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    Neue Normalität in der Corona-Pandemie: Lockerungen weltweit (84)
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    Die Sterblichkeit im Zusammenhang mit Covid-19 ist unter Pflegebedürftigen mehr als fünfzigmal so hoch wie im Rest der Bevölkerung der Bundesrepublik. Das hat eine Befragung von Pflegeheimen und Pflegediensten ergeben. Mehr als die Hälfte aller sogenannten Corona-Toten sind Menschen, die aus Krankheits- und Altersgründen gepflegt werden.

    Fast 9.000 Todesfälle „in Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen“ meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) Ende Juni für die Bundesrepublik. Von diesen sogenannten Corona-Toten sind etwa 60 Prozent Pflegebedürftige gewesen, die in einem Heim oder zu Hause von Pflegediensten ambulant betreut wurden. Das hat eine Studie ergeben, über die unter anderem der Sozialverband Deutschland (SoVD) in der aktuellen Ausgabe seiner Verbandszeitung berichtet. Danach sind in Pflegeheimen allein rund die Hälfte aller Todesfälle registriert worden. Ähnliche Zahlen werden aus anderen Ländern gemeldet.

    Die Studie basiert auf einer Online-Befragung in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen, die von einer siebenköpfigen Forschergruppe an der Universität Bremen im April und im Mai durchgeführt wurde. Die Gruppe unter Leitung von Pflegewissenschaftlerin Karin Wolf-Ostermann und Gesundheitsökonom Heinz Rothgang analysierte den Angaben zufolge Befragungsdaten von 824 Pflegeheimen, 701 Pflegediensten und 96 teilstationären Einrichtungen.

    Auf die Bundesrepublik hochgerechnet zeigen die Ergebnisse lau Rothgang, „dass rund 60 Prozent aller Verstorbenen von Pflegeheimen oder Pflegediensten betreute Pflegebedürftige sind“. Dabei betrage deren Anteil an allen Personen in der Bundesrepublik, die laut Testergebnissen mit dem Virus Sars-Cov 2 infiziert sind, nur insgesamt 8,5 Prozent. Das Virus löst nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO die Krankheit Covid-19 aus, die nach bisher bekannten Informationen nur bei wenigen Menschen zu schweren Erkrankungen oder zum Tod führt.

    Schwere Fälle vor allem in Pflegeheimen

    „Pflegeheime sind damit der wichtigste Ort in Bezug auf mit Covid-19 Verstorbenen“, stellte Gesundheitsökonom Rothgang laut einer Pressemitteilung der Universität Bremen fest. „Hier treten die Hälfte aller Todesfälle auf, obwohl nur knapp ein Prozent der Bevölkerung in dieser Wohnform lebt. Die Sterblichkeit unter Pflegebedürftigen ist somit mehr als fünfzigmal so hoch wie im Rest der Bevölkerung.“

    Pflegewissenschaftlerin Wolf-Ostermann erklärte, dass nicht nur pflegebedürftige Menschen bei einer Infektion „in besonderem Maße von schweren Krankheitsverläufen und einer hohen Sterblichkeit bedroht“ seien. Das gelte auch für die sie versorgenden Pflegekräfte, die ihre dringend notwendigen Dienstleistungen am Menschen „häufig nicht unter Einhaltung der generellen Schutzmaßnahmen erbringen“ könnten. Der Anteil infizierter Beschäftigter in ambulanten Pflegediensten sei doppelt so hoch wie in der Normalbevölkerung, in stationären Einrichtungen sogar sechsmal so hoch, erklärten die Autoren der Studie.

    Die Wissenschaftler stellten nach ihren Aussagen aber ebenso fest, dass bis Ende Mai drei Fünftel der Pflegedienste und drei Viertel der Pflegeheime noch keinen Covid-19-Fall zu verzeichnen hatten. Das deute auf erfolgreiche Schutzmaßnahmen hin, während sich dort, wo Infektionen auftraten, schnell gravierende Folgen gezeigt hätten. Aber auch in solchen Fällen wird ein differenziertes Bild wiedergegeben: „So weisen jeweils mehr als die Hälfte der Einrichtungen mit infizierten Mitarbeitenden keine infizierten Klienten oder Bewohner aus. Schlüssel hierbei sind allerdings schnelle Testergebnisse zur Identifikation von potenziellen Infektionsherden und ausreichende Schutzmaterialien zur Vorbeugung der Übertragung.“

