22:08 19 September 2020
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    Israel bemüht sich seit Mitte der 2000er-Jahre um Kontakte mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, so ein damit beauftragter ehemaliger Mossad-Mitarbeiter. Allmählich entwickelte sich daraus eine vollwertige Kooperation. Nun könnten andere Länder dem Beispiel Abu Dhabis folgen und eine Annäherung mit dem jüdischen Staat beginnen.

    Angesichts der Bemühungen Israels und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) um eine Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen soll der erste kommerzielle Flug zwischen Tel Aviv und Abu Dhabi schon Anfang der kommenden Woche stattfinden.

    Eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al soll eine Delegation von hochrangigen israelischen und US-amerikanischen Vertretern in die VAE bringen. Dort ist die Besprechung weiterer Schritte geplant, bevor in Washington in wenigen Monaten ein Friedensabkommen zwischen Israel und den VAE unterzeichnet werden soll.

    Die offiziellen Beziehungen zwischen beiden Ländern wurden am 13. August aufgenommen, als der israelische Premier Benjamin Netanjahu erklärte, die Emirate seien der dritte arabische Staat, der Israel offiziell anerkannt habe.

    David Meidan stand früher an der Spitze der Tevel-Abteilung des Mossad, die für Kontakte mit ähnlichen Organisationen und Staaten zuständig ist, mit denen Israel keine offiziellen Beziehungen hat. Gerade er war derjenige, der die ersten Kontakte Tel Avivs zu Abu Dhabi knüpfte. Jetzt sprach er in einem Sputnik-Interview darüber, wie diese Annäherung geschehen konnte.

    Der Anfang

    Sputnik: Wann hat alles begonnen?

    Meidan: Die Beziehungen begannen Ende 2005 bzw. Anfang 2006. Bis dahin hatten israelische Beamte ab und zu mit ihren Kollegen aus den Emiraten zu tun. Wir sahen sie in dritten Ländern, bei Gipfel- und anderen Treffen, begegneten ihren Botschaftern – aber das war noch nichts Besonderes.

    „Ernsthaft“ begann es erst 2006, als der damalige Premier Ariel Sharon sich an den Mossad-Chef Meir Dagan mit einem Auftrag zu zwei Missionen wandte.

    Die erste Mission bestand in der Beseitigung der iranischen Gefahr (wegen des Verdachts, die Islamische Republik würde Massenvernichtungswaffen entwickeln). Bei der zweiten ging es um das Knüpfen von Kontakten mit „gemäßigten“ sunnitischen Staaten der Region.

    Dagan stellte mich an die Spitze der Tevel-Abteilung, und meinem Team wurde anvertraut, diese Kontakte aufzunehmen und aufrechtzuerhalten.

    Sputnik: Was genau machten Sie?

    Meidan: Wir haben die Karte genommen und uns die Länder der Region angeschaut – und analysiert, welche gemeinsamen Interessen wir mit ihnen haben könnten. Und wir suchten nach Möglichkeiten für Kontakte mit ihnen. Die VAE waren nur eines der Länder, auf die wir uns konzentrierten, aber nicht das einzige.

    Als wir mit den VAE in Verbindung traten, begannen die gegenseitigen Kontakte. Sie verliefen heimlich, und jede Seite passte auf, dass diese Informationen nicht in die Medien geraten.

    Solche Beziehungen beginnen immer mit Kleinigkeiten, und allmählich entsteht auf dieser Basis etwas Bedeutendes. Am Anfang waren das die Kontakte zwischen den Geheimdiensten beider Länder. Manchmal trafen sich Vertreter der Führung zwecks Meinungsaustauschs. Dann wurde beschlossen, einen direkten Kommunikationskanal einzurichten. Aber das endgültige Ziel war, permanente Arbeitskontakte aufzunehmen.

    Sputnik: Hatte die Gegenseite keine Angst, dem „Mainstream“ zu widerstehen? Denn Israel genoss immerhin keine große Unterstützung in der arabischen Welt.

    Meidan: Unter allen Ländern der Golfregion waren die VAE die Mutigsten. Das ist überhaupt eine sehr mutige Nation. Ihre Leader sind begabt und erfahren – und sind quasi die Vorreiter in der ganzen Region. Natürlich verlief alles heimlich, aber sie hatten keine Angst. Sie begriffen schon damals Israels Vorteile und genehmigten Handels- und kommerzielle Abkommen.

