16:23 21 September 2020
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    Er bezeichnet sich gern als Philanthrop und gibt Milliarden für Demokratieförderung und den Aufbau einer starken Zivilgesellschaft aus. Zugleich finanziert er Regime Changes und mischt sich in die inneren Angelegenheiten fremder Länder ein. Seinen Reichtum hat der Starinvestor und wohl meistgehasste Milliardär der Welt mit Spekulationen gemacht.

    Wenn der Name George Soros fällt, dann kommt man nicht um sie rum: die zahlreichen Verschwörungstheorien. Der US-Milliardär mit ungarischen Wurzeln ist mal Teil des „Tiefen Staates“, mal will er Europa mit Flüchtlingen fluten und so die Bevölkerung austauschen. Mal gehört er der jüdischen Weltverschwörung an, mal ist er Nazi-Kollaborateur. Der durch Börsenspekulation reich gewordene Holocaust-Überlebende bezeichnet sich selbst als „Philanthrop“ und steckt seit Jahrzehnten einen beträchtlichen Teil seines Reichtums in seine „Open Society Foundation“, die inzwischen in mehr als 120 Ländern der Welt aktiv ist. Womit also hat sich Soros zum meistgehassten Milliardär der Welt gemacht?

    Komplexer Dualismus zwischen skrupellosem Spekulanten und großzügigem Philanthropen

    In ihrem sehr beachtenswerten Artikel „The world according to George Soros“, der 1995 im „New Yorker“ erschien, lieferte Connie Bruck nicht nur eine detaillierte Beschreibung dessen, wie der jüdisch-ungarische Einwanderer, der eigentlich Philosophie studiert hatte, zum gewieften Börsenspekulanten, Multimilliardär, Mäzen und politischen Akteur wurde, sondern lieferte auf Grundlage zahlreicher Interviews mit Soros selbst sowie vielen seiner Wegbegleiter auch ein Portrait der Persönlichkeit George Soros.

    Das Bild, das sie von Soros zeichnet, zeigt eine hochkomplexe Persönlichkeit. Er habe seit der Jugend Allmachtsfantasien gehabt und gewusst, dass er für Höheres bestimmt sei, wird der Milliardär zitiert. Als er schließlich durch Börsenspekulation, Steuerflucht und zahlreiche Neuinvestitionen genug Kapital angehäuft habe, habe er sich erlaubt, diesen Fantasien nachzugeben. Von Wegbegleitern wird Soros als blitzgescheiter Stratege beschrieben, der Zusammenhänge in der Finanzwelt sofort erfasst und einen vortrefflichen Riecher für lohnende Investitionen hat. Zu Menschen habe der selbsternannte Philanthrop hingegen keinen echten Zugang. Er könne sie schwer einschätzen und pflege auch keine echten Freundschaften. Vielmehr seien seine Beziehungen Transaktions-Verhältnisse. „Ich bin gar nicht so ein großer Philanthrop, wie es die Geldsummen vermuten ließen. Es ist nur so, dass mir nichts an dem Geld liegt, das ich weggebe“, so ein Geständnis von Soros, der seine ersten Milliarden damit verdiente, dass er 1992 auf den Fall des britischen Pfunds setzte. Heute wird sein Privatvermögen auf 8,6 Milliarden US-Dollar geschätzt, den weitaus größeren Teil seines Reichtums hat er seiner Stiftung überschrieben.

    Staatsfeind in der Heimat

    Auf der Suche nach Ländern, wo er mit seinem Geld Gutes bewirken könnte, fiel der Blick des in den USA reich gewordenen Soros zuerst auf sein Heimatland Ungarn, wo er in den 1980ern zunächst den wissenschaftlichen Austausch mit dem Westen förderte und unabhängige Initiativen finanziell unterstützte. Nach dem Fall der Berliner Mauer gründete Soros in Budapest die Central European University. Auch seine Stiftung fand einen neuen Standort in seiner Heimatstadt. Zu den Profiteuren seiner Förderung gehörte auch der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban, doch von Dankbarkeit gegenüber dem großzügigen Förderer ist heute nichts mehr zu spüren, im Gegenteil. Als Soros im Zuge der Flüchtlingskrise vorschlug, die EU solle jährlich eine Million Flüchtlinge aufnehmen und legale Migration schaffen, stieß das im migrationskritischen Ungarn auf großen Widerstand. 2017 gab die ungarische Regierung Millionen für Plakate und Fernsehwerbung mit Soros' Konterfei aus, die vor dem bösen „Soros-Plan“ warnten, der nichts Geringeres als die Zerstörung der christlichen Identität zum Ziel hätte. Und im Juni 2020 betonte Orban gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender "Kossuth-Rádió", er sei keiner, der überall Verschwörungen wittere - aber es gäbe sie. So wie eben die von Soros gegen Ungarn. Als eine Konsequenz musste Soros' „Open Society“-Stiftung 2018 ihr Büro in Budapest aufgeben und nach Berlin umziehen. 

    Soros und die Ukraine

    Einer der Vorwürfe, die dem einflussreichen Milliardär oft gemacht werden, ist, dass er sich in die inneren Angelegenheiten fremder Länder einmischt und Regime Changes unterstützt. So leistete seine Stiftung aktive Schützenhilfe für die „Demokratiebewegungen“, die zu den Farbrevolutionen in Serbien, Georgien, Kirgistan und der Ukraine führten.

