17:58 23 November 2020
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    Sie wirken stark, präzise und aus der Ferne: Um Terrornester zu bekämpfen, nutzen die russischen Streitkräfte in Syrien unter anderem das operativ-taktische Raketensystem „Iskander-M“. Wozu sind russische Raketen noch gut und welche anderen Waffensysteme hat Russland in Syrien im Einsatz?

    Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu sprach im Dezember 2017 erstmals von Iskander-Raketen auf syrischem Boden. Die Systeme kämen dort zum Einsatz, wo Wertziele der Terrorguerillas mit höchster Präzision zu bekämpfen seien, erklärte er. Ein Jahr später bestätigte ein Mitglied des russischen Regierungskabinetts, die Iskander-Raketen hätten sich im Kampfeinsatz als sehr effizient erwiesen. Im Zuge der Einsätze seien auch alle erkannten Mängel dieses Waffensystems behoben worden.

    Zuvor hatte es bis auf wenige beiläufige Bilder im russischen Staatsfernsehen keine offiziellen Informationen zu Iskander-Raketen im Syrien-Einsatz gegeben. Nur syrische Medien hatten Mitte 2016 berichtet, das operativ-taktische Raketensystem habe auf einen Grenzposten in der Provinz Idlib eingewirkt: Der mächtige Schlag habe dutzende Terroristen und mehrere Kampffahrzeuge vernichtet.

    Fachleute sagen, das Iskander-System komme in Syrien nur begrenzt zum Einsatz: Die allermeisten Terrorziele würden von Flugzeugen beschossen. Die russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte haben am meisten dazu beigetragen, eine Wende im syrischen Konflikt herbeizuführen. Die Raketensysteme wurden nur in besonders heiklen Fällen eingesetzt, zur Bekämpfung von Wertzielen: Leitständen, Stabsquartieren, Infrastruktur der Terroristen. Umso seltener sind die Iskander-Raketen heute im Einsatz, da der Terror in Syrien nahezu komplett bezwungen und für die aufständische Provinz Idlib eine Waffenruhe vereinbart worden ist.

    Doch: Das operativ-taktische Raketensystem ist auch in relativ friedlichen Zeiten ein Trumpf der russischen Streitkräfte in Syrien. Die Raketen sind allein durch die Verfügbarkeit vor Ort ein Signal an andere Konfliktparteien (vor allem an die USA), dass Russland in Syrien auf Dauer präsent bleiben wird.

    „Nato-Länder haben den Iskander-Raketen weder gegenwärtig noch in der absehbaren Zukunft etwas entgegenzusetzen. Da ist Russland klar im Vorteil“, erklärt Generalleutnant Alexander Lusan, ehemaliger Vize-Kommandeur der sowjetischen Flugabwehrtruppen, im Sputnik-Gespräch.

    „Die amerikanischen Abwehrraketen Patriot sind hierfür nicht wirksam genug: Sie treffen höchstens eine Rakete im Anflug von dreien.“

    Die Iskander-Raketen sind für die Flugabwehr aus dem Grund schwierig zu bekämpfen, weil sie das Bodenziel mit enormer Geschwindigkeit auf ständig wechselnder und deshalb unberechenbarer Flugbahn anfliegen.

    In jedem Fall sind die Iskander-Systeme ein gewichtiges Argument im syrischen Konflikt. Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar hat kürzlich erklärt, Ankara treffe Vorbereitungen für Militäreinsätze in der Provinz Idlib. Für die türkischkontrollierten Einheiten sind die russischen Raketen ein guter Grund, sich zu beherrschen und in der syrischen Provinz nicht maßlos zu schalten und zu walten: Die Iskander-Systeme sind ein Faktor der Mäßigung.

    Perfekter Testlauf

    Überdies ist die Syrien-Mission für die russische Armee die Gelegenheit, neue Waffensysteme im Kampfeinsatz zu erproben. Die zurückliegenden fünf Syrien-Jahre waren ein echter Testlauf für die russische Wehrtechnik. Über die Jahre seien insgesamt 350 neue Technik- und Systemtypen in Syrien genutzt worden, erklärte Verteidigungsminister Schoigu Ende letzten Jahres.