    Wer sind eigentlich die Entscheider der VAE?

    Sputnik: Wie haben Sie verstanden, dass Sie ihnen vertrauen können, und dass sie es sich später nicht anders überlegen würden?

    Meidan: Die Anführer dieses Staates sind sehr anständig und zuverlässig. Wenn sie Ihnen die Hand drücken und sagen, dass sie etwas tun werden, dann können Sie sicher sein, dass sie ihr Wort auch halten. Man braucht keinen Vertrag, um sich davon zu überzeugen, dass sie zu ihrem Wort stehen.

    Sie sind sehr intelligent und gut ausgebildet, sie reisen viel. Sie sind gut organisiert und haben klare Ziele. Ich habe einen sehr großen Respekt vor ihnen dafür, wie sie ihr Land verwalten. Und da bin ich nicht der Einzige. Auch einfache Einwohner der Emirate respektieren sie und sind stolz auf sie.

    In diesen Jahren ist ihnen etwas gelungen, was andere nicht tun konnten. Sie haben ein System entwickelt, bei dem alle Einwohner der VAE von den Reichtümern ihres Landes profitieren. Die Bürger dieses Landes zahlen keine Steuern. Das Bildungswesen ist in diesem Land kostenlos. Die Ausbildung der Bürger – Kindergärten bis zur Fortbildung als Doktorand werden vom Staat finanziert – ins Bildungswesen wurden beträchtliche Mittel investiert.

    Auch medizinische Leistungen und Krankenversicherung sind kostenlos. Und frischgebackene Eheleute bekommen vom Staat Grundstücke, auf denen sie Häuser bauen können.

    Erwähnenswert ist auch, dass die VAE sich nicht nur auf ihre Bodenschätze verlassen, sondern auch große Gelder in luxuriöse Immobilien, Banken, Technologien, Industrie, Tourismus und Hochtechnologien investieren.

    Sputnik: Und wozu brauchen sie eigentlich Israel?

    Meidan: Sie haben Israels Potenzial gesehen und begriffen, dass wir ihnen etwas geben können, was für ihre Wirtschaft lukrativ wäre.

    Sputnik: Pflegen Sie weiterhin Kontakte zu den Personen, mit denen Sie früher zu tun hatten?

    Meidan: Ja, ich kenne sie seit vielen Jahren. Während meiner zahlreichen Reisen in die VAE traf ich mich mit den meisten Vertretern des dortigen Establishments, auch mit dem jetzigen Staatsoberhaupt und seinen Brüdern.

    Sputnik: Wird sich der Frieden mit ihnen Ihres Erachtens von den Beziehungen mit Ägypten und Jordanien unterscheiden, die nie warme Gefühle gegenüber dem jüdischen Staat hatten?

    Meidan: Sie schließen Frieden mit Feinden. Die VAE waren nie unser Feind. Mit Ägypten und Jordanien hatten wir mehrere Kriege. Dabei wurden Menschen getötet, verletzt und verhaftet. Das Friedensabkommen mit Ägypten war eine der größten diplomatischen Errungenschaften, denn auch andere arabische Länder folgten später seinem Beispiel.

    Die VAE waren bzw. sind da aber eine andere Geschichte. Wir führten nie Kriege gegen sie. Sie schickten nie ihre Truppen nach Israel, also gibt es zwischen uns generell keine Feindschaft.

    Sputnik: Werden nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen Israel und den VAE auch andere Länder diesem Beispiel folgen?

    Meidan: Ich denke, Bahrain ist definitiv reif dafür. Aber es ist schwer zu sagen, wie lange es noch dauern kann, bis das passiert. Das ist allerdings auch kein „Zeitfahren“. Ich glaube, dass dies irgendwann passiert. Und Bahrain könnte noch irgendein Land folgen, und zwar nicht nur aus der Golfregion. Dann könnten Oman, Saudi-Arabien und Kuwait an der Reihe sein, denn sie sind auch prowestlich. Allerdings brauchen sie noch Zeit, um auf die Veränderungen zu reagieren.

     

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    Tags:
    Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Israel, Friedensplan