05:53 04 August 2020
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    Die Meinungen russischer Historiker zu Formulierungen über den Ausgang des Zweiten Weltkrieges gingen mit denen der deutschen Kollegen weit auseinander, und so weigerten sie sich, Exponate für die Schlüsselausstellung über die Potsdamer Konferenz zur Verfügung zu stellen. In der Nachrichtenagentur Rossiya Segondnya erklärten sie die Gründe dafür.

    Am 17. Juli 1945 nahm die dritte (und letzte) Konferenz der Länder der Anti-Hitler-Koalition ihre Arbeit auf. Die deutsche Frage, die Schaffung von Grenzen in Osteuropa nach dem Krieg und die Entscheidung über den Eintritt der UdSSR in den Krieg gegen Japan waren die Hauptthemen bei dieser Konferenz von historischer Bedeutung. In Potsdam wurde ein neues System internationaler Beziehungen geschaffen, dessen wichtigste Institutionen noch heute funktionieren.

    Bei der Ausstellung 75 Jahre danach, die Ende Juni im historischen Gebäude des Cecilienhofs in Potsdam – dem Veranstaltungsort der Konferenz – eröffnet wurde, gibt es jedoch keine Exponate aus Russland. Der Grund ist die Weigerung, in den Begleittexten der Ausstellung aus Russland zugesandte Definitionen zu verwenden.

    „Unsere Vorschläge zur Korrektur der Ausstellung haben die deutschen Kollegen mit dem Artikel von Wladimir Putin in der Zeitschrift ‘National Interest‘ in Verbindung gebracht, in der der russische Präsident über die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges sprach, und ihre Interpretation als ‘Nostalgie-Spiel‘ bezeichneten. Der heutige Angriff auf die historische Vergangenheit ist ein Mittel, um Russland in der Gegenwart einzudämmen“, sagte Juri Nikiforow, Leiter der Forschungsabteilung der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft, während der Diskussionsrunde. Laut ihm wird die Geschichte des Zweiten Weltkriegs immer relevanter, weil ein Informationskrieg gegen Russland entfesselt wurde und die Geschichte eines seiner Elemente ist.

    „1945 musste nicht nachgewiesen werden, dass die Sowjetunion die führende Macht der Anti-Hitler-Koalition war und Nazi-Deutschland den Hauptschlag versetzte”, betonte Wladimir Baryschnikow, Professor für Geschichte an der Universität St. Petersburg: „Heute wird versucht, die Erfolge des sowjetischen Volkes zu streichen. Was bei der Ausstellung in Potsdam passiert, ist eine Schande. Historiker sollten die Wahrheit suchen und nicht jemandem Bälle zuwerfen. “

    Versuche, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges neu zu schreiben, führen zu seiner Abwertung. Es sei nicht klar, wer auf der Seite des Guten gekämpft habe, wer auf der Seite des Bösen stehe, definierte Juri Nikiforow seine Eindrücke von der Ausstellung in Potsdam.

    „Wir waren entsetzt, als wir feststellten, dass die Materialien der Ausstellung in Potsdam keinem Besucher erklärten, wodurch die Russen, Amerikaner und Briten in Berlin landeten. Kein Wort darüber, dass wenige Monate später die faschistischen Verbrecher in Nürnberg vor Gericht gestellt werden. Der Ausstellungsbesucher weiß davon nichts. Sogar der Holocaust, das heilige Thema der europäischen Politik, wurde in einer Zeile in dem Abschnitt erwähnt, der sich mit der Schaffung des Staates Israel befasste. Kein Wort über den Völkermord an den slawischen Völkern. Polen und Serben könnten die gleiche Frage stellen, die russische Historiker gestellt haben: Wo ist all diese blutige Geschichte, die die Rote Armee 1945 nach Berlin brachte? Sie ist nicht freiwillig dorthin gekommen. All dies wurde gelöscht und entfernt.“

    Russische Historiker waren überrascht, dass das Problem des Leidens der deutschen Zivilbevölkerung im Jahr 1945, die die brutalen Bombenangriffe überlebte, hervorgehoben wurde. Als sie jedoch darum baten, einen Text hinzuzufügen, dass es sich um den angloamerikanischen Bombenangriff (in Dresden) handelte, wurde dies abgelehnt.

    „Aus irgendeinem Grund führt die Ausstellung in Potsdam ohne die Beteiligung der russischen Seite zu der Idee, dass die Russen für alles verantwortlich sind. Dies ist ein Beispiel für eine unfaire Interpretation der Geschichte, für den Unwillen, den Bürgern die ganze Wahrheit zu sagen“, so Nikiforow.

    Dennoch könne die Bedeutung der Potsdamer Konferenz nicht hoch genug eingeschätzt werden, sagt Irina Nowikowa, Expertin für Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität St. Petersburg: „Die Großen Drei haben Grundprinzipien der Nachkriegsweltstruktur formuliert – nicht hinter den Kulissen, sondern durch offene Diskussion. Diese Verhandlungsfähigkeit fehlt den modernen Politikern“, merkte sie an.

    Vor 75 Jahren entschieden Stalin, Truman und Churchill das Schicksal der Nachkriegswelt – scheinbar immer noch als Verbündete, aber tatsächlich als Rivalen. Aber sie haben es geschafft, die Probleme zu lösen, die nach der Versailler Friedenskonferenz von 1919 noch bestanden. Die Grenzen der modernen Staaten wurden festgelegt und die Aussicht auf ein geeintes Europa skizziert.

    „Die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 war bis zu einem gewissen Grad die Verwirklichung der Ideen der Potsdamer Konferenz. Nach einigen Jahren verschlechterten sich jedoch die Beziehungen zwischen der UdSSR und den USA, es begann die Konfrontation, und selbst die Diplomaten, die an der Konferenz teilgenommenen hatten, begannen sie anders zu interpretieren“, sagte Alexander Kalinin, Professor für Geschichte.

    Russland habe sich geweigert, Exponate für die Ausstellung in Potsdam zur Verfügung zu stellen, da ihre Beschreibung in der Ausstellung dem Land Imageschäden zugefügt hätte, sagte der ehemalige Kulturminister Russlands, Wladimir Medinski. „Im Großen und Ganzen war es eine Fehlinterpretation der historischen Fakten“, sagte er.

    Die Exponate, die nicht in den Cecilienhof gelangten, sind ab 17. Juli Teil einer Ausstellung im Museum des Sieges auf dem Poklonnaja Berg in Moskau.  Die Besucher sehen seltene Aufnahmen der Vorbereitung und Arbeit der Konferenz sowie persönliche Gegenstände und Dokumente der Teilnehmer dieses historischen internationalen Treffens.

    Zu den Raritäten gehört ein geheimer Bericht des Generalkommandanten der US-Luftwaffe, Henry Harley Arnold, über die amerikanische Bombardierung Japans. Die Materialien wurden dem Marschall der Fliegerkräfte, Fjodor Falalejew, während eines Treffens übergeben, bei dem der Eintritt der UdSSR in den Krieg mit Japan erörtert wurde. Das Publikum wird eine Reihe von Fotos und Dokumenten in elektronischer Form sehen, zum Beispiel das von Stalin, Truman und Attlee unterzeichnete „Protokoll der Berliner Konferenz der drei Großmächte“.

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Geschichte, Deutschland, Russland, Konferenz, Potsdam