    Zunehmend Probleme für ambulante Pflegedienste

    Zu Beginn der von der WHO am 11. März ausgerufenen Sars-Cov-2-Pandemie wurde aus dem bundesdeutschen Gesundheits- und Pflegebereich eine mangelnde Versorgung mit Schutzmaterialien gemeldet. Es gebe aber laut der Befragung immer noch entsprechende Engpässe, von denen „jeder vierte Pflegedienst und jede sechste stationäre Einrichtung“ berichtet hätten, so die Wissenschaftler. Zudem seien Tests teilweise noch schwer zugänglich. „Die Übermittlung der Ergebnisse erfolgt erst nach drei bis vier Tagen – zu spät, um ihr Potential als Teil eines wirkungsvollen Schutzkonzeptes voll zu entfalten“, hob Wolf-Ostermann hervor. Erforderlich seien daher Reihentests, deren Ergebnisse schneller zur Verfügung stehen.

    Der Studie nach bereitet die Pandemie immer mehr ambulanten Pflegediensten zunehmend wirtschaftliche Probleme. Ursache sei, dass Leistungen von den Pflegebedürftigen nicht mehr in Anspruch genommen werden und teilstationäre Angebote oder Betreuungskräfte in den Haushalten nicht mehr zur Verfügung stehen. „Dies führt dazu, dass einerseits vier von zehn Pflegediensten unter wirtschaftlichen Folgen zu leiden haben und andererseits die Versorgung von Klientinnen und Klienten gefährdet, instabil oder sogar aktuell nicht sichergestellt ist“, heißt es in der Mitteilung zur Studie.

    Es bestehe dringender Unterstützungsbedarf, um die private Pflege und eine ausreichenden Versorgung der Betroffenen im häuslichen Bereich weiterhin sicherzustellen, so die Wissenschaftler. „Der Langzeitpflege durch ambulante Pflegedienste und in stationären Einrichtungen muss – auch mit Blick auf eine mögliche zweite Welle der Pandemie – eine höhere Aufmerksamkeit zukommen“, erklärten sie. Dagegen sei der Blick von Politik und Öffentlichkeit weiterhin „vornehmlich auf Kapazitäten einer klinischen und intensivmedizinischen Versorgung der akut Infizierten“, während die dauerhafte Versorgung der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppe „zunehmend prekärer“ werde.

    Forderungen der Pflegedienste bisher zu wenig erfüllt

    Die Wissenschaftler warnten: „Während in stationären Langzeitpflegeeinrichtungen sehr schnell Hotspots der Erkrankung entstehen können, da viele hochbetagte und multimorbide Menschen auf engem Raum leben, werden ambulante Versorgungssituationen destabilisiert. Damit sei die tägliche Versorgung der Pflegebedürftigen gefährdet.“ Aus ihrer Sicht muss den Forderungen der Pflegedienste und stationäre Einrichtungen nachgekommen werden.

    „Dazu gehören bundesweite und praktikable Handlungsempfehlungen, eine dauerhafte ausreichende Bereitstellung von Schutz- und Desinfektionsmitteln, die systematische und regelmäßige Testung von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Personal, sowie eine bessere Vergütung der Pflegekräfte und eine bessere Personalausstattung.“

    In der Bundesrepublik gibt es rund 3,4 Millionen pflegebedürftige Menschen, von denen etwa 1, Millionen in etwa 12.000 Heimen oder ambulant durch Pflegedienste zu Hause betreut und versorgt werden. Mehr als 1,7 Millionen der Pflegebedürftigen werden von Familiengehörigen gepflegt. Über deren Lage in der Corona-Krise gibt es nur unzureichende Angaben.

    Pflegesektor von Politik wenig beachtet

    Für pflegebedürftige Heimbewohner und das Personal habe die Politik keine Konzepte und überlasse diesen Sektor sich selbst, hatte bereits Mitte April Eugen Brysch gegenüber dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) kritisiert. Er ist Vorsitzender der Deutschen Stiftung Patientenschutz und wies daraufhin, dass bei den zu dem Zeitpunkt von Bund und Ländern beschlossenen ersten Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen der Pflegebereich keine Rolle spielte.

