12:05 02 Dezember 2020
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    Während der Corona-Krise war laut dem Wiener Historiker und Publizisten Hannes Hofbauer zu sehen, dass die Rede von der Solidarität der Europäischen Union an der Wirklichkeit zerschellt ist. In seinem neuen Buch „Europa. Ein Nachruf“ entlarvt er das Selbstbild der EU als Garant für eine – angeblich – demokratische Wertegemeinschaft.

    Die Corona-Krise habe gezeigt, sagte er im Sputnik-Interview, „dass die nationalen Fliehkräfte, die schon vorher vorhanden waren, sehr stark durchgegriffen haben. Der März 2020, als die Grenzen der EU geschlossen wurden, war ihr Offenbarungseid. Seit damals ist ein totales Chaos. Und der grenzenlose Raum Europas gilt nur mehr für den freien Kapitalverkehr. Freier Verkehr von Arbeitskräften und Menschen ist unterbrochen, auch bis heute in vielerlei Hinsicht. Waren und Dienstleistungen, die auch zu diesem Freiheitspostulat der Europäischen Union gehören, sind stark eingeschränkt.“

    „Das Einzige, was noch funktioniert, ist der freie Kapitalverkehr“, so der Buchautor. „Das ist eigentlich das, was die Menschen am wenigsten brauchen. Insofern ist es passiert, dass die nationalen Fliehkräfte extrem dominieren. Und wir gehen ja sogar noch weiter zu regionalen Fliehkräften. Wenn wir heute es sehen, wie in Deutschland die einzelnen Bundesländer gegeneinander agieren, dann ist es eine Tragödie ungeheuren Ausmaßes.“

    Die Europäische Union habe den Europa-Begriff usurpiert, behauptet Hofbauer. „Heute spricht man von Europa und meint die Europäische Union. Und dieses EU-Europa ist sehr schwer angeschlagen, hat seit mindestens zehn bis 15 Jahren innere Zerfallserscheinungen.“ Er erinnert an die großen Referenden 2005 in den Niederlanden und in Frankreich, die die Verfassung abgelehnt hatten, und auch an Brexit 2016, unter dem die Europäische Union noch heute leidet.

    Hannes Hofbauer analysiert anhand der Geschichte des Kontinents bis ins Hochmittelalter die Europa-Idee als ideologische Begleiterscheinung ökonomischer Protagonisten, die für ihre Geschäfte einen supranationalen Raum und einen entsprechenden militärischen Flankenschutz brauchen. Das Konstrukt der Europäischen Union werde als alternativlos dargestellt, so Hofbauer, alternativlos als Großraum im weltweiten wirtschaftlichen Konkurrenzkampf.

    „Im 13., 16. und 17. Jahrhundert waren große Europa-Pläne, wie zum Beispiel das Grand Désigne vom Grafen Sully, oft französisch dominiert“, äußert der Historiker, „auch dort antimuslimisch oder gegen die Habsburger. Im 20. Jahrhundert kamen dann eher deutsch dominierte Europa-Pläne auf die Agenda, beispielsweise Friedrich Naumann mit seiner Mitteleuropa-Philosophie oder dem Paneuropäismus. Ich würde auch der NSDAP, also den Nationalsozialisten, durchaus eine europäische Wahrnehmung zuschreiben, zumindest in ihrer wirtschafts- und kulturpolitischen Dimension, nicht so sehr in der Ideologie.“

    „1945 war dann in unserer Geschichtsschreibung eine Zäsur“, bewertet Hofbauer, sieht aber darin nicht nur eine Zäsur, sondern auch eine gewisse Kontinuität. Was denEuropa-Begriff der Nationalsozialisten betrifft, hat er viele Zitate von Wirtschaftskräften, die in der NSDAP gearbeitet haben und auch von hochrangigen Parteimitgliedern. Der Publizist merkt auch an, „dass jetzt plötzlich die Amerikaner auf den Plan treten und quasi die europäische Frage zu ihrer machen.“ Ein Kapitel im Buch heißt „Nach 1945: Westeuropa wird amerikanisch“.

    Das habe schon im Krieg begonnen, erinnert der Historiker, „indem die Amerikaner Pacht- und Leihverträge für Kriegsmaterial mit England und Frankreich abgeschlossen haben. Da haben sie sozusagen schon in ökonomischer Hinsicht ihre Wurzeln geschlagen. Und die Montanunion, die dann 1950/51 in Szene gesetzt worden ist, eine halb französische gemeinschaftliche Verwaltung von Kohle und Stahl, wo Italia und Beneluxstaaten da noch mitgemacht haben, diese Montanunion ist nur unter amerikanischer Ägide zustande gekommen. Und da hat man den amerikanischen Druck schon sehr stark gespürt. Heute sieht man unter den Ländern, die in die Europäische Union von Osteuropa her aufgenommen wurden, kein einziges dabei, das nicht vorher zum Beispiel in der Nato Mitglied werden musste.“

