20:14 24 November 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    15496
    Abonnieren

    Schotten dicht heißt es ab Montag für Bars, Clubs, Kneipen, Museen, Theater, Opernhäuser und Kinos. Aus „Lockdown Light“ wird nun doch ein fast kompletter Stillstand des gesellschaftlichen Lebens. Zehntausende Betriebe und Soloselbstständige bangen um ihre Existenz. Denjenigen, die noch Arbeit haben, steht ein freud- und kulturloser November bevor.

    Ausgerechnet am Mittwoch, zeitgleich mit der Lockdown-Sitzung von Kanzlerin Merkel und den Ministerpräsidenten der Bundesländer, zog die zweite Demo des Kultur-Aktionsbündnisses „Alarmstufe Rot“ am Regierungsviertel vorbei. Während draußen Musiker, Schauspieler und Veranstalter um ihre Existenz trommelten, verkündeten Merkel und Co. im Kanzleramt für Kultur und Gastronomie den totalen Lockdown, nicht nur „light“. Die Künstler wurden schlicht ignoriert.

    Alles umsonst?

    Besonders hart trifft es, wie schon beim ersten Lockdown, Restaurants, Hotels und Kulturbetriebe.

    Viele Gastronomen und Veranstalter haben gerade erst in kostspielige Hygienekonzepte, von Luftfiltern bis zu Heizpilzen investiert. Kneipen, Bars, aber auch Fitnessstudios und Museen haben über Monate hinweg unter erheblichem Extra-Aufwand an Personal und Geld immer absurdere Auflagen erfüllt – umsonst.

    Viele Restaurants und Kulturstätten haben auch ohne Lockdown die letzten Monate am Rande des Defizits gewirtschaftet. Kinos und Theater, die nur 20 Prozent der Plätze verkaufen dürfen oder Restaurants, die am Abend nur 200 Euro Umsatz machen auf fünf Angestellte, können sich auf Dauer nicht rechnen.

    Nicht systemrelevant?

    Alles nur Randgruppen? Nicht systemrelevant? In der Gastronomie erwirtschaften immerhin rund 2,4 Millionen Menschen in 220.000 Betrieben knapp 90 Milliarden Euro. Es wird geschätzt, dass ein Drittel der Betriebe den zweiten Lockdown nicht überstehen wird.

    In der Kreativ- und Veranstaltungsbranche sind weit über 1,5 Millionen Menschen tätig, die in normalen Zeiten einen jährlichen Umsatz von mehr als 130 Milliarden Euro generieren. Das rückt die Branche durchaus in die Nähe der Automobil- oder der Bauwirtschaft, die als systemrelevant eingestuft wurden und vom Staat Milliarden-Finanzspritzen kassierten.

    Ralf Schumacher: „Das ist absolut nicht akzeptabel!“

    Die Nerven liegen blank, gerade bei den Gastronomen. Kaum eine Branche ist in den letzten Monaten so stigmatisiert worden. Ralf Schumacher, Ex-Rennfahrer und inzwischen selbst Gastronom, machte sich am Mittwoch auf Instagram Luft und sagte:

    „Die, die sich an alles gehalten, alle registriert haben und wo nachweislich nichts passiert ist, die müssen jetzt wieder leiden und werden wieder geschlossen. Das ist absolut nicht akzeptabel!“
    Посмотреть эту публикацию в Instagram

    Ich habe manchmal das Gefühl das die finanziellen Nöte vieler Berufsgruppen völlig unterschätzt werden von unserer Regierung

    Публикация от Ralf Schumacher (@ralfschumacher_rsc)

    Schumacher geht bestimmt nicht Bankrott in dieser Krise. Aber seine Worte betreffen Zehntausende Angestellte und Unternehmer für die es tatsächlich ums Eingemachte geht.

    Künstler umschulen oder auf Hartz IV

    Lange zurückhaltend war die Veranstaltungsbranche und Kulturszene. Hier hat man monatelang brav geschwiegen und sich an die Regeln gehalten, obwohl keine Branche so umfassend von Einschränkungen und Schließungen betroffen war und wohl niemand bisher so wenig Unterstützung vom Staat erfahren hat wie die Künstler und Veranstalter. Im Prinzip wurde ihnen von Anfang an gesagt:

    Meldet euch für Hartz IV an und schult am besten um. Clubs und Diskotheken werden das Letzte sein, was wir öffnen.