    Am auffälligsten war dabei wohl der Einsatz der seegestützten Marschflugkörper „Kalibr“. Am 7. Oktober 2015 setzten vier Korvetten der Kaspischen Flottille insgesamt 26 Geschosse gegen Ziele in Syrien ab, ohne das russische Gewässer verlassen zu haben. Aus über 1500 Kilometern Entfernung trafen die Flugkörper elf terroristische Ziele. Seitdem erfolgt der Einsatz dieser Raketen regelmäßig, auch von U-Booten aus.

    Dass in Syrien außerdem alles, was die russische Luftwaffe an Techniktypen hat, schonmal zum Einsatz kam, soll hier nur nebenbei erwähnt werden. Die Veteranen Su-24, Su-25 und Mi-24 fliegen in Syrien viele Missionen – das ist klar. Aber begleitet werden sie in der Regel von den neuesten Mehrzweckjägern Su-35S und Su-30SM. Auch diese Kampfjets greifen mitunter Bodenziele an. Für den Tarnkappenjet Su-57 sowie die Langstreckenbomber Tu-22M3, Tu-95 und Tu-160 bedeutete Syrien den ersten Kampfauftrag überhaupt.

    Weniger auffällig, aber nicht weniger wichtig für die russischen Streitkräfte ist der Einsatz von Drohnen in Syrien. Die leichten „Orlan-10“ und „Eniks-3“ überwachen das Gebiet im Umkreis der russischen Stützpunkte. Die schwereren Drohnen „Forpost“ (eine Fertigung nach israelischer Lizenz) dienen zur Zielaufklärung in Kampfeinsätzen und Feuerführung bei Artilleriebeschuss.

    Auch die russische Infanterie nutzt die Anti-Terror-Mission in Syrien zur Erprobung neuer Technik. Bei Patrouillen setzen russische Feldjäger auf die schweren Sonderschutzfahrzeuge „Taifun-K“ und „Taifun-U“. Die Dreiachser haben sich vor allem dank der schweren Panzerung in täglichen Sicherungseinsätzen bewährt.

    Wo geballte Feuerkraft nötig ist, fahren die Raketenwerfer TOS-1 und TOS-1A auf. Die Kettenfahrzeuge verschießen thermobarische Raketen bis zu sechs Kilometer weit, womit sich vor allem Unterstände und unterirdische Bunker ohne Gefährdung des eigenen Personals bekämpfen lassen.

    Im offenen Gelände und in urbaner Umgebung kommen Kampf- und Jagdpanzer zum Einsatz. Russland hat in den zurückliegenden Jahren 30 KPz vom Typ T-90 und T-90A an die syrischen Kräfte geliefert. Die schweren Kampffahrzeuge wurden immerwährend von Panzerabwehrsystemen beschossen, doch nur eines konnte zerstört werden. Alle anderen kamen nach Instandsetzung wieder in den Dienst.

    Seite an Seite mit den T-90 kämpft in Syrien der Jagdpanzer „Terminator“, wie der Hersteller dieses Kampfgeräts 2017 erklärte. Dessen Auftrag: Panzereinheiten im Einsatz unterstützen – heißt: Einen Hinterhalt, eine Panzerabwehrstellung, Schützenpanzer und tieffliegende Luftziele orten und bekämpfen.

    Zu guter Letzt: Russlands Militär hat in Syrien eine starke Flugabwehr aufgebaut. Am Stützpunkt Hmeimim nutzen die russischen Streitkräfte je nach Einsatzumfeld und Reichweite die Flugabwehrsysteme S-400 „Buk-2M“ und „Panzyr-S1“. Dieses bewährt sich immer wieder gegen Angriffe von Kamikazedrohnen.

    Durch den Einsatz neuer Waffensysteme in Syrien haben die russischen Streitkräfte eine neue Qualität der Einsatzfähigkeit erreicht. Das sagt kein russischer Experte, sondern die RAND Corporation, ein führender Militärberater aus den Vereinigten Staaten. Laut den Analysten hat Russland seine Fähigkeiten zur schnellen Truppenstationierung, zum Aufbau einer wirksamen Flugabwehr und zum schlagkräftigen Einsatz konventioneller Streitkräfte erheblich ausgebaut.

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    Tags:
    Tu-95, Tu-160, Su-35SM, Su-35S, Marschflugkörper Kalibr-NK, Sergej Schoigu, Terrorbekämpfung, Iskander, Hmeimim, Syrien, Russland