    Seine Aktivitäten in der Ukraine reichen bis in das Jahr 1990 zurück, als Soros dort seine Stiftung installierte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war die Ukraine ein unbestelltes Feld und musste zur neuen Identität als nunmehr unabhängiger Staat finden. Ideale Bedingungen also, um Soros‘ Ideen der offenen Gesellschaft voranzutreiben. Dabei begnügte er sich nicht damit, zivilgesellschaftliches Engagement, Bildungs- und Kultureinrichtungen finanziell zu unterstützen, sondern wurde auch schnell politisch aktiv. So hatte er nicht nur eigene Leute wie den stellvertretenden Finanzminister Oleg Gawrilischin in der Regierung platziert, sondern auch den späteren Präsidenten Leonid Kutschma im Wahlkampf unterstützt.  

    „Wenn das keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Landes ist, dann weiß ich es auch nicht“, räumte Soros in Bezug auf die Ukraine selbst ein.

    Wie der MDR Anfang des Jahres berichtete, schlägt dem Unterstützer des Maidan heute jedoch zunehmend Unmut entgegen, und zwar nicht nur seitens der prorussischen Ukrainer. So habe sich inzwischen der abfällige Begriff „Sorosjata“, zu Deutsch „Soros-Zöglinge“, etabliert. Damit würden Politiker bezeichnet, die in der einen oder anderen Weise von Soros' Stiftungen und Förderprogrammen profitierten, darunter Wirtschaftsminister Mylowanow und Bildungsministerin Nowosad. Interessant dabei sei, dass auch innerhalb der Regierungspartei „Diener des Volkes“ sich die Politiker gegenseitig mit diesem Schimpfwort belegen würden.

    Ganz oben mitmischen

    In politischen Kreisen gehört zu werden und ganz oben mitzuentscheiden – das wollte der Starinvestor schon immer, doch war der Start zunächst enttäuschend. Mit Ausdauer, viel Netzwerken und viel Geld hat sich Soros aber nach und nach einen Weg in die politischen Eliten gebahnt. Neben der weltweiten Aktivität seiner „Open Society Foundation“ und der finanziellen Unterstützung ausgewählter politischer Lager in verschiedenen Ländern, hat sich der gewiefte Stratege dabei gleich mehrere andere Einflussmöglichkeiten geschaffen. Ein Baustein in Soros‘ Netzwerk wurde die Zusammenarbeit mit Radio Free Europe ab 1994. Viele Mitarbeiter der Stiftung waren davon nicht begeistert, denn sie fürchteten in ihrer oft so schon schwierigen Arbeit zusätzliche Probleme, wenn zum problematischen Image von Soros hinzukam, dass er nun auch die Kontrolle über ein riesiges Informationsnetzwerk übernahm. Mit seinem Geld unterstützte Soros auch langfristig den „Think Tank Council on Foreign Relations“, mit dem Council zusammen sponserte er beispielsweise eine Nato-Konferenz. Zudem sitzt Soros im Beirat der Münchener Sicherheitskonferenz und trifft sich beim Weltwirtschaftsforum mit den Reichen und Mächtigen der Welt. 

    Corona „schlimmste Krise meines Lebens“

    In einem Interview mit der Zeitung „Augsburger Allgemeine“ hatte sich Soros kürzlich auch zur Corona-Krise geäußert. Angesichts der verschiedenen Epidemien der letzten hundert Jahre, angefangen mit der verheerenden Spanischen Grippe, sei es schon erstaunlich, wie wenig vorbereitet die Regierungen auf der ganzen Welt auf die Corona-Pandemie waren, so der Milliardär. Corona sei die größte Krise seines Lebens und sie bedrohe das Überleben der Zivilisation. Während niemand wisse, wie es weitergehen werde, verbreite sich vor allem die Angst – bei Einzelpersonen, wie auch bei Regierungen. Und wenn man Angst habe, neige man dazu, Entscheidungen zu treffen, die einem selbst schadeten, so der lebenserfahrene Soros. Statt mit vereinten Kräften nach einem Impfstoff zu forschen, würden sich China und die USA als Rivalen aufspielen. Soros kritisiert US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping seit Langem auf das Schärfste. Die Chinesen würden derzeit unter einem Diktator leben, meint Soros, und viele seien wütend auf die Regierung, weil diese Corona so lange verheimlicht habe. „Im Moment ist Xi einerseits sehr stark. Andererseits ist seine Stellung sehr geschwächt. Ich verfolge diesen Kampf in China mit großem Interesse, weil ich immer aufseiten der Menschen stehe, die für eine offene und freie Gesellschaft eintreten. Und ich glaube, davon gibt es auch in China sehr viele“, so Soros gegenüber der „Augsburger Allgemeine“.

    Der US-Regierung unter Trump stellt der Milliardär jedoch kaum ein besseres Zeugnis aus.

    „Donald Trump wäre gerne ein Diktator. Zum Glück kann er das bislang nicht sein, weil die amerikanische Verfassung das Schlimmste verhindert. Aber Trump wird das Schlimmste immer wieder versuchen, weil er buchstäblich um sein politisches Überleben kämpft. Ich habe stets daran geglaubt, dass Trump sich eines Tages selber zerstören wird – und er übertrifft in der Hinsicht meine wildesten Erwartungen.“

    Er mache sich zudem große Sorgen, ob die Europäische Union die Corona-Krise überlebe, denn es fehlten die politische und die ökonomische Einheit, und das mache die EU verwundbar.

    „In Amerika, dem Land der Immerjungen, ist es peinlich, älter zu werden, und der Tod eine Niederlage“, hat George Soros einmal gesagt. Dem Tod hat der noch immer sehr aktive Milliardär trotz Holocaust, Anschlägen auf sein Leben und Corona immer ein Schnippchen geschlagen und feiert am 12. August sein 90. Jubiläum.

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    Tags:
    Einmischung, Farbrevolution, Stiftung Open Society Foundations, George Soros, Sowjetunion, Ungarn, USA