14:01 19 September 2020
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    Der Vorsprung von US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden vor Amtsinhaber Donald Trump im gegenwärtigen Wahlkampf ist in den vergangenen Wochen merklich geschrumpft, stellt Dr. Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies in einem Interview mit Sputnik fest. Er sieht dafür gleich mehrere Gründe.

    Am 3. November wird in den USA der nächste Präsident gewählt. Noch liegt der demokratische Kandidat Joe Biden vorn, doch sein Vorsprung vor Amtsinhaber Donald Trump ist in den vergangenen Wochen merklich geschrumpft. Die Gründe dafür sind vielfältig und voller Widersprüche.

    Corona: die Achillesferse von Trump

    Da ist zum einen die Corona-Pandemie, die die USA unvorbereitet und hart getroffen hat. Sie sei die Achillesferse von Präsident Donald Trump, sagt USA-Experte Dr. Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies. Die Trump-Administration habe zu spät und zu unentschlossen reagiert, das habe die USA in absoluten wie in relativen Zahlen an Infizierten und Toten weltweit in die Spitzenpositionen befördert. Wenn es nach Joe Biden ginge, würde im Wahlkampf nur noch über das Thema Corona gesprochen werden, denn das lasse Trump schlecht aussehen.

    „Darüber hinaus hat die Tötung von George Floyd, die dokumentiert wurde und von niemandem gerechtfertigt wird, sicherlich zum Überlaufen gebracht, was schon lange schwellt. Die Entrüstung über die Art, wie dieser Mann völlig unnötig zu Tode gekommen ist wegen einer Lappalie, wurde durch das Virus insofern verstärkt, dass die Todeszahl bei den farbigen Menschen im Vergleich zur weißen Bevölkerung überproportional hoch ist.“

    Die Tötung von George Floyd und ihre Folgen

    Die Tötung von George Floyd, nachfolgende Fälle von Polizeigewalt gegen die schwarze Bevölkerung, die Proteste von Black Lives Matter, die Ausschreitungen und Plünderungen sind nach Ansicht des Experten ebenfalls zentrale Themen im Wahlkampf. Das Land sei in der Frage gespalten, wie mit diesen Ereignissen umzugehen sei, und Trump nutze diese Spaltung, um Wähler zu mobilisieren.

    „Das ist beim Gewinnen von Wahlkämpfen möglicherweise wichtiger und effizienter, als dass man versucht, Leute aus der Mitte oder diejenigen, die auf der anderen Seite stehen, herüberzuziehen. In einem Land, wo die Wahlbeteiligung maximal bei sechzig oder zweiundsechzig Prozent liegt, kann man Wahlen eben gewinnen, indem man Leute mobilisiert, die nicht zur Wahl gegangen sind“, so Thunert.

    Spekuliert Trump auf das Chaos ohne ihn?

    Inhaltlich positioniere sich Trump zu den Unruhen, indem er sage, die demokratisch regierten Städte seien nicht in der Lage, die Ausschreitungen unter Kontrolle zu bekommen, daher müsse er eben eingreifen und Bundesbeamte hinschicken. „Trumps Kalkül ist, dass die Leute sagen, wenn er aus Washington nicht eingreift, das Chaos weitergehen wird. Ob das Kalkül aufgeht, da habe ich meine Fragezeichen.“ Biden wiederum betone, die Proteste und Plünderungen würden in Donald Trumps Amerika passieren und nicht in einem zukünftig möglichen Joe-Biden-Amerika. Angesichts der Tatsache, dass Trump inmitten der Unruhen den Rückstand im Vergleich zu Biden verkürzen konnte, scheint die Strategie des Präsidenten bei einem Teil der Wählerschaft durchaus aufzugehen.

    Ein weiterer Faktor für die Wahlentscheidung sei die wirtschaftliche Situation der Wähler und auch das versuchten die Kandidaten, für sich zu nutzen. Die Wirtschaftsdaten seien aufgrund der Pandemie schlecht, die Arbeitslosigkeit hoch. Auch die Aussichten, dass sich das Ganze massiv verbessere, seien schlecht. Aber bisher sei es Trumps Trumpf gewesen, dass die Leute ihm in der Wirtschaftspolitik mehr Kompetenz und mehr Erfolg zugebilligt hätten, als den Demokraten. Thunert verweist auf die wiederholte Äußerung von den US-Präsidenten:

    „Glaubt ihr, dass es euch wirtschaftlich bessergehen wird, wenn ab Januar Biden im Weißen Haus sitzt und die Demokraten beide Kongresshäuser erobert haben? Schaut, was bei uns in den drei Jahren vor März 2020 war. Da hatten wir mit meinen Rezepten die Arbeitslosigkeit auf 3,5 Prozent gedrückt, und ich werde, sobald es wieder geht, die Wirtschaft mit meinen Rezepten erneut entfesseln.“

    Trump verweise also auf die Erfolge vor der Pandemie: Steuererleichterungen, Abbau von Regulierungen plus einen gewissen Protektionismus im Handel durch neue Handelsabkommen und auch durch den Konflikt mit China. Biden wiederum hoffe, dass die Wähler den amtierenden Präsidenten dafür abstrafen, dass die Wirtschaft in der Pandemie eingebrochen sei.

    Immer schmutziger geführter Wahlkampf

    Thunert bestätigt, dass der immer schmutziger geführte Wahlkampf mit gegenseitigen Beschimpfungen und kruden Verschwörungstheorien in der amerikanischen Geschichte ein neues Niveau darstelle. Beide Seiten würden einander als existentielle Bedrohung für das Land darstellen.

    „Trump stellt Biden tatsächlich als Marionette politisch linksstehender Kräfte hin, die er als Antifa bezeichnet. Eine Marionette von jungen Progressiven wie Frau Cortez oder auch von Bernie Sanders. Oder auch von Elizabeth Warren, die in der Tat am Programm von Biden mitschreibt. Trump sagt, das sei eine existentielle Gefahr, obwohl Biden selbst sagt, er wolle die Haushalte der Polizei nicht völlig zusammenschrumpfen. Diese Forderung kommt natürlich aus dem Umfeld der Demokraten, von den Demonstranten. Das nutzt Trump aus. Und Biden sagt, Trump sei eine existentielle Bedrohung für die Demokratie.“

    Da unter Corona-Bedingungen ein normaler Wahlkampf nicht möglich sei, werde es für beide Kandidaten nun stark darauf ankommen, wer bei den Debatten die bessere Figur macht, so Thunert. Darüber hinaus würden Donald Trump und Joe Biden Orte mit symbolischer Bedeutung besuchen, die in den sogenannten Swing States liegen. In diesen US-Bundesstaaten haben beide großen Parteien eine gute Chance auf den Wahlsieg. In einigen Bundesstaaten werde bald die Briefwahl beginnen und er erwarte, dass das Rennen noch einmal enger werde. Zu befürchten sei, dass in den Tagen und vielleicht sogar Wochen nach der Wahl kein klarer Sieger feststehen werde beziehungsweise die unterlegene Seite das Ergebnis nicht anerkenne.

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