08:32 27 Oktober 2020
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    Fall Nawalny: Streit um Vergiftung des Kreml-Kritikers (124)
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    Von vielen Seiten wird Russland derzeit zu einem „Geständnis“ gedrängt – dabei bleiben viele offene Fragen im Fall Nawalny unbeantwortet. Dies ruft einem ähnliche Fälle ins Gedächtnis, wie etwa den Fall Timoschenko oder den Fall Juschtschenko. Und manchmal ergibt sich auch die Frage, ob angesehenen Organisationen aufs Wort zu glauben ist.

    Im Fall Nawalny steht Russland eigentlich gar nicht schlecht da: Alle in Omsk entnommenen Proben des Bloggers – darunter Blut-, Urin- und Haarproben – sind vorhanden. Deren Echtheit ist mittels eines DNA-Tests leicht zu überprüfen. Außerdem zeigen sich die russischen Ärzte für eine Zusammenarbeit mit ihren deutschen Kollegen offen.

    Nach Auffassung von Dmitri Kisseljow, Generaldirektor des Medienhauses „Rossiya Segodnya“, sollte sich Nawalny bei seiner Rückkehr nach Russland zumindest Blut entnehmen lassen – und zwar in Anwesenheit eines internationalen Ärzteteams, welches die Korrektheit des Verfahrens bestätigen kann. Das würde laut Kisseljow zur Folge haben, dass man entweder die Anschuldigungen fallen lässt, oder dann tatsächlich ein Strafverfahren eingeleitet wird.

    Denn andernfalls laufe Nawalny die Gefahr, mit dem berühmt-berüchtigten Blogger Babtschenko verglichen zu werden. Babtschenko hatte bekanntlich an der Inszenierung seiner eigenen Ermordung teilgenommen. Er legte sich in eine Schweineblut-Lache – als hätte man ihm in den Rücken geschossen.

    Als dann ein paar Tage später der „wiederauferstandene“ Babtschenko lachend und völlig unversehrt auf einer Pressekonferenz erschien, fühlten sich viele – vor allem im Ausland – veräppelt. Auch bei Nawalny könnte das ähnlich enden, wenn der Blogger Bluttests und eine Kooperation mit den Ermittlern verweigere, so Kisseljow.

    Russland werde wiederum von allen Seiten unter Druck gesetzt, den Vorwürfen blind zu glauben – ohne jeden Beweis. „Außerhalb jedes Anstands“ – so hat der russische Außenminister Sergej Lawrow die Situation bewertet.

    „Was diese Situation anbelangt, so scheint es mir, dass unsere westlichen Partner jede Grenze von Anstand und gesundem Verstand überschritten haben. Im Grunde fordert man von uns, zu ‚gestehen‘. Man fragt uns: ‚Glaubt ihr etwa den Fachkräften der Bundeswehr nicht. Wie kann das sein? Deren Befunde werden von Franzosen und Schweden bestätigt. Was, glaubt ihr ihnen auch nicht?‘“, so Lawrow.

    Charité und der Timoschenko-Fall

    Grund für Misstrauen hat Russland zur Genüge, findet Kisseljow. Und zwar in Bezug auf die Charité. Beispiel: Die „politisch motivierte Lüge“ über die damalige ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko, die wegen Gasverträgen mit Russland unter Präsident Wiktor Janukowitsch ins Gefängnis kam.

    Alexej Nawalny mit seiner Ehefrau in Berlin
    © REUTERS / Courtesy of Instagram @navalny / Social Media
    Um wieder freizukommen, habe Timoschenko eine fast tödliche Krankheit vorgetäuscht. Doch vor der Haft sei sie problemlos zehn Kilometer gelaufen– es habe ganze Fernsehreportagen darüber gegeben. Doch im Gefängnis beschwerte sich die Politikerin plötzlich über „unerträgliche Rückenschmerzen“. Kiewer Ärzte hätten bei ihr aber nur eine Osteochondrose und einen leichten Ischias festgestellt.

    Danach wurden jedoch Charité-Ärzte eingeschaltet, die plötzlich von einer „sehr ernsten Diagnose“ sprachen. Eine unverzügliche Operation am Rückgrat sei notwendig – und zwar unbedingt in Deutschland.  Als Beweis wurde ein Video mit Timoschenko verbreitet – darin unternimmt die Gefangene mit einer Gehhilfe einen Spaziergang durch ihre Zelle – offenbar kostet sie das Gehen viel Mühe.

    Ein Detail verrät laut Kisseljow jedoch die Politikerin – die Kranke, die über „unmenschliche Schmerzen“ im Rückgrat klagt, hat Stöckelschuhe mit extrem hohen Absätzen an.

    Jacht-Spritztour von Harms in Ukraine

    Der Politikwissenschaftler Sergej Saworotny, Berater des ehemaligen ukrainischen Premierministers Nikolaj Asarow, erinnert sich an die Ereignisse jener Zeit.