    Brysch sagte: „Es ist absurd. Die Größe der zu öffnenden Läden wird deutschlandweit quadratmetergenau festgelegt. Jedoch werden bundesweit keine verbindlichen Kriterien aufgestellt, um pflegebedürftige Heimbewohner zu schützen. Obwohl hier die größte Risikogruppe lebt, sollen die Heime ihre Probleme selbst lösen.“

    Der Stiftungsvorsitzende beklagte, dass 750 Milliarden Euro für Hilfspakete ausgegeben werden und 10.000 zusätzliche Beatmungsplätze in Krankenhäusern geschaffen werden sollten. Zugleich schaffe es die Politik von Bund und Ländern nicht, sich zu verpflichten, für einen Grundschutz in den 12.000 Pflegeeinrichtungen in Deutschland zu sorgen. „Das hieße, einen Vorrat an Schutzausrüstung für mindestens 14 Tage vorzuhalten. Dazu gehören Desinfektionsmittel, Mund-Nasen-Schutz, Handschuhe und Schutzbrillen. In der Politik setzt sich niemand das Ziel, dort für Lösungen zu sorgen, wo die Krise am stärksten wirkt.“

    Vorschläge für bereichsübergreifende Hilfen

    Brysch warnte im April: „Die Betroffenen werden nur wieder vertröstet. Das ist ein Skandal – und kurzsichtig ist es obendrein.“ Es fehle eine dauerhafte Grundversorgung und ausreichend Personal. Schon zu dem Zeitpunkt stellte er fest: „In den Heimen ist die Corona-Todesrate höher als anderswo. Daraus müssen endlich Konsequenzen gezogen werden.“

    Er bezeichnete die Versorgungslage als „katastrophal“. „Alles, was an Material vorhanden ist, ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Deswegen gibt es Besuchsverbote für Angehörige, deswegen gibt es gerade keine Tages- und Kurzzeitpflege. Es reicht eben nicht, immer nur von Schutz zu reden. Es reicht auch nicht, den Pflegekräften draußen zu applaudieren.“ Die Konsequenzen dürften nicht sein, dass „die Mauern um die Heime immer höher gezogen werden, bis sie Gefängnissen gleichen“.

    Der Patientenschützer schlug im April vor, bei Bedarf Ärzte und Pfleger aus Krankenhäusern und dem ambulanten Bereich in Pflegeheimen einzusetzen. „Es gibt ja durchaus Kliniken, die derzeit nicht so viel zu tun haben und sogar Kurzarbeit anmelden. Niemand kann verstehen, warum medizinisch-pflegerisches Personal nicht dort hingehen kann, wo jetzt dringend Hilfe benötigt wird.“

    Forderungen an Politik

    Doch durch das System der rechtlich und organisatorisch getrennten Pflege- und Krankenversicherung seien flexible Personaleinsätze nicht zu bezahlen und deshalb nicht möglich. „Die Menschen in Deutschland verstehen nicht, warum es in einer Notsituation nicht gelingen kann, Kräfte zu bündeln“, so Brysch gegenüber dem RND.

    „Wir haben ja gesehen, wie schnell Gesetze möglich sind. Wenn der Gesundheitsminister mutig wäre, könnte er da sofort ein Gesetz vorlegen und damit sicherstellen, dass zumindest in Notlagen der Einsatz und die Finanzierung von Gesundheitspersonal aus anderen Bereichen gesichert wird.“

    Doch solche Lösungen für die Pflegebedürftigen sind weiterhin nicht in Sicht. Auf den „eklatanten Mangel an Schutzausrüstung in der Pflege, sowohl für Mitarbeitende als auch für pflegebedürftige Menschen und deren An- und Zugehörige“, hatte Anfang April auch das „Bündnis für gute Pflege“ hingewiesen aufmerksam gemacht. Ihm gehören neben dem SoVD weitere soziale Verbände und Organisationen aus dem Pflegebereich an.

    Nach Angaben des Bündnisses hat sich inzwischen die Versorgungssituation mit Schutzkleidung hat entspannt, „auch weil Träger und Einrichtungen letztlich eigeninitiativ Schutzausrüstung organisiert haben“ und die sogenannte Hilfsmittelpauschale kurzfristig erhöht wurde. „Leider gab es für pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörige jedoch keine zentrale Beschaffung bzw. Ausgabestelle wie für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Ärzte.“ Die lokalen Gesundheitsämter hätten in der Regel nicht den Bedarf dieser Personengruppe gedeckt. Im Gegensatz zu Trägern und Einrichtungen sei es pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige „kaum möglich, haushaltsübliche Mengen an Schutzausrüstung privat zu organisieren“.

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