    Osterweiterung - Katzenjammer im Osten

    In der EU-Osterweiterung sieht der Osteuropaexperte zwei halbe Etappen – 2004 die große und die kleine – (2010 die orthodoxen Nachzügler Bulgarien, Rumänien und dann 2013 Kroatien). „Sie hat gezeigt, dass die große strukturelle Ungleichheit, regionale Disparität, mit der Europäischen Union nicht beseitigt werden konnte. Im Gegenteil hat das eigentlich dazu gedient, dass Überschüsse des Kapitals aus dem Westen, den EU-Kernländern in Osteuropa freie Märkte vorgefunden haben. Das ist ein Katzenjammer! Mit der Zeit spüren die Führung und die Bevölkerung in Osteuropa, dass sie sowohl von ihren Souveränitätsrechten als auch von den wirtschaftlichen Grundlagen vollkommen von Brüssel abhängig sind und eigentlich kaum mehr was Eigenes auf die Beine bringen.“

    Europa ohne EU?

    „Der innere Zerfall und die Tatsache, dass die Spitzen der Europäischen Union von den einzelnen nationalstaatlichen Maßnahmen gegen COVID-19 ausgebremst worden sind, werfen die Frage auf, was in der Zukunft weiter mit diesem Kontinent passiert“, so Hofbauer. „Und wenn man sieht, dass es ein großes geopolitisches Ringen zwischen den USA und China um neue Hegemonie gibt, würde ich meinen, dass Europa in diesem Kampf eigentlich keine Rolle spielen kann, muss und soll.“

    Der österreichische Historiker äußert, dass „man mit der Großraumvision, die in diesem Europa-Gedanken steht, die auch schon bei der NSDAP war; auch Napoleon hat diese Großraumvision gehabt, wie er von Russland zurückgeschlagen worden ist und seine Europa-Idee präsentiert hat; dass man diese Vision eigentlich aufgeben soll und stattdessen sich konzentrieren auf etwas soll, was ich ökonomische Subsidiarität nennen würde, d.h. der Vorrang von kleinräumigen Wirtschaften, kleinräumigem Verständnis von Kultur und Leben gegenüber großräumigem.“

    Das habe nichts damit zu tun, fügt Hofbauer hinzu, dass man das Großräumige insgesamt abschaffen wolle. „Aber im Verhältnis zu den kleinräumigen Wirtschaftskreisläufen, sollte man diese gegenüber den großräumigen Geschichten schützen. Das wäre sozusagen eine Idee, mit der man einen neuen Europa-Gedanken, der auch nicht missionarisch gegen Muslime und missionarisch gegen Orthodoxe auftritt, auf die Beine bringt.

    Spielt Russland dabei eine Rolle?

    Die Wahrnehmung der europäischen Eliten von Russland sei über die Jahrhunderte immer skeptisch bis ablehnend, stellt Hofbauer fest. „Nur in wenigen Bereichen gab es Situationen, wo man aufeinander zugegangen ist. Das zieht sich vom Kreuzzug 1204 gegen die Orthodoxie bis herauf zu den Embargo-Bestimmungen 2014, die von der Europäischen Union in der transatlantischen Allianz mitgetragen worden sind, vor allem Europa und der EU-Wirtschaft geschadet hat, aber nicht den USA, deren Wirtschaftsbeziehungen zu Russland viel geringer sind.“

    Der Osteuropaexperte plädiert dafür,„dass man den europäischen Raum mit dem russischen mehr zusammenbringt. Es gab immer wieder solche Versuche. Es entscheidet sich jedoch, dass es sowohl an der US-amerikanischen Vision einer Hegemonie über die ganze Welt als auch an sehr vielen Spitzenpolitikern in der EU, insbesondere natürlich an den wichtigen Staaten Deutschland und Frankreich liegt.“

    Ist Europa tot?

    „Europa ist sicher nicht tot“, antwortet der Autor des Buches „Europa. Ein Nachruf“. „Europa ist ein Kontinent. Das kann eigentlich nicht sterben. Und in meinem Buch meine ich nicht diese Europäische Union, sondern einen Europa-Begriff, der historisch bis ins 12.–13. Jahrhundert, wo die ersten europäischen identitätsstiftenden Merkmale gefallen sind, zurückverfolgt werden kann. Ich beginne mit den Kreuzzügen, die einerseits von weströmischen Kreuzzügen gegen die muslimischen Kräfte gestartet worden sind, und dann kommt 1204 der große Kreuzzug in das orthodoxe Konstantinopel. Dort hat es sich gezeigt, dass dieser Europa-Gedanke, der eine Art Mischung aus Antike und Westrom war, sich auch gegen Orthodoxe gewandt hat.“

    Diese Kontinuität findet Hofbauer wichtig festzuhalten, dass es in Europa, im Westen eine Europa-Identität gibt, die exklusiv und aggressiv ist. Sie hat zwei Kulturen im Visier, das Eine ist die muslimische Kultur und das Andere die orthodoxe Kultur, modern quasi gegen die Türkei und gegen Russland.“

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    Coronavirus, Hannes Hofbauer, EU