06:16 29 September 2020
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    Fall Nawalny: Streit um Vergiftung des Kreml-Kritikers (103)
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    Der größte Haken im Fall Nawalny dürften bisher die Beweise für die Vergiftung des Kreml-Kritikers mit dem Nowitschok-Nervengift sein. Während Berlin auf Aufklärung des Falls durch Moskau pocht, fordern die russischen Beamten Berlin auf, diese Beweise vorzulegen. Sputnik fragte beim Bundesverteidigungsministerium sowie bei der Charité nach.

    Dabei wollte Sputnik wissen, wie es eigentlich um den medizinischen Befund des Speziallabors der Bundeswehr weiter bestellt ist, der die Bundesregierung berechtigt, von einer „zweifelsfreien“ Vergiftung von Nawalny zu sprechen. Ob die an Russland gestellten Forderungen Berlins dokumentarisch belegt wurden?

    Toxikologisches Gutachten nur über OPCW zur Verfügung?

    Laut einem Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums handelt es sich bei Nawalny um das Opfer eines Angriffs mit einem Nervenkampfstoff, was einen Verstoß gegen die Chemiewaffenkonvention darstellt. „Seitens der Bundesregierung wurde daher die Organisation über das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag in Kenntnis gesetzt“, so der Sprecher am Dienstagnachmittag gegenüber Sputnik. Diese internationale Organisation, in welcher auch Russland Mitglied sei, habe auf Grundlage des Chemiewaffenüberinkommens das Mandat, das Verbot des Einsatzes, der Produktion, der Lagerung sowie der Forschung an chemischen Waffen zu überwachen und durchzusetzen, heißt es weiter. Auf die Frage, ob die Bundesregierung überhaupt plant, das heikle toxikologische Gutachten mit Moskau zu teilen, antwortete der Sprecher nicht und verwies Sputnik an das Auswärtige Amt. Von der OPCW ist bisher lediglich bekanntgegeben worden, dass die Organisation die Situation weiterhin überwache und bereit sei, „mit allen Vertragsstaaten, die ihre Unterstützung anfordern, zusammenzuarbeiten und sie zu unterstützen“.

    Darum soll das Bundeswehr-Labor die Analytik übernommen haben

    Stattdessen erklärte der Sprecher, warum die Proben von Nawalny vom Speziallabor der Bundeswehr und nicht von der Berliner Charite analysiert wurden. Das Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr (InstPharmToxBw) verfüge über langjährige Erfahrung im medizinischen Schutz vor chemischen Kampfstoffen, so der Sprecher, und stelle nach internationalen Standards entwickelte forensisch-toxikologische Verfahren bereit. „Vor diesem Hintergrund war es naheliegend, die Spezialisten des InstPharmToxBw in dem vorliegenden Fall mit der Untersuchung zu befassen. Diese Hilfe wurde auf Nachfrage der Charité-Universitätsmedizin Berlin angeboten.“ 

    „Vertrauliche“ Informationen

    Früher am Tag wurde der deutsche Botschafter in Moskau, Géza Andreas von Geyr, ins russische Außenministerium einbestellt. Die offizielle Sprecherin des Ministeriums, Maria Sacharowa, rief die deutschen Offiziellen parallel auf, alle bestehenden Informationen: sowohl die Ergebnisse von Labor-Untersuchungen der Bundeswehr als auch jegliche Beweise, über die Deutschlands Auswärtiges Amt verfüge, an Russland zu übergeben. Sie verwies dabei auf ein Statement des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr (InstPharmToxBw) gegenüber dem russischen Sender RT.  Dieses will es als „zweifelsfrei“ erwiesen haben, dass Nawalny mit einem militärischen Giftstoff vergiftet worden sei. Das Institut weigerte sich jedoch, Details preiszugeben, und verwies dabei auf „Vertraulichkeit“. 

    „Wie kann von einer Vertraulichkeit die Rede sein, wenn es laut Medienberichten immer mehr Informationsaustausch zwischen der Charité, dem Bundeswehr-Labor, dem britischen Labor Porton Down sowie bulgarischen Institutionen gibt“, parierte Sacharowa. Zuvor hatte die russische Seite mehrmals darauf verwiesen, dass die russische Generalstaatsanwaltschaft schon am 27. August ein Rechtshilfegesuch an Deutschland gestellt und noch keine Antwort bekommen habe. Bundesaußenminister Heiko Maas konterte seinerseits am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“, man habe dem russischen Botschafter bereits gesagt, dass man einem Rechtshilfeersuchen Russlands zustimmen werde. „Es gibt auch überhaupt keinen Grund, dem nicht zuzustimmen.“ Derzeit fänden noch Untersuchungen in der Berliner Charité statt, wo Nawalny behandelt wird, so Maas.

    Charité will keine weiteren Fragen beantworten

    Der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, forderte seinerseits die deutschen Partner auf, „jedwede Politisierung dieses Vorfalls zu vermeiden und sich ausschließlich auf glaubwürdige Fakten zu stützen, die hoffentlich schnellstmöglich geliefert werden“. In der Diskussion wurde dabei öfter auf das Kooperationsangebot der russischen Ärzte vom 22. August verwiesen, das an die Charité gesandt wurde. Auch dieses bleibt bisher offenbar ohne Antwort. Nach einem ständigen Nachfragen meldete sich die Pressestelle der Charité schließlich zu der Frage von Sputnik, warum das Klinikum dem ursprünglichen Kooperationsangebot der russischen Ärzte nicht nachgegangen war. „Wir werden die Öffentlichkeit informieren, wenn es neue Erkenntnisse gibt und bitten um Verständnis, dass wir Vermutungen und Spekulationen nicht kommentieren“, so die Sprecherin Manuela Zingl. Über die schon bestehenden Pressestatements der Charité zum Fall Nawalny hinaus würde man keine weiteren Fragen beantworten. 

    Sputnik hat weitere Anfragen an das Auswärtige Amt bzw. an die OPCW gerichtet.

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    Vergiftung, Charité Berlin, Nowitschok, Alexej Nawalny