06:55 03 Dezember 2020
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    Will Sahra Wagenknecht wieder zurück in ein Spitzenamt? Und wie geht sie persönlich mit der Corona-Krise um? Diese und andere Fragen beantwortete die Linkepolitikerin in einem sehr persönlichen Interview mit der „SUPERillu“. Dabei sparte sie nicht mit Kritik an der Bundesregierung, am neuen Konjunkturpaket, aber auch an so manch Parteigenossen.

    Vor über einem Jahr hatte sich die damalige Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag, Sahra Wagenknecht, für einen Rückzug entschieden. Eine erneute Kandidatur für den Spitzenposten lehnte sie aus gesundheitlichen Gründen ab. Bundestagsabgeordnete ist Wagenknecht aber geblieben und als solche hat ihr Wort weiterhin Gewicht. In einem aktuellen Interview mit der „SUPERillu“ erklärt die 51-Jährige, dass sie die Entscheidung 2019 seitdem keinen Tag bereut habe:

    „Mir geht es viel besser. Ich habe viel gelesen und arbeite an einem neuen Buch. Mittlerweile betreibe ich einen YouTube-Kanal, mit dem ich auch viele junge Menschen erreiche. All das hätte ich nie machen können mit dem damaligen Stresslevel – und das war ja vor allem negativer Stress.“

    Wagenknecht spielt in diesem Zusammenhang auch auf Dauer-Streitigkeiten mit den Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger an. Die Konflikte seien laut der Linkepolitikerin jedoch auch nach ihrem Rückzug weitergegangen. Das habe mit völlig konträren Vorstellungen davon zu tun, für wen man Politik machen wolle.

    Was ist „links“?

    Für Wagenknecht sei „links“ vor allem, sich für Beschäftigte und sozial Benachteiligte einzusetzen, also für die untere Mittelschicht und die Ärmsten. Menschen, die beispielsweise nie eine Chance auf ein Studium hätten. Ein anderes Konzept, dass Wagenknecht selbst aber ablehne, basiere eher auf „grün-liberalen Livestyle-Themen“, die bei akademisch gebildeten Großstädtern mit überdurchschnittlichem Einkommen gut ankämen:

    „Das ist der Ansatz der Grünen, der aber auch in der SPD und der Linken zu viele Anhänger hat. Im Ergebnis verbinden daher viele mit linker Politik heute nicht mehr das Soziale, sondern abgehobene Diskussionen über Gendersternchen oder die Befürwortung von möglichst viel Zuwanderung und möglichst wenig Polizei.“

    Eine solche Politik sei nach Meinung der Linke-Abgeordneten für die Mehrheit der Bevölkerung nicht vertrauenerweckend. Momentan, ohne Spitzenamt, sei sie viel freier und sie müsse nicht bei jeder Äußerung darauf achten, ob sie vielleicht „dem heiligen Kanon linker Beschlüsse“ widerspreche. Im Gegenteil: Wagenknecht will umso entschlossener weitermachen, wie sie der „SUPERillu“ erklärt:

    „Ich bin ja nicht weg! (lacht) Ich will immer noch etwas bewegen. Es macht mir Sorgen, wie gespalten unser Land ist. Sozial, aber auch kulturell. Ich will eine andere Politik, eine andere Regierung.“

    Aber noch einmal in eine Spitzenfunktion gehen, wo die Unterstützung nicht groß genug sei, um „richtig powern und etwas erreichen zu können“, das werde sie nicht machen. Laut Wagenknecht müsse man dafür ein gutes Team haben und eine Organisation, die an einem Strang ziehe.

    ​Die Corona-Krise erlebe sie aktuell mit großer Sorge. Glücklicherweise seien die Infektionen in Deutschland aber so niedrig, dass man aufpassen müsse, keinen unnötigen wirtschaftlichen Schaden anzurichten:

    „Niemand kann sich wünschen, dass es wegen eines ewigen Lockdowns irgendwann keine Cafés, Restaurants und Läden in den Innenstädten mehr gibt. Daher ist es richtig: Wir lockern, aber haben die Zahlen im Blick.“

    Wagenknecht spricht sich dafür aus, Corona-Tests überall kostenlos anzubieten. Deutschland sei zwar bislang vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen, aber wie mit den wirtschaftlichen und sozialen Folgen umgegangen werde, sei nicht akzeptabel. Unternehmen, die in der Krise Milliarden an Dividenden ausschütten, bekämen Staatshilfe, aber Selbstständige oder Freiberufler würden mit Hartz IV abgespeist.

    Kritik an der Bundesregierung

    Mit dem von der Bundesregierung beschlossenen Konjunkturpaket ist Wagenknecht überhaupt nicht zufrieden. Knapp 13 Milliarden Euro an Steuerausfällen entstehen durch die Senkung der Mehrwertsteuer, der Kinderbonus schlägt mit weiteren 5,4 Milliarden Euro zu Buche. Inzwischen sind für 2020 Rekordschulden von 218,5 Milliarden Euro vorgesehen. Laut der Linkepolitikerin hätte man das Geld zielführender einsetzen können, damit diejenigen Hilfen bekämen, die diese wirklich brauchten:

    "Von den 20 Milliarden, die die Senkung der Mehrwertsteuer kostet, hätte man jeder zweiten Familie in Deutschland einen Konsumscheck von 1.000 Euro schicken können, der im stationären Handel, in Restaurants oder Hotels im Inland eingelöst werden kann."

    Das hätte laut Wagenknecht vor allem Menschen mit weniger Einkommen oder mit krisenbedingten Verlusten geholfen. Und dann hätten – so die Wirtschaftsexpertin ihrer Partei - nicht Unternehmen wie Amazon, die nahezu keine Steuern in Deutschland zahlten, am Ende von Steuergeldern profitiert.

    Private Einblicke

    Viele Menschen würden nach den Aussagen Wagenknechts in Corona-Zeiten unter Einkommensverlusten oder Zukunftsängsten leiden. Für sie müsse politisch viel mehr getan werden. Wer in dieser Situation ein gesichertes Einkommen habe, sei privilegiert:

    „Insofern habe ich da wirklich ein schlechtes Gewissen, denn für mich bedeutete Corona vor allem sehr viel mehr Ruhe. Vermisst habe ich die öffentlichen Veranstaltungen, den direkten Kontakt zu den Menschen.“

    Genossen habe es Wagenknecht, dass sie in den vergangenen Monaten mehr Zeit mit ihrem Ehemann Oskar Lafontaine verbringen konnte. Obwohl beide jetzt fast zehn Jahre im Saarland leben, sei es das erste Frühjahr gewesen, in dem sie genau verfolgen konnten, wie die Natur sich verändert habe. Als Bundestagsabgeordnete habe sie nun aber Sorgen, das Coronavirus nach einer Plenarwoche von Berlin mit nach Hause zu bringen, da ihr Mann einer Risikogruppe angehöre. Deshalb habe sie sich vorsichtig verhalten und werde dies auch weiter tun.

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    Tags:
    Oskar Lafontaine, Konjunktur, Bundestag, Coronavirus, Die LINKE-Partei, Sahra Wagenknecht