    Dabei ist das, was Kultur ausmacht, viel mehr. Dazu gehören an der Front Kinos, Theater, Opern, Museen, Galerien und Festivals und im Hintergrund eine Armee von Bühnenbildnern, Technikern, Roadies, Caterern oder Zulieferern.

    Fünf vor Zwölf für die Kunst

    Es dauerte bis September, also knapp ein halbes Jahr nach dem ersten Lockdown, dass mit dem Aktionsbündnis „Alarmstufe Rot“ die Künstler und Veranstalter auf die Straße gingen. Inzwischen melden sich auch immer mehr Promis zu Wort und mahnen, dass es Fünf vor Zwölf sei für die Kultur. So durfte die bekannte Band „Die Ärzte“ sich vor wenigen Tagen sogar in den Tagesthemen äußern.

    Der Trompeter Till Brönner sagte am Dienstag in einen Video:

    „Seit Monaten schaue ich mir nicht nur an, wie eine ganze Branche von Corona lahmgelegt wird, sondern auch, wie verhalten und übervorsichtig Bühnenkünstler sich auch nach acht Monaten dazu äußern, obwohl ihre Existenz gerade fundamental auf dem Spiel steht. Ich halte diese Zurückhaltung aus unseren eigenen Reihen für fatal, da sie ein falsches Bild der dramatischen Lage zeichnet, in der sich unser Berufszweig aktuell befindet."

    Und Campino, der Sänger der „Toten Hosen“ warnte am Mittwoch auf der Abschlusskundgebung von „Alarmstufe Rot“:

    „Eine Lockdownstrategie in Schwarz-Weiß, das ist zu wenig. Es geht hier nicht um Weihnachten. Es geht um ein ganzes Jahr und es geht um Tausende Existenzen.“

    Gastronomie und Kultur keine Pandemietreiber

    Obwohl es keinerlei wissenschaftliche Studien gibt, die eine erhöhte Ansteckungsgefahr auf Kulturveranstaltungen, in Gaststätten oder Hotels belegen, wurde über diese Branchen wieder der komplette Shutdown verhängt. Selbst das Robert-Koch-Institut (RKI), der Taktgeber für die politischen Corona-Entscheidungen, belegt, dass diese Branchen wahrscheinlich keine Pandemietreiber sind. So konnte bisher auf kein Kino überhaupt auch nur ein Ansteckungsfall zurückgeführt werden. Und nur fünf Prozent der Infektionen entfiel bisher auf die Gastronomie.

    Im immer dienstags vom RKI veröffentlichten Situationsbericht sieht man, dass die meisten Ansteckungen auf den privaten Raum zurückzuführen sind.

    Darstellung der gemeldeten COVID-19 Fälle nach Infektionsumfeld (Setting) und Kalenderwoche (Zeitpunkt der Meldung des jeweiligen Falles), die vom jeweiligen Gesundheitsamt einem Ausbruch zugeordnet wurden. Abgebildet werden alle Fälle aus Ausbrüchen mit 2 oder mehr Fällen. Die möglichen Ausbruchsituationen (Setting) sind als Kategorien in der Abfrage vorgegeben (Datenstand 27.10.2020, 0:00 Uhr).
    © Foto : RKI
    Darstellung der gemeldeten COVID-19 Fälle nach Infektionsumfeld (Setting) und Kalenderwoche (Zeitpunkt der Meldung des jeweiligen Falles), die vom jeweiligen Gesundheitsamt einem Ausbruch zugeordnet wurden. Abgebildet werden alle Fälle aus Ausbrüchen mit 2 oder mehr Fällen. Die möglichen Ausbruchsituationen (Setting) sind als Kategorien in der Abfrage vorgegeben (Datenstand 27.10.2020, 0:00 Uhr).

    Wo kommt es her, wo geht es hin?

    Die Kanzlerin verweist darauf, dass im Moment 75 Prozent der Infektionen von den Gesundheitsämtern nicht mehr zurückzuverfolgen sind. Dies ist das Argument der Kanzlerin für den präventiven Pauschal-Lockdown. Erwiesen ist allerdings nicht, dass die nicht nachverfolgten Infektionen ausgerechnet aus den Bereichen Gastro, Hotel oder Kultur kommen. Auch ist nicht vermittelbar, warum ausgerechnet religiöse Veranstaltungen, bei denen es nachweislich in der Vergangenheit zu Superspreading kam, weiter erlaubt sind. Das Virus ist weder gläubig, noch trägt es eine Armbanduhr, um etwa auf Sperrstunden in Kneipen zu achten.

