14:41 30 Oktober 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    458214
    Abonnieren

    Der Kampf gegen die Pandemie wird wieder schwieriger: Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland ist binnen eines Tages sprunghaft auf mehr als 4000 gestiegen. Die Regierung und Experten haben alle Bundesbürger aufgerufen, für die kommenden Monate gemeinsam aufzupassen.

    So hat der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Menschen gemahnt, sich nicht für unverletzlich zu halten. Die Zahlen seien besorgniserregend, sagte Spahn am Donnerstag in Berlin.

    Es gelte zu verhindern, dass es mit schnelleren Zuwächsen „zu einem Moment komme, wo wir die Kontrolle verlieren“. 

    Es komme nun auf die Balance aus Zuversicht und Achtsamkeit an. Dies betreffe auch alle Bürger - beim Einhalten von Schutzregeln wie Abstand und Masken sowie Vorsicht bei Feiern.

    „Es liegt an uns allen, ob wir es schaffen“, betonte Spahn. „Wenn 80 Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig.“ Diese Pandemie sei auch „ein Charaktertest für uns als Gesellschaft“, der nur gemeinsam zu bestehen sei. In der kalten Jahreszeit komme es ergänzend aufs Lüften und ein breites Nutzen der Corona-Warn-App an. Es gebe inzwischen mehr Wissen und Instrumente für den Kampf gegen das Virus. Die Zahl der Todesfälle und Intensivpatienten in den Kliniken sei momentan nach wie vor vergleichsweise niedrig.

    „Die viel bessere Variante“ als Beherbergungsverbote

    Spahn erläuterte, derzeit steckten sich vor allem jüngere Menschen an - aber nicht nur. Gerade die Jüngeren hielten sich oft für unverletzlich. „Das sind sie aber nicht.“ Covid-19 sei weiterhin eine ernsthafte Erkrankung.

    Der Gesundheitsminister äußerte Verständnis für Corona-Vorgaben bei Urlaubsreisen innerhalb Deutschlands im Herbst. Wichtig für die Akzeptanz sei aber ein möglichst einheitlicher Rahmen der Länder. Entscheidend sei eine rasche Eindämmung von Ausbrüchen in betroffenen Kommunen. Dies sei „die viel bessere Variante“ als Beherbergungsverbote in der Folge. Die Länder hatten am Mittwoch mehrheitlich beschlossen, dass Reisende aus Gebieten mit sehr hohen Infektionszahlen nur dann beherbergt werden dürfen, wenn sie einen höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test haben. Greifen soll dies für Reisende aus Gebieten mit mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen.

    Zweiter Lockdown möglich?

    Spahn wandte sich dagegen, von einem möglichen „zweiten Lockdown“ zu reden. Dies suggeriere, man wäre wieder in einer Lage von März/April. Es gebe inzwischen aber Erfahrungen, wie mit Schutzvorkehrungen in vielen Bereichen ein normaler Betrieb gelinge. Es gebe keine Ausbrüche beim Einkaufen, bei Friseuren und kaum welche im Nahverkehr. Auch in Schulen seien die Dinge insgesamt gut im Griff. Kritisch seien etwa Feiern und Veranstaltungen. Es sei richtig, wenn Städte wie nun Berlin mit Alkohol-Beschränkungen gegensteuern würden. Nötig seien aber auch Kontrollen und dass Bußgelder verhängt würden.

    „Wir haben es gemeinsam in der Hand“, unterstrich er. Veranstalter wie Eingeladene sollten sich fragen, ob eine große Hochzeitsfeier „mitten in dieser Jahrhundertpandemie“ sein müsse. Gottesdienste könne man mit Abstand machen oder eng beieinander auf kleinem Raum. Spahn zeigte sich skeptisch zu Forderungen nach Ampel-Darstellungen zum Infektionsgeschehen. Dies lege nahe, dass es automatisch eine bestimmte Reaktion gebe, Ausbruchsfälle seien aber komplexer.

    Der Minister bekräftigte, dass ab Mitte Oktober auch Schnelltests eingesetzt werden sollen, vor allem in Pflegeheimen und Kliniken. Durch eine Bundes-Beteiligung an Verträgen seien vorerst bis zu neun Millionen Schnelltests pro Monat für den deutschen Markt gesichert. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte auch lückenlose Kontaktdokumentationen. „Nur so ist nachvollziehbar, welcher Pflegebedürftige oder Patient mit Personal und Besuchern wann und wo zu tun hatte“, sagte Vorstand Eugen Brysch. „Schnelltests sind sinnvoll, wenn sie zuverlässige Ergebnisse liefern.“

    Die Gesundheitsämter meldeten 4058 neu erfasste Infektionen innerhalb der vorangegangenen 24 Stunden, wie das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag mitteilte. Das sind über 1200 mehr als am Mittwoch, als mit 2828 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert seit April gemeldet worden war. Ein höherer als der nun gemeldete Wert war zuletzt in der ersten Aprilwoche erreicht worden.

    Der Anstieg gehe sehr wahrscheinlich nicht auf Nachmeldungen oder dergleichen zurück, sondern spiegele das Infektionsgeschehen wider, sagte Marieke Degen, stellvertretende RKI-Pressesprecherin der Deutschen Presse-Agentur.

    RKI-Präsident meldet sich zu Wort

    Auch der Präsident des bundeseigenen Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, betonte: „Die aktuelle Situation beunruhigt mich sehr.“ Man könne nicht wissen, wie sich die Lage in Deutschland in den nächsten Wochen entwickeln werde. „Es ist möglich, dass wir mehr als 10.000 neue Fälle pro Tag sehen. Es ist möglich, dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet.“

    Er hoffe aber, dass sich ein Niveau halten lasse, mit dem man umgehen könne. Ziel sei es, so wenige Infektionen wie möglich zuzulassen. Dann werde das Gesundheitssystem nicht überlastet, und nur dann verhindere man viele schwere Verläufe.

    sm/dpa/gs

     

     

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Schweres Erdbeben erschüttert die Türkei und Griechenland – Videos
    Das müssen Putin und Merkel wissen – Gysi über Verhältnis zu Russland und Berlin als Hauptvermittler
    Tödliche Messerattacke in Nizza: Das fanden Ermittler am Tatort