ausschließen. Einige der großen Grippeepidemien hatten mehr als eine Welle. Es gibt bereits jetzt Länder, in denen mehr als eine Covid-19-Welle zu beobachten ist. Allerdings war in all diesen Ländern die erste Welle sehr viel niedriger als in Westeuropa.

    Die Zukunft ist immer das, was wir nicht kennen. Zukunftsangst hat jedoch noch nie jemandem geholfen. Wer immer das Schlimmste erwartet und sich darauf unablässig vorbereitet, der vergisst darüber, zu leben.

    Gunnar Jeschke ist seit 2008 Professor für Elektronenspinresonanz an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und war davor Professor für Physikalische Chemie an der Universität Konstanz. Studiert hat er von 1988 bis 1992 Chemie an der Technischen Universität Dresden. Er lehrt unter anderem Statistische Thermodynamik und Messtechnik. In seiner Freizeit schreibt er in unregelmäßigen Abständen Blog-Beiträge auf der Plattform freitag.de. Seine publizistischen Beiträge sind keine institutionelle Meinungsäußerung der ETH Zürich.

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