    Die Charité war nach Darstellung von Saworotny der „Schlüsselakteur“ in der „grandiosen Show“, die mit deutschen Steuergeldern finanziert worden sei. Ziel dieser Show war, Timoschenko aus ukrainischer Haft zu befreien und sie nach Berlin zu bringen.

    „Die Charité ist eine staatliche Klinik, und die Ärzte, die zu uns gekommen sind, sind keine einfachen Ärzte, sondern Koryphäen und Prominente. Lutz Harms ist beispielsweise einer der besten Ärzte“, so der Politologe.

    Weil die Charité-Mitarbeiter so oft nach Kiew fliegen mussten, seien sie irgendwann dann müde geworden, was vollkommen menschlich sei, und wollten sich entspannen, so Saworotny weiter.

    „Und Doktor Lutz Harms hat sich in Kiew hervorragend entspannt. Er ist hat Spritztouren auf einer Jacht unternommen, und zwar nicht allein, sondern in Begleitung einer der schönsten jungen Frauen, dem Fotomodel Maria Furdytschko.“

    Es ist sogar ein Video erhalten geblieben, die ebenjene Jacht zeigt – mit Furdytschko und Doktor Harms an Bord. Die Aufnahme wurde ursprünglich auf der Facebook-Seite des Models veröffentlicht. Maria soll als Harms Dolmetscherin präsentiert worden sein, was ziemlich merkwürdig sein soll, da die junge Dame der Sprache von Goethe und Schiller offenbar nicht mächtig ist.

    Fall Juschtschenko

    Der Fall Nawalny kommt Kisseljow nach eigenen Worten sehr bekannt vor – er erinnere ihn nämlich an die „Pseudovergiftung“ des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko.

    Juschtschenko sei ein Befürworter der Orangen Revolution 2004 gewesen, Janukowitsch wiederum der gewünschte Nachfolger des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma. Nur die Geschichte mit der Vergiftung habe Juschtschenko echte Chancen auf einen Wahlsieg geliefert.

    Daher habe sich Juschtschenko zur Behandlung nach Wien begeben, in die Privatklinik Rudolfinerhaus. Damals hieß es, der Politiker sei mit Dioxin vergiftet worden – möglicherweise auch von Russen.

    Während der Präsident der Klinik, Michael Zimpfer, von einer Vergiftung sprach, habe Chefarzt Lothar Wicke zuerst geschwiegen. „Ich stieg damals ins Flugzeug und flog für ein großes Interview zu dem ehrlichen Dr. Lothar Wicke. In dem Interview sagte er mir ganz ehrlich und offen, dass es keine Vergiftung gegeben hat.“

    Über Wickes Weigerung, die Vergiftung Juschtschenkows zu bestätigen, schrieb auch das österreichische Magazin „Profil“ im Dezember 2004. „Ein von den Ärzten geäußerter Vergiftungsverdacht wurde von der ukrainischen Opposition sogleich als Wahlkampf-Munition gegen das Regierungslager genutzt, worauf der ärztliche Leiter des Rudolfinerhauses, Lothar Wicke, diesen Verdacht wieder zurücknahm: Er lasse sein Haus nicht in den ukrainischen Wahlkampf hineinziehen, es gebe absolut keine Hinweise auf eine Vergiftung“, hieß es in dem Zeitschrift-Bericht.

    Diese Aussage habe im Rudolfinerhaus zu heftigen Auseinandersetzungen geführt: Einerseits zwischen Wicke und Juschtschenkos Umfeld, das Wickes Aussage als politisch extrem kontraproduktiv empfunden habe. „Wicke fühlte sich bedroht und forderte Polizeischutz an.“ Andererseits zwischen Wicke und dem Präsidenten des Hauses, Michael Zimpfer, der im Gegensatz zu Wicke zu den behandelnden Ärzten gehörte und der hinter Juschtschenkos Krankheit einen Anschlag mit biologischen oder chemischen Kampfmitteln vermutete.

    Währenddessen habe die Vergiftungs-Geschichte die Orange Revolution angeheizt, was einen „verfassungswidrigen dritten Wahlgang“ nach sich gezogen habe. Juschtschenko besiegte Janukowitsch mit einem minimalen Vorsprung von 51 Prozent. Die Ukraine habe ihren politischen Kurs gewechselt und einen antirussischen Weg eingeschlagen. Und im Endeffekt sei die Vergiftung Juschtschenkos doch nicht restlos aufgeklärt worden – der Ex-Präsident der Ukraine habe sich geweigert, sein Blut verfahrenstechnisch  korrekt entnehmen zu lassen. Ein solcher Test hätte im Fall einer Vergiftung – wenn diese tatsächlich stattfand – unbedingt Spuren von Dioxin nachgewiesen.

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    Tags:
    Viktor Juschtschenko, Julia Timoschenko, Ukraine, Deutschland, Charité Berlin, Alexej Nawalny