    Weitere Beruhigungspille von zehn Milliarden Euro

    Das von Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier angekündigte Hilfspaket für November ist dagegen tatsächlich kompakt. Auch wenn dies wahrscheinlich wieder Bürokratie und Chaos bedeutet, sind die reinen Zahlen erst einmal solide. Scholz verspricht Soloselbstständigen und kleinen Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern 75 Prozent und großen Firmen 70 Prozent ihres Umsatzes vom November 2019. In Relation ist das wahrscheinlich mehr, als die betroffenen Unternehmen im Corona-November 2020 ohne Lockdown tatsächlich eingenommen hätten.

    Der Staat lässt sich diese Beruhigungspille immerhin zehn Milliarden Euro kosten.

    ​Schaden nicht wieder gut zu machen

    Ob diese einmalige Finanzspritze Clubs und Diskotheken, von denen viele monatelang geschlossen waren, vor dem Ruin retten kann, bleibt fraglich. Viele Kulturstätten sind schon ohne Corona auf Subventionen angewiesen. Und auch Hotels und Pensionen sind nicht alle in touristischen Hochburgen gelegen. Nicht alle dürften diesen erneuten Ausfall verkraften.

    Die Kulturbranche rennt bereits seit über einem halben Jahr ihren Verlusten hinterher und dürfte diese kaum wieder rein holen. Konzerte und Musikveröffentlichungen wurden erst auf den Herbst und dann auf nächstes Jahr verschoben, Filmpremieren ebenso.

    Angesichts des erneuten Lockdowns kritisiert der bekannte Konzert-Veranstalter Marek Lieberberg am Donnerstag gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, dass Verbote und Beschränkungen Ausdruck einer großen Hilflosigkeit" seien. Der Schaden sei kaum wieder gutzumachen.

    Entsprechend heftig fielen auch die Reaktionen aus der Schauspiel- und Filmbranche aus.

    Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) schreibt in einem offenen Brief von einem „kulturellen Kahlschlag“. Die neue Chefin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel, sprach am Donnerstag gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ von „kompletter Willkür“ der Politik. Der Intendant der Württembergischen Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, kritisierte die „Symbolpolitik“. „Wirtschaftlich sei das Ganze eine Katastrophe“, sagte Christian Bräuer vom Verband „AG Kino“, dem die Arthouse-Kinos angehören. Der Chef des Filmverleihs „Constantin“, Martin Moszkowicz, sagte der DPA in München, „dass wir dabei sind, einen großen, wichtigen Teil unserer Kultur zu beschädigen oder zu verlieren“.

    Erst wenn das letzte Theater geschlossen ist…

    Der totale Lockdown der Bundesregierung wirkt wie eine Verzweiflungstat. Ja, die Lage ist ernst. Die Neuinfektionszahlen steigen rasant. Trotzdem erstickt so ein Pauschal-Shutdown jede Diskussion und Differenzierung. Der Teufel steckt im Detail. Neben den kapitalistischen Widersprüchen bei Förderung und Entschädigung, gibt es auch medizinisch viel Widersprüchliches an diesem Lockdown zu kritisieren.

    In der S-Bahn zur Rush Hour muss man sich weiterhin auf dem Weg zur Arbeit zwischen zwei hustende Nachbarn quetschen, während Kinos und Theater, in denen oft mehr als zwei Metern Abstand zum Sitznachbarn geboten sind, geschlossen werden.

    Kultur scheint auf den ersten Blick nicht systemrelevant. Dass sie es ist, werden wir spätestens merken, wenn vieles nicht mehr da ist.
    Auch die soziale Komponente von Treffpunkten, Kneipen und eben auch der gemeinsame Genuss von Live-Kultur und der Austausch darüber sollten nicht unterschätzt werden. Mangel an sozialen Kontakten und Zunahme von Einsamkeit könnten nicht mehr nur ein Problem der Alten sein, sondern auch junge Menschen „die Wände hochgehen“ lassen.

    Anti-Corona-Demonstrationen dürften durch die neuen Maßnahmen eher noch Zulauf erfahren. Wenn sie nicht verboten werden.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Überschüssiger US-Militärschrott zu vergeben: Greift Berlin diplomatisch ein oder günstig ab?
    US-Zerstörer verletzt Russlands Grenze – Verteidigungsministerium
    Peter Altmaier und „Rühr-Mich-Nicht-An“ im Bundestag: Was deutsche Politiker belästigt
    Tags:
    Coronavirus, Deutschland, Lockdown, Kultur